
Freude die Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben oder Rechnen zu erlernen, hat Ihre Tochter wenig!, so beginnt Claras Lehrerin das Gespräch, bei dem auch der Inscheniör zugegen ist. Der wird blass. „Auch Rechnen?“, fragt er in die Stille hinein, in der man eine Stecknadel würde fallen hören. Das Üben vom Kopfrechnen bei seiner Tochter unterliegt ihm, ganz diffizile Kopfrechenpläne hat er auf EXCEL Tabellen erarbeitet. Plus-, Minusaufgaben und Malaufgaben wechseln sich nach Schwierigkeitsgrad ab. Zudem hat der Inscheniör noch mündlich gestellte Textaufgaben im Programm, um das logische Denken zu fördern.
Doch weiß sie inzwischen, dass es notwendig ist, fährt Frau Rehbein fort. Wir schnaufen erleichtert auf. Der Hasi ist das eher schnuppe, sie streicht mit ihren Händen auf der Schulbank Luftblasen auf der Klebefolie glatt. Ihr momentanes Interesse gilt dem bevorstehenden Schullandheimaufenthalt, ob sie ihre Drachenzähmen leicht gemacht Bettwäsche mitnehmen darf und wer mit wem auf ein Zimmer geht. Ein ganz normales Kind halt.
Wahrscheinlich ist die Krux für das Kind, Eltern zu haben, die eine Lehrerin und ein Ischeniör sind. Lehrers Kinder und Pfarrers Vieh gedeihen selten oder nie, so lautet ein Sprichwort. Die Steigerung zu „eine Mutter als Lehrerin zu haben“ ist, eine Mutter zu haben, die sowohl Mittelschullehrerin als auch Schulpsychologin ist. Ich kenne die ganze Bandbreite von Lern- und Leistungsproblemen. Ich habe mit Schülern schon mal das 1×1 gegoogelt. Ich kann kreativen Lösungen in Mathe, wo ein Schlüsselanhänger 85 kg wiegt, durchaus etwas Positives abgewinnen. Ich kann Schriften lesen, die aussehen wie die Aufzeichnungen eines EKG- Gerätes. Ich weiß, dass das Leben schon mal dinscherisd (Achtung das ist jetzt Englisch) sein und man mit allerhand Gefahren kalathieren kann (wie bei einem Verkehrsunfall zwischen zwei Fahrzeugen). Ich erzähle besorgten Eltern gerne in Beratungsgesprächen, dass jedes Kind sein Fenster hat, sie im unterschiedlichen Tempo lernen und dass der Weg über die Mittelschule kein Weltuntergang ist. Ich weiß, wie man eine Legasthenie, Dyskalkulie und ADHS Diagnose erstellt, welche Therapien es gibt und und und…
Und ich bin auch nicht spießig, ich hole jeden Schüler dort ab, wo er gerade steht. Hallo Frau P., so rufen mir ein paar der kleinen Sargnägel aus der vergangenen 5. Klasse heute zu, die vor unserem Lehrerzimmer „Strafsitzen“ müssen: Sie waren die beste Lehrerin! Na, wenn das kein Kompliment ist! Mit stolzgeschwellter Brust gehe ich weiter als sie mir noch nachrufen: Bei Ihnen durften wir wenigstens immer YouTube sehen! Öhm … jetzt aber mal still hier, die Lehrerzimmertür steht offen! Frau P., so erzählt mir Blondie aus der ersten Reihe: Ich geh fei als Schlampe zum Fasching und Rehauge ist mein Zuhälter. Er hat mir sogar ein Hundehalsband gekauft. Ist das nicht voll geil??? Ich nicke pädagogisch und zwinkere Rehauge untereinssechzig jovial zu.
Bloß bei meiner eigenen Tochter sehe ich zu schwarz, wie mir Frau Rehbein heute bescheinigt. Gottseidank!!! Der Inscheniör und seine Lehrerin hatten schon ein hartes Trainingsprogramm entworfen. Dieses umfasste neben Fernseh- und Zuckerentzug, das regelmäßige Üben in zusätzlich bestellten Rechtschreib-, Sprach- und Leseheften. Zudem wurde ein straffes kunst- und museumspädagogisches Programm zusammengestellt, um in dem Nachwuchs jedes Feuer zu entfachen. Letztendlich darf die Hasi dann diese Impulse in einem neu angelegten e-mail Account einem ausgewählten Publikum wie Oma und Großonkel Heinz im fernen Australien mitteilen. Clara ist Feuer und Flamme, es ist fast so wie whats app, wenn sie world wide ihre Bilder schickt von der Veste meiner Heimatstadt und dazu mailt: Pite wi fandest du die förun 😀
Frau Rehbein legt uns derweil den Tagesbericht vom Bauernhoftag vor. Es ist alles im Rahmen für einen 2. Klässler. Ihre Tochter ist kreativ, phantasievoll und hat viele Ideen im Kopf, so gibt sie Entwarnung. Wer möchte schon einen Alleskönner haben, der aber zwischenmenschlich zum Heulen ist. Der Inscheniör und ich nicken Gott ergeben. Auf dem Weg ins Klassenzimmer teilt uns die Clara freudestrahlend mit: Zum Fasching mach ich einen Leoparden und da bin ich Roses Haustier. Die geht als Cowboy… Ein ganz normales Kind halt! Und ich bin eine ganze normale Mutter, wenn ich darauf sage: Soll ich dir ein Halsband dazu kaufen?



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<<<. Der Nieselregen hat sich inzwischen zum Bindfadenregen entwickelt und wir gehen zügig zu unserem Bus, der uns nach Hause bringt. Auch wenn mein neues Parfüm keine neuen Männer ins Land gebracht hat, so war es doch ein rundum gelungener Ausflug… und vielleicht regnet es ja von oben welche, wie zwei meiner aufgekratzten Schülerinnen es zum Schluss noch besingen!<<<<<<<


