Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen?o

https://www.youtube.com/watch?v=BwCo7jDo6-k

Beinahe hätte ich dich kennengelernt. Zumindest durfte ich dich bekochen. Ich glaube, es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch. Ganz genau kann ich mich nicht erinnern, es ist schon fast 30 Jahre her. Mich getraut mit dir zu unterhalten, habe ich nicht. Das weiß ich noch sicher.

Ich bin 18 und habe gerade das Abitur gemacht. Ein langer Sommer liegt vor mir und ich habe keinen konkreten Plan von meiner Zukunft. Aber zumindest lässt es sich in der Gegenwart mit Musik und Livekonzerten grad gut leben. Deine Lieder füllen die Straßen meiner Stadt, die Kneipen, die Studenten WGs und mein Kassettendeck in meinem Auto wie in einer Endlosschleife aus: „All you need – is a long, long summer!“

Drei Jahre später, ich studiere brav und habe meine erste feste längere Beziehung, singst du plötzlich deutsch und deine Lieder treffen meinen Nerv zu 100 Prozent. Ich kann mich sowohl mit gefühlvollen Wortschöpfungen:  „Kauf dir ein Halsband aus Samt, leg es mir um und führ mich herum“ als auch mit der nüchternen Erkenntnis: „Mach das Licht aus, wenn du gehst und dreh dich nicht um“, identifizieren.

Meine Zeit im Studium ist unbekümmert und ich besuche möglichst viele Konzerte von dir. Ich kann deine Metaphern zu den Abgesängen des Lebens auswendig: „Die Hose, die du mir gehäkelt hast, werf ich in den Container der Heilsarmee rein“ oder „Ein Salat darf nie mit Nudeln sein, denn das rächt sich bitterlich.“

Selbst im fernen Australien, als ich in einer kleinen Jolle das Great Barrier Reef erkunden möchte und auf dem Weg dorthin vor Angst fast sterbe, dass mich die riesigen Wellen in die ewigen Fischgründe befördern, bist du bei mir: „Schwere See, schwere See, mein Herz!“

Nachdem meine Studienzeit vorüber ist und ich endlich eine Lehrerin geworden bin, muss ich meine Stadt  für meine erste richtige Stelle verlassen. In der Fremde spendest du mir Trost: „Wo ist der Gott, der uns liebt, ist der Mensch, der uns traut, wenn der Morgen graut?“

Auch als mich meine Stadt nach fünf Jahren wieder hat, verlässt du mich nicht. Zwar bin ich inzwischen verheiratet, aber leider anderweitig verliebt. In unserem neugebauten Haus mit riesigen Glasflächen fühle ich mich wie eine eingesperrte Prinzessin und hänge Träumen hinterher, die niemals wahr werden: „Es regnet, schon wieder eine Nacht am Fenster zugebracht und Träume durchgekaut. Und im Garten blüht die Illusion…“.

Meine Ehe ist ein Jahr später zu Ende und du flüsterst mir zu als ich das gemeinsame Haus für immer verlasse: „Jetzt musst du springen!“. Gottseidank hat das Leben noch einiges für mich parat. Beruflich läuft es gut, ich bin endlich zu einer gestandenen Lehrerin geworden. Ich bin baff als ich entdecke, dass du Einzug in ein Deutschlehrwerk gehalten hast: „Frisch geduschte Augen löffeln ohne Arg aus Satellitenschüsseln das Leben ihrer Wahl.“ Leider ist mir bewusst, dass ich eher einen Kreis quadrieren könnte, als diesen Text meinem Schülerklientel didaktisch-methodisch zu vermitteln.

Mit 40 verliere ich dich ein wenig aus den Augen. Ich verlasse meine Heimatstadt zum zweiten Mal, diesmal für immer. Nach fünfjähriger Wochenendbeziehung ziehe ich zu meinem neuen Partner. Ich bin schwanger, alles ist eine große Umstellung und manches rückt in den Hintergrund, da meine Tochter viel Raum und Zeit einnimmt: „Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter, damit die sieht wie hoch ihr Kind schaukeln kann.“

Langsam werde ich mittelalt, wie du auch. Die Gedanken werden komischer, der Körper beugt sich der Schwerkraft. Du kommst mir wieder näher, wenn ich an Vergangenes denke: „Der Lack ist bei uns beiden zwar schon ab, doch alten Resten eine Chance…“.Und plötzlich bringst du eine neue CD raus, die mich mal wieder bis ins Mark trifft. Ich erwache aus meinem Dornröschenschlaf und fühle mich ziemlich lebendig! Obwohl ich dich in den fast 30 Jahren niemals kennengelernt habe und manche Worte überflüssig sind, weiß ich, dass es so ist: „Über dir, über mir dieselben Sterne“.

 

 

3 Gedanken zu “Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen?o

  1. Avatar von Daggi M. Daggi M.

    Man fühlt, wie dich die Songtexten gefangen nahmen- im positiven Sinne, wie fasziniert du warst von den Worten, die dir in verschiedensten Situationen in den Sinn kamen…

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