Um es kurz vorweg zu nehmen: Unser Einsatz an der vegetarischen Gemüselasagne war leider nicht von Erfolg gekrönt. Die potentiellen Versuchsobjekte, fünf an der Zahl, tummelten sich einheitlich an der ungarischen Paprika mit Hackfleischfüllung. Bei näherem Hingucken hätte unsere Fortbildungsoffensive ein Rundumpaket enthalten müssen, bei dem noch Waschen, Legen, Fönen und Haltungsturnen inkludiert sind.
Gottseidank gibt es noch den Inscheniör, der meine oberflächlichen Umstyling- Gedanken Lügen straft. Corporate Identity – heißt das Zauberwort. Deshalb hat er sich jetzt Freegun – Boxershorts zugelegt. Das sind Schlübber mit reality Fotomotiven. Die Freegun, die der Inscheniör heute trägt, erinnert an eine Fototapete aus bildungsfernen Schichten. Haie tummeln sich zuhauf im blau- türkisen Meer. Auf der Meeresoberfläche liegt eine Frau auf der Luftmatratze, farblich abgesetzt ist der Schlübber in weiß wie das Siemenslogo. Der Inscheniör fühlt sich deshalb in seinem spießigen Siemensbürolook mit Popelinhose und kariertem Hemd frei und selbstbestimmt, dank Freegun. Und ich frage mich: Erkennt man einen echten Kerl an seinem Schlübber?
Um weitere Erkenntnisse diesbezüglich zu gewinnen, fahren wir in den Ruhrpott zu Becki und Marco. Dort ist es schnörkellos, ehrlich, deutlich und klar. Das fängt bei den Verkehrsstaus an und endet bei der Kumpelromantik der stillgelegten Zechen. Außerdem wird der Fußball im Revier groß geschrieben. In unserem ist das Schalke 04, der eine rege Fanfreundschaft mit unserem Glubb unterhält. An diesem Woche ist Derbytime: Schalke gegen Dortmund. Schon Samstag gegen 12 Uhr machen wir uns auf die Schalker Meile. Sie liegt auf dem direkten Weg in die Veltins Arena. Diese liegt in einem weniger prekären Stadtviertel von Gelsenkirchen – in Beverly Buer. Schalke ist jedoch der bekannteste Stadtteil Deutschlands, ein Ort, der Fußballgeschichte geschrieben hat. Am Schalker Markt geht es zum Vorglühen in den Schacht 6, einem Supporter Club, selbstredend trägt die Fassade und die Inneneinrichtung des Hauses blau -weiß. Es steht alles im Zeichen des Derbys.

Als Club Fans werden wir liebevoll von Marcos Freunden aufgenommen. Da ist Micha, Schließer im Gefängnis Gelsenkirchens, ein bulliger Typ ca. 50 Jahre mit Irokesenschnitt. Nach den ersten Pils und diversen Mexikanern und Nordstürmen im Abgang liegen wir uns in den Armen. Da ist noch Frank, Sprengmeister im Bergbau, 60 Jahre und Rentner seitdem er 43 ist. Er ist dem Strukturwandel zum Opfer gefallen wie das ganze gebeutelte Stadtviertel. Die Frauen sind eine Spur zu blond und zu faltig, der Lebenswandel auf Schalke hinterlässt seine Spuren. Ab einem gewissen Pegel sind wir alle blau und weiß.
Doch plötzlich taucht aus dem Nix der Revierashy auf. Die rotblonden Haare liegen in sanften Wellen um seinen Kopf, als wäre er 1939 von Metro-Goldwyn-Mayer in das Jahr 2019 gebeamt worden. Meine Knie werden weich. Trägt mein Revierashy doch einen angesagten Mustermix in blau- weiß. Streifen längs wechseln sich mit Rauten ab. Der Schal in quer gestreift ist gekonnt um seinen Hals geschlungen. Er ist Jugendfußballtrainer, informiert mich Marco. Ich fühle mich wie ein Groupie und der S04 Slogan „wir leben dich“ bekommt plötzlich eine neue Bedeutung als ich um ein gemeinsames Foto bitte. War der Revierashy vielleicht früher ein Bergmann, der auf der Pütt kohleverschmiert für seine Kumpels eingestanden hat? Und welche Schlübber haben die wohl getragen?
Jetzt wird es aber Zeit mit der Straßenbahn von der Schalker Meile direkt in die Veltins- Arena zu fahren und einige Schmähgesänge gegen den BVB einzuüben: wenn schon Revierderby, dann „leben wir dich“ auch.

Wahrscheinlich habe ich mit meinem Clubschal ein mieses Karma verbreitet. Ein torloses Remis verleiht dem Spiel einen müden Beigeschmack und ich werde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Als ich mich in die überfüllte Straßenbahn nach Spielende quetschen will, schreit ein S04 Fan mir ins Ohr: Eh, passt mal auf die Mutti auf!!! Meint der etwa mich?? Watt denn?!, echauffiere ich mich. Er verkennt mich – ganz klar – schließlich weiß er nicht, was ich für Schlübber trage!!! Vielleicht blau und weiß?











