Gedankenwelten 1.0

Mittwoch Morgen in meiner Heimatstadt: Heute scheint die Sonne vom Himmel und mich drängt es zu laufen. Wenn ich laufe bin ich bei mir, nur meine Gedanken, ich und meine Musik. Ich muss auch meine zweitägige Fortbildung in Klosterbanz verdauen. Dort roch es aus allen Ritzen nach CSU. Die Zimmer – teils vergitterte Fenster- und der Geschmack des Essens waren allerdings SPD. Die dargebotenen Themen waren besser als erwartet. Ich weiß nun mehr über die Arbeitswelt 4.0 und dass mir teurere Flüge angeboten werden, da ich ein i phone besitze. Mein Handy kennt mich besser als der Ingenieur, es weiß wo ich mich gerade befinde, welche Vorlieben ich habe usw. Jetzt ist mir auch klar, warum ich die Bekanntschaft von Christian Sander gemacht habe. Spotify schickt mir auch immer den Wochenmix, der sich aus meinen oft gehörten Liedern ableitet. Darauf lasse ich mich aber nicht ein. Ich mache mir meinen eigenen Mix. Heute laufe ich mit Frühling 2017. 32 Songs querbeet und trashig, das was zu meiner Gedankenwelt 1.0 passt.

Ich starte mit Marc Forster an der alten Bäckerei, da geht es links hoch über den Wildrosenweg Richtung Eckertsberg. Wir sind groß … gleich diesem Adjektiv liegt auch der Berg vor mir, er zieht sich – 10 Minuten für einen Kilometer ist wahrlich keine Spitzenleistung! Wir können das Buch selber schreiben, es gibt genug freie Seiten…fast weise Worte für so einen jungen Kerl. Geschafft! Ich laufe ich wieder bergab, Richtung Friedhof. Welches Lied von den 32 wird mich aus der Zufallswiedergabeliste als nächstes begleiten?

Es ist der lovesong von Adele. Ich öffne die Friedhofspforte und begebe mich zur Steinplatte. Ich liebe Adele und diesen schlichten Song, der ursprünglich von Cure stammt. Adele hat ihn ihrer Mutter gewidmet und dann passt er jetzt wohl auch an dieser Stelle für meinen Papa. Ich bleibe vor der Platte stehen. Meine Mutter, typisch Aufräumtruppe, hat Claras liebevolles Arrangement aufgeräumt. Ich lasse die Steinplatte und das Lied auf mich wirken und denke an meinen Papa: ein stiller Beobachter mit einem feinsinnigen Humor, ausgeglichen und bis zu einem gewissen Grad gutmütig- der Werni. Ich war sein einziges Kind und ich finde mich in ihm wieder, in manchen Charaktereigenheiten, in seinen Füßen, den Augen, den Wangen und den Muttermalen.

Weiter geht es zur Haaresquelle, dort wo ich mit 13 meine ersten Lungenzüge und das Knutschen geübt habe. How deep is your love? quietschen mir die Bee Gees entgegen… you come to me on a summer breeze – der Löwenzahn, so scheint es mir, wogt synchron zu der Textzeile im Wind. Fast überhöre ich die Kehrmaschine des Coburger Entsorgungsbetriebes, die entschlossen den Flurbereinigungsweg von versprengten Pusteblumen bereinigt. Um nicht mit entsorgt zu werden, nehme ich Tempo auf. Husch-  überquere ich den Fußgängerweg in Lützelbuch, nehme Kurs auf Rohrbach und laufe unter Hochspannungsgefahr über die die Brücke der ICE Trasse. Die hat meine Laufwege damals merklich unterbrochen und eine Schneise der Orientierungslosigkeit hinterlassen. Links und rechts wogen die gelben Rapsfelder mit ihrem leicht blähenden Geruch – I say a little prayer for you.

Meine Gedankenwelt schweift zu meiner Clara. Ich habe sie wegen der Fortbildung schon seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Laut Oma Luisegunde hat sie heute morgen schon am Frühstückstisch geweint. Ich kenne meine Tochter genau, wahrscheinlich hat ihr der Papa das versprochene Glubschi noch nicht beschafft! Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden und eine Hand, die deine hält, dass dir deine Träume bleiben und Glück für alle Zeit…Unser gemeinsamer Weg mit unserer Tochter wird wohl noch eine geraume Zeit weiter gehen, sie ist ja schließlich erst sieben. Zufrieden atme ich den Duft der Apfelblüten ein, deren Bäume sich der schmalen Straße nach Rohrbach schlängeln. Ich erhöhe meinen pace zu Burn Baby burn, disco Inferno… ich gebe es zu, ich habe gesündigt, ich habe fast alle Samstag Abende DSDS geschaut. Aber der Sieger der diesjährigen Staffel, Alphonso geht in Ordnung und meine Oberschenkel brennen inzwischen ganz gut.

Inzwischen bin ich bei Kilometer acht gelandet und es ist an der Zeit umzukehren. Ich biege den Feldweg von Rohrbach Richtung Seidmannsdorf ab. Es geht nur noch bergab. Ganz lässig singt mir Alphaville: Forever young ins Ohr. Das Lied ist über 30 Jahre alt, erinnert mich aber nicht an meine Discobesuche, sondern eher an den Neubeginn nach meiner ersten Ehe. I want to be forever young…besonders erinnerungswürdig ist für mich die deutsche Version von Karel Gott. Diese eignete sich par excellence für das Rauswurflied bei Schülerdiscos.

Erholt und voll positiver Energien beende ich nach neun Kilometern meinen Ausflug. Bald geht es wieder in meine neue Heimat und zu meinen Lieben. Einige Lieder meiner Playlist habe ich verschwiegen, ein paar Geheimnisse muss ich ja schließlich auch noch haben.

 

 

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