Gestern hab ich mich mit meiner besten Freundin von frühers getroffen, der Peggi! Sie wohnte im gleichen Viertel wie meine Großeltern und ich kenne sie mein Leben lang. Wir haben zusammen die Pubertät überstanden: Wir lasen erst die Bravo und später Liebesromane. Die hießen Tiffany und fingen dort an, wo die Julia Romane aufhörten. Gegenseitig erzählten wir uns Geschichten mit unterschiedlichen Settings. Bei Peggi war es der australische Rancher, der sie auf dem Schaffell vorm Kaminfeuer verführte, bei mir der intellektuelle Musiker, der in Berlin in einer abgefahrenen WG lebte. Selbstredend sind die Dinge anders gekommen.
Als wir so 20 Jahre alt waren, hat sich unser Leben auseinander entwickelt. Aber selbst wenn wir uns nur alle paar Jahre wieder treffen, sind wir uns sehr vertraut. Ich könnte der Peggi beispielsweise so intime Sachen sagen, wie: Ich hab ein dickes eitriges Furunkel am Popo! Und sie würde selbstverständlich antworten: Zeig her!
Heute Abend habe ich uns eine Flasche Champagner mitgebracht. Schließlich sind wir zusammen 100 Jahre alt. Das edle Tröpfchen perlt die Kehlen hinab und lässt uns redselig werden…
Weißt du noch der X? Wie hieß er gleich nochmal?, Peggi schaut erst tief in ihr Sektglas und dann mir in die Augen. Ich weiß sofort, wen sie meint. Da hab ich die Todesanzeige mal vor ein paar Jahren in der Zeitung gesehen. Peggi reißt ihre Augen weit auf. Naja, das war vor 35 Jahren mit dem, antworte ich und versuche die Erinnerung abzuschütteln, dass mir meine Mutter als Erziehungsmaßnahme damals das Taschengeld gestrichen und die Nutella versteckt hat. Der ist sicherlich gestorben an den Nachwirkungen der Halluzinogen Pilze von damals, resümiere ich.
Jetzt bin ich dran! Sag mal, was macht eigentlich Y, der immer hinter vorgehaltener Hand genuschelt hat: „Drei Silben bestimmen mein Leben: Or-gas-mus“? Peggi schaut mich betröppelt an: Der wohnt immer noch zuhause bei seiner Mutter und trägt die alten Pullunder und Hemden seines vor 10 Jahren verstorbenen Vaters auf. Sie schauen zusammen alte Louis de Funes Videos auf VHS an: Louis und die Außerirdischen Kohlköpfe.
Ach und erinnerst du dich an den Z?, so geht die Reise in die Untiefen unserer Vergangenheit weiter. Z hat sich gut gehalten, merke ich an, den hab ich neulich mal auf Insta gefunden, aus dem ist was geworden, der ist jetzt Pressesprecher bei der SPD irgendwo in Thüringen. Peggi giggelt: Hihi, der hat doch damals schon gerne sein tägliches Geschäft fotografiert. Wir prusten los! Und ich muss sofort an das schwarz-weiß Foto denken, Z bei mir am Balkonstuhl, wie Gott ihn schuf, seine Blöße nur mit der Hand bedeckt.
Der Champagner ist leer und wir beschließen den Abend mit einem Selfie über Insta an Z. Peggi im geblümten- ich im geringelten Oberteil! Nachdenklich schiebe ich das letzte Chips und Gummibärchen in den Mund: uns ist schon Eigenartiges in unserem Leben begegnet. Aber möglicherweise sind wir dadurch toleranter gegenüber unseren Mitmenschen geworden …
Meine Apple Watch, das Geschenk vom Inscheniör, mischt sich in unsere Unterhaltung ein, mahnt mich, dass es Zeit ist aufzustehen, eine Minute ein- und auszuatmen und ein paar Schritte zu gehen… mit Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass es spät geworden ist. Zeit nach Hause zu gehen!