Herr Bischoff hört nicht auf zu lieben. Gestern bin ich auf diesen Artikel gestoßen und er hat mich sofort gefangen genommen. Herr Bischoff wohnt seit 23 Jahren in einem Museum der Gefühle. Solange ist es her, dass ihn seine damalige Freundin verlassen hat. Er hat seit 1994 nichts mehr verändert in seiner Wohnung. Neben einem grauen Commodore von 1985 und unzähligen Froschfiguren, die sie ihm geschenkt hat, finden sich die Hanuta Bildchen auf seinem Küchenbuffett und im Badschrank ein Klopapierabriss, wo sie „Hallo Frosch“ draufgeschrieben hat. Herr Bischoff hat sich entschieden die Exfreundin weiter zu lieben. Dafür braucht er nur sich, seine Wohnung und seine Erinnerungen. Inzwischen ist diese Frau für Herrn Bischoff zu perfekten Frau geworden und weil es eine Illusion ist, die sich aus ihm selbst speist, wird er nie von ihr enttäuscht.
Warum hat mich dieser Artikel so berührt? Weil ich unsägliches Heimweh hatte nach meinem alten Leben bevor ich Mama geworden bin in meiner Heimatstadt. Und weil sich das so schlimm angefühlt hat wie Liebeskummer: Kummer die Heimat verloren zu haben, die Menschen, die man lieb hat und die mich ein Stück auf meinem Weges begleitet haben und die Schwierigkeit einen neuen Platz an einem anderen Ort zu finden mit veränderten Rollen als Frau in zweiter Ehe, Mama und Lehrerin. Wo ist mein neuer Platz in meinem neuen Leben? Auch fehlten mir die vertrauten Orte, die Wege um den Buchberg, wo ich immer gejoggt bin, die alte Schule, in der es zum Schulfest die Bratwurstmarken gab und und und…Es fühlte sich falsch an auf den Straßen von der alten Heimat in mein neues Zuhause zu fahren, die umgekehrte Richtung, so meinte ich, müsste es doch sein.
Ich vermisste das alles sehr über Jahre und war gefangen in einer Endlosschlaufe immer wieder kehrender Erinnerungen der Vergangenheit von Geschriebenem, Gesehenem und Gehörtem. Als würde man in den Keller gehen, auf den Dachboden oder in Oma Luisegundes Stadel, wo die Erinnerungsstücke stehen, die Geschichten erzählen: der Wartesaal des Lebens, das berüchtigte Bushäuschen?
Erst jetzt vier Monate nach dem Tod meines Vaters hat sich etwas verändert in mir. Meine Endlosschlaufe ist aufgeweicht. Diese Gedanken kamen mir bei der heutigen Zumbastunde. Der Fitnessguru hatte eine neue Choreographie zu Rihannas „Love on the brain“ vorgestellt, ein Walzer mit Drehungen um 90 Grad bis man wieder am Ausgangspunkt stand. Leider hielten sich die meist mittelalten Damen nicht an die vorgeschriebenen Drehungen im 3/4 Takt, jede brach in eine andere Richtung aus. Wunderbar, so muss Leben sein, ausbrechen, sich frei machen von altem Ballast. Und es darf gerne bei mir weitergehen mit schwungvollem Richtungswechsel meinethalben auch im 3/4 Takt.
Und was ist wohl aus Herrn Bischoff geworden? Noch verwaltet er seine Gefühle wie ein Kundenbetreuer einer Bank seine Unterlagen. Ich denke, er bewahrt sich sein altes Leben auf. Er muss nichts mehr verändern – ein stabiler Zustand! Auch wenn man Herrn Bischoff zuflüstern möchte: Komm sei kein Frosch!
Liebe Kathrin,
so schön, deine Zeilen zu lesen. Freue mich jedes Mal schon wieder auf deine nächste Idee…
Heute war das Lesen besonders schön… Erst die Geschichte mit dem nicht mehr zu stoppenden Liebhaber, dann deine Gedanken zum Abschied… Ich hatte wieder feuchte Augen, weil ich das Gefühl, an einem anderen Ort zu leben, ja fast schon leben zu „müssen“, nicht immer schön und einfach finde… Nur 60 Kilometer trennen mich vom Daheim. Von meinem Förrenbach, wo ich 29 Jahre zu Hause war, von meinem Albachtal mit den sanften Hügeln aus grünsten Wiesen und Mischwäldern, mit meinem Stausee, mit meinen alten fränkischen Bauernhäusern, deren Haustüren immer offen standen, mit dem vielen Schnee im Winter, mit meinem fränkischen, leicht oberpfälzisch eingefärbten Dialekt, mit meinem Gymnasium, meiner Kleinstadt Hersbruck, meinem Michelsberg, meiner, meiner, meiner…
Mein Herz ist immer heil, Wenn ich heute auf dem Balkon bei meinen Eltern sitze und auf der anderen Seite des weiten Tales Dieters Kühe ihre Kuhglocken bewegen und läuten, freue ich mich, dass ich Zeit tanke in dieser Oase aus Natur, Erinnerung und Vergangenheit bei Mutters Kuchen, leckerem Schinken oder Leberwurst… Es geht mir dann gut- freue mich aber auf unser Haus, in das ich meine beiden Babies damals vor 10 und fast 8 Jahren als Neugeborene getragen habe… Ich wünsche mir, dass unser grüner Garten mit der kuscheligen Terrasse für sie beide wie der Balkon meiner Eltern für mich wird… Dann war es richtig, hierher ins neue Zuhause gezogen zu sein… Es fühlt sich jetzt bereits richtig an… Und wenn ich in wenigen Tagen meinen riesigen aufblasbaren, pinken Luftkissensessel wieder aufstelle und darin relaxe, weiß ich, dass ich mich nie fühle wie auf dem Balkon, aber ganz nah dran…
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Hallo Katrin,
wunderbare Worte, die den Zustand vieler Menschen beschreiben.
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„Wer suchet, der findet“, heißt es. Ich habe zwar danach gesucht, was es im Internet alles über mich gibt, war dann aber doch erstaunt, diesen Eintrag mit der Überschrift „Hallo Frosch“ zu finden (wenn auch mit dreieinhalb Jahren Verspätung).
Um es kurz zu machen: Ich bin der besagte Herr Bischoff, über den der Journalist Marco Maurer* seinerzeit den Artikel geschrieben hat. Da ich kein Frosch bin – trotz Fröschesammlung, Hanuta Bildchen und Commodore-Computer – freut es mich, dass meine Geschichte auch andere Menschen berührt.
*Lesenswert ist auch sein Buch „Du bleibst was du bist“, bei dem es um ungleich verteilte Chancen im Bildungswesen geht
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Lieber Herr Bischoff, ich war heute Nachmittag sehr gerührt als ich Ihren Kommentar gelesen habe. Ich denke, ich schreibe heute die Fortsetzung nach dreieinhalb Jahren :-). Wie geht es Ihnen denn heute? Aus Rainer ist ja auch irgendwann Twix geworden. GLG von Franka Kranz
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Ich war genauso gerührt über ihren Artikel in ihrem Blog. Dass es so einen Artikel überhaupt gibt, ist einer ganzen Kette von Zufällen zu verdanken (angefangen hatte alles mit einem Zettel, der an einen Baum anheftet war, dass jemand für die „Zeitschrift der Straße“ etwas über den Bürgerpark schreiben wollte. Darauf hatte ich dann geantwortet „Ich hatte mich im Bürgerpark in eine Frau verliebt, und mit der war ich dann innerhalb von 10 Jahren fünfmal zusammen“. Was Journalisten dann nach einem mehrstündigen Interview daraus machen – siehe den Artikel von Herrn Maurer…
Obwohl der Artikel bereits im Juni 2016 in der NEON erschien, hatten Sie ihn erst Ende April 2017 gelesen. Zum selben Zeitpunkt bekam ich auch eine Anfrage von einer Kommunikations-Studentin aus Hannover, die Fotos von mir machen wollte für eine Fotostrecke für ihre Diplomarbeit.
Was den Artikel selbst betrifft: Die reinen Fakten stimmen alle. Das Emotionale ist allerdings stark erhöht (da hat mich selbst meine Schwester nicht wiedererkannt), aber das ist journalistisch gewollt; ansonsten wäre so ein Artikel fahl dahergekommen, wenn da nur gestanden hätte „Da war jemand innerhalb von 10 Jahren fünfmal mit derselben Frau zusammen“.
Googeln Sie mal nach „Die Bank, der Banker und sie“ – unter dieser Überschrift erschien zunächst der Artikel mit der Bürgerparkgeschichte in der Zeitschrift der Straße.
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Raider
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P.S. Zwar etwas schwer den Artikel „Die Bank, der Banker und sie“ in der „Zeitschrift der Straße“ zu lesen, aber hier fidet man ihn: https://www.yumpu.com/en/embed/view/ZPzcBDzU3Pv0KeTs
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Mir fiel gerade wieder ein, dass Sie ja mal diesen WordPress-Eintrag geschrieben hatten, und ich hatte über die Frosch-Liebesgeschichte neulich ein Video gedreht:
P.S.: Mag sein, dass, wenn man die obige Seite aufruft, auch noch andere Videos von mir angezeigt werden (die dauern alle etwa 2 Minuten); die meisten davon sind reiner Blödsinn.
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Schicke Weihnachtskrawatte und natürlich frohe Weihnachten für Sie 😊
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Die Krawatte hatte ich nur umgebunden, weil ich auf dem NEON-Foto ebenfalls eine Krawatte trug (die man da allerdings nicht so gut sehen kann).
Ich wünsche Ihnen auch frohe Weihnachten.
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