Darf’s a bissle mehr Hirn sein?

Ich weiß, dass Lehrer ein Höllenjob ist und ich eine von den 30 % sein könnte, die ein generalisiertes Anpassungssyndrom kriegen könnte und demzufolge ein Burn-Out. Das gibt es aber als Krankheitsbild gar nicht, sondern nur als Zustandsbeschreibung. Zustände habe ich eigentlich schon jeden Tag als Mutter einer achtjährigen Tochter. Die beginnen morgens um sechs, bis die Hasi endlich nach Endlosdiskussionen im Bus sitzt und ich das Bad, welches aussieht wie nach einer Folge Germanys Top Modell, wo die Jungmodels Heidis Kleiderschrank plündern dürfen, wieder begehbar mache.  Nebenbei räume ich noch das Chaos vom Frühstück beiseite, versuche dem Kater beim Füttern nicht auf den Schwanz zu treten und die ersten Eltern- und Schülerbedürfnisse per whats app zu beruhigen, bevor ich zu meiner Arbeitsstelle hetze.

Deshalb bin ich heute am Lehrergesundheitstag, damit meine Zustände nur Zustände bleiben. Das ist schon viel wert. Es ist alles eine Sache des positiven Denkens: mit Hirn gegen den Stress. Die Moderatorin, die ein kariertes Kleid in der Optik und Qualität eines karierten Teppichs aus Schurwolle trägt, säuselt sich durch die Begrüßung und Lobhudeleien, bevor das eigentliche Programm beginnt. Ein Ehepaar, zwei Neurowissenschaftler, machen den Anfang, Typus vegan und glutenfrei. Die Frau hat eine bemerkenswerte Figur in ihrer knallengen Jeans, da müsste ich mir schon die Hüfte amputieren um in dieselbige zu passen. Aber sie und er sind frisch verliebt wie mir meine Nebenfrau steckt (und Mann hat dafür Frau und seine drei Kinder verlassen), da steckt man natürlich den Stress weg. Demzufolge schüttet die Nebennierenrinde auch kein Cortisol aus, was zu Fressanfällen führt. Sie nennt ihren Mann „Schatzi“ und vermutet wohl in diesem Stadium noch nicht, dass „Schatzi“ eine andere hat, weil er den Frühstückstisch nicht abgeräumt hat. Andererseits möchte ich „Schatzi“, der so spricht als würde er sich an einem Stück Käsekuchen verschlucken und am Wochenende in der fränkischen Schweiz im Rennradtrikot als Verkehrshindernis Autofahrer ärgert, nicht auf dem Silbertablett serviert bekommen.

So erfahre ich in dem kurzweiligen Vortrag: If the Brain is so simple that we could understand it, we would to be simple to understand“. Mit dieser Lebensweisheit und der Tatsache, dass meine neuronalen Netzwerke bis zu meinem letzten Atemzug wachsen können, mache ich mich auf dem Weg zur Mittagspause. Weil gesunde Ernährung neben Joggen und Kurkuma wichtig ist für die Stressreduktion, gibt es grünen Salat mit Essigdressing. Ein halbes Ei und zwei Streifen Käse auf dem Grünzeug schauen mich traurig an. Man sollte Frau Säusel im karierten Flokati und ihrer Dienststelle eine Abmahnung erteilen. Ich beneide alle Kollegen, die so weitsichtig waren und sich an der nächsten Dönerbude eindeckt haben.

Nach der Pause geht es mit den Workshops weiter. Wie kann ich einen kooperative Perspektive im Umgang mit schwierigen Schülern entwickeln? Gleichzeitig ploppt eine WhatsApp des Studenten auf, der mich heute vertritt. Von deinen Schülern, die nachsitzen müssen, bleibt nur Dr. H. (logo, ich pflege mit seiner Mutter eine intensive WhatsApp Beziehung, der konnte nicht aus). Die zwei Übereinssechzig und Blondie aus der ersten Reihe hatten plötzlich Zahnarzt Termine und dergleichen und haben sich aus dem Staub gemacht. So ist das! Da könnte ich jetzt stressbedingt und evolutionsgenetisch zum Säbelzahntiger werden. Gottseidank lerne ich gerade die Technik des Umdeutens: Ich muss eine verdammt gute Lehrerin sein, da meine Zöglinge sich nicht einfach aus dem Staub gemacht haben, sondern sich richtig gute Ausreden haben einfallen lassen.

Beschwingt gehe ich in den letzten Workshop zu Dr. A. Zu dem gehe ich deshalb, weil er gut aussieht, einen Doktortitel hat und zudem modische Stiefeletten in Slipperform trägt. Dort treffe ich eine alte Schulfreundin. Hallihallo, so begrüßt sie mich, gehst du auch zum 30jährigen Abitreffen? Nach einer herzlichen Umarmung muss ich das leider verneinen: Ich war beim 25jährigen, das muss für’s Leben reichen. Außerdem, wenn ich die ganzen alten Weiber um die 50 anschaue, muss ich nur denken: Seh ich genauso alt aus??

Danach ist die Veranstaltung-  Gott sei’s gedankt – aus. Schnell ergattern meine Schulkollegin und ich den Fortbildungsnachweis und schenken uns die Feedbackrunde. Nach soviel Hirn brauche ich unbedingt zwei Gläser Prosecco und danach kaufe ich mir ein ultraheißes Leopardenkleid im empirestyle. Dabei hab ich keinerlei schlechtes Gewissen. Mein Frontalhirnlappen, dorten wo meine Persönlichkeit sitzt, ist nämlich daran Schuld.

Ein Gedanke zu “Darf’s a bissle mehr Hirn sein?

Hinterlasse eine Antwort zu Sabine Lorenz-Verseck Antwort abbrechen