Gastbeitrag des Inscheniörs

Meine Frau ist die Lehrerin und Schriftstellerin, ich bin der Ingenieur und der Praktiker.

In den Kurzgeschichten der Frau Lehrerin komme ich als der Ingenieur nicht immer gut weg, daran habe ich mich gewöhnt.

Ihr letzter Beitrag „Des Mannes liebstes Spielzeug“ hat mich dann dazu inspiriert einen kleinen Gastbeitrag zu verfassen, denn es reduziert sich nicht alles auf die Länge.

Es regnet, ich habe schlimmen Männerschnupfen und es ist mir langweilig, also kann man ja auch mal was schreiben… oder?

Die Frau Lehrerin meinte noch, dass ich doch nicht schreiben kann, da mag sie recht haben. Ich kann ja auch nicht Fußball spielen und bin trotzdem als Jugendlicher fast jeden Tag zur Schulwiese gegangen um dort Fußball zu spielen, es machte mir einfach Spaß. Bei der Tip Top Mannschaftwahl kam ich zusammen mit Owing  meistens als Letzter zu einer Mannschaft. Nein, damals brauchte man dafür keinen Psychiater, das machte einen stärker und formte das Rückgrat.

An einem dieser Tage kann ich mich in 3D Farbe und Stereo erinnern. Der kleine Schnickse gab die Mannschaftsaufstellung bekannt „der Ingenieur geht mit mir in den Sturm, das erwartet kein Mensch“, genau so war es und wir siegten haushoch, gefühlte 3-mal habe ich persönlich den Ball über die Torlinie gekickt. Keiner wird sich an diesen Tag erinnern können, für mich war es die gewonnene Fußballweltmeisterschaft.

Nahtlos ging meine Fußball Karriere in meine Grillkarriere über.

Eine männliche Grillkarriere beginnt bei den ersten Klassenfeiern, Geburtstagen, Abenden bei einem Bier, im JUZ, auf dem Brenner nach Italien, am Lagerfeuer… dies diente in erster Linie der Nahrungsaufnahme und der Romantik am Feuer.

Gegrillt wurde auf Alu Einweggrills von der Tanke, auf verzinkten Fußabstreifern, über verrostete Ölfässern samt Heizöl, über Lagerfeuern unbestimmter Brennmaterialien… Der erste Grill der seinem Namen Ehre machte, war ein 30 DM Teil vom Obi, den einzigen Baumarkt in der großen Stadt.

Die Ansprüche stiegen, man wollte auch mal nicht nur Fleisch, sondern auch mal Fisch grillen, war ja exotisch genug, so kam der erste Weber Kugelgrill ins Haus. Auch nur deswegen Weber, weil ich meinen dreistelligen Lottogewinn nachhaltig investieren wollte, mit Erfolg, sieben Jahre hat er mich begleitet bevor er durchgerostet war. Die Frauen brachten dann Grünzeugs und Gemüse auf den Grill, dies forderte den ganzen Griller, der ja die Hauptlast und Verantwortung für einen gelungenen Abend trägt.

Mann wurde bequemer, der Bedarf an unterschiedlichen Grillzonen für Fleisch und Shrimps wurde laut, ggf mal räuchern, also nur so, dass man es könnte. So fand der Weber Q300 Gasgrill zu mir. Ein Winter Einkaufsschnäppchen -3% Liste, in den USA für die Hälfte zu bekommen, aber top schick. Die Anfeindungen der Grillfreunde gewiss, liebte ich auf Anhieb meinen Grill, wohl der erste Gasgrill in ganz Eckental. Das nachgesagte nicht vorhandene Raucharoma des Gasgrills ging mir nie ab, aber dazu später mehr. Die Weber Grillbibel führte mich auf dem rechten Weg. Tipps und Tricks, Fleischkunde, Rollbraten, Truthahne, Fischschwärme, Soßen, linksdrehende Soßen, scharfe Soßen, Spieße, Schäufele mit Kloß, wären möglich gewesen. Ich bin jedoch am ersten vielversprechenden Rezept, natürlich unter Berücksichtigung der optimalen Aufwand / Nutzen Analyse, hängen geblieben – der Burger.

Dieses Weber Rezept wurde dann unter Zuhilfenahme sämtlicher Messgrößen wie Temperatur (scharf anbraten), Auswahl der Zutaten (irisches oder US Rind), Witterung (bei Regen gelingt der beste Burger), Hunger / Durst der Gäste… über Jahre optimiert. Gemäß Weber gab es dann natürlich auch Fisch und alles an Steaks. Wie empfohlen scharf angebraten, was auch immer damit gemeint ist und warum dies einen Einfluss auf den Geschmack haben könnte, das blieb die Weber Bibel mir schuldig.

Wohl war meine Grillkunst ganz brauchbar, da die ersten Vorurteile gegen das Unbekannte sich legten, jedoch nie ganz verstummten.

Der Q300, wie auch ich, kam in die Jahre und eine Neuanschaffung stand bevor. Diese sollte gründlich überdacht und technisch fundiert sein.

Gas oder Kohle? Was heißen soll, jeder soll den Grill benutzen, den er für seine Anwendungen als den besten sieht. Raucharomen stehen für den Kohlegrill, fehlen mir die, was hat denn Weber darüber geschrieben, was denkt man als Ingenieur darüber? Das Raucharoma ist den Verbrennungs- / Vergasungs- Abgasen der Kohle geschuldet. Zumindest in Deutschland sollen die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, einer meiner früheren Leidenschaften. Auch der Diesel PKW soll demnächst, zumindest in Deutschland, ausgedient haben, ich werde jedoch weiterhin überzeugter Diesel PKW Fan bleiben.

Mir klingt noch der Bibelvers scharfes anbraten in den Ohren, dies soll bei deutlich über 700 Grad erfolgen, Kohle schafft um 500 Grad ein normaler Gasgrill um 300 – 400. Nur gut, dass ein ausgewanderter Deutscher in Kanada die Sizzle Zone serienreif auf den Markt gebracht hat, mit den gewichtigen Markennamen Napoleon.

Diesem ehrwürdigen Napoleon habe ich bei meinem Kumpel, nennen wir Ihn Angus, bei der alljährlichen AC/DC Konvention gegenübergestanden. Das Ende des sich bildeten Regenbogens wies mir den Weg zur Sizzle Zone, nüchtern betrachtet ein Zeichen Gottes. Da an diesem Abend lediglich AC/DC bis zum Abwinken auf dem Programm stand, gab es nur Grillbratwürste, wie früher eben zur Nahrungsaufnahme, somit durfte ich heute nur gucken nicht anfassen. Der stattliche 100 kg Angus und sein nicht minder leichterer Grill-Porsche, sind die optimale Symbiose aus weltmännischer Erfahrung und unbezahlbarer Bauernschläue. Wie beim Angus, steht auch bei mir bereits ein echter Porsche in der Garage, Bauernschläue wurde uns in die Wiege gelegt. 100 kg bringe ich jedoch nicht auf die Waage, was die Wahl zu einem etwas filigranerem outdoor Küchen Grillsystem nahelegt. Grill und Grillmeister sollten doch harmonieren, denke ich.

Bei Weber konnte ich keine Sizzle Zone finden, Der Broil King auch aus Kanada ist der Zwilling vom Napoleon. Über Baumarktqualität spricht man mit 50+ nicht mehr. Unterm Strich habe ich mich dann für den Rösle, zum 140-jährigen Rössle Jubiläum, G4-S entschieden, zumindest engineered in Germany, ein Sondermodel, klar.

First Fire, wie damals ein bewegendes Ereignis, nur ohne Synchronisierung, Gänsehaut pur. Vor Aufregung vergesse ich Bilder für die Nachwelt und Nachruf zu schießen, mein Hirn geht die Garzeiten in Abhängigkeit der Materialstärke und Durchwärmen der Frischdampfleitungen und Ventile durch…, halt die Dampfturbinen sollen ja alle abgeschaltet werden, konzentrier dich, je 2 Minuten bei 800 Grad, dann Kerntemperatur, dann durchgaren auf 150 indirekt….

Es ist vollbracht, hier liegt mein bestes Hamburgerteil mit Röstaroma vom geröstetem Fleisch, welches erst jenseits der 700 Grad direkt an der Fleischoberfläche entsteht. Der Geschmack anfänglich ganz ohne Grillsoßen, nur Fleisch, die Wucht, das nennen ich eine kohlehydratfreie Ernährung!

Selbiges mit dem Rind 4 cm stark und Röstaromen bis in die letzte Pore. Die nächsten sieben Jahre muss natürlich weiter optimiert werden, viele Schichten am Grill, demnächst mit feuerfesten Grillhandschuhen, müssen gefahren werden – der Weg ist das Ziel.

Frau Lehrerin hat nichts zu motzen und schenkt sich genüsslich noch einen roten Tropfen in ihr Glas, dies kommt der höchsten jemals vergebenen Auszeichnung nahe.

Wer hat hier nun was verlängert?

Des Mannes liebstes Spielzeug

Also angefangen hat alles vor drei Wochen, Samstag früh im Baumarkt, wo sich der Inscheniör gerne rumtreibt. Dorten hat er den Bobsi, den Mann von einer Montechauffeussen Mama, getroffen. Dieser war im Begriff sich eine Rösle Gasgrill Station zu kaufen, der die ordinäre Einbauküche und die dazugehörige Köchin gerade zu überflüssig werden lässt. Darüber hinaus löste Bobsi tausende von Treuepunkten, gesammelt bei Edeka, ein, und machte diesen polierten Edelstahlgourmettempel zu einem erschwinglichen Erlebnis. Am selben Abend noch, als ich die Hasi da abholte, brutzelten in der milchigen Abendsonne bereits die Bratwürstchen auf dem Grill, die Bobsi liebevoll mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck wendete.

Der Inscheniör ist angefixt und sofort spult er das ganze Programm ab: Preis- , Qualitäts- und Testvergleiche. Innerhalb einer Woche wird er zum diplomierten Grillmeister. Auch mich informiert er umfassend: Der Rolls Royce unter den Grills ist der Napoleon, eine kanadische Marke. Den hat Sandkastenfreund Bohänsel, Sohn des größten Landwirts der Umgebung. Weber hat mafiöse Strukturen und das Zubehör kostet ein Vermögen in Deutschland. Der Inscheniör entscheidet sich für Rösle Videro, Platz 4, die solide Mittelklasse. Bei Ankunft des neuen Gourmettempels stellt der Inscheniör beim Montieren einen neuen Weltrekord auf.

Des Foto stellst jetzt ned in Facebook, so knurrt er, ich will den A. gleich selbst damit überraschen, wenn ich fertig mit Aufbauen bin. Der Siemenskollege A., der auch die gleichen Chinohöschen trägt, hat selbstredend den selben Gourmettempel geordert. Wer schickt also wettbewerbstechnisch das erste Foto worldwide???

Oh, ein neuer Grill?, staune ich, als ich Lauffreundin S. abholen will und vor der Tür ein riesiges Paket wartet. Genesis 2 von Weber, zwitschert sie. Du Inscheniör, so zwitschere ich gleich beim Heimkommen zurück, der M. hat einen neuen Weber Genesis 2! Er kontert umgehend: Meiner hat mehr Features und außerdem hab ich noch ne sizzle Zone …. 

Ist der Kauf einer Edelstahlgrillstation eine Art Schwanzverlängerung im Sommer 2018?, so frage ich mich. Der Inscheniör bereitet sogleich akribisch unser Abendessen vor. Das neu erworbene Zubehör (Treuepunkte bei Edeka) glitzert in der Sommersonne und der eigentliche Akt kommt einer Philosophie gleich und ist eine ganz andere Hausnummer als auf nem Kohlegrill mal ein Steak zu wenden, werde ich belehrt.

Nach 20 minütigem Sizzlen, zehnminütigem Tranchieren und fünfminütiger Fotosession können wir endlich essen. Ich lobe meinen Inscheniör über Gebühr. Bin ich doch ein schlaues Frauchen und weiß, dass die Kosten- Nutzenrechnung immer ganz oben steht. Er wird sich grilltechnisch bis ins kleinste Detail informieren und mich als Köchin überflüssig machen…

Aber bitte mit Komfortbund!

Ohne Gummi, aber mit Komfortbund, so schnarrt die Stimme eines älteren Mannes im Konsumtempel meiner Heimatstadt. Ich stehe in der Socken- und Feinstrumpfabteilung. Hier zu sein, ist für mich fast geschichtsträchtig: die Damentoilette im zweiten Stockwerk, wo ich mich mit meinen Freundinnen mit 14 schön gekämmt habe, für den Flirt, der außer rot werden nix einbrachte. Im ersten Stock die Wäscheabteilung, wo der sexy Push up BH inzwischen der Shape Unterwäsche mit Bein gewichen ist und natürlich das Erdgeschoss: neben den Socken mit oder ohne Komfortbund, liegen die Koffer, die damals vor ca. 13 Jahren in ein neues Leben geführt haben und nicht zu vergessen der integrierte Friseursalon im gleichen Geschoss, wo man für reelles Geld eine ordentliche Sommerfrisur verpasst bekommt.

Unser Seychellenparadies endete abrupt, als ein junges Mädchen auf der Autobahn gleich am Flughafen dem Inscheniör bzw. dem GLK hinten reingefahren ist. Und da der GLK leider kein Plastikjapaner, sondern ein Auto der gehobenen Mittelklasse ist, kostet das schon mal ein Vermögen, von dem man sich wiederum einen Japaner hätte leisten können. Nix als Ärger!

Außerdem entpuppte sich der weiße feine Seychellensand in Hasis Haar, als böse Nissen und jetzt ist unser 5 Sterne Paradies mit Läusen verseucht. Gottseidank habe ich noch meine Arbeit, die meinem Leben Struktur und Sinn gibt und mich darüber hinaus jung hält! Ganz fleißig sitzen meine Schüler vor ihren PCs und arbeiten an ihrer Projektprüfung mit dem Thema „Auf eigenen Beinen stehen“. Sie suchen eine fiktive Wohnung, erstellen Annoncen und überlegen, was sie alles brauchen in ihrer ersten eigenen Bleibe. Auch Blondie schreibt mit Musik im Ohr ihre Tischkärtchen für die Einweihungsfeier. Wenn ich älter bin, heirate ich mal Kay One, so summt sie. Oh mein Gott, so stöhne ich innerlich, das ist doch der Deutschrapper, dem sein Genitiv schon lange gestorben ist wie auch die Präpositionen in seinen Liedern. Ich bin aber ganz Profi als ich erwidere: Du, das nimmst du gleich in deine Bedürfnisanalyse auf, wenn du ausziehst!!

Ich bin wirklich stolz auf meine Schüler. Einer von denen inzwischen Einsübersechzig versucht mit einem anderen Übereinsneunzig die Besprechung ihrers selbstgebauten Ventilators in spe in einer Actionpantomime darzustellen. Ich bin stark beeindruckt von soviel Kreativität und hoffe, dass sie die Verknotungen ihrer Arme bis Ende der Stunde gelöst haben. Gottseidank arbeiten die anderen brav. Eine besondere fleißige Schülerin sucht schon seit einer geschlagenen Stunde für die angehende Selbstständigkeit Logos für die Abschlusshirts im nächsten Jahr. Der Abschluss ist gebongt!, soll draufstehen. Blondie hilft mir mit Händen und Füßen bei der Interpretation: Wissen Sie eine B-O-N- G! Ich war auch mal jung, so schmolle ich zurück.

Aber jetzt schnell zurück zu dem Konsumtempel meiner Heimatstadt. Ich bin auf der Suche nach einem figurfreundlichen Sportoutfit mit Komfortbund für meinen ersten Auftritt in meinem Leben! Ich verrate es euch: mein Fitnessguru hat mich und einige andere überredet am Sambafestival auf der Haupttribüne Zumba zu tanzen. Im Geheimen hege ich diesen Traum seit Jahrzehnten, seitdem meine Freundin Susi Anfang der 90er am Schlossplatzfest von ihrer Danzgruppe des Durnvereins Ketschendorf einen gelungenen Auftritt hinlegte. Und nun muss ich mal ganz schnell meine Choreografie lernen, damit ich mein Publikum in vier Wochen nicht enttäuschen werde.

Lost in den Mangroven

Was tut man, wenn es auf einer Sonneninsel regnet? Ganz klar, man besucht eine Rum Destille, die einzige auf dieser Insel. Zuerst gibt es eine Führung durch die ehemals feudalen kolonialen Parkanlagen und der jetzigen Brutstätte der Teufelsdroge „Alkohol“. Das besondere Highlight: man darf das Zuckerrohr durch die Touristenpresse schreddern. Brav schießt die Gruppe ein paar Fotos auf ihren Handys. Endlich können wir uns nach einer Stunde Bildung dem Rum Tasting widmen. Unter uns: der Inscheniör und ich mögen lieber einen Grappa, aber als Mitbringsel für die daheimgebliebene Verwandtschaft tut er es allemal.

Nach der Verkostung scheint das Wetter kurzzeitig etwas besser zu sein oder ist es nur die Einbildung in unseren vernebelten Rum Sinne?

In unserem Retortenressort schenken wir uns erstmal ein Gläschen Cidre ein, sozusagen als Neutralisation des eben getrunkenen Fusels. Die Wolken hängen schwer über Mahe und nur die eisernen russischen Pauschalis tummeln sich mit ihren tätowierten Körpern am Pool.

Was tun? Das Wetter lädt zu einer Kanutour ein, so hat der Inscheniör wenigstens keine Sorge wie ein Hummer unter der sengenden afrikanischen Sonne niederzubrennen. Aber Vorsicht ist allemal angesagt: am Kopf trägt er seinen Tilleyhut LFS 50, die halblangen Badehosen sind ein Relikt des letzten Bretagne Urlaubs (Original Tricolore). Der optische Overkill gipfelt in dem Schwimmshirt aus Thailand (für 9 Spareuronen von Amazon Prime in xxs). Ich kann mir nicht verkneifen anzumerken: Na, hat deine Mutter ihren farbenfrohen Ballonseidenjogginganzug anno 1995 mal kurz umgenäht!!

Schnell sind die Schwimmwesten angelegt und das Kanu sticht in den wilden indischen Ozean! Don’t go near by the reef, it‘ s dangerous. Go straight ahead!, so schreit uns der Mann am Verleihstand hinterher. Bereits nach 3 m auf hoher See und geschätzter Tiefe von mind. 1,20 m hyperventiliere ich: Inscheniör, ich hab Angst, lass uns umdrehen!!! Bezahlt ist bezahlt, so knurrt er unsensibel und sticht weiter in die Untiefe. Wie ein paralysiertes Karnickel gebe ich jedwelche Ruderbewegung auf und warte auf das nahende Ende. Meine Tochter, ganz ihr Vater, rammt mir ihre spitzen Ellebogen ins Kreuz bevor sie jubiliert: Papa, gib Speed und schmeiß die Mama raus, dann holen wir uns einen Zweisitzer!!! Et tu, Clare, so antworte ich im Geiste. Da ich ja anpassungsfähig bin, rudere ich bald in Galeerestrafmanier eins links, eins rechts im Takt. Fehlen nur noch die Bongotrommeln, die meinen Ruderrythmus gleichmäßig schlagen lassen. Der Inscheniör übernimmt die Steuerung und biegt nach 1000 m hoher See in die Mangrovensümpfe ein.

Sogleich überfällt mich wieder Panik, vor meinem geistigen Augen tauchen in diesem Salzwasserbiotop Krokodile, Hippos oder zumindest Stechfliegen der gemeinsten Sorte auf… und der Sprühregen lässt auf meiner Sonnenbrille nur Schlieren erkennen. Plötzlich nimmt hinter uns ein Speedboot die Verfolgung auf. Beachte den Typen nicht weiter, so gibt mein Kapitän die Order, der will uns nur was verkaufen!! Das Speedboot hat uns bereits eingeholt und macht eine Vollbremsung vor unserem Kanu und bringt dieses fast zum Kentern. Wir erkennen den Typen vom Bootsverleih, der uns entgegenbölkt: Don’t drive into the Mangrove… you can only go there on a guided tour!!

Hab ich es nicht gleich gesagt: gerade noch mal mit dem Leben davon gekommen! Der Bootsverleih Mensch eskortiert uns in sicherer Reichweite und hat wahrscheinlich die Schnauze voll von Touristen, die machen, was sie wollen. Auf jeden Fall war das genug an Abenteuer. Heute waren wir wieder an unserem einsamen Lieblingsstrand und haben eine Kolonie von Taschenkrebsen gegründet! Genug der Aufregung im Urlaub auf einer Sonneninsel!

Unter die Haut

… geht mir der Sand, die selbstgesuchten Muscheln und der Seetang, mit denen mir die Hasi mit Vorliebe den Bikini ausstopft! Das freut sie ungemein, wenn sie ihre Mama damit ärgern kann und jene quietscht, wie eine in die Enge getriebene Seekuh. Ansonsten verbringt sie die Urlaubstage schnorchelnd unter Wasser, immer auf der Jagd nach bunten Fischchen, Seegürkchen und nach Muscheln.

Der Inscheniör ist inzwischen zum Oberst aus der Reserve erwacht und kommentiert unverblümt seine gewonnenen Erkenntnisse in unserem Retortenressort. Also gestern war Schichtwechsel. Und es kamen nur Inder anstelle und die müssen wohl noch angelernt werden! Mit Indern kennt sich der Inscheniör aus: Die sagen immer, dass sie es können! Auch wenn sie nix können. Die müssen ihr Gesicht wahren und man darf Ihnen nicht sagen, dass sie was falsch machen! Da tun sich ja für mich völlig neue pädagogische Perspektiven auf: Du A! Wenn du beim Sprechen den Mund zu machst, klingt deine englische Aussprache echt superb … ähm… Aber jetzt sind erst mal Ferien, mit der mündlichen Englischprüfung beschäftige ich mich nicht vor nächster Woche!

Heute jagt uns der Oberst einen Dschungeltrail im 20 % Steigung mit Aussicht hoch. Meine zwei kenianischen Antilopen sind schwuppdiwupp binnen von Sekunden im prallen Dickicht verschwunden, nur die Muddi bleibt vereinsamt zurück und versucht den Anschluss nicht zu verlieren. Der Trail ist glitschig, die Luftfeuchtigkeit beträgt gefühlte 90 %, ich transpiriere, schnaufe, ächze, jammere… Schlussendlich heule ich und habe im Geiste schon die Scheidungspapiere unterzeichnet!!!Herrgott hilf mir, ohne Wasser, auf fremdem Kontinent fernab jeglicher Zivilisation! Panik steigt in mir hoch…

Hab ich erst letzte Woche vor Reisebeginn in der BILD Zeitung gelesen, dass ein Seychellen Urlauber plötzlich verschwunden ist. Ok, der trug ein wahnsinns hässliches Shirt! Das war sicherlich Murphys Gesetz, so versuche ich mich zu beruhigen… Oben am Gipfel, tropfnass und gefühlte 2 kg leichter, treffe ich am wolkenverhangenen Aussichtspunkt meine zwei Bergantilopen. Ich bin leider zu sauerstoffarm um loszubölken! Aber, wenn ich wieder genug Luft zum Atmen habe, ich schwör ✌🏽✌🏽✌🏽

Und weil die Schnecke am Blattgrün das Highlight bei der Wanderung ist, versuche ich meinen Ärger runterzuschlucken!

Und sonst? Was lernt uns das Retortenressort?

Ad eins: südafrikanische Kellner namens Brandon sind äußerst smart und tragen microblading Augenbrauen!

Ad zwo: Lass dich niemals mit Hot Babs früh in der Fitness Ärea ein, denn sie wohnen neben der Präsidenten Suite, die täglich soviel kostet wie ein Leerergehalt!

Ad drei: kleine thailändische Masseussen können großes Inscheniörs Kreuz zum Erliegen bringen!

Ad vier: Rote Krebse leben in Rudeln, sind sehr scheu und verschwinden umgehend bei Geräusch in ihrem Sandloch!

Deshalb für heute: eine gute Nacht! Schlussendlich geht am Äquator die Sonne schon um halb sieben unter 🌙💫🌍

Schleich auf den Seychellen

Vorweg: Dank der Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent liegt mein volles Haar in sanften Wellen um mein Haupt und die Haut ist prall und saftig wie Schneeewittchens Apfel, selbstredend an der ungiftigen Stelle. Die Bikinifigur ist vernachlässigbar, da bei den fast menschenleeren Traumbuchten ich konkurrenzlos als Vollweibnixe durchgehe. Mit dem Inscheniör und der Hasi muss ich mich eh ned vergleichen. Die hatten als Vorfahren kenianische Langstreckenantilopen oder sowas ähnliches. Die absorbieren Nahrung bereits bei der Aufnahme.

Da der Inscheniör jeden Tag in der Morgenschwüle seinen Körper bei einem 10 km Orientierungslauf zur Höchstform auffährt, weiß er bereits die besten Buchten auf unserem Urlaubsressort Constance Ephelia. Derweil schlafen seine zwei Weibsen noch oder hängen versonnen den Gedanken nach.

Nach drei Tagen kennt er die Gegend wie seine Westentasche, deshalb muss ein Mietwagen her. Der Kreole bei der SIXT Autovermietung, mit einem dünnen Clark Gable Schnäuz ausgestattet, gibt sich launig: Du musst links fahren, hö-hö! Und weiter: This is not a Mercedes Benz! Mit guter Menschenkenntis hat er gleich den typischen Deutschen erkannt. Unser Mietwagen, ein kleiner Hyundai, eignet sich perfekt für die engen kurvigen Straßen. Raus aus dem Luxusretortenressort, starten wir in das wirkliche pralle afrikanische Leben.

Mangrovenwälder, rote Erde und kleine Ortschaften, wo die Frauen Obst an der Straße feilbieten, alte Busse mit Schulkindern, brav in Uniform, ziehen an uns vorbei, bevor der Inscheniör eine Vollbremsung hinlegt: eine Baustelle afrikanischer Art. Einer hält ein selbstgemaltes rotes Schild an einem Holzstock mit Stop in die Höhe, ein anderer sitzt gemütlich in einem Bagger, weitere sieben palavern, der letzte hat zumindest eine Schaufel in der Hand. Zuhause wäre das mit einem Bagger und maximal zwei Arbeitern getan, so merkt er kritisch an und sogleich lädt das Schild mit einem grünen Go zur Weiterfahrt ein.

Am Takamaka Strand stürzen wir uns in die Wellen. Allen voran die Hasi. Ich mache ein kleines Filmchen von ihr, dem Inscheniör und den Fluten. Es gibt doch nix Schöneres als den Daheimgebliebenen seine Urlaubseindrücke per Facebook oder Whatsapp Status reinzudrücken. Besonders stalkermäßig ist die Statusmeldung. Da gibt es doch tatsächlich Bekannte, die es wagen nur eins von zehn Bildern zu huldigen!!!

Der Inscheniör ist zufrieden mit meinem Filmchen. Ich bin ja von hinten noch definierter als gedacht, so gibt er sich mehr als zufrieden. So muss es sein und überlege wie es wohl war, damals, als mein Inscheniör zarte 15 Lenze zählte und mit abgespreizten Armen auf seinem PUCH Mofa die Gegend unsicher gemacht hat. Auch ich bin zufrieden: Noch zwei Tage Sonne und meine Extremitäten haben die gleiche Brutzelfarbe wie die leckeren Bratwürste aus meiner Heimatstadt!

Rundum ist es bis dato ein gelungener Urlaub stellen wir abends beim Cowboy Country Road Büffet fest! Auch die Hasi gibt sich friedvoll und verteilt weiße Hawai Blütenblätter an die Kellnerinnen und ihre Schleichpferde.

Die Lehrerin

https://www.youtube.com/watch?v=np0solnL1XY

 

Punkt Nummer eins: Eine Lehrerin hat  früh recht und nachmittags frei.

Dieser Punkt stimmt beileibe nicht. Ich bin Ganztagsklassenlehrerin und darf meine lieben Pubertiere zwei Nachmittage bespaßen. Und ich will immer ganz nah an meinen Schülern sein. Was bedeutet Liebe für euch?,so frage ich in die Runde. Beschiss, Betrug und Kummer, kommt es spontan von Blondie aus der ersten Reihe. Sogleich bricht sie in Tränen aus, ihre Nachbarin heult aus Solidarität  mit. Eine dritte tröstet sofort und alle drei versinken in einem Meer von Umarmungen. Gruppenkuscheln ist angesagt. Lasst es zu!, höre ich mich mit der Stimme von Herrn B. sagen. Aber jetzt ist genug psychologisiert. Blondie darf sich auf YouTube noch ihr Lieblingslied anhören. Und weil ich als Lehrerin immer gerecht bin, dürfen die anderen Schüler sich auch ein Video aussuchen. Und schwupps ist der Nachmittagsunterricht wie im Flug vorbei!

Punkt Nummer zwei: Eine Lehrerin muss delegieren können.

A. wisch mal die Tafel! F. kehr das Klassenzimmer! M. tu mal das Altpapier runterbringen! S. räum den Müll unter deiner Bank auf!, so kommandiere ich mit befehlsgewohnter Stimme. Klare Ansagen helfen im pädagogischen Miteinander ungemein, stecken den Ordnungsrahmen ab und lassen Undiszipliniertheiten im Keim ersticken. Leider identifiziert sich die Lehrerin gerne mit ihrer Rolle, so dass sie in Feldwebelmanier zu Hause weiter Befehle gibt: Inscheniöööör, wisch mal den Tisch ab, saug die Brösel weg, tu mal den Müll runterbringen!

Punkt Nummer drei: Eine Lehrerin ist mit allen pädagogischen Wassern gewaschen.

Mama! Wir müssen ein Referat über einen Künstler halten., informiert mich die Hasi neulich.  Na, wenn das für die Lehrerin keine Herausforderung ist. Plakat, war gestern, Lapbook heißt die neue didaktische Herausforderung. Sofort bestelle ich ein Buch über diese Unterrichtsmethode, kaufe Tonpapier, Bastelkleber und diverses. Vincent van Gogh, heißt ihr Thema. Ich bediene die Kindersuchmaschine (googeln ist nicht erlaubt) und los geht es. Derweil die Hasi neben mir in Seelenruhe mit ihren Schleichpferden spielt, arbeite ich wie eine Bessessene: entwerfe Drehscheiben für Vincents Lebenslauf, ein Gespenst aus Tempotaschentuch symbolisiert Vincents Wahnsinn. Seine Bilder drucke ich farbig auf Hochglanz aus, zum Schluss verziere ich das Cover mit Schmucksteinen. Wenn das kein Einser wird?, so bestaune ich zufrieden mein Werk und bedauere, dass es an der Montessorischule keine Noten gibt.

Punkt Nummer vier: Eine Lehrerin muss spontan und situativ handeln können.

Hase!, der Inscheniör sitzt gebannt vor dem Bildschirm. Darauf ploppt eine Reihe von Poloshirts auf. In unserem Hotel ist abends ein Dresscode verlangt, deshalb. Die virtuellen Polos geben nichts her, deshalb machen wir uns zum Marco Polo Laden auf. Dieser liegt nur einen Steinwurf weit weg. Ich darf als Beratung mit. Wir kaufen nur Poloshirts ein, schärft mir mein Gatte ein. Na klar, geht klar! Eine geschlagene Stunde später habe ich bereits drei Kleider, zwei Shirts und ein paar Schlappen neben den zwei ausgewählten Polos des Inscheniörs an der Kasse liegen. Ein stolzes Sümmchen leuchtet auf. Der Inscheniör zahlt zähneknirschend und ordert zur Beruhigung eine Flasche Bier beim Ladenbesitzer. Eins der drei Kleider lasse ich gleich an. Es ist blau, hinten aus  Plissee und fällt wie ein duftiger Vorhang um meine Hüfte.

Punkt Nummer fünf: Eine Lehrerin hat viele Facetten.

Free bird, dudelt es aus dem Lautsprecher am Grillplatz, wo wir abends zu einer Geburtstagsfeier eingeladen sind. Ich sitze mit meinen Montechauffeussen am Holztisch und wir lassen uns den Wein schmecken. Unsere Männer sind irgendwie außer Sichtweite. Die Feelgood-Rock-Klassik-Playlist tut ihr übriges dazu und versetzt mich in meine Jugendzeit, wo man noch Kassettentapes aufgenommen hat und jedes Lied einer Gefühlslage zuordnen konnte. Break on through the otherside, foxey lady auch wenn es die road to nowhere ist. Ob ich es noch kann, frage ich mich im Geheimen? Es ist wohl wie schwimmen oder Radfahren, man verlernt es nicht. Ich stecke mir die erste seit 10 Jahren an. Vorne selbstgedreht und hinten Plissee! Leider schmeckt diese nicht mehr wie im alten Jahrtausend…

 

Der Inscheniör

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Warum? Weil du immer das gleiche schreibst, sagt der Inscheniör. Über Diäten, das will keiner lesen!, so fährt er schonungslos fort. Ok! Dann erfährt der Leser eben nicht an dieser Stelle, dass ich seit über einer Woche Intervallfasten tue. 5 kg in drei Wochen sind das Ziel für die eins A fast Badeanzug Figur für den Pfingsturlaub auf den Seychellen. Oder über dein Psychozeug! Da denkt jeder du wärst meschugge! Hm? Ich lebe recht gerne in meiner Welt und träum mir das Leben schön- bisweilen. Aber dafür gibt es ja den Inscheniör, damit es kein Traum bleibt.

Zur Zementierung diesen schickt er mir heute morgen einen Zeitungsartikel über whatsapp. Plopp! Die Rache der Inscheniöre, lautet die Schlagzeile. Ich erfahre in diesem, dass bei einem Inscheniör das Glas weder halbvoll noch halbleer ist, stattdessen ist das Glas doppelt so groß wie es sein sollte!

In einer Talkshow ist er der kommunikative Supergau, denn er will nicht über Probleme rabarbern, sondern er bietet Lösungen an- zielorientiert, selbstredend. Haaase! Du kannst deine Elterngespräche am Telefon auf ein Zehntel der Zeit reduzieren. In zwei Minuten kann man das sagen, wofür du eine halbe Stunde brauchst! Empathie ist für die Katz, die Kosten- Nutzen- Bilanz ist der Schlüssel zum Erfolg!

Mit Ideologien gewinnt man keinen Blumentopf. Wer rettete die Wale? Nicht etwa Greenpeace, sondern Rockefeller, der mit seinen Erdölraffinerien die Meeressäuger überleben ließ! Wer rettete den Wald? Nicht etwas der Bund Naturschutz, sondern die Erfindung der Dampfmaschine, die die Förderung von Kohle möglich machte!

Mein Inscheniör weiß Bescheid:

Über das Dieselverbot weiß er genau, dass die Herstellung eines Elektroautos wesentlich umweltschädlicher ist als das sanfte Brummen seines GLKs. Windkrafträder verschandeln die Landschaft, decken niemals unseren Energiebedarf und deshalb müssen wir unseren Strom von französischen Atomkraftwerken kaufen, die weniger sicher als deutsche Kraftwerke sind.

Und wie es in dem Artikel beschrieben wird, ist es wohl mit den Inscheniören ein Dilemma. Einerseits stellt er alles ungeschönt in Frage, andererseits ist er als technische Hilfe unabkömmlich: Inscheniöööör!, so schreie ich mehrmals täglich, mein i phone, der PC, das Licht, das WLAN, der Drucker, die Spülmaschine geehhnn ned!!! Und so bin ich dann doch recht froh über meinen kritischen Geist, der solange rumschraubt, bis er meine technischen Probleme mit den Gesetzen der Physik gelöst hat.

Verzeih dir selbst

Ge – bene -deit seist du, oh Herr!, so klingt es blechernd fränkisch und markerschütternd direkt hinter mir. Die Stimme fährt in mein noch müdes Innenohr und lässt mich kurzzeitig aufzucken und die Zeit vergessen. Es ist just 5.35 Uhr und wir sitzen mit Müllers von nebenan in der Ostermesse. Christus – ist auferstanden, so tönt es aus allen Kehlen. Der ältere Mann, eine Reihe hinter uns, gibt alles. Der Inscheniör erwacht aus seinem Dämmerschlaf und reckt erschrocken das Kinn aus seiner Dr. Schiwago- Thermomixfunktionsjacke mit echtem Pelzbesatz. Herrn Müller mit zerzauster  vordemerstenkaffee Frisur zu meiner Linken geht es ähnlich! Christus ist endgültig auferstanden, daran gibt es jetzt keinen Zweifel mehr!

Warum wir und die Müllers zur nachtschlafender Zeit in der Kirche gelandet sind? Ganz einfach, der hoffnungsvolle Nachwuchs singt im Mäuschen Kinderchor. Da müssen wir Eltern durch! Die Hasi und ihre Freundin E. nehmen die frühe Stunde sportlich. Die haben im Gemeindehaus mit den anderen 20 Chormäuschen übernachtet und zwei Stündchen geschlafen. Bereits ab 4.30 Uhr rannten sie wie kleine Gespenster um das Osterfeuer. Und jetzt singen sie vorne am Altar mit roten Bäckchen und goldenen Kehlchen: Wir loben unseren Gott, Halleluja! Die rostige Kehle, eins weiter hinten, ist ziemlich textsicher, keine Chance für die Müllers von nebenan und uns ein Nickerchen fortzusetzen. Meine Gedanken schweifen ab zu Gott und Jesus, der heute auferstanden ist und…dass man auch nachsichtig zu sich und zu seinen Lebensthemen sein sollte. Letztendlich darf man sich wohl selbst verzeihen. Wechsle die christliche Perspektive?!

Heute feiern wir ein Fest, Jesus selber lädt uns ein,… schwillt der Mäusechor und die fränkische Kreissäge an. Der Leib Christi und dessen Blut wird verteilt. Gehst du vor zum Abendmahl?, frage ich meinen Inscheniör. Bist du lebensmüde, knurrt er, diese Virenschleuder an Kelch geht an mir vorüber. Schon klar, der letzte Männerschnupfen ist nicht lange her und kam einer Nahtoderfahrung gleich. Meine Nahtoderfahrung sitzt mir direkt im Genick und stimmt zum Glaubensbekenntnis an.

Dann sind wir entlassen und erfreuen uns anschließend der heidnischen Tradition der Ostereier Suche. Und bis Christus gen Himmel fährt und uns seinen Geist schickt, dürfen wir mal überlegen, ob er nicht nur uns verziehen hat, sondern sich selbst auch?  Vielleicht mag ich persönlich bis zu Pfingsten nix mehr überdenken. Der Inscheniör hatte nämlich eine Ausschüttung. Ob diese hormoneller oder finanzieller Natur ist kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall darf ich in 50 Tagen vor der Ostküste Afrikas auf glasklares türkisfarbenes Meereswasser schauen bis auf den Grund! Aber heute wünsche ich euch allen erstmal ein frohes Osterfest!

Katz und Kuh

Herrje, die kälteste Nacht des Jahres steht bevor. Hoch Hartmut hat seinen Laden im Griff: beißende Kälte, eisiger Wind und Extremtemperaturen. Da müssen meine neuen weißen Café Noir Turnschühchen mit den riesigen weißen Schleifen noch ein bisschen warten. Ich kann sie höchstens mit ins Bett nehmen und vorwärmen. Dorten ist für diese Woche etwas mehr Platz, denn die Hasi ist ins Schullandheim gefahren. Ganz tapfer war sie bis zuletzt, dann sind doch die Tränen geflossen als sie mit ihrem großen Stoffhund zwischen der Henry Mama und der Lehrerin auf den Bus gewartet hat. Scheinbar ist sie doch in den Bus gestiegen und hat ihre einsamen Eltern zurückgelassen.

Die müssen jetzt schauen wie sie die Lücke füllen. Im Vorfeld gebe ich mich cool 😎, als Clara fragt: Freust du dich, wenn ich weg bin? Klar!, ich pinkle Eiswürfel als ich antworte, dann kann ich jeden Abend mit dem Inscheniör nackt kuscheln! Boah, tu das nicht, belehrt mich meine Tochter sogleich, da kriegst du sonst fünf Kinder!!! Na, so ein wenig Einsamkeit schadet wohl doch nicht.

Und jetzt ist die Hasi bereits die zweite Nacht weg, wo es doch so eisekalt ist und ich nicht weiß, ob sie ihre Fettcreme täglich aufträgt, ihre Ortomol Vitamine, die Schüsslersalze und Halslutschpastillen regelmäßig nimmt und ihre Skihose und die Thermounterwäsche anzieht… und überhaupt fließt durch diese fremde Ortschaft ein Bächlein und ich RABENMUTTER hab vergessen, die Rettungsweste einzupacken.

Gottseidank gibt es noch meine Klasse, die mein Leben nicht langweilig werden lässt und meine mütterliche Sehnsucht in den Hintergrund drängt. Ich hab sie alle von Herzen gern und bin fast ein wenig traurig, wenn ich meinen Kollegen, die gerne ein Gespräch mit folgenden Worten beginnen: Du, deine haben heute wieder…, leider zur Antwort geben muss: Geboren habe ich sie nicht! Und sie sind in der vollen Pubertierblüte, da ist man immun gegen Lehrer, die nur das Beste wollen und den Lernstoff, der als unnützes Wissen sofort aus dem Puberhirn outgesourcst wird.

Heute wieder auf ein Neues: Ich möchte die Unterscheidung von simple past und present perfect aus ihnen herauskitzeln, Stoff der 6. Jahrgangsstufe. Eine Schülerin sitzt bereits an der Dokumentenkamera und darf die Signalwörter des Textes farbig markieren, die ich dann nochmals an der Tafel verewigliche. Blondie aus der ersten Reihe ist mit Eifer dabei: is coming! Ich rolle mit den Augen. Does coming? Ich stampfe mit dem Fuß auf. Don’t come! Ich kapituliere. Und Jimmy aus der letzten Reihe, der buchstäblich alles überblickt, merkt kritisch an: Also, du scheinst ja den Stoff aus der 5., 6. und 7. Klasse komplett übersprungen zu haben! Da ist Blondie schon mal kurz sauer, aber Gottseidank ist ja gleich Pause, wo die wirklich wichtigen Infos ausgetauscht werden.

Die Pausenklingel kommt pünktlich. Ich packe meine Sachen zusammen und atme tief durch als ich denke: Ich habe sie nicht geboren. Ich muss ihnen keine Rettungswesten anlegen. Sie müssen selber schwimmen lernen. < em>Und jetzt du olle Helicoptermuddi, jetzt mach dir mal ein paar gute Gedanken, insistiere ich bei Pilates zwischen der Katz- und Kuhübung, Hartmut hat seinen Laden bis Freitag voll im Griff, da sind Rettungswesten voll überflüssig!