Gerade bin ich beim Frühstücken über einen online Artikel der Zeit über die 68er Bewegung gestoßen. Und zwar ging es da um Che Guevara. Ich muss schmunzeln als ich folgendes lese: „Er kämpfte mit der Waffe für die Weltrevolution und endete auf Gisele Bündchens Bikini.“ 1968 war ich noch nicht geboren, aber Mitte der 80er zu den friedensbewegten und „Atomkraft- Nein Danke!“ Zeiten war ich ein ziemlich pubertierender Teenager.
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich damals in die vermeintlich „linke Szene“ gerutscht bin. Ein Grund dafür lag sicherlich darin, dass ich ein gut behütetes Einzelkind war und ich mich von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter, frei schwimmen wollte. Schien sie mir doch damals wie der letzte Spießer, deren Leben sich um Haus, BayWa Job und Brigitte Diät drehte. Es hat lange gedauert bis meine Mama mir meine pubertierenden Auswüchse verziehen hat. Ich höre heute noch ihre Stimme im Ohr: Ich wünsch dir nix Schlimmes in deinem Leben, nur eine Tochter, die genauso ist wie du! Der zweite Grund war wohl dem damaligen „Männerbild“ von meinen Freundinnen und mir geschuldet. Und die sollten halblange Haare (so wie Henry heute) und enge Streifenhosen tragen, sich in den zwei Szenenkneipen meiner Heimatstadt bewegen und richtige Joints drehen können. Und sie mussten, das war Usus, den Wehrdienst verweigern.
So landete ich irgendwann in der Mohrenstraße 3. Das war in den 80ern, ein aus einer Bürgerinitiative entstandenes Haus, in dem verschiedene alternative Vereine ansässig waren, unter anderem die Beratungsstelle für Zivildienstleistende. Damals wurde einem noch die Gewissensfrage gestellt, wenn man nicht zum Bund wollte. Der Leiter dieser Stelle war natürlich gleichzeitig ein friedensbewegter Grüner, selbstredend mit halblangen Jahren. Mit ihm gründeten einige Leute (ich eingeschlossen) eine Art Anti AKW und Kulturgruppe. Unser Engagement war vielfältig, es waren die Jahre von Tschernobyl, Helmut Kohl, der geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und der Mahnwache des Coburger Convents, alles natürlich unterlegt von cooler, psychodelischer Independent Musik.
Weil heute Pfingstdienstag ist, möchte ich kurz auf den Coburger Convent (CC) eingehen. Das sind zum Teil schlagende Studentenverbindungen, die sich jährlich zu einem Pfingstkongress in Coburg treffen. Damals waren sie für uns das Feindbild schlechthin: elitäre Säcke, die sich vier Tage den Suff hingaben (nur Kiffen war schließlich cool) und bei der Fackelstunde, Pfingstmontag Abend, ihr reaktionäres Liedgut sangen. Das war die 3. Strophe der Nationalhymne „Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt“ – Deutschland in den Grenzen vor dem 2. Weltkrieg!!! Das musste mit einer Gegendemonstration aller linken Gruppen von der Antifa bis hin zu den Jusos beantwortet werden. Ich bin bis heute noch textsicher bei der Internationalen und kann einige Schmähsprüche gegen die Studenten skandieren: Lieber ein Geschwür am After als ein deutscher Landsmannschafter. Einmal hat unsere Kulturgruppe eine Gegenveranstaltung für das Marktfest, was am Pfingstdienstag stattfindet, aufgezogen. Da spielte Guru Guru, eine deutsche Krautrockband, die sich Ende der 60er Jahre gegründet haben, auf einem Acker irgendwo bei Meeder. Es war wie Woodstock, denn es regnete in Strömen und wir waren alle schlammverschmiert, ein wirklich cooles Event.
Ein weiteres Thema war damals Wackersdorf und die geplante Wiederaufbereitungsanlage für die Kernstäbe. Meine Gruppe und ich haben damals in einer kleinen Actionszene in der Coburger Spit die Situation am Bauzaun in Wackersdorf nachgestellt: die einen spielten die Demonstranten, die anderen die Polizisten. Zur Unterscheidung trugen letztere Motorradhelme. Dann gingen wir aufeinander los. Es gab tumultartige Szenen in der Coburger Fußgängerzone. Ich kann bis dato schwer sagen, ob unser Publikum schon reif für uns gewesen ist. Bei den die realen Demonstrationen am Bauzaun habe ich aber gekniffen, das gebe ich nach 30 Jahren gerne zu. Wir hatten jedoch nicht nur Spontiaktionen, auch der geistige Überbau stand wöchentlich auf dem Plan. Wir lasen und diskutierten das Kapital von Karl Marx. Selbstredend konnte ich mit meinem Wissen im Sozialkunde Leistungskurs brillieren.
Mit ein paar Freundinnen aus dem Gymnasium gründete ich ein Jahr später eine Theatergruppe. Wir führten nur ein einziges Stück auf, nämlich den Suppenkasper. Wir parodierten ihn, indem wir ihn mit verschiedenen Rollen besetzten: der Politkasper, der Spießerkasper, der Neandertalerkasper. Ich musste letzteren spielen mit gefärbten blauen Haaren und selbst genähten Husarenhosen (den sogenannten Furzfängerhosen) tappte ich grunzend mit finsterem Blick auf der Bühne herum. Ich muss wohl nicht schlecht gewesen sein, denn einige zuschauende Kinder brachte ich zum Heulen. Damals entstand wahrscheinlich der Wunsch, einmal Lehrerin werden zu wollen. Zum Abschluss unseres grandiosen Auftritts sangen wir passend zum Thema das Solidaritätslied von Brecht und Eisler: Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hungern und beim Essen …
Vorwärts ist mein Leben gegangen, natürlich – nie stille steht die Zeit, aber vieles hab ich vergessen! Dass mit dem „Linkssein“ hat sich irgendwie bei mir mit der Wende 1989 verflüchtigt. Es waren andere Sachen wie Studium, Partnerschaft usw. wichtig. Ich bin zwar nicht als Konterfei auf einem Bikini gelandet, aber bei meinem Inscheniör. Und der hat damals gedient und stand am Bauzaun in Wackersdorf auf der anderen Seite. Und er zieht mich heute immer noch mit folgenden Worten auf, wenn ich mal wieder vergesse, das Licht auszuschalten: Gegen Atomkraftwerke demonstrieren, aber ned des Licht ausschalten können!!!
Ja, was macht man nicht alles im Teenageralter…? So manche Leute würde man heute nicht mehr in der Milchbar treffen wollen, so manche Lieder würde man heute nicht mehr hören mögen, so manche Diskussion würde man heute so nicht mehr führen können, so manche … … …
Aber, schön war es damals trotzdem, aufregend, interessant, geheimnisvoll, unkonventionell, kurzweilig … … …
Möchtest du die Zeit zurückdrehen? Für einen Tag, ja, aber dann möchte ich wieder zurück ins Hier und Jetzt, ein bisschen Beamtin im Eigenheim sein, den kleinen süßen Zweitwagen in die Waschanlage fahren, Rasenmähen, wenn der Nachbar mäht, bei Wind die Wäsche nach draußen hängen, sonntags Braten mit Klößen kochen und mich darüber freuen, dass ich heute Abend meinen gedüngten Rasen wieder so toll gesprengt habe … … …
Sind wir nicht alle ein bisschen Spießer?
Aber Kathrin, von den richtig ollen Spießern heben wir uns doch ab: Wir sind nicht 0815! Beweis: deine tollen roten Schuhe und meine Ikea- Lampe…
LG Daggi
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Spießig auf keinen Fall, maximal ein bisschen materialistisch
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