Freude an den Kulturtechniken

Freude die Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben oder Rechnen zu erlernen, hat Ihre Tochter wenig!, so beginnt Claras Lehrerin das Gespräch, bei dem auch der Inscheniör zugegen ist. Der wird blass. „Auch Rechnen?“, fragt er in die Stille hinein, in der man eine Stecknadel würde fallen hören. Das Üben vom Kopfrechnen bei seiner Tochter unterliegt ihm, ganz diffizile Kopfrechenpläne hat er auf EXCEL Tabellen erarbeitet. Plus-, Minusaufgaben und Malaufgaben wechseln sich nach Schwierigkeitsgrad ab. Zudem hat der Inscheniör noch mündlich gestellte Textaufgaben im Programm, um das logische Denken zu fördern.

Doch weiß sie inzwischen, dass es notwendig ist, fährt Frau Rehbein fort. Wir schnaufen erleichtert auf. Der Hasi ist das eher schnuppe, sie streicht mit ihren Händen auf der Schulbank Luftblasen auf der Klebefolie glatt. Ihr momentanes Interesse gilt dem bevorstehenden Schullandheimaufenthalt, ob sie ihre Drachenzähmen leicht gemacht Bettwäsche mitnehmen darf und wer mit wem auf ein Zimmer geht. Ein ganz normales Kind halt.

Wahrscheinlich ist die Krux für das Kind, Eltern zu haben, die eine Lehrerin und ein Ischeniör sind. Lehrers Kinder und Pfarrers Vieh gedeihen selten oder nie, so lautet ein Sprichwort. Die Steigerung zu „eine Mutter als Lehrerin zu haben“ ist, eine Mutter zu haben, die sowohl Mittelschullehrerin als auch Schulpsychologin ist. Ich kenne die ganze Bandbreite von Lern- und Leistungsproblemen. Ich habe mit Schülern schon mal das 1×1 gegoogelt. Ich kann kreativen Lösungen in Mathe, wo ein Schlüsselanhänger 85 kg wiegt, durchaus etwas Positives abgewinnen. Ich kann Schriften lesen, die aussehen wie die Aufzeichnungen eines EKG- Gerätes. Ich weiß, dass das Leben schon mal dinscherisd (Achtung das ist jetzt Englisch) sein und man mit allerhand Gefahren kalathieren kann (wie bei einem Verkehrsunfall zwischen zwei Fahrzeugen).  Ich erzähle besorgten Eltern gerne in Beratungsgesprächen, dass jedes Kind sein Fenster hat, sie im unterschiedlichen Tempo lernen und dass der Weg über die Mittelschule kein Weltuntergang ist. Ich weiß, wie man eine Legasthenie, Dyskalkulie und ADHS Diagnose erstellt, welche Therapien es gibt und und und…

Und ich bin auch nicht spießig, ich hole jeden Schüler dort ab, wo er gerade steht. Hallo Frau P., so rufen mir ein paar der kleinen Sargnägel aus der vergangenen 5. Klasse heute zu, die vor unserem Lehrerzimmer „Strafsitzen“ müssen: Sie waren die beste Lehrerin! Na, wenn das kein Kompliment ist! Mit stolzgeschwellter Brust gehe ich weiter als sie mir noch nachrufen: Bei Ihnen durften wir wenigstens immer YouTube sehen! Öhm … jetzt aber mal still hier, die Lehrerzimmertür steht offen! Frau P., so erzählt mir Blondie aus der ersten Reihe: Ich geh fei als Schlampe zum Fasching und Rehauge ist mein Zuhälter. Er hat mir sogar ein Hundehalsband gekauft. Ist das nicht voll geil??? Ich nicke pädagogisch und zwinkere Rehauge untereinssechzig jovial zu.

Bloß bei meiner eigenen Tochter sehe ich zu schwarz, wie mir Frau Rehbein heute bescheinigt. Gottseidank!!! Der Inscheniör und seine Lehrerin hatten schon ein hartes Trainingsprogramm entworfen. Dieses umfasste neben Fernseh- und Zuckerentzug, das regelmäßige Üben in zusätzlich bestellten Rechtschreib-, Sprach- und  Leseheften. Zudem wurde ein straffes kunst- und museumspädagogisches Programm zusammengestellt, um in dem Nachwuchs jedes Feuer zu entfachen. Letztendlich darf die Hasi dann diese Impulse in einem neu angelegten e-mail Account einem ausgewählten Publikum wie Oma und Großonkel Heinz im fernen Australien mitteilen. Clara ist Feuer und Flamme, es ist fast so wie whats app, wenn sie world wide ihre Bilder schickt von der Veste meiner Heimatstadt und dazu mailt: Pite wi fandest du die förun 😀

Frau Rehbein legt uns derweil den Tagesbericht vom Bauernhoftag vor. Es ist alles im Rahmen für einen 2. Klässler. Ihre Tochter ist kreativ, phantasievoll und hat viele Ideen im Kopf, so gibt sie Entwarnung. Wer möchte schon einen Alleskönner haben, der aber zwischenmenschlich zum Heulen ist. Der Inscheniör und ich nicken Gott ergeben. Auf dem Weg ins Klassenzimmer teilt uns die Clara freudestrahlend mit: Zum Fasching mach ich einen Leoparden und da bin ich Roses Haustier. Die geht als Cowboy… Ein ganz normales Kind halt! Und ich bin eine ganze normale Mutter, wenn ich darauf sage: Soll ich dir ein Halsband dazu kaufen?

Jede Frau braucht ein Arschloch

Biologisch betrachtet ist das durchaus sinnvoll, aber die Biologie steht bei dieser Aussage nicht im Vordergrund. Jede Frau braucht heutzutage ein Arschloch, stellt Adam, mein ehemaliger Schüler und Sargnagel, pragmatisch fest. Ich sitze in einer Kneipe meiner Heimatstadt und wir haben Klassentreffen. Es war meine letzte Klasse in der Schule, wo es immer die Bratwurstmarken zum Schulfest gab. Du musst echt ein Arschloch sein. Die letzte, ein bildhübsches Mädchen, hatte echt Interesse an mir. Haben uns toll unterhalten, sie hat Körperkontakt gesucht. Dabei wirft Adam die Stirn in Dackelfalten und schaut als hätte er bereits ein Psychologiestudium absolviert. Und dann schreib ich ihr und sie braucht für jede Nachricht drei Stunden. Da hab ich gleich blockiert, kenn ich nix!

Jawoll, bloß kein Hund-Wurst-an der Leine Spiel. Ich schaue in die Runde. Wir sind nur zu acht. Ich bin neben Jenny, der Klassenschönheit, die einzige Frau. Die Jungs sind erwachsen geworden, haben ordentliche Berufe, teilweise verlobt oder verheiratet, sie überragen mich um Haupteslänge. Wir haben ein freundschaftlich- ungezwungenes Verhältnis. Hier bin ich wieder Frau Mense mit meinen 15-jährigen Pubertieren.

Die Klassenschönheit greift Adams Gedanken auf: und dann hab ich gesagt, dein Geld und deine Geschenke sind mir egal, ich bin eine Frau, die auf eigenen Füßen stehen möchte. Ich verschlucke mich fast an meinem Pinot Grigio. Die Jungs nicken übereinstimmend. Wenn sie 28 sind, möchten sie spätestens Kinder haben, so lautet ihr Tenor.

Sind das die gleichen Menschen, die damals sich mit geklautem Deospray das Hirn herausgenebelt haben? Sich in der Mittagspause schnell mal eine Flasche Whiskey reingezogen haben? Oder Kondome als Luftballons verkleidet aus dem Fenster haben steigen lassen?

Das Bärchen links neben mir zeigt inzwischen sein Hochzeitsalbum – gefühlte 100 Seiten Liebe auf Hochglanz. Alles in trockenen Tüchern, er erzählt uns seine Liebesgeschichte. Seine Stimme hat einen warmen Klang als er resümiert: Welche Zufälle gibt es im Leben…Selbstredend hat das Bärchen inzwischen die Mittlere Reife nachgeholt und macht seinen Techniker.

Ist das der gleiche Mensch, der sich damals dem Lernen und uns Leerkörpern komplett verweigert hat? Dessen Hirn geschlossen war wie bei einer gesunden Auster? Der im Trainingsraum unter Aufsicht geschulten pädagogischen Personals seine Fehltritte schriftlich fixieren musste?

Du wirst jetzt sicher sicher aus den Latschen kippen, raunt mir Adam ins Ohr, aber der Börni ist jetzt auf der BOS und macht das Abitur! Mir bleibt die Spucke weg: Herr Ober! Bringen Sie mir bitte noch ein Glas Pinot Grigio!!!!

Ist das der gleiche Börni, der immer bei Rangordnungskämpfen den Ruhe- und Relaxraum zerlegt hat? Unzählige 75 Wörter Geschichten haben er und seine Kumpels deshalb schreiben müssen. Börnis Pseudonym war: die romenische Krumnasendoge, die rumenische Scharmhaardoge, das romänische Al Packer oder der romanische Kampfdackel. Sprache ist ein fließendes Konstrukt, Rechtschreibregeln werden überbewertet.

Börni sitzt an der Stirnseite im distinguierten Pullover mit V- Ausschnitt, es fehlen nur noch die Ellebogenschoner aus Leder. Meine Mittlere Reife hab ich mit 1,8 nachgemacht, erzählt er mit einem gewissen Ehrgeiz in der Stimme. Hätte noch besser laufen können, wenn ned der Herr Werschon mir eine zwei in GSE gegeben hätte. Der ältliche PCB Lehrer war dagegen voll nett, der hat mir nach der Prüfung noch den Physikraum gezeigt. Der war voll gehängt von ausgestopften Tieren und Socken!

Selbstredend gefällt dem Börni jetzt das Fach Mathe am besten, da sei er richtig involviert. Ich ordere mit der Klassenschönheit einen letzten Schnaps: Zweimal ficken, bitte!! So jetzt geht Frau Mense mal besser nach Hause nicht ohne sich vorher auf die Schulter zu klopfen: Du warst maßgeblich an ihrer Entwicklung beteiligt! Zum Schluss gebe ich dem Adam noch ein paar Datingtipps: Die Frau für’s Leben lernst du ned in einer Disco kennen eher beim Einkaufen: am besten gehst du Aldi und kaufst Brot!

Ich bin mal auf das nächste Klassentreffen gespannt, wenn sie alle von ihren Kindern oder ihrem Studium erzählen…

Himmel und Erde

beschreiben keine weihnachtlichen Gefühlszustände, sondern ist ein traditionelles Gericht aus dem Norden Deutschlands, bestehend aus Stampf und Apfelmus. Dazu gibt es gerne Blutwurst in der Pfanne rausgebacken. Kenn ich auch noch durch meinen ersten Mann, denn Schnuffi kam aus NRW. Kein besonders schöner Anblick ist das, eine geplatzte Blutwurst!

Für den fränkischen Raum ist dieses Gericht somit eine Ausnahme. An den Weihnachtstagen tummeln sich eher diverses Federvieh oder Fisch auf den Tellern. Aber manchmal gibt es eben Ausnahmen, wie bei den Eltern vom Beppi. Als ich am ersten Feiertag müde auf der Couch meine social Network Geschäfte wieder aufnehme, frage ich bei der Beppi Mama nach: Schick mal Bild von Himmel und Hölle und Blutwurscht!

Bild kann ich nicht schicken, so kommt die prompte Antwort, aber wenigstens hat die Wurst nicht die Form verloren. Aus der Antwort höre ich Erleichterung hervor. Wir schreiben munter hin und her und verlieren uns in schon in guten Neujahrsvorsätzen wie Fasten, weight watchers online und Sportprogrammen…

Plopp!

Bevor sie wieder was falsches schreibt: es gab Jakobsmuscheln und Garnelen mit selbstgemachter Hoisin Sauce als Gruß aus der Küche, Himmel und Erde, wobei die Äpfel karamelisiert waren als Vorspeise und selbst gerollten Rrrrrollbraten mit Zwiebelfüllung und Senfkruste im Schweinenetz mit Gratin Daphinois…

Olalala! Werde den Beppi Vater in Zukunft Tim, Christian oder Steffen nennen. Vielleicht wird er das neue Kochgesicht im Jahr 2018. Beneide seine Frau grenzenlos! Der Inscheniör hat nur den postmodernen Weber Gasgrill unter seiner Fittiche. Wenn ich ihn Samstag zum Einkauf schicke, dann muss ich den Einkaufszettel mit Fotos unterlegen, damit er mir nicht das Falsche heim schleppt.

Plopp! Ich hake nach… und bekomme folgendes zur Antwort: Zu den Garnelen und Jacobsmuscheln kann ich nix sagen, das esse ich nicht. Optisch war das Himmel und Erde eine Verbesserung zum letzten Jahr, weil die Blutwurst in Form geblieben ist… Wie Frauen halt so sind!

Im Übrigen sind die Feiertage eine Art Grenzerfahrung für Magen und Seele. Schon allein das Fernsehprogramm verspricht eine tiefenpsychologische Therapiesitzung zu werden. Nachmittags beginnt es mit Sissi, alle drei Teile. Kann ich auswendig synchron mitsprechen bis hin zur Katharsis als Sissi schwerkrank hinter den kaiserlichen Gardinen der Erzherzog Sophie und dem Franz Joseph lauscht: Sissi, ist sehr sehr krank und die Ärzte befürchten…dass es keine Rettung mehr für Sissi gibt… Wenn du dann die Taschentücher vollgerotzt hast, kannst du dich abends für Bridget Jones (beide Teile) oder dem epischen Melodram Vom Winde verweht entscheiden. So hast du deine Hausaufgaben in Beziehungsratgebern für die nächsten Jahre erledigt.

Ich entscheide mich für  das Südstaatendrama. Der Inscheniör muss da mit durch. Er ist nicht so kineastisch fit wie sein Weibchen. Ich dachte immer, der Ashley gehört zu Bridget Jones? Woher!! Scarlett O`Hara ist bis zu den letzten fünf Minuten von drei Stunden Epos untrennbar mit dem Kümmerling Ashley Wilkes verbunden.  Erst am Schluss erkennt sie, dass sie etwas liebte, was nie da war. Dann ist es leider zu spät für Rhett Butler, den sie eigentlich liebt. Wie Frauen halt so sind!

Am zweiten Weihnachtsfeiertag sind Magen und Seele endgültig in tiefe Abgründe gerutscht. Eingenebelt von meinem Weihnachtsgeschenk kuschle ich mich an den Inscheniör. Der widmet sich gerade ausgiebig dem Studieren von Sonderangeboten in Prospekten. Bin ich Ashley oder Rhett?, stellt er mir die Frage ohne von dem Foto eines Koteletts aus der Edeka, aufzublicken? Wer willst du denn sein? gurre ich. Na, Rhett, kommt es postwendend. Ach, wenn ich jetzt nicht zu voll gefressen wäre …Wie Frauen halt so sind!

Morgen muss ich unbedingt die Lore treffen, damit wir uns für die eventuellen apokalyptischen Tiefschläge im Jahr 2018 rüsten können. Selbst wenn man im gut geschützten Bushäuschen sitzt, ist man nicht immer vor Metoriteneinschlägen oder Drachenangriffen gewappnet. Das muss man schon im Vorfeld ausdiskutieren und sein imaginäres Schutzschild aus Teflon auffahren. Wie Frauen halt so sind!

75 Wörter für das Christkind

Halleluja! Freitag, der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien! Endlich! Auf der einen Seite ist es die stressigste Zeit im Jahr und auf der anderen Seite soll man eine besinnliche Adventszeit erleben. Das geht gar nicht zusammen. Der Zustand in dem man sich befindet wird kognitive Dissonanz genannt.

Um die Dissonanz zu reduzieren, betrügst du dich gerne selbst. Wie der Fuchs mit den Trauben: Weil die ihm zu hoch hängen, sind sie ihm zu sauer! So kann er mit hocherhobenem Hauptes vorbeigehen. Man ändert nämlich schneller seine Einstellung als sein Verhalten. So geht es mir fast auch am letzten Schultag. Die Weihnachtsfeier in der Klasse ist mir zu laut, aus den Boxen dringt Sidos Weihnachtssong. Die Wichtelgeschenke reduzieren sich auf Deospray, denn so der O-Ton meiner Schülerinnen: Was soll man Jungs sonst schenken? Zudem sind meine Jungs unter 1,60 besonders anstrengend und kommentieren das noch ungeschönt: M. du wackelst wie ein Dildo!! Ha, ha! Soll ich jetzt meine Einstellung ändern und das witzig finden? Schmunzeln über den Wortwitz meiner kleinen Frechfratzen?

Nein, nein, meine kleinen Freunde! Ich entscheide mich dafür mein Verhalten zu ändern. Bin schließlich knallharte Lehrerin, die ihr Geschäft versteht und ihren Laden im Griff hat. Deshalb lasse ich sie 75 Wörter schreiben, eine pädagogisch bewährte Methode, um über sein Verhalten zu reflektieren …

75 Wörter: Was ich dem Christkind schon immer mal sagen wollte…

Es ist leise geworden, alle machen sich an die Aufgabe. Man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Ich wollte dem Christkind schon immer mal sagen, dass ich es bewundernswert finde, wie es die ganzen Geschenke auf so viele Kinder verteilt und mich auch nicht vergisst. Ich habe das Christkind auch ein bisschen als Vorbild, denn das Kind macht andere glücklich. Ich will auch Glück verbreiten und meiner Familie und meinen Freunden Geschenke machen, weil ich sie lieb habe.

Ich wollte dem Christkind schon immer mal danke sagen, weil es mir immer meine Wünsche erfüllt und mich jedes Jahr erneut an Weihnachten glücklich macht. Ich wollte schon immer mal fragen, ob das Christkind glücklich ist, mit dem, was es macht. Ich wollte schon immer fragen, ob das Ck auch eine Familie hat und wenn ja, wird das Ck an Heiligabend auch beschenkt? Als danke bzw. als Belohnung dafür, dass es das jedes Jahr macht.

Also,  wenn ich ehrlich bin, weiß ich eigentlich nicht, wer du bist. Also schätze ich einfach, du bist das Kind von Gott, dass im Stall wohnt oder auferstanden ist. Ich weiß auch nicht, wie du aussiehst oder wo du grad lebst. Vielleicht bist du das Kind in der Krippe oder der Gründer von Calvin Klein oder dass du einfach erfunden bist oder existierst gar nicht .

Was ich dem Christkind schon immer mal sagen wollte ist, dass ich mir an Weihnachten am meisten wünsche, das sich alle Menschen wenigstens zu dieser Zeit vertragen und das Fest zusammen feiern. Bei uns in Deutschland ist es meist üblich, dass das Christkind an Heiligabend kommt und in England ist es der Weihnachtsmann, der kommt. Was man als Kind nicht wusste, dass die Mutter die Geschenke unter den Baum legt.

Heute, den letzten Schultag, sollen wir von Frau P. aus 75 Wörter schreiben, was wir dem Christkind schon immer mal sagen wollten. Liebes Christkind, ich wollte dir schon immer sagen, dass du eine sehr schöne Aufgabe hast. Du machst jedem Kind eine Freude, und genau das finde ich so schön. Christkind sein, ist eines der schönsten Aufgaben der Welt. Das wollte ich dir sagen.

Ich denke, Weihnachten kann jetzt kommen. Und gut aufpassen, dass euch das Christkind nicht an die Küche bindet…und mal ganz ehrlich, manche Fragen müssen einfach offen bleiben!

Frohe Weihnachten euch allen!

Pheromone am Christkindlmarkt 👼

Es gibt nix Schöneres als an einem verregneten Winteranfang, wo der Tag nicht hell werden will, mit drei Klassen und netten Kolleginnen dem Nürnberger Christkindlmarkt einen Besuch abzustatten! Der unkomplizierte Busfahrer entlässt uns unweit der Innenstadt. Die Schüler schwärmen in Kleingruppen aus. Frau Jagehfei und ich sind an der weltberühmten Location nur mäßig interessiert.

Unser Shoppinggen ist inzwischen hellwach und unsere Sinne zu Höchstleistungen aufgelaufen. Zielstrebig steuern wir den schönsten Konsumtempel an : Kaufhaus Breuninger: drei Etagen voller Nützliches und Unnützes. Sofort verlieren wir uns im opulent überladenen Erdgeschoss der Parfümerie – und Kosmetikabteilung. Frau Jahgehfei ist auf der Jagd nach Lippenstift, ich schnuppere an den exotischen Düften. Hm, mein Blick bleibt an Escentric Molecules hängen. Seit Jahren von meiner Freundin Lore beschworen: Die Duftstoffe dieses Parfums entfalten sich wie Pheromone auf deiner Haut und lassen dich zur unwiderstehlichen Sexgöttin werden.

Ich lecke mir nervös die Lippen, meine Hand greift zu diesem 120,00 € Wunder…plopp, eine WhatsApp kommt gerade rein. Bin zwar zu 100 Prozent kauf-, aber zu 200 Prozent handysüchtig!

An welchem Brunnen sollen wir uns treffen.? Plopp, plopp! Es folgen zwei Bilder von Brunnen… Sorry, wir wissen jetzt, dass es der zweite ist … 🙄Um 12 oder 13 Uhr…Herrgott, hat man die Schüler nicht mal 5 Minuten von der Backe? Unwirsch stecke ich mein iPhone zurück in die Tasche und wickle den Parfümkauf ab. Plopp! Die nächste: Müssen wir auch zum Brunnen? Plopp! Die übernächste: Frau P! Wo sind Sie? Wir warten seit 10 Minuten am Brunnen!!! Argh!!<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

Eben die Karte durchziehen und dann die nächsten drei Stockwerke schnell abscannen. Mit zwei Taschen bewaffnet und wunderhübsch verpackten Geschenken für mich selbst, für die zwar ein ganzer Regenwald hat sterben müssen, machen uns Frau Jagehfei und ich auf dem Weg zum Brunnen.

Fast vollständig versammelt finden wir unsere Schüler am Schönen Brunnen. Eine meiner Schülerin, hat in einer Tüte einen schlichten Papierstern. Der ist von dem Sternstundenstand da hinten …das Geld geht an kranke und arme Kinder, so erzählt sie uns und ich versuche meine Tüte voll von totem Regenwald Frau Jagehfeih in die Hand zu drücken…

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Bloß kein schlechtes Gewissen haben, der war ja vorher schon tot.

Mit den anderen zwei Kolleginnen gönnen wir uns eine Kaffee-, Kuchen- und Proseccopause. Ich lasse meinen Blick durch das Café gleiten? Wird mein Körper schon von einer Pheromonduftwolke umnebelt? Hm? Hinter mir feiern ältere Herrschaften mit Weißwein und Kuchen… ansonsten nur Frauen mit befriedigendem Gesichtsausdruck nach einem erfolgreichen Weihnachtseinkauf!

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An den Tresen entdecken wir gleichzeitig einen mittelalten Mann im Dieter-Bohlen-Look, der gerade zu einer knutschenden Einheit mit seiner um 30 Jahre jüngeren blonden (garantiert gefärbt) Begleiterin wird. Uns bleibt fast der Kuchen im Hals stecken als wir hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Die erste: Das ist nicht seine Frau! Die nächste: Garantiert aus Südosteuropa… das Paar beginnt sich die Mandeln zu putzen… Die übernächste: ich sag’s euch! Küssen ist intimer als… na ihr wisst schon. Da ist der Abstand, wo man was reinsteckt, weiter entfernt!<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

Gottseidank sind wir spießige und super pünktliche Beamten, die nicht zu spät zum nächsten Treffpunkt kommen wollen. Unsere Schüler warten schon brav mit ihren am Christkindlmarkt gekauften Zipfelmützen und leckerem Fastfood in der Hand. Ein Hauch von Großstadt weht uns entgegen: der Pommesdöner!

<<<. Der Nieselregen hat sich inzwischen zum Bindfadenregen entwickelt und wir gehen zügig zu unserem Bus, der uns nach Hause bringt. Auch wenn mein neues Parfüm keine neuen Männer ins Land gebracht hat, so war es doch ein rundum gelungener Ausflug… und vielleicht regnet es ja von oben welche, wie zwei meiner aufgekratzten Schülerinnen es zum Schluss noch besingen!<<<<<<<

Ausgewildert

Es ist immer dasselbe in der Adventszeit. Jedes Jahr nehme ich mir vor langsamer zu machen, mich nicht stressen zu lassen von den pubertierenden Frechfratzen, Terminen, Korrekturarbeiten, blöden Gedanken und Adventsfeiern. Irgendwie gelingt es mir nie und kurz vorm Christkind lass ich die Flügel hängen: Erkältung, der Inscheniör leidet gleich solidarisch mit und die Hasi erfreut uns mit Magen-Darm – alle Stecker gezogen!

Deshalb liegen wir am dritten Advent wie die toten Fliegen am Sofa. Die Hasi rechts, ich links, der Inscheniör trohnt in der Mitte. Der Ofen bullert, der Kater träumt leise schnurrend von dicken Mäusen und auf dem TV läuft Ostwind 3.

Die Story ist schnell erzählt: kapriziöser Hengst namens Ostwind sehnt sich nach seinen Wurzeln. Die liegen im spanischen Andalusien an einem sagenumwobenem mystischen Ort. Die Besitzerin, eine spirituelle Pferdeflüsterin, erkennt die Bedürfnisse ihres Gauls und macht sich auf die Suche nach seiner Heimat. Selbstredend rettet das Mädchen noch die Farm, das Land und die ganzen Wildpferde darauf. Alles Verwandtschaft von Ostwind. Dieser gewinnt dann noch frei und ungezähmt ein traditionelles Pferderennen. Ein Stoff aus dem Mädchenträume sind.

Dementsprechend sitzt die Hasi wie ein hypnotisiertes Karnickel auf dem Sofa. Kein Blitzeinschlag könnte ihren Blick vom Bildschirm abwenden. Auch ich liebe Pferdegeschichten. Bin ja ein Mädchen und mit Black Beauty und Bille und Zottel groß geworden. Deshalb schaue ich ebenso gebannt… und es wäre keine ergreifende Geschichte, wenn Ostwind nicht plötzlich bei seiner Wildpferdverwandtschaft im fernen Spanien bleiben wollte…

Meine Augen fangen das Schwitzen an. Eine Welle der Erinnerung schwappt in mir hoch: Bambi, Lassie … Ich suche Frauensolidarität bei meiner Tochter. Hasi, das ist doch voll traurig, dass Ostwind dableiben will. Clara zuckt teilnahmslos mit den Schultern, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, bevor sie mir abgeklärt antwortet: Der wird gerade ausgewildert!

So bleibe ich mit meinem Ostwindkummer allein. Als ich vorhin bei Pilates in der herabhängenden Hund- Stellung meine Glieder dehne und recke, fällt mir das Schlagwort wieder ein: Ausgewildert! Jawoll, das ist es. Ich möchte gerne auch ausgewildert sein, frei und ungezähmt! Zumindest von Zeit zu Zeit! Kein Butterbreznschmierer, kein Klassentagebuchausfüller und kein Gedankenkreisler.

Da kann ich durchaus von Ostwind lernen. Aber wie das Leben so geht, erzählt mir die Hasi vorm Zubettgehen: Du Mama, in Teil 4 kommt Ostwind fei wieder zurück! Soviel zum Auswildern…

Getränkeunfälle

…passieren gerne in der Vorweihnachtszeit, z. B. auf der Weihnachtsfeier, am Glühweinstand auf dem Christkindlmarkt oder bei einer Feuerzangenbowlenparty. Gestern waren wir deshalb beim Beichtkameraden eingeladen. Der Wintergarten erstrahlt schon von Weitem im weihnachtlichen Licht. Selbst das einst von Angie aus Australia arg geschundene Oleander Bäumchen trägt eine passende FCN Nikolauszipfelmütze. Na, dann kann es ja losgehen.  Und eigentlich ist der Inscheniör mal wieder erkältet und ach, erfordern diese Adventswochenenden nicht eine besondere Konditionen an Körper und Geist? Ich bleib nur zwei Stündchen, dann geh ich mit der Hasi heim, so tönt er. Ja, ja Herr Inscheniör. Sobald die Türe des Beichtkameraden aufgeht und die alten Freunde aus Kindertagen sich in den Armen liegen, sind Leid, Frau und Kind vergessen. Mit Prosecco und Bier wird zunächst vorgeglüht bis die Feuerzangenbowle seinen Namen alle Ehre macht und mit einer Stichflamme den Wintergarten erhellt. Prost! 

Ich unterhalte mich mit den Sweets der legendären Dreiergruppe, die eigentlich eine Vierergruppe sein müsste. Hoffentlich hat der vierte Freund damals kein Traumata erlitten und trägt deshalb heute Jeans mit Stretchanteil, so mutmaße ich. Muss ich mal bei Gelegenheit psychologisch deuten, schließlich bin ich vom Fach. Das Gespräch plätschert vor sich hin, bis wir auf das Thema Weihnachten und Geschenke kommen. A. parliert: Also der A. und ich wir schenken uns ganz viel, bei uns muss der ganze Raum um dem Baum ausgefüllt sein! Dann verrät sie uns noch, was der A. alles bekommt. Das ist wahrlich nicht kleinlich! Huch, wo ist denn die legendäre Dreiergruppe und der Vierte mit Stretchanteil hin? A., die Fachfrau für komplexe Situationen, macht sich sogleich auf die Suche. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Stimmen der vier Freunde. Ich tuschle hinter vorgehaltener Hand: Da drüben sitzt ein viertel Jahrtausend, bevor ich mich selbst auf den Weg mache. Ah, das Wohnzimmer ist besser beheizt, der Grappa tut sein übliches dazu. Die Augen der Vier sind schon etwas schwer. Im Hintergrund dudelt Indiemusik aus den 80ern: Container Love….nicht gerade ein Ohrenschmaus für die besinnliche Adventszeit, aber eine Hommage an die vergangene Jugend. Na, wenn das mal nicht wieder einen Getränkeunfall gibt.

Aber ich möchte nochmal auf  Weihnachtsgeschenke eingehen. Wisst ihr eigentlich, was ihr letztes Jahr geschenkt bekommen habt? Und was war euer schönstes Geschenk zu Weihnachten ever? Diese Frage habe ich letzte Woche meinen Freundinnen und deren Männern bei Feuerzangenbowle in unserem Gartenhäuschen gestellt. Es stellte sich plötzlich Stille ein. Auch mit Geschenken stellt sich schnell Vergänglichkeit ein. Vergessen ist die Action-Kamera, der Männerkochkurs, die Bettwäsche, die Konzertkarten, Hochprozentiges und die vielen anderen Dinge. Welche Erinnerungen bleiben? Die selbst gemalten Bilder, die selbst geschriebenen Gedichte im Adventskalender oder die selbst gestalteten Bücher?

Ich weiß übrigens noch genau, was mein schönstes Weihnachtsgeschenk ever war: eine Rückrunden Dauerkarte vom Club. Geschenkt von meinem Inscheniör im Jahre 2007. Das war die Saison, wo der Club sang und klanglos in die zweite Liga, ein Jahr nach dem furiosen Pokalsieg, abgestiegen ist. Und ich weiß auch noch, was ich letztes Jahr bekommen habe. Das war ein Gutschein für ein Schreibseminar. Und davon hab ich immer noch was und ihr hoffentlich auch…

 

 

Wannsee

… dudelt es in der Zahnarztpraxis, wo ich bei strahlendem Sonnenschein beim Notdienst sitze. Die Toten Hosen verfolgen mich seit Wochen, nicht loszukriegen sind sie, die eigentlich bourgeoisen Burschen aus Düsseldorf. Meine Laune dümpelt auf einer Skala von 0 bis 10 auf schlappe 0,5 (großzügig bemessen). Reicht es nicht, dass ich erkältet bin? Reicht es nicht, dass der Schulrat mich morgen gleich in der ersten Stunde heimsucht? Nein, es reicht wohl nicht. Ich sitze mit dicker Backe im fränkischen Schnapsbrennerei Paradies im Wartezimmer. Mit mir sitzt noch ein junges Pärchen, sie schwanger. Beide füllen den Raum mit ihrem Zigarettengeruch.

Ich muss nicht allzu lange warten. Nachdem ein Röntgengerät mein biologisches Alter sprich mein Gebiss gescannt hat, darf ich in eines der Behandlungszimmer. Dieses ist sehr hellhörig. Ich höre, wie der Zahnarzt sich die junge Frau zum Zahn … äh zur Brust, nimmt, meine ich. Es fallen Worte wie „verantwortungslos, sie müssen an die Zukunft, denken, wie soll das weiter gehen, an dem Zahn ist nix mehr zu retten“, sind noch die netteren Worte, die der Arzt findet. Dann erfolgen mehrere Schreie des schwangeren Mädchens und zum Schluss ein Wimmern. Ich muss raus aus dem Zimmer! Die Angestellte an der Rezeption beachtet mich nicht weiter als ich ihr hinter vorgehaltener Hand stecke: Ich höre da drin eins zu eins, was im Nachbarzimmer geschieht!!

Also gehe ich wieder hinein in die Kammer des Schreckens. Die Arbeit im Nachbarzimmer scheint beendet zu sein, denn ich höre Schritte. Automatisch mache ich mich auf dem Behandlungsstuhl klein, als der Zahnarzt zur Tür reinkommt. Er klemmt das Röntgenbild vor mir in den Projektor. Mein Gebiss sieht aus wie das eines Pferdes oder zumindest wie das meines ehemaligen Seminarlehrers, wenn man es noch mit gelber Farbe unterlegt hätte. Der Arzt bringt es ohne Schnörkel auf den Punkt: Sie haben ein paradontales Problem. Ich nicke und erzähle meine Zahnleidensgeschichte. Pragmatisch klärt mich der Arzt auf, welche Zahnersatzlösungen es für mich in den nächsten eins bis zehn Jahren gibt. Und das müssen sie sich nicht mehr so vorstellen, wie früher, als die alten Leute ihren Zahnersatz nachts rausgenommen haben, so schließt er seinen Monolog ab. Dann spritzt er mir eine Desinfektionssalbe unter den betroffenen Backenzahn und entlässt mich mit meinem pochenden Schmerz.

Zu Hause angekommen suhle ich mich in meinem Leid. Die Sonne ist einem Schneesturm gewichen. Ich suche Trost bei Freundin Lore. Die antwortet: chill dei base und lass dir ein schickes Gebiss machen und schickt ein Motivationsbildchen hinterher.

Grumpf!!!

Jetzt hilft mir nur noch mein Sofa mit Decke, der Kater auf dieser, eine Ibuprofen und ein riesiges Stück Schokokuchen von Luisegunde, um mein Schicksal ertragen zu können. Fast wäre es ja medizinisch indiziert, dieses mit ein paar Grappa nachzuspülen! Und dann stell ich mir vor, es ist Sommer am Wannsee, da kann man abtauchen und untergehen.

Alles passiert

Gottseidank kann ich nach zwei Monaten die Elektronik meines BMWs schon annähernd zu 10 Prozent bedienen, so dass ich inzwischen bei Bayern 3 gelandet bin. Und da laufen seit ein paar Wochen die Toten Hosen rauf und runter. Ich bin wohl am Puls der Zeit angekommen, endlich mal weg von den Hits der 80er. Obwohl ich die toten Hosen schon seit diesen Zeiten kenne. Noch jetzt werde ich rot, wenn ich an das damalige Liedgut zurück denke: F-Wort, B-Wort, Bl (was sogar in der Bravo bei Dr. Sommer verpönt war) und das irgendwie noch alles auf dem Rasen und man FBBLte solange bis der nass war und man es im Stehen machte …mein Gott!

Heute zuckt kein Grundschulkind beim F- Wort, noch nicht mal meine Hasi und ihre zwei Klassenkameraden, die bereits dicke in der Vorpubertät (es gibt da hoffentlich auch nur eine) angekommen sind. Folgender Gesprächsauszug vom letzten Freitag: Mädchen kriegen in der Pubertät einen Busen (will die Clara auf keinen Fall und wenn, dann nur einen ganz kleinen) und Jungs kommen in den Stimmbruch (in den Stimmbruch kann man übrigens nicht gehen, sondern nur kommen) UND jetzt wird es interessant: Es haben sowohl Frauen und Männer Eier, aber nur die Fraueneier können ausgebrütet werden, weil bei den Männern ja der Samen wohnt. UND der Samen vom Mann durch Penis F- Wort zur Frau kommt. UND dafür muss man nackt sein. Warum hat es eigentlich nicht die normale Grundschule getan? Wer weiß, was die Kinder beim wöchentlichen Bauernhofgang live und bunt und in der Natur erleben? Schweine F-Wort, Hühner F-Wort und vieles mehr und hoffentlich ist das lange noch ein tote Hose-Thema oder wenigstens frei nach Maria Montessori nur: Hilf mir, es selbst zu tun!!! 

Und ich bin immer noch bei Bayern 3 auf der Fahrt zu Herrn B. Ich war schon lange nicht mehr da gewesen und hatte die Vermutung, dass Herr B. untergetaucht war mit dem Geld von gutsituierten Mittelschichtsfrauen wie mich mit Neuröschen. War aber nicht so, er hat sich im Unterfränkischen ein altes Gehöft gekauft und richtet sich das peu á peu her. Und während ich den Weg im Nebel auf abgelegenen Straßen und verlassenen Gehöften suche, blökt mir Campino ins Ohr: …blick nicht zurück, steig in den Bus, alles passiert, wie es passieren muss! Obwohl es ein trister Dezembertag kurz vor Nikolaus ist, an dem es kaum hell wird, ist mir nicht mehr bange und ich habe keine Neuröschen mehr. Aber Herr B. hat mich in den letzten zwei Jahre auf meinen Weg begleitet und ich darf ihm immer meine Geschichten aus dem Blog vorlesen. Den kann ich nicht so einfach aufgeben. Und meine Geschichten haben schlussendlich therapeutische Qualitäten und es ist mir egal, ob sie Herrn B. nur gefallen, weil er dafür bezahlt wird, wie meine pragmatische Mutter anmerkt.

Ganz bei sich bleiben und ein gutes Bild machen. Und Campino ist auch nicht der selbstlose Punk, der hat sein Vermögen sicher in einem Steuerparadies in der Karibik gebunkert ebenso wie Bono. Das ist links blinken und rechts abbiegen! Und mein Ischeniör blickt seit dem Zeitpunkt durch, als der zukünftige Grüne Dr. B. im Gemeinderat, die größte Öllache in der Ortschaft unter seinem klapprigen R 4 hatte. Und so ist das wohl: Kein Happyend, kein Hollywood – alles passiert, wie es passieren muss!

Wiener Straße

Wenn ich an die Wiener Straße denke, fällt mir zuallererst meine Jungmädchen Fantasie ein, nämlich in einer abgefahrenen Künstler WG in Kreuzberg zu wohnen und zu studieren. Fakt war, dass es in Wahrheit nur zu der Uni 50 km von meiner Heimatstadt gereicht hat. Wunsch und Realität waren zwei paar Schuhe, der zweite hat gepasst.

Wenn ich wiederum an die Berliner Straße denke, fällt mir meine Schulfreundin Eschi ein, eine Mitstreiterin aus meiner Anti AKW Zeit. Als ich sie mit Mitte Dreißig in Kreuzberg besuchte, lebte sie noch so, wie unsere Träume mit 18 waren: in einer WG mit einem Mitbewohner, der im 20. Semester Philosophie studierte und Berge von schmutzigem Geschirr, für das sich keiner zuständig fühlte.

Und letztendlich denke ich bei der Wiener Straße an Klassenfahrten, bei denen ich mit meinen mir anvertrauten Schützlingen in Kreuzberg take away Pizzen für Einsfuffzig aß und wir Bars besuchten, in denen es nicht nur nach frischem Zigarettenrausch stank.

Und heute Abend sitze ich mit dem Inscheniör bei einer Lesung von Svens neuem Buch „Wiener Straße“. Die Charaktäre bewegen sich selbstredend auch in den 80er Jahren. Der Erzählstil erfolgt im Dialog, so werden die Personen im Buch zum Leben erweckt: Karl Schmidt, H. R. , Chrissi, Herr Lehmann und noch ein paar andere.

Der Inscheniör gibt sich launig, weil die Location schwarzkittelig wie zu Bootszeiten anmutet und die meisten Besucher ebenso aussehen. Nach 90 Minuten ist Schluss mit der Lesung. Das geht in Ordnung. Freitag ist ein müder Tag.

Nach der Lesung darf man sich noch ein Buch signieren lassen. Wie blöd aber auch, hab das Buch nur auf Kindle und außerdem ist Freitag und das ist, wie schon erwähnt, ein müder Tag. Ach, Herr Inscheniör, lass uns nach Hause fahren. Als ich in meinem Sterntalerkleid gerade meine bling-bling Mütze aufsetzten will, läuft Sven an mir breitbeinig vorbei. Er ist von kleiner Statur, ein ältlicher Mann in einem langen Mantel. Irgendwie nehmen sich die Männer in diesem Alter nicht viel.

Und ich schaue erstaunt und verpasse den Moment, indem ich hätte sagen können: Du , Sven kennst du mich noch? Ich hab dich mal vor 30 Jahren bekocht. Es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch! Und so bleibt es bei dem Augenblick des Vorübergehens in meinem Sterntalerkleid und der Vorstellung, dass dieser Mensch meine Gedanken teilt seit 30 Jahren.