Der Flieger

Mama!, schreit die Hasi und hält mir das Telefon in die Dusche, die Oma Karin kommt fei gleich mit dem Flieger zu uns. Ich bin gerade von Kopf bis Fuß eingeschäumt und kann leider nicht so, wie ich just in dem Moment will. Ich rufe in einer Minute zurück!, und beeile mich sehr. Hastig drücke ich auf Rückruf. Also, der Pfanni holt mich in einer halben Stunde ab, legt meine Mutter ohne Vorwarnung los,  dann fliegen wir zu euch. Der Flug dauert von Coburg nur 20 Minuten. Mir hat es die Sprache verschlagen, das kommt nicht häufig vor. Also, wenn wir ungelegen kommen, ist das kein Problem. Wir beschäftigen uns schon, flötet sie

Pfanni ist Oma Karins Großcousin, in Coburg bekannt wie ein bunter Hund und er besitzt eine kleine Cessna. Er betreibt Stammbaumforschung und hat sie deshalb schon zu Hause besucht. Außerdem war Pfanni ein Jugendschwarm meiner Mutter als sie 14 war. Aber, so erzählte sie mir letzte Woche, damals hat er mich nicht wahrgenommen. Jungs mit 14 sind halt noch nicht soweit. Da können wir froh sein, denn er hätte meiner und Hasis Existenz möglicherweise eine entscheidende Wendung verpasst. Erst letzte Woche hat Oma Karin ihn in der Stadt getroffen und mir das mit dem Flieger erzählt. Na, vielleicht nimmt er dich ja mal mit, so habe ich noch gewitzelt. Meine Mutter gab darauf entrüstet zur Antwort: Ich steig doch nicht bei einem 77jährigen ins Flugzeug ein!! Hätte ich ihr bis dato abgekauft, werde aber gerade eines Besseren belehrt.

Jetzt muss ich aber gucken, dass ich zumache, damit ich nicht zu spät zu dem kleinen Landeplatz, 10 km entfernt, komme. Deshalb schicke ich die Hasi schnell zum Inscheniör in den Garten. Er soll die neusten Entwicklungen nicht verpassen. Es dauert keine Minute bis der Inscheniör im Treppenhaus zu mir nach oben ins Bad bölkt: Was ist das für ein reicher Onkel, von dem wir unter Umständen viel erben können und ich mich jetzt umziehen soll? Ich informiere ihn knapp, da inzwischen eine WhatsApp von Oma Karin eintrudelt: Ich bin schon angeschnallt!

Meine Tochter und ich machen uns eiligst auf den Weg zu dem kleinen Flugplatz. Die Sonne scheint warm vom Himmel, es weht ein laues Lüftchen. Drei ältere Männer sitzen dorten gemütlich auf Stühlen neben dem Graslandestreifen. Wir setzen uns dazu und halten in dem wolkenlosen Himmel nach Kondensstreifen Ausschau. Du Mama, so sinniert die Hasi, können eigentlich Großcousins heiraten? Ich stimme dem zu. Dann könnte ich ja eigentlich später mal die Mia heiraten. Mia ist ihre vier Jahre jüngere Großcousine. Ja, das geht inzwischen auch, füge ich hin zu.

Plötzlich taucht kleines Flugzeug aus dem Nichts auf, dreht einen langen Kreis über uns und setzt zur Landung auf dem Grünstreifen an. Ich drücke die Starttaste „Video“, um diesen historischen Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Es dauert nicht lange bis Pfanni die Haube der Cessna aufgeschoben hat und meine Mutter ihre Beine aus der Maschine hebt. Gottseidank bin ich gelenkig, weil ich jeden Tag meine Füße ins Waschbecken hebe, ist das erste was ich von ihr höre. Dann streicht sie ihr braunes Haar nach hinten und strahlt mich an: Wahnsinn, was für ein Erlebnis. Ich beäuge inzwischen den mir unbekannten Großcousin. Olala! Mit ein bisschen Phantasie könnte Pfanni glatt als Robert Redford durchgehen! Wir umarmen uns und fahren mit dem Auto zu mir nach Hause. Pfanni erweist sich als unterhaltsamer Beifahrer, er kennt wirklich Gott und die Welt. Am Alex warst du? Kennst du da die Frau Kober? Natürlich kann ich mich an diese Sportlehrerin mit einer DDR Leistungssportmanier sehr gut erinnern. Nach der Größe mussten wir uns am Anfang der Sportstunde aufreihen. Ich stand als zweitletzte in der Reihe. Nur Anette Weitzel war noch kleiner als ich.

Als ich zur Hoffahrt reinfahre, steht Oma Luisegunde schon Spalier und beäugt den Großcousin neugierig. Ich bugsiere meine Mutter und ihn nach hinten in den Garten. Dort muss er das Anwesen mit den vielen Blumen, Sträuchern und Gemüsebeeten bewundern. Ich kredenze Kaffee und Kuchen. Nach 20 Minuten müssen Muttern und Robert R. leider wieder los. Der Großcousin verabschiedet sich mit einem: Bis zum nächsten Mal! Ich verfrachte die beiden ins Auto, um sie zum Flugplatz zurückzufahren und denke: Der redet ja in 20 Minuten mehr, als mein Vater in 20 Jahren gesprochen hat.

Gegen 18 Uhr erhalte ich die erlösende WhatsApp: Sind gut gelandet! Es hat ihm gut gefallen bei euch. Für mich war es ein tolles Erlebnis. Ich habe Pfanni noch die ganze Wohnung gezeigt. er fand es toll, wie aufgeräumt es war. Ich muss sagen, es ist ganz interessant einen fliegenden Verwandten zu haben, der aussieht wie Robert Redford.

3 Gedanken zu “Der Flieger

  1. Avatar von Daggi M. Daggi M.

    Echt eine klasse Mutter hast du! Sie sieht aus wie Robert Redfords Schauspiel–Kollegin in Hollywood… Wahnsinn–sie macht was aus ihrem Leben, trotzdem sie einen Verlust erlitten hat. Bemerkenswerte Dame-dz gadt gute Gene, liebe Kathrin…
    LG Daggi M.

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