Alles für’n Ashy

Der Februar ist wie jedes Jahr trist, man träumt vom Frühling und der lässt wie eine Diva auf sich warten. Aber ich bin ja seit fast sechs Wochen eins mit Dr. Riedel und ein paar verlorenen Pfunden. Jeden Tag pose ich vor dem figurfreundlichen Spiegel und schicke meiner Freundin Lore ein Selfie, auf dem ich gekonnt mit geschürzten Lippen zu sehen bin. „Ist das rote Kleid neu?“, so fragt sie mich. „Nein, nein“, so schreibe ich, „ist schon drei Jahre alt, hab ich mir damals für’n Ashy gekauft!“  Am Dienstag verewige ich mich mit zarten Kleidchen im Vichymuster, am Mittwoch in einem orangenen mit gewagtem V-Ausschnitt. „Wo hast du all die Kleidchen her“, merkt Lore kritisch an. „Sind alt, hab ich damals alle für’n Ashy gekauft!“, verteidige ich mich.

So betrete ich mit eines von meinen neuaufgelegten Kleidchen das Klassenzimmer, drehe mich einmal um die eigene Achse und trompete anstelle eines „Guten Morgen“, „Oh Frau P., das orangene Kleid steht Ihnen aber gut, haben Sie abgenommen?“ in die noch müde Truppe. Wenn man sich fast zwei Jahre aneinander gewöhnt hat, weiß jeder, was der andere braucht. Und sogleich antworten mir meine Fashionjungs aus der ersten Reihe im Chor: „Oh Frau P., das orangene Kleid steht Ihnen aber gut, haben Sie abgenommen?“ Der Tag kann beginnen.

„Frau P.“,  hat auch Jimmy gleich früh am Morgen Redebedarf, „muss man bei einem Einstellungstest eigentlich einen Drogentest machen?“ Da bin ich gerade mal überfragt. Zu meiner Zeit musste man noch einen AIDS Test machen, da war Bayern unter Gauweiler so schwarz, dass es im Kohlekeller noch Schatten warf. Aber Gottseidank weiß Blondie zu helfen. Wie auswendig gelernt schnurrt sie runter: „Das THC hält sich zwei Tage im Urin, sechs Wochen im Blut und DREI Jahre in den Haaren!“ Ich versuche angestrengt meinen Blick woanders hinzuwenden und zu hoffen, dass Jimmy sich keine 3 mm Frise zulegt.

Auch bin ich ein Meister der Motivation, ich lobe meine Schüler täglich zu Tode und gebe ihnen jeden jederzeit das Gefühl: „Ihr seid einzigartig“. Das muss ich auch, sonst könnte ich die Referate der Literaturepochen nicht unbeschadet überstehen. Hiroshima liegt irgendwo in Russland. Gerhard Hauptmanns Weber werden nicht an Webstühlen ausgebeutet. Nein, sie müssen mithelfen Donald Trumps Mauer zu bauen. Und die 95 Thesen sind ein Bestandteil der Bibel und wurden von Martin Luther ins Deutsche übersetzt, bevor man ihn irgendwo in Wittenberg an die Kirchentür genagelt hat. Ich bin als Leerkörper nicht kleinlich, denn ich habe hier voll das chaotisch- kreative Schülerpotential dasitzen. Manche von ihnen schaffen es eine Powerpoint Präsentation innerhalb einer Pause von 10 Minuten zu erstellen. Und das eigentlich wichtige Thema ist ja die Geburtstagsparty heute Abend, da treffen Hauptschüler auf Gymnasiasten. „Wenn das mal gutgeht“, orakelt der Jimmy. Blondie gibt sich selbstbewusst: „Pfft Gymnasiasten – Ich könnte Abiturientin sein!“ Das ist doch ein gutes Schlusswort für das kommende Wochenende.

Und ich könnte mir eigentlich mal wieder ein paar Schuhe kaufen. Die Auslage in dem Schuhgeschäft 100 Meter Luftlinie entfernt ist bereits prall gefüllt mit der Frühlingsware. Alles für’n Ashy! Ashy ist meine eierlegende Wollmilchsau. Er kann einfach alles: kochen, reparieren und seine Wäsche selbst bügeln. Er kritisiert mich nie und liest mir mit seinen treuen Augen jeden Wunsch von den Lippen ab. Darüber hinaus schreibt er Gedichte, ist Literatur – und Theater interessiert und setzt sich für den Weltfrieden ein. Und irgendwie ist es halt so im Februar, wenn der Frühling auf sich warten lässt. Da braucht man hin und wieder einen Phantasie-Ashy. Spätestens wenn die ersten Krokusse erblühen, ist Ashy wieder vom Winde verweht.

 

 

 

 

 

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