
Es ist schon vormittags um halb zehn, bis der Ischeniör seine Weibsen zur Abfahrt eingetrieben hat. Seine Laune verschlechtert sich sichtlich, als ich ihm mit weiteren sechs Taschen entgegenkomme. Er grummelt: Des krieg ich nimmer rein, da musst du zuhause bleiben! Ich senke demutsvoll meine Lider, habe ich doch gerade seine akribisch- systematische Ordnung des vollgepackten Benz empfindlich gestört. Mit geschultem Maßauge sind die restlichen Gepäckstücke dennoch ruckzuck verstaut. Noch schnell einen Sicherheitswissi machen und dann huschwusch weg. Bis zur französischen Grenze bei Saarbrücken geht es recht zäh, eine Baustelle reiht sich an die nächste. Der Inscheniör zählt 15 und mindestens 10fach soviele Golffahrer, die zusätzlich den Verkehr blockieren. Die Hasi ist mehr als zufrieden mit dem neuen i pad und den zahlreichen heruntergeladenen Videos und Spielen. Sie verleiht einer Barbi gerade ein neues virtuelles Outfit.

Nach der Grenze wird die Landschaft offen und weitläufig. Riesige verblühte Sonnenblumenfelder säumen die Autobahn. Der Inscheniör stellt nüchtern fest: Frankreich war schon immer kommunistisch oder zumindest links! Ja, es riecht ein bissi nach Planwirtschaft, da muss ich ihm mal rechtgeben. Oh, Verdun liegt auf unserer Strecke nach Reims. Da lohnt sich doch ein geschichtsträchtiger Abstecher. Ich gebe vorm Inscheniör an: Kennst du die entente cordiale? Mit dieser habe ich unzählige Schülergenerationen in Geschichte gequält. Dieses Bündnis von England und Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts sollte beide Ländern im Kampf um die Kolonien stärken. Später kam noch Russland dazu. Die Deutschen waren dooferweise nur mit den Ösis verbandelt und als man den Kronprinz Ferdinand in Sarajewo erschossen hat, mussten sie mitmachen beim 1. Weltkrieg.
Der Inscheniör ist geschichtssicher und weiß noch einen draufzusetzen, dass die Allierten auch mit Schuld daran hatten, vor allem die Russen. Haben sie doch damals das Bündnis mit Deutschland und Österreich- Ungarn verlassen. Mag mein Gatte da recht haben, ich als Lehrerin hab heute frei. Die Gedenkstätte von Verdun ist didaktisch gut und dreisprachig aufbereitet. Die Hasi zeigt Interesse an der deutsch-französischen Geschichte. Ich versuche den 1. Weltkrieg zu erklären. Kann es heute auch noch einen Krieg geben?, so fragt sie mich. Ich verneine und erzähle ihr was von der Europäischen Union und der NATO. Das ist gar nicht einfach zu erklären für ein siebenjähriges Kind. Meine Tochter schaut mir nach meinem Monolog tief in die Augen: Mama! Weißt du, was das größte Problem war? Die unterschiedlichen Sprachen! Da hat sie absolut recht. Der Inscheniör – ganz multilingual – hat beim Eintritt an der Gedenkstätte der jungen Dame mindestens dreimal mit Mille Grazie geantwortet. Wird schon noch werden, wir sind schließlich erst die ersten Stunden beim Erbfeind! Die Speisekarte der Feldküche anno 1916 ist trotz Schützengräben europäisch vereint: Rindfleisch aus der Dose und Kohlrüben hinter beiden feindlichen Linien.
Danach geht es gemächlich mit 130 weiter an weitläufigen Feldern. Die Golfs sind Citroens und Renaults gewichen. Planmäßig kommen wir in Reims an, beziehen unser zweckmäßiges Ibis Hotel und erkunden die Innenstadt. In der Kathedrale zündet die Hasi eine Kerze für den Glubb an. Nach den zwei Auftaktsiegen der neuen Bundesligasaison wird er aufsteigen, das spüre ich genau. Ein kleines bisschen geistlicher Support kann dennoch nicht schaden! Erschöpft von den vielen Eindrücken suchen wir uns in der Fußgängerzone ein Touristenrestaurant, bei dem die Speisekarte zumindest in englischer Übersetzung ausliegt, alles andere wäre too much frankophil. Bei Salat, Pommes, Rotwein und Blick auf ein Karusell entspanne ich mich langsam. Da beginnt sich das Karusell wieder zu drehen…

