Leidenschaften

Pokal 3

2006: das Sommermärchen! Und ich bin mittendrin. Für Fußball interessiere ich mich nicht die Bohne, aber ich sauge die Stimmung mit allen Sinnen auf. Viele Nationalitäten sind am Nürnberger Stadion und in den Biergärten vereint. Es umarmen sich iranische Fußballfans mit schwedischen. Barbusige Engländerinnen, die ihre Nationalflagge auf ihre Brüste gemalt haben feiern „im Gärtle“ ausgelassen auf den Bierbänken. Ein zahnloser Engländer mit einem unverständlichen Dialekt prostet mir zu. Auch wenn Deutschland kein Weltmeister in diesem Sommer geworden ist, so ist doch für viele Menschen ein neuer Nationalstolz gewachsen und für mich eine neue Leidenschaft. Ich muss unbedingt mal zu einem Fußballspiel gehen.

Noch bin ich ahnungslos, dass der Club ein Depp ist. Er spielt in der Saison 2006/07 erstklassig. Im Oktober ist es soweit – mein erstes Fußballspiel live im Stadion. An den Gegner kann ich mich nicht erinnern. Aber schon der Weg dahin bringt mich zum Staunen. Der Leierkastenmann am Wegesrand spielt die Clubhymne „die Legende lebt“. Ich beäuge fassungslos die Ultras aus der Nordkurve behängt mit Schals. Sie tragen zudem aufgenähte Stickers auf ihren Jeanswesten, die sie über ihren dunkelroten FCN Trikots tragen. Im Stadion bewundere ich die Choreos und den Einheizer Basti aus Block 9 – selbst im Oktober noch oben ohne! Und natürlich fesseln mich die Lieder, allen voran „die Legende lebt“. Man steht dabei und streckt seinen Fanschal mit beiden Händen in den Himmel. Selbstverständlich muss ich auch einen Schal haben – natürlich rosa – bin ja weiblich.

Und wenn ich etwas tue, dann zu 100%. Ich lese den Kicker zweimal wöchentlich. Ich bin über den Marktwert jedes Clubspielers informiert, ich leide mit Mintals Verletzungsproblemen, ich studiere Hans Meyers Spieltaktik. Meine Begeisterung für den Club gebe ich an meine Schüler weiter. In regelmäßigen Abständen fahre ich mit drei Jungs von Coburg zu einem Spiel nach Nürnberg. Ob ich das rechtlich darf? Interessiert mich nicht die Bohne.

Und dann wird im Mai 2007 das Wunder war. Der Club, der doch immer ein Depp war, wird Pokalsieger. Ganz Nürnberg wird in ein rot-schwarzes Fahnenmeer getaucht. Die Pokalhelden lassen sich gehörig feiern. Und ich bin wieder mittendrin als sich der Autokorso Richtung Hauptmarkt schiebt. Ich schüttele Hans Meyer und Pinola die Hand. In diesem Moment komme ich mir wie die Zahnspangenfraktion auf einem Justin Bieber Konzert vor und überlege, ob ich die rechte Hand nie mehr wasche.

Die nächste Bundesligasaison 2007/08 beginnt schleppend, aber ich bin optimistisch. Mein schönstes Geschenk, dass mir mein Mann jemals zu Weihnachten bereitet hat, ist eine Rückrundendauerkarte auf der Gegengerade. Inzwischen bin ich text- und schimpfwortsicher geworden. Ich weiß blind, wann man aufstehen muss um die Mannschaft mit Klatschen anzufeuern, wie eine Welle geht und das lang gezogene Nürnberg 1: Gegener 0 – Wir sind der Club! Das letzte Spiel der Saison naht, ausgerechnet gegen Schalke, mit dem der FCN eine Fanfreundschaft verbindet. Der Club muss gewinnen, was er aber nicht tut. Mit 0:3 gehen wir unter. Abstieg! Die Schalker Fans singen „You’ll never walk alone“. Die Nürnberger Spieler sitzen bedröppelt am Spielfeld. Pinola, mein Lieblingsspieler weint, ich auch- herzzereißend!

Da ich, ja wie schon gesagt, ein optimistischer Mensch bin, behalte ich zwar nicht meine Dauerkarte, bin aber trotzdem oft bei Spielen. Die Saison 2008/09 beginnt wieder holprig um sich dann zu einem furiosen Finale zu steigern: 3. Platz am Ende des 34. Spieltages in der 2. Liga. Das heißt Relegation gegen Cottbus der 16. in der 1. Liga. In eBay ersteigere ich überteuerte Karten. Der Preis interessiert mich nicht die Bohne, Hauptsache dabei sein in dem rot-schwarzen Meer der Fahnen: erst die Legende von dem Leierkastenmann hören, dann selbst mit den anderen 40000 Fans singen, meinen rosa Schal in den Himmel recken und und und…

Wir gewinnen, Cottbus wird praktisch an die Wand gespielt. Clubfans liegen sich in den Armen. Wir skandieren Nie mehr 2. Liga – nie mehr! Die Legende lebt läuft in der Dauerschleife während Spieler und Trainer Bierduschen verteilen. Und wir Fans wollen noch mehr. Wir stürmen das Spielfeld und reißen Stücke des gepflegten Rasens aus dem Boden. Auch ich halte ein Stück Grün mit Wurzel und Erde wie eine Trophäe in der Hand, schaue in den wolkenlosen Himmel und möchte diesen Moment für immer festhalten.

Meine Leidenschaft für Fußball war nur von temporärer Dauer, denn was weitaus wichtigeres ist in diesem Mai 2009 entstanden: meine Tochter! Das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Mit meiner neuen Aufgabe als Mutter rückte der Club in den Hintergrund. Es fehlte mir die Zeit und meine Leidensfähigkeit mit ihm hatte irgendwann ein Ende. Der Leierkastenmann ist inzwischen verstorben. Der Club dümpelt am 34. Spieltag in der 2. Liga irgendwo im Mittelfeld. Es interessiert mich nicht  die Bohne auf welchem Platz genau.

Neulich hat jemand in Facebook ein Bild gepostet: die Pokalhelden 2007 und heute. Ich schaute mir das Foto an. Wer waren diese alten Männer? Ich erkannte zwei, drei Gesichter und allzu viele Namen wollten mir auch nicht mehr zu den Gesichtern einfallen.

 

 

2 Gedanken zu “Leidenschaften

  1. Avatar von Daggi M. Daggi M.

    Leider bin ich null Fußballfan- wäre aber gerne einer. A) könnte ich mitreden am Montag, b) könnte ich meinen Mann meine beiden Brüder und​ d meinen Vater besser verstehen…
    Ich bewundere aus diesem Grund meine Mutter: Weil sie zwei Söhne hatte, die ab dem Alter von 4 Jahren​ Fußballer im Verein waren, hat die ihr Leben nach Fußball ausgerichtet und ist zu einem der treuesten Fans ihrer Buben geworden und heute ihrer 6 Jungs- Enkel.
    Leider bin. ich Fußballgegner… leider….

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