Sperrmüll – alles muss raus!

Es sind gerade Faschingsferien und ich bin mal wieder zu Besuch in meiner Heimatstadt. Ich muss meiner Mutter beim Sperrmüll helfen. Im Gegensatz zu Oma Luisegunde gehört die Coburger Oma zur Wegwerfgruppe. In meinem Elternhaus finden sich wenig alte Erinnerungen und jetzt als mein Vater gestorben ist, hat meine Mutter das Bedürfnis zu räumen und wegzuwerfen. Alles muss raus! Als wir die Sachen vom Dachboden und dem Keller rausholen, zieht mein Leben an mir vorbei: Die Wickelkomode fast 48 Jahre alt, das Stockbett aus der Teenagerzeit, der kleine Flurzimmerschrank aus meiner Studentenwohnung… Das weiße Fahrrad ist auch dabei. Da habe  ich oft nachts nach eins als die Straßenlaternen schon aus waren kräftig in die Pedale getreten, um schnell von der Stadt nach Hause zu gelangen. Ich hatte in der Finsternis Angst. Um mich zu beruhigen hatte ich beim Radfahren stets einen Walkman auf dem Kopf mit dem ich vorzugsweise David Bowie hörte und auch mitsang: There’s a starman waiting in the sky!

Für meine Mutter ist das Um- und Ausräumen eine Art Psychotherapie. Außerdem schmiedet sie schon Pläne für die Zukunft:  Reisen und den Führerschein Auffrischungskurs bei Pensionär Sigi. Sie hat letztens sogar gewagt die Stadtautobahn (zweispurig mit Tempolimit 70) zu befahren.

Ich hingegen besuche seit fast zwei Jahren Herrn B. Herr B. ist Heilpraktiker und mehr. Für mich ist er sowas wie Gott, was zum Teil darin liegt, dass er so ausschaut, wie mein Kindheits Ich, sich den lieben Gott vorgestellt hat. Weil ich ja inzwischen mittelalt bin, werden auch die Gedanken komischer, zumindest ist es bei mir so. Auf jeden Fall versucht Herr B. mit mehr oder weniger Erfolg meine Überschriften wegzubekommen. Alles muss raus! Das ist aber nicht so leicht. Heute muss er sich alle meine Geschichten aus meinem Blog anhören. Nach 1,5 h Vorlesen blickt Herr B. zu mir und sagt: „Frau P., das hat therapeutische Qualität. Machen Sie ein Büchlein daraus!“ Na, wenn das keine neue Überschrift und  Zukunftspläne sind?!

Ich rufe nach der Therapiestunde meine Mutter an. Sie hebt mit folgenden Worten ab : „Rat mal, wo ich gerade bin? Ich bin gerade in der Anmeldung bei der Fahrschule und hab die Handynummer von Sigi in der Tasche !“ Wir verabreden uns in der Stadt und ich versuche sie zum Thema Fahrschule ein wenig auszuhorchen. Meine Mutter gibt sich wortkarg: „Also diese Woche hab ich schon gleich gesagt, dass es nix mit der Probestunde wird. Aber ich habe dem Sigi auch meine Handynummer gegeben!“ „Mutti! Du hast dein Handy nie an!“, entgegne ich enerviert. „Dann mach ich es halt mal an“, schnappt sie zurück.

Tief Luft holen und loslassen, let it flow, alles gut! Zuhause und eine Stunde später überlegt meine Mutter laut: “ Da werden die Nachbarn denken: Kaum ist er unter der Erde, da kommt schon der nächste. Aber es steht ja Fahrschule drauf.“ Ganz klar, sie hat eine neue Überschrift im Kopf, die hoffentlich nicht wieder raus muss! Wir werden sehen…

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