Wannsee

… dudelt es in der Zahnarztpraxis, wo ich bei strahlendem Sonnenschein beim Notdienst sitze. Die Toten Hosen verfolgen mich seit Wochen, nicht loszukriegen sind sie, die eigentlich bourgeoisen Burschen aus Düsseldorf. Meine Laune dümpelt auf einer Skala von 0 bis 10 auf schlappe 0,5 (großzügig bemessen). Reicht es nicht, dass ich erkältet bin? Reicht es nicht, dass der Schulrat mich morgen gleich in der ersten Stunde heimsucht? Nein, es reicht wohl nicht. Ich sitze mit dicker Backe im fränkischen Schnapsbrennerei Paradies im Wartezimmer. Mit mir sitzt noch ein junges Pärchen, sie schwanger. Beide füllen den Raum mit ihrem Zigarettengeruch.

Ich muss nicht allzu lange warten. Nachdem ein Röntgengerät mein biologisches Alter sprich mein Gebiss gescannt hat, darf ich in eines der Behandlungszimmer. Dieses ist sehr hellhörig. Ich höre, wie der Zahnarzt sich die junge Frau zum Zahn … äh zur Brust, nimmt, meine ich. Es fallen Worte wie „verantwortungslos, sie müssen an die Zukunft, denken, wie soll das weiter gehen, an dem Zahn ist nix mehr zu retten“, sind noch die netteren Worte, die der Arzt findet. Dann erfolgen mehrere Schreie des schwangeren Mädchens und zum Schluss ein Wimmern. Ich muss raus aus dem Zimmer! Die Angestellte an der Rezeption beachtet mich nicht weiter als ich ihr hinter vorgehaltener Hand stecke: Ich höre da drin eins zu eins, was im Nachbarzimmer geschieht!!

Also gehe ich wieder hinein in die Kammer des Schreckens. Die Arbeit im Nachbarzimmer scheint beendet zu sein, denn ich höre Schritte. Automatisch mache ich mich auf dem Behandlungsstuhl klein, als der Zahnarzt zur Tür reinkommt. Er klemmt das Röntgenbild vor mir in den Projektor. Mein Gebiss sieht aus wie das eines Pferdes oder zumindest wie das meines ehemaligen Seminarlehrers, wenn man es noch mit gelber Farbe unterlegt hätte. Der Arzt bringt es ohne Schnörkel auf den Punkt: Sie haben ein paradontales Problem. Ich nicke und erzähle meine Zahnleidensgeschichte. Pragmatisch klärt mich der Arzt auf, welche Zahnersatzlösungen es für mich in den nächsten eins bis zehn Jahren gibt. Und das müssen sie sich nicht mehr so vorstellen, wie früher, als die alten Leute ihren Zahnersatz nachts rausgenommen haben, so schließt er seinen Monolog ab. Dann spritzt er mir eine Desinfektionssalbe unter den betroffenen Backenzahn und entlässt mich mit meinem pochenden Schmerz.

Zu Hause angekommen suhle ich mich in meinem Leid. Die Sonne ist einem Schneesturm gewichen. Ich suche Trost bei Freundin Lore. Die antwortet: chill dei base und lass dir ein schickes Gebiss machen und schickt ein Motivationsbildchen hinterher.

Grumpf!!!

Jetzt hilft mir nur noch mein Sofa mit Decke, der Kater auf dieser, eine Ibuprofen und ein riesiges Stück Schokokuchen von Luisegunde, um mein Schicksal ertragen zu können. Fast wäre es ja medizinisch indiziert, dieses mit ein paar Grappa nachzuspülen! Und dann stell ich mir vor, es ist Sommer am Wannsee, da kann man abtauchen und untergehen.

2 Gedanken zu “Wannsee

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