Der Revierashy

Um es kurz vorweg zu nehmen: Unser Einsatz an der vegetarischen Gemüselasagne war leider nicht von Erfolg gekrönt. Die potentiellen Versuchsobjekte, fünf an der Zahl, tummelten sich einheitlich an der ungarischen Paprika mit Hackfleischfüllung. Bei näherem Hingucken hätte unsere Fortbildungsoffensive ein Rundumpaket enthalten müssen, bei dem noch Waschen, Legen, Fönen und Haltungsturnen inkludiert sind.

Gottseidank gibt es noch den Inscheniör, der meine oberflächlichen Umstyling- Gedanken Lügen straft. Corporate Identity – heißt das Zauberwort. Deshalb hat er sich jetzt Freegun – Boxershorts zugelegt. Das sind Schlübber mit reality Fotomotiven. Die Freegun, die der Inscheniör heute trägt, erinnert an eine Fototapete aus bildungsfernen Schichten. Haie tummeln sich zuhauf im blau- türkisen Meer. Auf der Meeresoberfläche liegt eine Frau auf der Luftmatratze, farblich abgesetzt ist der Schlübber in weiß wie das Siemenslogo. Der Inscheniör fühlt sich deshalb in seinem spießigen Siemensbürolook mit Popelinhose und kariertem Hemd frei und selbstbestimmt, dank Freegun. Und ich frage mich: Erkennt man einen echten Kerl an seinem Schlübber?

Um weitere Erkenntnisse diesbezüglich zu gewinnen, fahren wir in den Ruhrpott zu Becki und Marco. Dort ist es schnörkellos, ehrlich, deutlich und klar. Das fängt bei den Verkehrsstaus an und endet bei der Kumpelromantik der stillgelegten Zechen. Außerdem wird der Fußball im Revier groß geschrieben. In unserem ist das Schalke 04, der eine rege Fanfreundschaft mit unserem Glubb unterhält. An diesem Woche ist Derbytime: Schalke gegen Dortmund. Schon Samstag gegen 12 Uhr machen wir uns auf die Schalker Meile. Sie liegt auf dem direkten Weg in die Veltins Arena. Diese liegt in einem weniger prekären Stadtviertel von Gelsenkirchen – in Beverly Buer. Schalke ist jedoch der bekannteste Stadtteil Deutschlands, ein Ort, der Fußballgeschichte geschrieben hat. Am Schalker Markt geht es zum Vorglühen in den Schacht 6, einem Supporter Club, selbstredend trägt die Fassade und die Inneneinrichtung des Hauses blau -weiß. Es steht alles im Zeichen des Derbys.

Als Club Fans werden wir liebevoll von Marcos Freunden aufgenommen. Da ist Micha, Schließer im Gefängnis Gelsenkirchens, ein bulliger Typ ca. 50 Jahre mit Irokesenschnitt. Nach den ersten Pils und diversen Mexikanern und Nordstürmen im Abgang liegen wir uns in den Armen. Da ist noch Frank, Sprengmeister im Bergbau, 60 Jahre und Rentner seitdem er 43 ist. Er ist dem Strukturwandel zum Opfer gefallen wie das ganze gebeutelte Stadtviertel. Die Frauen sind eine Spur zu blond und zu faltig, der Lebenswandel auf Schalke hinterlässt seine Spuren. Ab einem gewissen Pegel sind wir alle blau und weiß.

Doch plötzlich taucht aus dem Nix der Revierashy auf. Die rotblonden Haare liegen in sanften Wellen um seinen Kopf, als wäre er 1939 von Metro-Goldwyn-Mayer in das Jahr 2019 gebeamt worden. Meine Knie werden weich. Trägt mein Revierashy doch einen angesagten Mustermix in blau- weiß. Streifen längs wechseln sich mit Rauten ab. Der Schal in quer gestreift ist gekonnt um seinen Hals geschlungen. Er ist Jugendfußballtrainer, informiert mich Marco. Ich fühle mich wie ein Groupie und der S04 Slogan „wir leben dich“ bekommt plötzlich eine neue Bedeutung als ich um ein gemeinsames Foto bitte. War der Revierashy vielleicht früher ein Bergmann, der auf der Pütt kohleverschmiert für seine Kumpels eingestanden hat? Und welche Schlübber haben die wohl getragen?

Jetzt wird es aber Zeit mit der Straßenbahn von der Schalker Meile direkt in die Veltins- Arena zu fahren und einige Schmähgesänge gegen den BVB einzuüben: wenn schon Revierderby, dann „leben wir dich“ auch.

Wahrscheinlich habe ich mit meinem Clubschal ein mieses Karma verbreitet. Ein torloses Remis verleiht dem Spiel einen müden Beigeschmack und ich werde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Als ich mich in die überfüllte Straßenbahn nach Spielende quetschen will, schreit ein S04 Fan mir ins Ohr: Eh, passt mal auf die Mutti auf!!! Meint der etwa mich?? Watt denn?!, echauffiere ich mich. Er verkennt mich – ganz klar – schließlich weiß er nicht, was ich für Schlübber trage!!! Vielleicht blau und weiß?

Der Schweineashy

Mit 50 ist man voll im ZEN angekommen. Ja, kann ich bestätigen. Man verfügt über eine gewisse Lebensweisheit. Du weißt, so wie du bist, ist es ok, und die anderen sind die Arschgeigen.

Du weißt, dass du Menschen nicht ändern kannst, auch wenn du soviel Kraft wie Siegmund Freud und Mutter Theresa in einer Person hineinsteckst.

Du weißt, dass du mit 50 trotz Sport und gesunder Ernährung nie mehr den Körper einer 21-Jährigen bekommst und das auch völlig nebensächlich ist. Als ich selbst in diesem Alter war und Oma Karin just mein aktuelles Alter hatte, hängte meine Mutter einmal im Sommer selbstbewusst im Bikini Wäsche im Garten auf. Gleichzeitig besorgt und aufgeregt, da ich mit dem Schnuffi das erste homie hatte, nötigte ich meine Mutter, sich sofort was drüber zu ziehen, denn – so mein O- Ton im Jahre 1991- er solle ja nicht sofort sehen, wie ich in 25 Jahre aussehe!!! Heute, fast 30 Jahre später, strahlt meine Mutter als künftiges It- Girl von Coburg mehr denn je und ist gertenschlank. Noch Fragen?

Du weißt, dass du mit 50 nicht mehr den pädagogisch psychologischen Zeigefinger schwingen musst. Fortbildungen, wo man Probleme wälzt oder sich viele Gedanken über unerzogene Kinder macht, die man selbst nicht geboren hat, werden ad acta gelegt. Stattdessen werden meine Kollegin und ich als erfolgreiche Influencerin in unserem Schulamt bekannt werden. Unser neues Fortbildungsangebot „Kleider machen Leute“ mit praktischer Umsetzung im Kaufhaus Breuninger zielt auf das männliche Lehrpersonal ab. Das sind die im Peek und Cloppenburg Style, die Pullunder in unterschiedlichen Farben und Garnen tragen, im Klassenzimmer Birkenstocks anziehen und wenn es ganz schlimm ist ein Handytäschchen am Gürtel tragen (obwohl sie keinen zusätzlichen Hausmeisterposten inne haben).

Unsere ersten Versuchsobjekte werden wir am nächsten Mittwoch bei einer Dienstbesprechung rekrutieren. Unsere Zielgruppe sind die, die sich zum Mittagessen die Gemüselasagne ausgewählt haben. Deshalb frage ich heute in der Pause schon einmal bei meinem ersten potentiellen Versuchskarnickel nach. Du?, dabei tue ich auf betont lässig, da mein Gegenüber ca. ein Drittel jünger, ein Drittel größer und wahrscheinlich ein Drittel schlanker ist als ich. „Isst du auch die heiße Gemüselasagne? Er schaut mich vorwurfsvoll an: Seh ich aus, wie ein Vegetarier? Ok, check, abgehakt!

Und zuallerletzt sitzt man mit 50 auch nicht mehr im Bushäuschen, kann aber anderen Freundinnen, die 20 Jahre jünger sind, gute Tipps geben. Schließlich hat man in den letzten 30 Jahren seine Beziehungsratgeber gründlich studiert und mit der Busenfreundin hochgerechnet fünf geschlagene Jahre am Telefon verbracht (wenn es reicht). Mit kühlem Kopf analysiere und seziere ich deshalb das männliche Beziehungsproblem einer sehr netten, lustigen und hübschen Kollegin. Objektiv betrachtet ist sie der Hauptgewinn, subjektiv gesehen ist sie auf einen Schweineashy reingefallen. Der Schweineashy hat sie am Wickel. Im Fachjargon heißt das Benching und Breadcrumbing. Du wirst auf die lange Bank geschoben und ab und an kriegst du mal eine kurze süße Nachricht wie einen verschmitzten Doppelzwinker oder ein pic, damit du bei der Stange bleibst. Worte werden allerdings nie in die Tat umgesetzt.

Frauen in sozialen Berufen fallen gerne auf den Schweineashy herein. Ist es doch die Berufsgruppe, die mit der Muttermilch aufgesogen hat, dass man nur dann geliebt wird, wenn man von dem anderen gebraucht wird. Wäre ich doch nur noch schlanker,  schöner, schlauer, witziger, perfekter etc., dann wird er mich erhören. Weit gefehlt, das einzige was in dem Fall hilft, ist Ghosting. Diesen Rat gebe ich weiter. Er wird sich nicht ändern, blockiere ihn und vergiss ihn. Verwende die Energie auf die Menschen, die dich lieben, so wie du bist. Lass den Schweineashy doch in Gedanken mit weißen Elefanten auf dem Tisch tanzen oder mit weißen Haien im Meer schwimmen.

Mit 50 weißt du endlich, was du wert bist!

Der Flieger

Mama!, schreit die Hasi und hält mir das Telefon in die Dusche, die Oma Karin kommt fei gleich mit dem Flieger zu uns. Ich bin gerade von Kopf bis Fuß eingeschäumt und kann leider nicht so, wie ich just in dem Moment will. Ich rufe in einer Minute zurück!, und beeile mich sehr. Hastig drücke ich auf Rückruf. Also, der Pfanni holt mich in einer halben Stunde ab, legt meine Mutter ohne Vorwarnung los,  dann fliegen wir zu euch. Der Flug dauert von Coburg nur 20 Minuten. Mir hat es die Sprache verschlagen, das kommt nicht häufig vor. Also, wenn wir ungelegen kommen, ist das kein Problem. Wir beschäftigen uns schon, flötet sie

Pfanni ist Oma Karins Großcousin, in Coburg bekannt wie ein bunter Hund und er besitzt eine kleine Cessna. Er betreibt Stammbaumforschung und hat sie deshalb schon zu Hause besucht. Außerdem war Pfanni ein Jugendschwarm meiner Mutter als sie 14 war. Aber, so erzählte sie mir letzte Woche, damals hat er mich nicht wahrgenommen. Jungs mit 14 sind halt noch nicht soweit. Da können wir froh sein, denn er hätte meiner und Hasis Existenz möglicherweise eine entscheidende Wendung verpasst. Erst letzte Woche hat Oma Karin ihn in der Stadt getroffen und mir das mit dem Flieger erzählt. Na, vielleicht nimmt er dich ja mal mit, so habe ich noch gewitzelt. Meine Mutter gab darauf entrüstet zur Antwort: Ich steig doch nicht bei einem 77jährigen ins Flugzeug ein!! Hätte ich ihr bis dato abgekauft, werde aber gerade eines Besseren belehrt.

Jetzt muss ich aber gucken, dass ich zumache, damit ich nicht zu spät zu dem kleinen Landeplatz, 10 km entfernt, komme. Deshalb schicke ich die Hasi schnell zum Inscheniör in den Garten. Er soll die neusten Entwicklungen nicht verpassen. Es dauert keine Minute bis der Inscheniör im Treppenhaus zu mir nach oben ins Bad bölkt: Was ist das für ein reicher Onkel, von dem wir unter Umständen viel erben können und ich mich jetzt umziehen soll? Ich informiere ihn knapp, da inzwischen eine WhatsApp von Oma Karin eintrudelt: Ich bin schon angeschnallt!

Meine Tochter und ich machen uns eiligst auf den Weg zu dem kleinen Flugplatz. Die Sonne scheint warm vom Himmel, es weht ein laues Lüftchen. Drei ältere Männer sitzen dorten gemütlich auf Stühlen neben dem Graslandestreifen. Wir setzen uns dazu und halten in dem wolkenlosen Himmel nach Kondensstreifen Ausschau. Du Mama, so sinniert die Hasi, können eigentlich Großcousins heiraten? Ich stimme dem zu. Dann könnte ich ja eigentlich später mal die Mia heiraten. Mia ist ihre vier Jahre jüngere Großcousine. Ja, das geht inzwischen auch, füge ich hin zu.

Plötzlich taucht kleines Flugzeug aus dem Nichts auf, dreht einen langen Kreis über uns und setzt zur Landung auf dem Grünstreifen an. Ich drücke die Starttaste „Video“, um diesen historischen Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Es dauert nicht lange bis Pfanni die Haube der Cessna aufgeschoben hat und meine Mutter ihre Beine aus der Maschine hebt. Gottseidank bin ich gelenkig, weil ich jeden Tag meine Füße ins Waschbecken hebe, ist das erste was ich von ihr höre. Dann streicht sie ihr braunes Haar nach hinten und strahlt mich an: Wahnsinn, was für ein Erlebnis. Ich beäuge inzwischen den mir unbekannten Großcousin. Olala! Mit ein bisschen Phantasie könnte Pfanni glatt als Robert Redford durchgehen! Wir umarmen uns und fahren mit dem Auto zu mir nach Hause. Pfanni erweist sich als unterhaltsamer Beifahrer, er kennt wirklich Gott und die Welt. Am Alex warst du? Kennst du da die Frau Kober? Natürlich kann ich mich an diese Sportlehrerin mit einer DDR Leistungssportmanier sehr gut erinnern. Nach der Größe mussten wir uns am Anfang der Sportstunde aufreihen. Ich stand als zweitletzte in der Reihe. Nur Anette Weitzel war noch kleiner als ich.

Als ich zur Hoffahrt reinfahre, steht Oma Luisegunde schon Spalier und beäugt den Großcousin neugierig. Ich bugsiere meine Mutter und ihn nach hinten in den Garten. Dort muss er das Anwesen mit den vielen Blumen, Sträuchern und Gemüsebeeten bewundern. Ich kredenze Kaffee und Kuchen. Nach 20 Minuten müssen Muttern und Robert R. leider wieder los. Der Großcousin verabschiedet sich mit einem: Bis zum nächsten Mal! Ich verfrachte die beiden ins Auto, um sie zum Flugplatz zurückzufahren und denke: Der redet ja in 20 Minuten mehr, als mein Vater in 20 Jahren gesprochen hat.

Gegen 18 Uhr erhalte ich die erlösende WhatsApp: Sind gut gelandet! Es hat ihm gut gefallen bei euch. Für mich war es ein tolles Erlebnis. Ich habe Pfanni noch die ganze Wohnung gezeigt. er fand es toll, wie aufgeräumt es war. Ich muss sagen, es ist ganz interessant einen fliegenden Verwandten zu haben, der aussieht wie Robert Redford.

Überall blühen Rosen

 

Johannes B. Kerner stellt die finalen Fragen in der ZDF Show namens „Da kommst du nie drauf?“ Es sind 5000 Euro im Jackpot. Das Rateteam lauscht erwartungsvoll der Fragen. Es geht um das Leben von Sissi. Ich erahne bereits die Antwort, bevor die drei Fragen gestellt werden.

Visuell untermalt werden folgende drei Möglichkeiten dargelegt:

a) Hat Sissi Cancan getanzt?

b) Ist Sissi heimlich Pferderennen im Wiener Prater geritten?

c) Hat sich Sissi mit 51 Jahren einen Anker in einer Hamburger Hafenkneipe tätowieren lassen?

Und dank Blondies Referat in Deutsch weiß ich, es ist Antwort C. Und ich hätte mithilfe von Blondie 5000 € gewonnen. Und schlussendlich sollte man eine subjektive Sicht auf Dinge nicht unterschätzen. Blondie checkt das Leben, alles richtig gemacht.

Na und jetzt checkt das Leben Blondie und die anderen. Im Juli haben wir uns im Klassenchat ewige Treue geschworen, im September uns noch einen guten Start ins Berufsleben gewünscht und das war es dann. Heute Nacht hab ich von Ihnen geträumt. Im Traum waren meine Augen tränennass und ich wollte jeden einzelnen umarmen. Als Lehrer ist man irgendwo abhängig von der Zuwendung durch die Schüler. Klingt erbärmlich, aber wenn Blondie auf der Abschlussfeier mit Mikro zum ganzen Publikum bölkt: Frau P. ist die weltbeste Lehrerin!, dann fühl ich mich wie 23, schön, leicht und unbekümmert. Ist das nicht prima, dass es so viele verschiedene Arten von Liebe gibt? Die Liebe zu deinem Partner, deiner Familie, deinen Freunden, deinen Schülern und natürlich zu meinem Kater.

Aber Liebe ist vergänglich, es kommt die nächste Schülergeneration und die magst du dann auch irgendwann. Gerade nage ich noch daran,  dass die alten weg sind. Ich hab nix mehr über was ich schreiben kann, Muss sagen, ich bin in einem Kreativitätsloch gelandet und glotze abends mit dem Inscheniör dumpf Netflix Serien. Ich doktore schon seit Tagen an der Geschichte rum. Liegt das jetzt am Alter? Habe ich mir alles von der Seele geschrieben?

Ich versuche positiv zu denken: Ist 50 nicht das neue 30? Um das zu untermauern, habe ich mir für ein Monatsgehalt Kleider und Schuhe gegönnt. Rote Schuhe von Camper passend zu den neuen Kleidern. Die Blase, die ich mir gelaufen habe, musste ich von einem Arzt behandeln lassen. Manchmal muss man Opfer bringen. Und so fühle ich mich fast gut gelaunt, als ich auf meine Grundschulkollegin Frau Pferd treffe. Sie heißt deshalb so, da eine Psychologin ihr bescheinigt hat: Sie sind ein Landtier, das mit den Beinen fest am Boden steht! Somit ist sie prädestiniert für ihren Job.

Hallöle Frau Pferd!, begrüße ich Sie herzlich und klopfe mit meinem grünen Unterrichtsplaner liebevoll ihre Flanken. Wie sind deine neuen Erstklässler?, frage ich. Wie Buchstabensuppe purzelt es aus ihr heraus: Der erste hat schon am zweiten Schultag seinen Ranzen früh im Bus vergessen, bei der nächsten stand der Multivitaminsaft knöchelhoch in der Schultasche. Ich habe gerade noch die Arbeitshefte retten können. Bei der dritten ging der Diabetesalarm an der Bushaltestellestelle los, obwohl ihre Mutter Stein und Bein geschworen hat, dass das nie passieren würde.

Aber weißt du, was das Allerschlimmste war? Mit der Hand am Mund flüstert Frau Pferd in mein Ohr: Heute hat das erste Mal ein Kind zu mir Oma gesagt!!!

Ich beruhige sie mit den weisen Worten von Oma Karin: Du bist solange noch jung und schön, solange du deine Füße zum Waschen ins Waschbecken heben kannst!

Beste Freundin 👩‍❤️‍👩

Gestern hab ich mich mit meiner besten Freundin von frühers getroffen, der Peggi! Sie wohnte im gleichen Viertel wie meine Großeltern und ich kenne sie mein Leben lang. Wir haben zusammen die Pubertät überstanden: Wir lasen erst die Bravo und später Liebesromane. Die hießen Tiffany und fingen dort an, wo die Julia Romane aufhörten. Gegenseitig erzählten wir uns Geschichten mit unterschiedlichen Settings. Bei Peggi war es der australische Rancher, der sie auf dem Schaffell vorm Kaminfeuer verführte, bei mir der intellektuelle Musiker, der in Berlin in einer abgefahrenen WG lebte. Selbstredend sind die Dinge anders gekommen.

Als wir so 20 Jahre alt waren, hat sich unser Leben auseinander entwickelt. Aber selbst wenn wir uns nur alle paar Jahre wieder treffen, sind wir uns sehr vertraut. Ich könnte der Peggi beispielsweise so intime Sachen sagen, wie: Ich hab ein dickes eitriges Furunkel am Popo! Und sie würde selbstverständlich antworten: Zeig her!

Heute Abend habe ich uns eine Flasche Champagner mitgebracht. Schließlich sind wir zusammen 100 Jahre alt. Das edle Tröpfchen perlt die Kehlen hinab und lässt uns redselig werden…

Weißt du noch der X? Wie hieß er gleich nochmal?, Peggi schaut erst tief in ihr Sektglas und dann mir in die Augen. Ich weiß sofort, wen sie meint. Da hab ich die Todesanzeige mal vor ein paar Jahren in der Zeitung gesehen. Peggi reißt ihre Augen weit auf. Naja, das war vor 35 Jahren mit dem, antworte ich und versuche die Erinnerung abzuschütteln, dass mir meine Mutter als Erziehungsmaßnahme damals das Taschengeld gestrichen und die Nutella versteckt hat. Der ist sicherlich gestorben an den Nachwirkungen der Halluzinogen Pilze von damals, resümiere ich.

Jetzt bin ich dran! Sag mal, was macht eigentlich Y, der immer hinter vorgehaltener Hand genuschelt hat: „Drei Silben bestimmen mein Leben: Or-gas-mus“? Peggi schaut mich betröppelt an: Der wohnt immer noch zuhause bei seiner Mutter und trägt die alten Pullunder und Hemden seines vor 10 Jahren verstorbenen Vaters auf. Sie schauen zusammen alte Louis de Funes Videos auf VHS an: Louis und die Außerirdischen Kohlköpfe.

Ach und erinnerst du dich an den Z?, so geht die Reise in die Untiefen unserer Vergangenheit weiter. Z hat sich gut gehalten, merke ich an, den hab ich neulich mal auf Insta gefunden, aus dem ist was geworden, der ist jetzt Pressesprecher bei der SPD irgendwo in Thüringen. Peggi giggelt: Hihi, der hat doch damals schon gerne sein tägliches Geschäft fotografiert. Wir prusten los! Und ich muss sofort an das schwarz-weiß Foto denken, Z bei mir am Balkonstuhl, wie Gott ihn schuf, seine Blöße nur mit der Hand bedeckt.

Der Champagner ist leer und wir beschließen den Abend mit einem Selfie über Insta an Z. Peggi im geblümten- ich im geringelten Oberteil! Nachdenklich schiebe ich das letzte Chips und Gummibärchen in den Mund: uns ist schon Eigenartiges in unserem Leben begegnet. Aber möglicherweise sind wir dadurch toleranter gegenüber unseren Mitmenschen geworden …

Meine Apple Watch, das Geschenk vom Inscheniör, mischt sich in unsere Unterhaltung ein, mahnt mich, dass es Zeit ist aufzustehen, eine Minute ein- und auszuatmen und ein paar Schritte zu gehenmit Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass es spät geworden ist. Zeit nach Hause zu gehen!

In the summer of 69

bekommt seine neue Bedeutung, wenn man sich vorstellt, dass Bryan Adams singt: in the summer fifty years ago… no sex, drugs and rock ’n roll, sondern Hämorrhoiden, Nachtschweiß und gemütliches Wandern in Südtirol.

Es ist noch früh am Morgen und es ist soweit, ich bin ein halbes Jahrhundert alt. Und ich bin geflohen nach Südtirol, unsichtbar geworden. Als erstes weckt mich meine Mutter früh durch das Telefon: Dass du schon 50 wirst!!! Der Inscheniör ist jetzt auch wach und schiebt mir KEINEN dicken Klunker an den Finger! Stattdessen legt er mir die neue Apple Watch um das Handgelenk, welche sogar mehr technische Finessen bietet als seine. Alles richtig gemacht! Und mit dieser Uhr werde ich nochmals ein halbes Jahrhundert alt werden, weil sie mir stündlich mitteilt, dass ich eine Minute tief einatmen, wieder ein paar Schritte gehen muss und und und

Zudem kann ich die gutgemeinten Ratschläge meiner neunjährigen Tochter befolgen: Entspann dich Mama! Dabei bürstet sie ihr inzwischen langes Haar bis dieses seidig wie ein Vorhang um ihre Schultern fällt und singt in Denglish die neusten Hits ihrer Bayern 3 Spotify Playlist mit.

Auch Lore sieht in der 50 nur Vorteile: Du bist endlich du selbst, nicht mehr abhängig von Meinungen und Befindlichkeiten von anderen. Du kannst drauf scheißen, was die anderen über dich denken! Sie brauchen dich, nicht umgekehrt! Dann seufzen wir gemeinsam auf, schauen tief in unser Glas Wein und käuen doch die uralt Geschichten der letzten 20 Jahre wieder.

Das Positive am Altwerden ist außerdem, dass deine Mitmenschen das auch werden. Am 60. Geburtstag vom Papa meines Patenkindes kam ich mir fast jung vor zwischen den ganzen Sonderpädagogen kurz vor der Rente. Oder zumindest auf Augenhöhe meines Ex, dem Schnuffi, der mir erzählt, dass er erst neulich Klassentreffen von seinem Abschlussjahrgang 1984 hatte. Da kann ich auch ganz locker zu meiner Nachfolgerin sagen: Warst du da überhaupt schon auf der Welt?

Letztendlich ist es wohl am besten die 50 so anzunehmen was sie ist, nämlich eine Zahl und keine Deadline! Ich kann auf viele Erinnerungen zurückblicken, an Menschen denken, die ich sehr lieb gehabt habe und die mich ein Stück in meinem Leben begleitet haben. Und natürlich genieße ich das Leben in der zweiten Hälfte mit meiner Familie und meinen Freunden. Und ich bleibe einfach so wie ich bin:

Backsend 📬

Noch 29 Tage und ich bin unsichtbar oder aber wie Eckart von Hirschhausen gestern in seinem Fernsehbeitrag resümiert, dann bin ich ein Golden Ager! Gut situiert, die Kinder sind bereits aus dem Haus (na, fast), man entdeckt entweder seine Partnerschaft neu oder geht auseinander. Bedingt optimistisch schließt sich ein Beitrag über eine psychiatrische Station von lauter 50 Pluslern an: Depression, Angst, Psychose und Burn Out. Und weil mir das heute Abend noch lange nicht reicht, gebe ich mir noch die Tipps von Dr. Riedle live und in Farbe: Ernährung bei Diabetes, Darmdivertikeln und Fußpilz! Deshalb föne ich meine Fußzehen heute nach dem Duschen trocken.

Geht es euch ebenso? Als ich gestern in meine alte Heimat fuhr, selbstredend lief Bayern 1 im Radio, sang ich lauthals bei Falco „Der Kommissar“ mit. Ich fühlte mich jung und gut gelaunt. Der Song erinnert mich, als wir das erste Mal mit der Schule ins Skilager fuhren. Das war 1982 und fast 40 Jahre her. Wo ist die Zeit nur hingerannt? Es bleiben die Lieder, die Erinnerungen und die Bilder, alles in Farbe.

Jetzt aber genug lamentiert! Immerhin habe ich den schönsten Beruf der Welt, bin  immer im Hier und Jetzt und deshalb für immer jung. Frau D. und ich begleiten unsere flügge gewordenen Küken in die letzte Runde. Ey Frau P., Jimmy hat sich gerade auf seinem Platz niedergelassen und kratzt sich gemächlich am Bauch, nachdem er den Studentenfutter Mix auf dem Tisch verteilt hat. Können‘ se mir eben nochmal ne Zusammenfassung von der direkten – und indirekten Rede geben. Ich zucke zusammen, es ist fünf Minuten vor Prüfungsbeginn der Abschlussprüfung in Englisch. Und überhaupt: Ich hab mir gestern mal das Prüfungsbuch durchgeblättert. Da kam was vor mit Argumenten. Haben wir das eigentlich in ihrem Unterricht gemacht? Jetzt muss Frau P. eben ganz geschmeidig bleiben, nicht dass ihr das auf ihre Darmdivertikel geht. Meine Laune hebt sich leider auch nicht bei der Korrektur. In der Textproduction ist eine Geschäftsmail verlangt, in der man Schaffelle reklamieren muss. Finde ich sehr schülernah, mal ganz ehrlich: Wie viele Schaffelle habt ihr schon in eurem Leben online bestellt? Ich vermute, dass diese Aufgabenstellung ökologische, yoga- und achtssamkeitsfanatische Lehrkräfte der Golden Age Generation verbrochen haben. Aber meine unbeugsamen Schüler meistern diese Herausforderung auf ihre Art. Thank you for the sheepfarm and the prospect that I get. But unspoiled I bought a other content. Eigentlich heißt Schaffell „Fleece“, aber ob sheepfarm, sheepskin oder sheepfur, wir wissen doch alle was hier gemeint ist. Und zum Schluss gehen diese ollen Felle mal ganz schnell backsend, dort wo sie hingehören.

Den schriftlichen Herausforderungen schließen sich mündliche an: Referate! Im Vorfeld werden die Themen gezogen. Der Putzi darf was über „Jimmy Hendrix, der Mann, der seine Gitarre zum Sprechen brachte“ erzählen. Letztendlich hat der Putzi auch was von einem Rockstar. Er verbrennt zwar keine Gitarren, aber er ist seit kurzem im Besitz eines Traktor Führerscheines und kommt mit seinem Schlepper in die Schule gefahren. Frau D. und ich schleichen deshalb schon ganz sehr um den Putzi herum, dass er uns mal auf dem Traktor mitnimmt. Leider gibt sich Putzi da verhalten und nur Gianna Nanini wird bislang exklusiv von ihm zuhause abgeholt. Im Golden Age kann man eben nicht mehr mit gegen 17jährige anstinken.

Fluffy, die gerne ellenlange Textnachrichten verfasst und die man meterlang scrollen muss, darf sich über Friedrich Rückert Gedanken machen. Kehr ein bei mir, hat sie sich ausgewählt. Ich mag Liebesgedichte von Rückert, weil man die so interpretieren kann, wie es für einen passt. Wenn man jung ist, mag man Sachen noch erleben. Wenn man ins Golden Age kommt, reichen auch die Gedanken daran aus.

Und letztendlich muss man immer positiv denken und authentisch bleiben! Das hab ich in zwei Jahren von Blondie lernen dürfen. Diese erfreut mich über neugewonnene Erkenntnisse über „Sissi – Kaiserin von Österreich- Ungarn“ und lassen meine altbackene golden age Romantik von Romy Schneider alias Sissi und ihrem Franzl in einem völlig neuen Licht erscheinen. Wurde doch die Sissi tatsächlich, als sie 15 Jahre alt war, zwangsverkauft! Wie viele Kamele sie wert war, erfahre ich zwar nicht, aber dass Sissi den ganzen Haushalt alleine schmeißen musste!!! Und wusstet ihr, dass Sissi tätowiert war? Das weiß fast niemand. Als sie 51 Jahre alt war, hat sie sich einen Anker auf ihre Schulter tätowieren lassen!! In einer Hafenkneipe!!! Im Jahr 1888!!!

Golden Age, ich komme, denn das Leben hat noch was parat für mich. Auch wenn ich inzwischen eine Brille aufsetzen muss, um es zu entdecken.

The first fire

Der Inscheniör hat heute vor einem halben und ein klitzekleines bisschen Jahrhundert das Licht der Welt erblickt. Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Als er aus Luisegundes Schoß geschlüpft ist, hat er zuerst das Licht im Kreißsaal gedimmt bzw. ausgeschaltet. Dann hat er sich drangemacht die Qualität der Gitterbettchen der Neugeborenen zu bemängeln und eine extra weiche Unterlage anzufordern. Des Weiteren hat der Inscheniör binnen der ersten Tage die Schritte der Etagen gezählt und errechnet wieviele Schritte die Säuglingsschwester durchschnittlich zu rennen hat bis zu ihrem Feierabend. Darüber hinaus ist er auch nicht mit der normalen Babybeikost zufrieden gewesen, hat ein Upgrade des Krankenzimmers gefordert und sich auf der Säuglingsstation die Gratisproben von Milupa, Penaten und Pampers eingesteckt.

Jetzt kommt die Überleitung: knallhart und ohne Kuschelkurs. Als wir vor über einer Woche unseren „welcome paradise“ Urlaub auf den Seychellen angetreten sind, sind wir erstmal quer durch die Bungalows gezogen. Man kann nicht erwarten, dass der Inscheniör, der Gardenvilla gebucht hat, einen Blick auf Sand vor der Terrassentür hat. Da kann er nicht hinsehen, weil er hat ja zuhause in mühevoller Kleinarbeit den Rasen neu angesät. Und eigentlich späht er auf ein Upgrade auf die Strandvilla, weil die vor Ort 25 € billiger zu buchen ist, als über den Reiseveranstalter. Jeden früh rennt er 10, 12 oder 15 km bei konstanten 87 % Luftfeuchtigkeit und 29 Grad (der Äquator ist nahe). Wenn der Inscheniör läuft, holt er sich als erstes ein kleines blaues Handtuch (kostenlos) aus dem Fitnessstudio. Das legt er sich in den Nacken bevor er losläuft. Würde er bei seinem Run noch Boxbewegungen imitieren, könnte er auf seinem Lauf noch Autogramme verteilen a la Rocky Balboa.

Binnen weniger Tage kennt ihn jeder Angestellte des Resorts, wie z.B. der nette housekeeping Inder, der ein neues Bettstatt quer durch den garden of paradise schleppen muss, da dem Inscheniör die Matratze zu hart ist. Derweil studiert dieser die Events und Sonderangebote des hoteleigenen Newsletter. So kommen wir in den Genuss eines Willkommensdrinks und eines Rumtastings- of course for free! Und das Highlight: der Silver Day!! Selbstbewusst fordert der Inscheniör ein alkoholisches Freigetränk mittags an der Bar ein, bevor er sich zu einer kostenlosen 15 minütigen Massage in den Spa Bereich begibt! Ausgestattet mit einer kräftigen Portion Selbstbewusstsein werden alle seine Wünsche erfüllt. Heute ist ja Silver Day!!!

Am nächsten Tag gibt sich der hoteleigene Newsletter etwas bedeckter: Gold Day!! Nur für Members (fettgedruckt) werden die Sonderangebote des Tages feilgeboten. Und der freundliche Inder formt auch keine freundlichen Schwäne aus Handtüchern mehr, sondern einen Affen, aufgehängt am Kleiderbügel. Dieser trägt die Brille des Inscheniörs. Am Samstag geht es wieder nach Hause, vorher hat sich der Inscheniör allerdings noch die Konditionen eines Diamond members erklären lassen, schließlich wollen wir wiederkommen ins Paradies 🌴🌴🐍🐍 …

Shoppen in Ruinen

Ich könnt ja jetzt voll den intellektuellen Reiseblog schreiben: Wandeln auf den Götterpfaden: Pompeji- Sorrent – Positano … oder Vesuv – der Schicksalsberg 🌋

Aber interessiert euch das wirklich? Oder ist es nicht vielmehr das Interesse am spontanen Erleben pubertärer Gedankenwelten?

Unsere Anreise nach Neapel erfolgte ohne Probleme. Es ist ein Phänomen, dass man als Lehrkörper in der Gunst der Schülerschaft steht, wenn sie ihren heimischen Radius verlassen haben. Wie die kleinen Entenküken kurz nach der Prägungsphase tappen die hinter einem her. Wenn wir Frau D. nicht hätten, wir wären verloren!, so ist die einhellige Meinung und sie ist schon viel herumgekommen. Frau D. unterstreicht ihr kosmopolitisches Wesen, indem sie eine Karte richtig halten und falten kann und natürlich auch noch lesen.

Ich bin der Ansicht, dass man ein Land oder eine Stadt am besten durch Zug/ Straßenbahn erkundigt. Am Napoli Garibaldi vereinen sich die kosmopolitischen Gerüche und Eindrücke. Jetzt haben Frau D. und ich unsere Schülerschaft am Schoss sitzen und Putzis Kopfschütteln: Das würd es bei uns in Deutschland nicht geben!!! begleitet uns durch die Tage.

Natürlich haben wir es geschafft unsere Lieben sicher ans Reiseziel zu bringen. Und das erste Bad im Meer auch wenn es schon dunkel ist.

Und die Vorfreude auf den ersten Ausflug! Blondie und Fluffy sind die ersten die schon früh morgens voll motiviert sind, denn wir gehen nach Pompeji shoppen. Ich muss sie nur kurz erinnern, dass sie ihre Hosen anziehen, dann kann es losgehen.

Die beiden sind auch nur kurzzeitig enttäuscht, dass Shopping in den 2000 Jahre alten Ruinen nur bedingt möglich ist. Zwei Stunden Kultur kann man schon mal über sich ergehen lassen und dann winkt Sonne, Meer und more. Der Lange, der bis jetzt seinen pyromanischen Neigungen nicht nachgekommen ist, schließt Freundschaft mit den Privatschülern aus Berlin- Marzahn. Na, so palavert er, als einer von diesen sein Schlauchboot die Stufen zu unserer Ferienanlage hochschleppt, seid ihr Flüchtlinge?

Aber insgesamt sind es harmonische Tage und als wir beseelt auf unserer Ferienterrasse sitzen, erklingen doch glatt aus der Hausreihe unter uns Operngesänge wie nicht von dieser Welt. Ich gehe dem nach und komme ins Reden mit gebildeten Gymnasiasten, die auf Studienfahrt sind und selbstredend in Latein und Altgriechisch bewandert sind. In die Opernklänge mischen sich Gesprächsfetzen aus unserer Häuserzeile, die sich um rein körperliche Befindlichkeiten drehen.

Trotzdem sitzen alle kurze Zeit später zusammen und finden Gemeinsamkeiten schulartübergreifend. So endet ein schöner Tag, der um 23 Uhr zum Zapfenstreich ausklingt.

Vorfreude

Ich packe meinen Koffer und nehme unter anderem mit: einen Hedonisten, einen Pragmatiker, einen Leptosomen, einen Phlegmatiker, einen Perfektionisten und einen PYROMANEN!

Pause – stopp – einmal zurückspulen!

Mein erster Gedanke an diesem Freitag  gilt dem Vesuv (unserem Ausflugsziel)  und ich will Herrn W., meinen engagierten GSE Kollegen, schon danken, dass er sich die Mühe gemacht hat, ein Modell von diesem anzufertigen. Er belehrt mich eines Besseren: Es war ein Tornado aus Watte! Ich schaue genauer hin. Der vermeintliche Vulkan stinkt nach einem nicht mehr ganz so frischen Ausbruch.

Es begab sich am Mittwoch nach der Mittagspause, als der Lange mal eben dachte, er müsse sein Feuerzeug an der Watte ausprobieren. Wosch! Eine Stichflamme eliminiert in Sekunden, das in tagelanger Arbeit angefertigte Modell. Obzwar Putzi noch versucht mit Wedeln seines Turnbeutels dem Feuer Einhalt zu gebieten, erkennt Jimmy gleich das nix mehr zu retten ist. Er und die hinzugeeilte Chefin ertränken den Tornado endgültig im Jungenklo.

Der Gestank und der Lärm rufen die Sicherheitsbeauftragten der ganzen Schulen im Landkreis auf den Plan. Just an diesem Tag befinden diese sich zu einem Treffen in unserem Haus. Gerne sind wir hier, so verrät einer schon früh im Lehrerzimmer, so nette und freundliche Schüler habt ihr in G… Jetzt recken sie neugierig ihre Nasen aus dem Physik Raum. Jimmy und die Chefin wähnen sich bei den Sicherheitskräften gut aufgehoben und steuern den sicheren Hafen an. Dorten wird der ausgebrannte, zum Himmel stinkende Tornado, unter geschulten Augenpaaren der Dunstabzugshaube anvertraut. Dank einer großartigen Rettungscrew konnte ein Flächenbrand verhindert werden. Dass die neuen weißen Sneakers des ambitionierten Obersicherheits- Beauftragten durch das Löschwasser ruiniert wurden, wird als Kollateralschaden in die Geschichte eingehen. Befragt, was sich der Schuldige bei der Aktion dachte: Ich hab recycelt! 

Frau D. und ich dürfen also gespannt sein, was sich unsere jungen Freunde in den nächsten Tagen ausdenken werden. Auch Italien hat schon einmal seinen 11. September erlebt. Damals als vor ca. 1600 Jahren die Goten Rom zerstört haben. Lasst uns eben innehalten und beten, dass das im Juni 2019 nicht noch einmal passiert.