Das ist Wap!

so tönt die Hasi schon morgens früh gut gelaunt und schiebt auf dem Weg zur Schule die CD in den Player im Auto. Zu hören ist ein christliches Geheule Jesus ist Hoffnung der Menschen“, welches sie mit  dem Schulchor in der Vorweihnachtswoche aufführt. Im Nachspann erfolgt der lang ersehnte Sprechgesang. Er hört sich nicht ganz so an wie der Wap von den Wappern aus der fernen East- und Westcoast. Ich verschließe meine Ohren. Zu sehr wird mir meine Konfirmandenzeit in den 80ern im Jugendhaus mit holzvertäfelten Wänden, grünen Holzstockbetten, Stockbrot und Etagenduschen vor Augen geführt. Ich schmecke lauwarmen Hagebuttentee ohne Zucker.

Mittags geht es musikalisch schon mehr zur Sache. Schulfreund P., der die lateinischen Fachbegriffe der deutschen Grammatik besser kennt als meine 9. Klässler, versucht vergeblich auf Claras bzw. das alte Handy vom Inscheniör, Rockstein zu schreiben. Weil das, so Clara, ist voll hart, das hört der Henry. Ich tippe Rammstein ein. Sogleich entreißt mir meine Tochter das Handy  und verzieht sich mit P. in ihr Zimmer. Der Schlüssel dreht sich im Schloss und es wummert der Lautsprecher des alten windows phone auf volle Pulle. Wie mag das erst in der Pubertät werden? Es gibt gottseidank nur eine Pubertät. Das haben heute meine lernwilligen Schüler im Duden nachgeschaut: Pubertäten würden die Tauschparkplätze der Republik zum Erliegen bringen!

Aha, es folgt ein Rollenspiel im Anschluss: Clara holt sich die Gerte… ich bin die böse Besitzerin…höre ich sie mit einem Ohr sagen. Welche Rolle muss wohl P. spielen? Jetzt aber erst mal zu Ballett, das hasst die Hasi total und ist voll dumm! Ist mir aber wurscht, ab und zu muss ich mich schließlich auch mal durchsetzen.

Heute abend schleppe ich den Inscheniör zu einer Lesung. Der aufmerksame Leser weiß, wohin es geht. Es liest Sven in Nürnberg aus seinem neuen Buch „Wiener Straße„. Das ist der, der mal gefragt hat, wieviel Erdbeereise man essen muss. Seitdem habe ich unzählige Erdbeereise gegessen und bin inzwischen ein Erdbeereisgeschmacksspezialist geworden. Unter uns, das Durchschnittserdbeereis ist auch nicht mehr das, was es mal war. Der Erdbeergeschmack kommt nicht von der genannten Frucht, sondern von Schimmelpilzen und Holzspäne. Kann man nach googeln. Bin einer Mogelpackungen aufgesessen mit Nachgeschmack im Abgang.

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf Sven und einen Ausflug in die 80er als es noch die Mauer in Berlin gab, West und Ost, Punker und Popper, die Grünen cool und die CDU doof waren. Da waren die Grenzen wenigstens klar definiert. Und mein Inscheniör ist gerade kuschelweich im Abgang und ich weiß, er würde den Freitag lieber zuhause bei The Walking Dead vorm riesen TV verbringen. Aber hin und wieder ist halt doch ein bisschen Beziehungsarbeit angesagt.

So, dann hoffe ich mal auf einen gelungenen Abend, so dass ich weiß, wofür ich morgens aufgestanden bin.

Noch verliebt???

Gib eine Beschriftung ein

Montags ist der Duschtag bei der Hasi, weil sie da mit ihrer Klasse immer auf dem Bauernhof ist. Und je nachdem, welcher Dienst ihr aufgetragen wurde, riecht sie mal mehr oder weniger streng nach Viechzeug. Heute hatte Clara Schweinedienst. Ach, wie pädagogisch wertvoll die Montessori Schule doch ist, so denke ich, als ich meiner Tochter die Haare unter Gebrüll trocken rubble, 350 Flocken im Monat, dass die Göre lernt, nen Stall auszumisten!

Während Clara sich bettfertig macht, beäuge ich kritisch mein Gesicht am Vergrößerungsspiegel um unliebsamen, an unerwünschten Stellen wuchernden Haaren, gleich den Garaus zu machen. Werde wohl langsam zur Goldgrube für meine Kosmetikerin… Mama, ist man in deinem Alter noch verliebt? Ich zucke zusammen. Bevor ich was sagen kann, antwortet sie mir fast abgeklärt: Ja, ich weiß in den Papa. Plötzlich werden ihre Augen zu Schlitzen als sie mich eindringlich mustert. Automatisch ziehe ich den Bauch ein. Tut ihr auch noch sexy von oben bis unten??? Hasi, wo denkst du hin! Man ist dankbar, dass man sich hat, jeden Tag seine Arbeit schafft und gesund ist, so seufze ich. Und was meinst du mit von oben bis unten sexy? Na, sich küssen – so überall!, antwortet sie mir wie selbstverständlich.

Ist das wirklich so? Bin ich in einem Alter zwischen Baum und Borke angelangt? Irgendwie im Niemandsland angekommen? Das Gefühlschaos, wenn man in jungen Jahren verliebt war und sich weggebeamt hat und nur für den Augenblick gelebt hat, mag im Mittelalter nur zu einer Herzattacke oder Rückenbeschwerden führen. Und wie ist das im Alter meiner Mutter als Witwe?

Unter uns, ich hab da schon einen für sie im Visier: Henrys Opa! Als wir Clara letzten Samstag von Henrys Geburtsparty abholten, hab ich den Opa endlich live gesehen. Hab ihn sofort abgescannt und kam mir vor wie ein Pferdehändler, der schaut, ob das Gebiss noch vollständig ist. Das Unterfangen wird schwierig werden, denn meine Mutter ist widerspenstig: Mir kommt kein Mann mehr ins Haus. Was will ich mit so alten Männern, wo ich doch biologisch soo viel jünger bin … und außerdem möchte ich dich mal sehen, wenn hier ein Neuer sitzt und du kommst rein… Hm, was würde ich wohl sagen: Tut ihr auch sexy von oben bis unten?

Aber zurück zu sexy von oben bis unten. Macht es das nicht aus, dass man sich auch ohne Worte blindlings versteht? Dass man in Eintracht bei einem Fläschchen Rotwein die gleichen Gedanken teilt? Und wenn es mal ein bisschen tröger sein sollte, kann man ja immer noch zu den Social Media greifen. Who is your identical twin in history? heißt ein Test in facebook. Der Zwilling vom Inscheniör ist Marlon Brando, der Beichtkamerad ist Elvis und ich bin Vivienne Leigh. Argh! Die Ashley Nummer ist doch durch. Schnell wähle ich ein anderes Foto von mir aus und siehe da: Marylin Monroe. Und irgendwie wusste ich es doch immer: Diamonds are the girls best friend…

Wandern – totally old school


Das Highlight jedes Lehrers ist der alljährliche Wandertag. Da kann man sich nicht drücken, denn er ist vom Kultusministerium vorgeschrieben. In meiner 20 Jährigen Wandertagkarriere habe ich einiges erlebt: 

– russische Mädchen, die in Stöckelschuhen einen Trimm-dich-Pfad zum Erlebnisparcour gemacht haben. 

– Schülergruppen, die sich nach einem gesunden Fußmarsch plötzlich auf die Hälfte dezimiert haben, obwohl man als Lehrkörper vorher ordentlich auf Vollständigkeit durchgezählt hatte. 

– Wanderungen, wo man sich als weibliche Begleitperson blindlings auf den männlichen Kollegen verlässt und diese sich in den Sackgassen der Vorstädte verlaufen und die Aussicht auf Schuhgeschäfte und weiteren Shoppinghöhepunkten somit gen Null tendiert 

Aber heute, so dachte ich, habe ich alle möglichen Restrisiken dezimiert. Mein Parallelkollege, schnittig, dynamisch und fast 20 Jahre jünger als ich, ergänzt sich gut mit mir. Er sucht die Route aus – ich hab die Pizzabestellung unter meiner Fittiche. Als ich früh das Lehrerzimmer betrete, hat mir dieser die Route ausgedruckt, in Form von drei Blättern, jeweils mit eingezeichneter Route und Kilometerangaben. Ich überfliege diese und komme grob geschätzt auf 10 km, ein Kinderspiel für meinen trainierten Körper in den besten Jahren. 

Im Regen wird gleich zackig marschiert, ich  bin schon nach 100 Meter außer Atem. Zwei Jungs aus der Parallelklasse machen das Tempo. Meine Güte, hatten die kenianische Langstreckenläufer unter ihren Vorfahren? Der Blick in die idyllische fränkische Landschaft sowie der nette Plausch mit Schülern bleibt mir untersagt, ich muss schauen, dass ich nicht den Anschluss verliere. Ich beiße die Zähne zusammen. Selbst, wenn ich jetzt gerne Wutwandern wollte, die äußeren Umstände hätten mich eines Besseren belehrt. Die Schüler marschieren ohne zu murren, lassen sich ohne Widerrede im Gänsemarsch einordnen, sie machen das Prozedere jedes Jahr mit, seit der 7. Klasse. Nach sechs km strammen Fußmarsches ohne jegliche Pause, gebe ich dem Kollegen per Handzeichen  zu verstehen, dass ich mal einen Busch aufsuchen muss. Natürlich diskret, muss ja  kein Schüler wissen. Kaum aus dem Unterholz gekrochen, warten einige Schüler in nächster Nähe und rudern wild mit den Armen: Frau P! Jetzt aber schnell, sonst verlieren Sie den Anschluss!!! 

Was soll ich sagen, es gibt eine fünf Minuten Pause, reicht um sich schnell den Schweiß abzuwischen und sich eine Banane einzuverleiben, die Lebensversicherung gegen die völlige Unterzuckerung. Wir brechen jegliche Rekorde, nach drei Stunden und 14 Kilometern, erreichen wir die Pizzeria. 20 Minuten reichen, um sich mit den ungesunden Kalorien zu stärken und immer noch in der Energiebilanz im Minus zu sein, dann gilt es noch die letzte Hürde zu überwinden: den Berg zur Schule. 

Jetzt brauch ich erstmal eine Pause. Ich suche Trost bei Frau Jagehfei. Die gibt sich jovial: Ich war schon fast neidisch auf dein Natur-Tag-Erlebnis. Fehlen nur noch die verschmitzten Doppelzwinker-Smileys hinter dieser Aussage. Jetzt muss ich aber wieder weitermachen mit Unterrichten bzw. mit Film schauen, schließlich muss man sich den Nachmittagsunterricht nach einem Gewaltmarsch nicht noch schwieriger gestalten . Als ich die Zimmertüre zu meinem Klassenzimmer aufschließe, wabbert mir ein olfaktorisches Tschernobyl entgegen: die komplette Klasse hat sich brav ihres Schuhwerks entledigt und chillt brav auf dem Ecksofa einem sinnentleerten Film. Ok, Luft anhalten und die nächsten eineinhalb Stunden durch den Mund atmen. Hauptsache sie sind friedlich und ich kann mich von der Strapatze erholen. Und beim nächsten Wandertag, da sch… ich auf‘ s Kultusminesterium und ich geh mit der Frau Jagehfei in eine coole Vernissage mit anschließenden Shoppingmöglichkeiten. Ich schwör!!

Wutwandern

Mit meinem niegelnagel neuen 1er BMW gleite ich die A 73 in Richtung Heimat und höre Bayern 1. Ich würde ja gerne was anderes hören als die ollen Kamellen wie eternal flame, seasons in the sun und wo sich die Fußnägel bis zu den Fingerknöcheln hochrollen: tausendmal berührt… und es hat Zoom gemacht. Bin aber leider zu blöd, die Elektronik meines neureichen Schlittens zu bedienen, deshalb dudeln die besten Hits aus den 80ern. Zwischendrin wird gerade eine Frau aus Niederbayern interviewt. Sie hat eine Marktlücke entdeckt. Leute fahren meilenweit zu ihr um „Wut zu wandern“. Man läuft, so schnarrt eine Stimme mit fiesem bayerischen Dialekt aus dem Radio, 20 Minuten in den Wald, zerdeppert ein paar Ziegel und schwupps ist man auf dem Weg zur selbstbestimmten Frau. Denn, so gurrt die wohl frischgebackene niederbayerische Millionärin weiter, gerade Mädchen unterdrücken ihre Wut, sind oftmals sehr angepasst und wollen gefallen. Ist mir schon irgendwie klar: Nett, ist die kleine Schwester von Scheiße. Ich bin baff! Jahrelang gehen meine Bushäuschenfreundinnen und ich in Therapie, damit wir nicht an all den ungesagten Worten ersticken, wir uns wieder selber lieben lernen, nicht mehr bedürftig sind, unseren Mütter endlich verzeihen können, weil sie nicht stets einen liebevollen Blick in unseren Kinderwagen geworfen haben und und und.
Und jetzt erfahre ich, dass ein paar zerdepperte Ziegel zum selbstbestimmten Leben führen. Die Hasi hat auch schon voll die „zerdepperte Ziegel“ Art drauf. Erst letzte Woche kam ihr Busenfreund Beppi heulend beim gemeinsamen Spielen ins Wohnzimmer zu uns Erwachsenen gelaufen. Beide kennen sich schon seit der pränatalen Phase, da seine Mutter und ich im Geburtsvorbereitungskurs nebeneinander hechelten. Die Clara hat mich die ganze Zeit damit gehauen und hält das Beweisstück, eine Reitgerte, in der Hand. Diese seufzt müde: Tu den Schürhaken weg! Die Hasi hüpft fröhlich dem Beppi hinterher und korrigiert: Es heißt nicht gehauen, es heißt gepeitscht! Eine noch müdere Stimme entgegenet: Dann müsst ihr halt ein safe Wort ausmachen…

Meine Mutter beherrscht das Zerdeppern der Ziegel auch aus dem FF. Sie kann das Leben annehmen wie es ist, meist ohne Sentimentalitäten. Beim gemeinsamen Mittagessen heute, selbstverständlich ein weight watcher Gericht, verzieht sie keine Miene als sie eine Spaghetti in ihren Mund verschwinden lässt: Morgen, geh ich mal wieder zu den weight watchers um meine Goldmitgliedschaft verlängern zu lassen und um mir die Dicken dort anzuschauen. Aber vorher muss sie noch Rasen mähen, unliebsame Topfpflanzen zurechtstutzen und räumen. Räumen räumt sie wohl innerlich auf, auch eine Art Ziegel zu zerdeppern!

Und ich? Ich wiege gerade mehr als meine Mutter und quäle mich bei meinem Fitnessguru bei einem neuen Trainingsprogramm. Er fragt nach meinem Essverhalten. Heute früh einen Quark mit einer Banane, mittags Vollkornspaghetti mit Lachs und Spinat und abends Salat mit Birne und Ziegenkäse, so rattere ich brav hinunter. Die Birne lässte weg, erhöht nur deinen Insulinspiegel. Was? Ich vergesse fast das Schnaufen als ich auf dem Rücken das Klappmesser ausbalanciere und meinen Bauch dabei einziehe. Dachte, ich hab hier den optimalen Ernährungsplan runtergelogen und nun ist auch noch die Birne schlecht. Die Pizza mit allem drauf, wie beispielsweise fettige Salami, die es morgen nach dem Wandertag gibt, verschweige ich wohlweislich. Abends sinniere ich mit Freundin Lore beim zweiten insulinfreundlichem Glas Frankenwein: Es ist Herbst, da sollst du loslassen, was du nicht haben willst und ernten, was du willst!


Welch weise Schlussworte, die geb ich gleich mal meinem Inscheniör weiter. Der hat nämlich gerade schreckliche Alpträume, dass ihm sein GLK gestohlen wurde und er Geld für zwei Autos berappen muss…

 

Angie aus Australia

Komme gerade von meiner ureigenen Bürgerpflicht, nämlich vom Wählen. Die Hasi hab ich mitgenommen, man kann mit der Schulung des Demokratieverständnisses nicht früh genug anfangen. Der Inscheniör ist zudem Wahlvorsteher unseres Stimmkreises. Seit früh um sieben ist er schon unterwegs um mit Argusaugen für eine ordentliche Durchführung der Stimmabgabe zu sorgen. Argh, was ist denn da los? Ich zerre an dem Bleistift in der Kabine. Hat der Inscheniör die Stifte mal wieder so kurz angebunden, dass ich mein Kreuzchen gar ned bei den Grünen machen kann?? Clara beobachtet aufmerksam mein Ringen mit dem Bleistift: Was für eine Stimme hast du jetzt angekreuzt? Die drei Damen an der Urne quittieren die Anmerkung mit Lachen und die Lehrerin erklärt eben mal die Wahlgrundsätze von geheim und frei uns so weiter. Wenn nur die Stifte nicht so kurz angebunden wären…überlege ich beim Hinausgehen.

Zuhause ruht sich der Inscheniör auf dem Sofa aus, bevor es um 18 Uhr mit der Auszählung weitergeht. Auf den Rücken liegend hat er sich die Decke bis zum Kinn gezogen, die Arme parallel zum Körper gebettet. Was los?, frage ich. Bist kurz vor der letzten Ölung? Der Hals kratzt wieder mehr, so ertönt es leidend unter der Wolldecke hervor. Wer feiern kann, der muss hinterher auch ned jammern,  kommentiere ich unsensibel.

Freitag haben nämlich der Beichtkamerad und seine Frau eingeladen. Eigentlich wollte der Inscheniör nur ein- zwei Stündchen bleiben, deshalb darf die Hasi auch mit. Du kannst ja länger bleiben, bietet er mir unter Räuspern an. Na, dann! Auf der Feier treffen wir fast nur altbekannte Gesichter: die Jugendfreunde vom Inscheniör, nun auch schon reife Jungs um die 50. Letztes Jahr gab es einige runde Geburtstage. Und irgendwann war ich da fast ein bisschen müde von der x-ten Dalliklick Foto Vorstellung mit nackten Oberkörperbildern auf Mofa oder beim Saufgelage – alles im rotstichigen Kolorit der 80er.

Neben den altgedienten Freunden, sind noch zwei weitere Paare eingeladen, unter anderem eines aus Australien: Angie und Mick. Die sind richtige Feierbiester und Prosecco und Wein fließen in Strömen. Der Inscheniör mischt sich unter das englischsprechende Volk und redet munter drauf los. Er hat da wenig Hemmungen, to-do-Umschreibungen findet er beispielsweise überbewertet. Mich hat er diesbezüglich eh ausgeknockt, indem er sofort erzählt: Meine Frau ist übrigens Englischlehrerin! Ich habe lediglich einen zweiwöchigen Fortbildungskurs der oberfränkischen Bildungsoffensive in Bäd Alexandersbad mit Lore absolviert. Dorten habe ich mehr oder wenig gelernt wie man englische Freiarbeitsmaterialien aus Salzteig backen kann. Mit meinem Englisch ist es nicht so weit her, deshalb meide ich die australische Partyfraktion. Derweil gebe ich mich mit den anderen Frauen der Jugendfreunde dem Abendessen hin: köstliche Antipasta und der berühmte Eier-Auberginen-Auflauf des Beichtkamerads. Während ich das köstliche Souffle in mich hineinschaufle , werden Erinnerungen wach nach Italien- Toskana- Vada. Eines der Highlights war immer die Zubereitung von diesem Gericht, eine Zeremonie, bei der der Beichtkamerad im gutgeschnittenen Badehöschen den ganzen Tag die Auberginen in Olivenöl rausgebrutzelt hat.

Ach ja, Essen ist halt doch der Sex des Alters. Während ich mich mit meiner Tischnachbarin über das bayerische Schulsystem austausche, läuft die Party mit den anderen zwei Pärchen zu Höchstformen auf.  Leider ist es inzwischen 23 Uhr und ich muss mit der Hasi mal langsam los. Dem Inscheniör ist scheinbar eine Spontanheilung widerfahren, deshalb muss ich meine Tochter ins Bett bringen.

Die Buschtrommeln erzählen mir am nächsten Tag, dass ich die entscheidende Szene des gestrigen Abends verpasst habe. Irgendwann zur fortgeschrittenen Stunde muss Angie aus Australia das zarte Oleanderbäumchen, welches der Beichtkamerad liebevoll von Vada 900 km über den Brenner ins Fränkische transportiert hat, sich zwischen die Schenkel geklemmt haben und damit wie Bibi Blocksberg auf ihrem Besen geritten sein. Warum erzählst Du mir das nicht?, frage ich vorhin leicht beleidigt den Inscheniör. Er rechtfertigt sich: Musst ich  psychologisch betrachtet, verdrängen. Außerdem muss er jetzt wieder los. Es ist fast 18 Uhr. Der Countdown läuft. Ich lese ihm schnell diese noch nicht zu Ende gebrachte Geschichte meines Blogs vor, nicht dass der Inscheniör zu schlecht wegkommt. Was?, entrüstet er sich. Deine Stimme ist ungültig. Du darfst die Clara nicht mit in die Kabine nehmen, sie kann ja lesen. Das ist verboten. Da muss ich sofort den kompletten Stimmbezirk 10 zusammenstauchen! Clara hat vorhin übrigens gesagt, dass sie Grün wählt, erzählt mein Mann noch beim Hinausgehen. Da hab ich ihr aber gleich gesagt, dass die Grünen alle Drachen abschaffen würden, weil diese Feuer speien! Das ist ökologisch betrachtet eine Katastrophe. Clara liebt zur Zeit den Drachen „Ohnezahn“ aus dem Film „Drachenzähmen leicht gemacht“.

So und jetzt zum Schluss noch ein Blick auf die erste Hochrechnung: unsere Angie fliegt nicht mit dem Besen fort, weder nach Australien noch sonst wohin. Die Muddi bleibt uns in der vierten n Legislaturperiode erhalten. Die Grünen sind im Bundestag auch weiterhin dabei, obwohl die Stifte im manchen Wahlkreisen recht kurz angebunden waren. Und was Angie aus Australia und dem Oleanderbäumchen geworden sind, weiß ich gerade nicht. Aber irgendwie muss ich ja auch nicht alles wissen.

 

Crocodile Dundee an der Appiano sulla strada del vino

Der Inscheniör, die Hasi und ich sind schon voll europäisiert in den Sommerferien: erst Frankreich, dann Italien, genauer gesagt  Eppan, Südtirol. Der Inscheniör ist inzwischen mehr als großzügig, denn er ist in einem Alter, wo die Ansparphase vorbei ist und er das Geld wieder dem Wirtschaftskreislauf zuführt.

Mit im Gepäck haben wir Oma Karin und Onkel Heinz aus Australien. Letzterer ist der ältere Bruder meines Vaters, er zählt 86 Lenze, der Rhett Butler, ich hab ihn hier schon mal erwähnt. Schon die Hinfahrt ist spektakulär: Stau über Stau! Nach dem Grenzübergang in Reutte entscheidet sich der Inscheniör für die off Road Variante: das Imst Joch. Wir staunen nicht schlecht: Schnee und Kühe auf der Straße. Mein Patenonkel ist begeistert- sein erster Schnee seit 1975.


Nach neun Stunden mit Schnee, Wind, Kehren und versunkenen Dörfern sind wir endlich da. 


Das Hotel gefällt, beim Abendessen nimmt man schon vom bloßen Anschauen zu und die Betten sind zwar hart, aber machen offensichtlich keinen Rücken. Oma Karin ist auch zufrieden. Zum Frühstück mampft sie munter drei Brötchen rein. Das sind 30 Punkte. Da darf ich heute nix mehr essen , so kommentiert sie danach und legt besorgt ihre Stirn in Dackelfalten. Aber Urlaub ist schließlich Urlaub und ich verrate meine Mutter nicht bei den Weight Watchers. Nicht dass ihr die Goldmitgliedschaft entzogen wird und die vom Mund abgesparten Punkte nix mehr wert sind.

Schon am ersten Tag beim Weinfest in Girlan bekommen wir Besuch von den beiden As. Der eine A. ist ein alter Freund vom Inscheniör. Es ranken sich sagenumwobene Geschichten um A. , dem Beichtkameraden und dem Inscheniör: das legendäre Dreiergespann. Jeder von den dreien hat die martialischen Fotos in seinem Album: A. steht unten, rank und schlank, das hautenge Designerunterhöschen mit Eingriff bis knapp unter die Achselhöhlen gezogen, auf ihn der Beichtkamerad und ganz oben der Inscheniör, natürlich alle schwarzgewändert, schließlich waren es die 80er. Das Bild erinnert mich immer an die Bremer Stadtmusikanten: Esel – Hund – Katze und zum Schluss der Gockelhahn. Ich lasse an dieser Stelle mal den Bezug zu der Tierwelt unkommentiert. A. ist nämlich a Gscheiterle, eloquent und sprachbegabt. Da verzeiht ihm seine Freundin A., die ebenso beredsam ist, dass er die Stocknägel der ganzen Region aufgekauft hat und sie händisch in seinen Rübezahlstock klopft. 

Nach zwei Tage sind wir fast zu einer Patchworkfamilie zusammengewachsen – oder zu einer Großfamilie: Onkel Heinz kennt im Hotel inzwischen jeder! Wir wandern gemeinsam am Mendelpass, überraschen uns in Eislöchern und hecheln  in der sengenden Mittagssonne am Kalterer See! Die Hasi ist zufrieden, solange man sie nicht eine wehleidige Prinzessin nennt, wir ihre Pferdchen sind und ihr Papa an jedem Souveniershop ein Andenken für sie kauft. 

Onkel Heinz haben wir insgeheim schon zum Wanderkönig erkoren. Mit seinen 86 Jahren erklimmert er die Gipfel wie eine Gemse, zwei Bierchen zwischendurch helfen als Treibstoff! Der Höhepunkt unseres Generationenurlaubs findet in einer Weinverkostung in Eppan statt. Wir haben uns einer Busreisegruppe aus dem Hessischen angeschlossen. Oma Karin und Clara sind im Hotel geblieben. Beide trinken keinen Wein. Ich bin ganz froh darüber, dass ich nicht den gestrengen Bilcken meiner Mutter ausgesetzt bin angesichts der diversen Gläschen über den Tag verteilt. Da bin ich plötzlich wieder Kind mit fast 50. Der Kellermeister gibt sich launig bei der Führung: Ein Südtiroler trinkt kein Wasser, sonst wird er stumm! Das Buspublikum – größtenteils bestehend aus Rentnerehepaaren, lustigen Witwen, Zurückgetriebenen in kurzen großkarierten Hosen und uns –  lacht brav. Nachdem der Pflichtteil rum ist, geht es endlich zur Verkostung: fünf Sorten werden kredenzt! Bei jeder Rebe werden die Sprüche des Kellermeisters schlüpfriger: Lagrein in der Blutbahn biste sexy wie ein Truthahn. Palim palim! Etwas weinselig machen wir uns auf den Heimweg. Wo um Himmelswillen ist denn Onkel Heinz abgeblieben? Oha! Er steht umringt von einer gurrenden Witwengruppe – fünf an der Zahl! Sie wollen ihn gar nicht mehr los lassen. A. und der Inscheniör – um Jahrzehnte jünger – sind blass vor Neid als sie tuscheln: Hast du das gesehen nur mit Blicken hat er beim Trinken fünf Babes klargemacht! 

Und wir sind uns alle einig: Onkel Heinz ist der Beste und Crocodile Dundee dagegen nur ein tröger Krokdilstreichler!

Sei kein Fakir!

 

Hey, so lautet die Botschaft von Andreas Bourani zumindest im übertragenen Sinne, wenn er singt: komm nicht auf Scherben zum Stehn! Ich bin mit meinem Inscheniör, Lore und deren Gatten in meiner Heimatstadt beim Open- Air- Konzert auf dem Schlossplatz. Heute Abend spielt Andreas Bourani. Er hat ganz viele Bushäuschenlieder geschrieben, die die Hasi und ich in meinem Mini hoch- und runter hören. Was ist ein Delirium?, so fragt sie immer, wenn das betreffende Lied kommt. Das ist, wenn du im Bushäuschen sitzt und du nicht weißt, ob der Bus planmäßig fährt oder der Busfahrer streikt! Äh, nein natürlich nicht. Also, Delirium ist, wenn du nicht mehr bei klarem Verstand oder Bewusstsein bist! Die Hasi gibt sich mit meiner Erklärung zufrieden, man muss schließlich nicht alles verstehen, was man singt.

Heute Abend sitzt aber keiner von uns in irgendeinem Häuschen. Es ist ein lauer Sommerabend. Wir haben es uns im Rondell inmitten des Schlossplatzes bequem gemacht bei Bier und Ballaballa. Lore und ich essen die bunten Zuckerschnürre jeder von einem Ende ab. Wer ist wohl schneller in der Mitte angelangt? Als es langsam dunkel wird, fängt es an: Wir sind wieder am Leben. Das Publikum geht sofort mit. Dooferweise hat sich zwei Meter vor uns ein Pärchen, welches haargenau genauso groß ist, positioniert.

Der Inscheniör will sich nicht geschlagen geben. Er nimmt kleine Kieselsteinchen und zielt in Richtung des Pärchens. Hörst du auf, zische ich. Besser wir schicken Lores Mann zu dem Pärchen! Dieser singt mit geschlossenen Augen- vor allem laut. Auch wenn Bourani nur ab und an links und rechts aus der Zuschauermenge auftaucht, der Stimmung tut es keinen Abbruch. Auch der Sänger gibt sich launig: Hallo Coburg! Meldet euch! Wer ist aus Coburg? Ich wedle fröhlich mit dem Arm. Wer ist aus dem Umland? Erfurt? Nürnberg? Der Inscheniör wedelt jetzt. Auch das Riesenpärchen meldet sich. Allmächt!, mein Mann schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen angesichts der gleichen lokalen Herkunft.

Ich genieße den Abend, nahe bei meiner Veste in schöner Kulisse mit Ehrenburg und Hofgarten. Und weil ich ja inzwischen wirklich mittelalt bin wie mein Heimatstädtchen sauge ich die leicht schwülstigen Lieder in mich auf …wir sind füreinander gemacht.. wenn wir bei uns bleiben, kommen wir überall hin…alles beim Alten…zwischen leise und laut…ein ewig Suchender sein…was tut dir gut, wo gehörst du hin, weißt du wo deine Wege sind?

Für so nen jungen Kerl hat Bourani schon viel an Lebens- und Liebesweisheit gefunden. So ist das wohl heutzutage, das Karussell dreht sich schneller als früher. Und mit dem Astronauten heb ich ab, nichts hält mich am Boden, die Bushäuschen, Häuser, Ehrenburg, Hofgarten und Veste sind blass und grau, ich seh die Welt von oben und hab Zeit und Raum verloren.

 

Reimes II : letzter Urlaubstag

https://m.youtube.com/watch?v=c_0sjMg-yRw


Ich sitze mit dem Inscheniör an unserem letzten Urlaubstag an der Kathededrale in Reims und wir trinken einen kleinen Aperitif. Die Hasi  jagt Tauben auf dem Domplatz, wenigstens für 5 Minuten haben wir Ruhe. Wir resümieren den Urlaub und ich komme zu dem Schluss, dass die Clara einen echten Entwicklungsschub gemacht hat. Der Inscheniör fragt: In welchem Bereich? Ich zucke resigniert mit den Schultern: In Anarchie und Provokation? 

Gegenüber von und sitzt ein deutsches Studentenpärchen. Ich spitze die Ohren, keiner ahnt hier an diesem Ort, dass wir Deutsche sind. Der Inscheniör beobachet genau. Der junge Mann trägt Nickelbrille und ein Kommunistenkäppie, wie der Typ bei Dr. Schiwago (also der erste Mann von Lara, nicht der Doktor). Ein Blick auf die Hände reichen: ASTA, Hände, die noch nie was gearbeitet haben, Philosophiestudent … oder sowas: 150 Seiten hat dieser in zwei Monaten Semesterferien geschafft in französisch zuschreiben, eine von diesen ging ihm aufgrund der literarischen Tiefe sehr nahe. Die Studentin gibt sich problembehaftet und arbeitet ihre Familiengeschichte über die Generationen hinweg auf. Ich möchte ihr am liebsten über zwei Tische den Tipp geben: Lass gut sein, sonst bist du den Typen los, bevor es überhaupt angefangen hat. Der Inscheniör rollt inzwischen die Augen. Ich setze nach:  Bei dir gebe es sicher auch einiges aufzuarbeiten mit deinem Vater. Inzwischen sind nur noch seine Augenäpfel zu sehen: Da muss nix aufgearbeitet werden, kann man eh ned ändern den Status quo!  Ich sinniere vor mich hin: Also mir tut Herr B. gut, der Arme, was er sich immer alles anhören muss.. Die Augäpfel sind immer noch nicht zu sehen als er mehr zu sich als zu mir sagt: Gar nix hast du, nur ein Frauengen. Ich bin mir da beileibe nicht so sicher.

Der Inscheniör ist zufrieden mit seinem belgischen Bier Leffe. Er resümiert: Frankreich ist schön , hat aber keinen Mehrwert. Es ist teuer, aber man kriegt nicht mehr dafür. Und für den Preis erwarte ich auch ein erstklassiges Englisch. Ich fand es auch schön, weil man viel entdecken konnte: angefangen von der deutsch-französischen Geschichte, über den Wind und das Meer bis hin zu den kulinarischen Herausforderungen. Und wenn ich wieder hier in Reims sitze, in dem gleichen Lokal wie vor zwei Wochen mit Blick auf das Karusell, dann freue ich mich auf zu Hause …

… auf meine Familie und meine Katzen und meine Freunde. Und ganz besonders freue ich mich auf die Lore, wenn wir bei einem oder mehreren Gläsern Wein die letzten zwei Wochen mit  unserem Frauengen wie folgt resümieren: Es ist wahrscheinlich wie Diabetes, man lernt damit zu leben! 


Der Wanderreporter

http://www.nordbayern.de/region/nn-wanderreporter-mit-dem-harry-lime-thema-nach-grafenberg-1.6513104?offset=2#ancTitle
Gottseidank sind wir auch im Urlaub immer on. 5 Gigabyte haben uns der Inscheniör und ich zusätzlich gekauft, um  am Puls nah der Heimat zu sein. Da werden auf Facebook die schönsten Urlaubsbilder gepostet, die die Freunde artig liken und kommentieren müssen. Auf whatsapp kann ich meinen Status aktualisieren und schauen, wie viel Besucher man zu welcher Uhrzeit hatte. Ach und ich habe ja noch meinen Blog. Mein erster Klick heute morgen? Selbstredend auf die Statistik! Hm, nur zwei Besucher aus Deutschland, der eine mit androidooglequicksearch, der andere mit search engine. Was sehe ich da? Ein Besucher aus Holland ist dazugestoßen! Jetzt aber mal Stopp! Es reicht, wenn die Hollis mich im in der Bretagne verfolgen, virtuell bitte nicht auch noch in meinem Blog. Oder ist es Freundin L. , die urlaubt zur Zeit auf einem holländischen Campingplatz?

Upps, ich merke, ich komme vom eigentlichen Thema ab: den Wanderreporter! Dieser wandert durch die fränkischen Landen und postet Tag für Tag Bilderstrecken von seinen Erlebnissen. Gestern am späten Abend schickt mir der Inscheniör einen Link von den Nürnberger Nachrichten zu: mit dem Harry Lime Thema nach Gräfenberg… Weiter ist eine Fotostrecke zu sehen, in der Opa Adolf und sein Kompagnion, der Satts Reinhard, in unserer BayWa Hütte glückselig an Zither und Gitarre sitzen. Mit Musik im Ohr läuft es sich bekanntlich leichter. Reinhard Satt und Adolf Prechtl gaben dem Wanderreporter ein Privatkonzert, so wird das Foto kommentiert. Auf dem nächsten zupft Opa selbstvergessen auf seiner Zither. Die beiden Volksmusiker spielten „the third man theme“, zu deutsch „der dritte Mann“ , so lautet der Text weiter.

Heute früh rufe ich sofort bei Opa Adolf und Oma Luisegunde an. Derweil wir uns beim Erbfeind mit den französischen Speisekarten ärgern müssen, pulsiert in Mittelfranken das wahre Leben. Mensch Opa, was lese ich denn da, bekannt aus Funk und Fernsehen!, so schreie ich ins Telefon (immerhin sind wir 1400 km weit weg), bevor er überhaupt seinen Namen gesagt hat. Ich höre bei Opa Adolf sogar über diese Entfernung, als hätte er gerade einen besonders dicken Fisch verspeist: Ja, der Reporter von der NN hat angerufen, er wollte ein Interview mit mir… erzähl ich zuhause genauer! Der hat Nerven, ich brenne für die detaillierte Schilderung desselben. 

Ich verlange umgehend Oma Luisegunde ans Telefon, die singt gewöhnlich wie ein Vögelchen. Bevor sie zum Wesentlichen kommt, muss ich mir anhören, dass der Kater Costa nur hinter ihr her rennt und um Futter bettelt. Das ist in jedem Urlaub dasselbe. Nach Omas guter Pflege wiegt er immer ein Viertel mehr. Vielleicht kann der Inscheniör zukünftig das Gewicht des Katers auch im Ausland mit einer App steuern und überwachen…So jetzt kommt sie zum Wesentlichen: Der war lang da und hat mit uns in der Küche geplaudert, bevor sie hinter in die Hüttn sind. Er hat mich sogar mit Namen erwähnt in der Zeitung und dass ich schon seit 65 Jahren im Kirchenchor singe, ein ellenlanger Artikel ist heute in der Zeitung …a netter Kerl is er aus Oberfranken aus Selb…da hab ich ihm gleich erzählt, dass du aus Coburg kommst und kommt bald heim … es is ja auch Kerwa!

Nee, nee, bin immerhin ein oberfränkisches Citygirl, auch wenn Coburg nur eine  Kleinstadt ist. Die Tradition der Kerwa in meiner neuen Heimat ist mir auch nach zehn Jahren suspekt, wenn die Kerwasau (das ist der Besoffenste der letzten Kerwa) wieder zum Leben erweckt wird oder die Kerwa mit einem lebenden Ziegenbock ausgetanzt wird. Deshalb kommen wir auch erst am Montag aus der Bretagne zurück, wenn die Sau sozusagen schon im Delirium ist…

Wir genießen unsere Zeit, haben uns mit Wetter und den französischen Speisekarten gut arrangiert . Gestern haben wir wieder in unserem Fischrestaurant gegessen. Der Inscheniör hat sich extra eine App runtergelaufen, die binnen von einer Minute alles vom Französischen ins Deutsche übersetzt. 


Da kommen dann so nette deutsche Übersetzungen raus wie:


Aber der Inscheniör wäre kein Inscheniör, wenn er nicht versuchen würde, Risiken zu minimieren. Für alle Fälle hat er noch eine erstklassige Französischlehrerin an der Hand, die fast rund um die Uhr für Notfälle der französischen Sprache zur Verfügung steht. Sollte diese nicht erreichbar sein, dann essen wir heute Abend halt Schlittschuhflügel mit Kapern! Mal ganz ehrlich, die gibt es zuhause nicht.

Fruits la mer

Der Inscheniör ist gestern bei seiner allmorgendlichen Joggingtour an einem Fischrestaurant vorbei gekommen. Da war wohl auf der Karte zu erkennen, das es das gibt,  was er auch immer am Gardasee zu speisen pflegt: nämlich frittierte Calamaris mit Pommes. Da kann man nicht viel falsch machen. Abends fahren wir ausgehungert zu dem Lokal. Tote Hose! Dafür brummt es in dem anderen Fischrestaurant an der Strandpromenade. Zielstrebig betrete ich dieses. Alles voll! Nach kurzem Warten bekommen wir einen Tisch und die Speisekarte gleich dazu. Puh, ich rutsche unruhig auf meinem Sitz hin und her, die gleicht einem Buch mit sieben Siegeln oder böhmischen Dörfern oder oder …Nehmen wir das fruit la mer als Menü zu zweit?, hilfesuchend schaue ich zum Inscheniör. Der gibt sich jovial: Können wir machen, aber du isst alles, was auf den Teller kommt! Ich lasse meinen Blick zu den umliegenden Tischen schweifen. Argh! Ich muss nicht lange suchen, drei Franzosen neben uns haben einen Waschkorb voll von Meeresgetier mit Greifarmen und Panzern unterschiedlicher Größe, Muscheln, glitschigen schwarzen Schnecken im Gehäuse und Undefinierbares auf ihrem Tisch. Dazu liegt eine Art Operationsbesteck parat, mit dem man durchaus eine siebenstündige Herz OP durchführen könnte. Ich komme schnell von der fruits de la mer ab und google heimlich unter dem Tisch die Überschriften der Speisekarte.

Nach kurzer Zeit habe ich vorsortiert: Ok, poisson steht für Fisch. Es werden folgende Arten angeboten: Lachs (esse ich daheim oft genug), Kabeljau (da muss ich zu sehr an die Nordsee denken, es reicht schließlich, wenn das Wetter hier schon ist, wie die) und noch zwei Arten, was Google nicht findet. Ich entscheide mich schlussendlich für einen Fischspieß und bin voll neidisch auf die Hasi, die sich das Kindermenü Nuggets mit Pommes bestellt hat. Da weiß man, was auf den Tisch kommt.

Der Inscheniör meistert die Klippen des Bestellvorgangs ohne Suchmaschine. Ganz der Gourmet der französischen Cuisine will er sich ein Menü zusammenstellen. Mit Crabe de la Mayonaise soll es los gehen. Er gibt sich weltmännisch: Das erste Mal haben der Günter und ich bei der Konfirmation beim Schaertels Wolfgang im Offiziersheim Krabben mit Mayo gehabt! Bei uns gab es sowas ned zuhause. Das schmeckt immer.  Die junge Kellnerin kommt zum Ordern und wir können danach nicht wirklich sagen, was auf unseren Tisch kommen wird.

Derweil lullern wir eine Flasche guten Sauvignon Blanc genüsslich in uns hinein, die Hasi spielt friedlich auf dem Handy. Ah, die junge Bedienung schiebt sich an unseren Tisch. Sie legt mir eine Art Rouladennadel und Nussknacker an meinen Platz. Dabei redet sie in einer mir leider nicht verständlichen Sprache: Crabe  de la mer? Ich schaue sie mit großen Augen an. Je mehr ich verzweifelter schaue, desto schneller redet das junge Ding. Irgendwann bin ich genervt und schlage mit den Fäusten auf den Tisch: Gebt mir ein Schnitzel!!! Die Bedienung gibt sich geschlagen und legt das Operationsbesteck dem Inscheniör an den Platz.

Dieser zischt mir nicht mehr sehr freundlich zu: Wenn wir jetzt in Asien wären, dann hätten die dich nicht mehr bedient… Bin aber ned in Asien, mir hängt gerade schon Frankreich zum Hals raus! Dafür kriegt mein Mann folgendes kredenzt:


Ich beobachte genau wie er diese dicke Krabbe, die ihn mit trostlosen Augen anstarrt, zerlegt. Das Innere des Panzers ist von schleimiger Konsistenz, die wirft der Inscheniör ganz schnell auf den Abfallteller. Die Beine puhlt er mit der Rouladennadel raus, es ist eine schnelle Angelegenheit bis die Krabbe entsorgt wird.   Mit dem Hauptgang haben wir beide Glück: ganz normaler Fisch mit Gemüse, Reis und raffiniertem Süßkartoffelpüree. Sehr lecker, allerdings sind die Portionen überschaubar. Ich lenke die Hasi ein wenig ab und klaue ihr die Pommes vom Teller, damit sich zumindest ein kleines Sättigungsgefühl einstellt. Morgen werde ich wieder selber kochen, genug der Experimentierfreude westlich des Weißwurstäquators!