Kaktus 🌵 und Badeente 🐥

„Wissen Sie was Kaktus LSD ist?“, so fragt mich meine aufgeweckte Blondine. Ich kann gar nicht so schnell wissend gucken als dass es weiter aus ihr sprudelt. „Das ist 50 mal stärker als normales LSD. Und man muss sich eine Woche lang vorher mit Salat und Wasser darauf vorbereiten. Bei der nature one Mission hat einer drei Wochen darauf durchgetanzt.“ Was ist nature one?“, flüstere ich der deutlich jüngeren Kollegin neben mir zu. Ich erfahre, dass dies ein dreitägiges Technofestival ist. „Aber das ging doch nur drei Tage“, so schlage ich wieder meinen souveränen Lehrerton an, „Was hat der dann die restlichen 2,5 Wochen gemacht?“ Blondie gibt sich nicht so schnell geschlagen: „Na, der ASB feierte mit ihm noch die 2,5 Wochen durch, weil sie ihn nicht rausholen konnten!

Ich beneide denjenigen fast: Tanzen bis zum Abwinken in liebevoll-fürsorglicher Obhut! Das Leben im Januar kann unerträglich sein. Allein durch die täglichen Schlagzeilen der Presse komme ich in Kaktus-Laune: Katholiken explodieren im Gottesdienst – Mann (35) sticht Frau (33) nach Streit im Bus mit Stift ins Auge und die meisten Patienten lügen ihren Arzt an. Wie oft trinken Sie Alkohol, ist eine beliebte Frage beim Anamnese Fragebogen, den man im Wartezimmer ausfüllen muss. Ich kreuze da immer gelegentlich an.

Aber im Januar bin ich voller guter Vorsätze! Er sollte dry sein (also vielleicht maximal mal gelegentlich) und 2019 wird das gesündeste Jahr in meinem Leben. Unterstützt werde ich von Ernährungspapst Dr. Riedle, eine furztrockne Spaßbremse um die 50 mit randloser Brille. Ich wässere gründlich die Chiasamen, der Darm freut sich auf das ungezuckerte Dinkelvollkornporridge mit Birne. Die liebevoll zubereitete Rote-Beete Suppe ist dem Inscheniör zu rot und die Birnen liegen ihm  unverdaut im Magen. „Heute vorm Spiegel habe ich von der Seite fast ein Sixpack gehabt wie der Superman aus dem Dschungel“, erzählt er mir betont beiläufig. Frau (49) steinigt Superman (53) am miracle morning mit unverdauten Birnen, so könnte die nächste Schlagzeile morgen heißen.

Wenigstens ist die Hasi  zur Zeit sehr fürsorglich, fast empathisch, möchte ich meinen, und macht ihrer dünnhäutigen Mama nur wenig Probleme. Sie geht mit mir sogar zum Einkaufen, damit ich das super food, welches meinen mittelalten Stoffwechsel auf Turbo bringen soll, auch tragen kann. Vor dem Laden haben sich die ortsansässigen Grünen versammelt und werben im Biene Maja Faschingskostüm für die Artenvielfalt. Die grüne Badeente ist umsonst.

Die Hasi ist sehr besorgt: “ Wo verstecken wir denn die Ente vorm Papa? Er wird sauer sein, wenn wir die mitnehmen.“ Ach, Hasi“, so gebe ich mich diplomatisch, „der Papa ist doch im Grunde seines Herzens ein alter Grüner“. Ich meine das im vollen Ernst. Der Inscheniör hat im ganzen Haus Lichtschranken eingebaut und es geht immer dann das Licht aus, wenn ich mich nicht mehr bewege. Und daraufhin muss ich wild mit den Armen rudern wie eine Windmühle, damit ich nicht mehr im Finstern sitze. Also, wenn das nicht grün ist?

Selbstbewusst stelle ich die Badeente auf das Küchenregal. Von dorten lacht sie mich beim Kochen an und schaut mir milde über die Schulter als ich das Curry- Gemüse- Quinoa zubereite. „Hm!“, gibt der Inscheniör von sich, als er den ersten Bissen zu sich nimmt. „Was, hm?“, ich schaue ihn argwöhnisch an. „Es fehlt die Sahne, damit es etwas flüssiger wird!“, so erwidert er meinem Blick standhaft. Nach geschätzten 180 kcal von 420 gibt er auf. „Ist mir zuviel“ und macht sich auf den Rest seinen Eltern runterzutragen. Oma und Opa gehören noch zur Kriegsgeneration, die essen alles, da wird nix weggeworfen.

Ich atme ruhig ein und aus, als ich die Erbsen in meinem Gemüse- Curry zähle.  Ich glaube, ich frage Blondie morgen mal unauffällig aus, wie das ist mit einer Woche Salat und anschließend Kaktus. Das hat auch eindeutig was Grünes oder etwa nicht?

Ich will die sein!

… so deutet Hasis jüngere Cousine selbstbewusst auf den Fernsehbildschirm und nippt an ihrem Kindersekt. Es läuft Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin. Zu sehen ist Sissis Schwester Nené, die, die der Kaiser Franz, verschmäht hat. Die Hasi blickt da schon mehr durch, schließlich hat sie bereits drei Stunden Sissi hinter sich und befindet schon in der Vorpubertät. Und ich bin die Sissi! Ihr Tonfall lässt keinen Widerspruch zu.

Wahrscheinlich ist die Hasi der Kaiserin Elisabeth nicht unähnlich gewesen. Ein wildes Kind soll sie gewesen sein, wird überliefert, welches nicht lange still sitzen konnte und auch an dem Lernstoff  wenig Interesse hatte. Und? Sie ist trotzdem Kaiserin geworden. Eventuell sollte ich mir jetzt schon Gedanken über eine profitable Heiratspolitik machen…

Was wäre Weihnachten ohne Sissi? Wie der Tannenbaum ohne Lametta? Die Gans ohne Kloß? Es ist Zeit, dass die Hasi die höheren Weihen der Herz-Schmerz-Kitsch- Unterhaltungsindustrie kennenlernt. Ich werde sie dabei pädagogisch unterstützen. Schließlich bin ich vom Fach und hole auch dorten meine Schüler ab, wo sie gerade stehen (also übertragen). Wir haben es uns vor dem Fernseher gemütlich gemacht, das Kaminfeuer lodert und unsere Gedärme verdauen den Weihnachtsbraten. Ich komme ins Träumen. Hier bin ich jung, schön, schlank und faltenfrei. Ich dolmetsche für meine Tochter die ganze Lovestory im Hier und Jetzt:

Szene:  Kaiser Franz reist bis nach Possenhofen nach Bayern für SissiVon Mittel- bis nach Oberfranken ist der Papa gefahren, weil er damals so verliebt war und hat um meine Hand angehalten bei der Oma Karin (Ich verschweige, dass die Baywa Rabattkarte meiner Mutter eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt hat. Der Inscheniör liebt Baumärkte und Sonderangebote).

Szene: Kaiser Franz erfährt, dass Sissi guter Hoffnung ist und legt ihr ein funkelndes Diamantencollier um ihren zarten Schwanenhals bei uns war es fast genauso, dolmetsche ich synchron. (Ich verschweige, dass ich damals an Kerwa als running gag gegolten habe. Vor heimischem Publikum beim Krämer nebenan, sinnierte die stand up Comedy Truppe namens die Straßenkehrer, ob der Inscheniör auch schon seine Kosten- Nutzenrechnung  bis zur zweiten Stelle hinterm Komma gemacht habe angesichts einem schwangeren Weib mit zwei Katzen im Gepäck).

Aber an den Weihnachtsfeiertagen darf ich mich meinen Illusionen hingegeben. Kaiser Franz, der Sissi jeden Wunsch von den Augen abliest, auch wenn er meist an seinem Schreibtisch regieren muss. Der rassige ungarische Graf Andrassy, mit dem Sissi die wilde Pusta entdeckt und der treue Oberst Böckl, der immer für sie da ist und sie in seiner Fantasie liebt. Einmal im Jahr zu Weihnachten Sissi zu sein, das muss reichen.

Selbst die herrische Schwiegermutter, die erzherzlose Sophie, und ein kleines Lungenleiden, würde ich in Kauf nehmen. Szene: Sissi lauscht an der Tür als die trainiert unsensible Erzherzogin dem Kaiser mitteilt, dass seine Frau den nächsten Winter nicht überleben wird:  Du musst jede Zärtlichkeit mit ihr vermeiden! (Ich verschweige der Hasi an dieser Stelle nix: Siehst, des ist bei uns auch so. Bei jedem Husten darf ich ins Gästezimmer ziehen.)

Sissis Lunge erholt sich vollständig. Szene: Franzl und Sissi stehen in der Gondel und der Kaiser nimmt zärtlich ihre Hand: Was für eine Frau hat der Himmel mir geschickt … Das denkst du auch täglich, so gurre ich zärtlich in Richtung Inscheniör. Überhaupt, wenn du das Licht brennen lässt, so gurrt er zurück.

Morgen ist Weihnachten vorbei, Gottseidank!

Mikroskopisch klein

Soll ich vorlesen oder willst du selber lesen?, sagt die Kollegin zu mir, als sie aus meiner Klasse kommend, sich zu mir ins Lehrerzimmer hockt. Sie hält mir auffordernd ein Handyfoto unter die Nase. Puh, mach du, seufze ich. Ich bin gerade von einem bösen Männerhusten genesen und leider noch etwas stimmlos. Darfst gleich mal raten, wer es fabriziert hat und fängt das Lesen an: Ich ging zu meiner taubstummen Freundin. Außerdem ist sie klein und gläubig. Ihre Augen sind leuchtend blau. In ihrem schwül warmen Zimmer wuchs mein mikroskopisch kleiner  * piep * rasend schnell. An dem Tag war sie wahnsinnig gut gelaunt. Ihre dicht behaarte * piep * … Es ist still im Lehrerzimmer geworden als die Kollegin endet. Was hast du denen im Wochenplan aufgegeben?! …, so insistiert sie. Westermann, Sprachbuch, S. 93: Getrennt und Zusammenschreibung von Adjektiven. Aber voll die sprachgewaltigen Bilder oder?  Typisch, da ist man mal zwei Tage weg und schon läuft der Laden nicht rund. Was hast du dir nur dabei gedacht, so pflaume ich den Verfasser an. Gestern noch mit Stofftieren gekuschelt und heute rasend schnell pubertär??? Dieser pflaumt zurück: Bei der Aufgabenstellung hat sich weiß Gott nix anderes angeboten!!!

Ja, da hab ich wohl mal wieder einen unverzeihlich dummen Fehler gemacht – zusammen oder getrennt – * piep * egal! Es ist bald Weihnachten und da ist man ja bekanntlich milde gestimmt, vergibt oder es wird einem vergeben. Und die letzten Tage vor der Ferien sitze ich doch auf einer * piep * Backe ab. Ich mache mal YouTube an, das geht immer und erzähle ihnen was von Queen, da gehe ich nämlich heute ins Kino. Kennt jemand Queen?, frage ich in mein Publikum. Merkliches Desinteresse macht sich breit. Argh! Also mein Freund war in Bohemian Rhapsody. Er hat sogar geweint!, so kommt es rechts vom Fensterplatz. Na, dann auf zu Freddie ohne Brexit am Flügel im weißem Satinanzug: Is this the real life, is this just fantasy…Das frage ich mich auch jeden Tag.

Abends im Kino  nimmt uns Bohemian Rhapsody von der ersten Minute an gefangen. Opulente Bilder, grandioser Rock und ich kann fast jedes Lied mitsingen. Ich bin mit Freddie und Queen aufgewachsen. Liebes Tagebuch! Ich komme gerade von der Lukasdisco. Es war voll geil. Zum Schluss haben sie Queen gespielt. Bei We will rock you haben wir uns hingekniet und mit den Händen auf den Boden geschlagen …

Under pressure im Duett mit David Bowie ließen mich als rasend schnell Pubertierende den Konflikt mit meinen spießigen Eltern erträglich machen. David Bowie unterstützte mich dabei androgyn mit Hut als Poster im Badezimmer. I want to break free … Wie im Rausch verlassen wir das Kino, hüftschwingend und singend. Der Inscheniör lässt seine spotify playlist starten: Don’t stop me now!!! 

Und heute als der Rausch verklungen ist,  muss ich mich zwingen, meine Rechtschreibprobe zu korrigieren. Plötzlich sticht mir ein gemaltes Blümchen auf einem Probenblatt ins Auge. Unter dem Arbeitsauftrag „Formuliere drei Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung“ steht neben der Blume: Keine Ahnung, aber vielleicht geben sie mir auf diese wunderschöne Blume ’nen halben Punkt 🙂 

Und da muss ich wieder an Freddie denken, der schon seit über einem Vierteljahrhundert als Sternschnuppe wie ein Tiger durch den Himmel springt und  singt: So don’t stop me now, don’t stop me …‚Cause I’m having a good time, having a good time. Und dass wunderschöne Blumen bis in den Himmel wachsen und tröge Arbeitsaufträge in Sprachbüchern gerne wahnsinnig gut neu interpretiert werden dürfen. Und es ist meine Aufgabe als Lehrerin ist, meine Schüler in ihrer Einzigkeit zu fördern. Mikroskopisch kleine Korinthenkacker gibt es in diesem Universum zuhauf. Ich denke, Freddie hätte mich verstanden.

reine Freude

ich freu mich auf euch, so schleime ich bereits vor zehn Tagen im Klassenchat und bekomme verdienter Weise nur eisiges Schweigen zurück. Egal! Voll motiviert starte ich in das neue Schuljahr. Meine Schultasche ist prall gefüllt mit neuen Ideen und pädagogischem Schnickschnack und mein Hirn angefüllt mit der Gutgläubigkeit, dass ich noch etwas ausrichten könne. Zumindest empfängt mich kein Pfeifkonzert als ich mein Klassenzimmer betrete und stolz das Schild 10 M Frau P. betrachte.

Meine Schüler chillen am Ecksofa, winken mir – nicht unfreundlich – kurz zu, bevor sie sich wieder ins Gespräch vertiefen. Ich möchte nicht gleich am ersten Tag zickig wirken und warte bis sie sich allmählich auf ihre neuen Plätze begeben. Ich packe meine pädagogisch-psychologische Zauberkiste aus und lasse sie Ziele formulieren, verpackt in poppige Roy Lichtenstein Comics. Diese habe ich noch mal verkleinert ausgedruckt und sollen laminiert auf den jeweiligen Platz geklebt werden. Man kann von den Kollegen aus der Grundschule richtig viel lernen und es kann nix mehr schief gehen mit dem Abschluss im nächsten Schuljahr. Meine Lieben sind eher unbeeindruckt und arbeiten lieber verbal sechs Wochen Sommerferien untereinander auf.

Frau P.! An der Abschlussfahrt, kann man sich da auch Mopeds ausleihen und die Küstenstraße rauf und runter heizen? Na, hat ja nicht mal eine geschlagene Schulstunde gedauert bis die wirklich wichtigen Themen auf den Tisch kommen. Boah, so geht bei Blondie ein Strahlen über das perfekt geschminkte Gesicht, ich leih mir nen Roller aus. Hab zwar keinen Führerschein, aber egal. Ich fange bereits jetzt innerlich das Schwitzen an und lenke das Thema auf die Introduction unseres altgedienten Englischlehrwerks.

Frau P., so unterbricht mich die nächste Schülerin, was halten Sie von der Idee, dass wir auf unseren Abschlusspullis das Logo draufmachen, was der M. letztes Jahr gezeichnet hat. Ich stehe gerade auf dem Schlauch, war ich doch noch damit beschäftigt zu gucken, wo überall Englisch als official language gesprochen wird. Na, sie wissen schon, wo er gemalt hat, was wir alle für Hobbys haben. Bei Ihnen war es eine Weinflasche, so hilft sie mir auf die Sprünge. Ich gebe mich geschlagen und wir verbringen gechillt den restlichen Vormittag, um sinnfreie Motive mit Bierflaschen und Sprüchen a „nix gerafft und doch geschafft“, ausklingen zu lassen.

Am Abend beschwere ich mich bereits bei meiner Kollegin, dass wir sofort die Sitzordnung ändern müssen, sonst würde das schwer werden mit dem Abschluss. Die Kollegin ist flexibel und wir tüfteln bei einem einstündigen WhatsApp Videocall und Legekärtchen bis ins Detail.

Meine Lieben sind nicht sehr amüsiert über die Sitzordnung, fügen sich aber. Dr. Hermann H., so versuche ich einen meiner Deutschtalente einen Unterrichtsbeitrag zu entlocken, Wo sind wir denn gestern stehen geblieben? Ich setze dabei einen glaubwürdig gespannten Gesichtsausdruck auf. Woher soll ich das noch wissen?, antwortet er mir mit stoischer Miene, die nur durch das gleichmäßige Kauen seines Kaugummis gestört wird. Gottseidank gibt es noch die inzwischen auf fast einsfünfundsechzig gewachsenen, die mit ihren gleichen Brillen glatt wie Zwillinge durchgehen und mir die passende Antwort sofort unisono entgegenbölken. Seit zwei Tagen präsentieren sie sich mir als Musterschüler. Ihr seid mir unheimlich!, so tue ich meine Verwunderung kund. Seid ihr krank, nehmt ihr was ein??? Sie beachten mich nicht weiter und schreiben still ohne Zuckungen den Hefteintrag ab.

Sollte doch irgendetwas im vergangenen Schuljahr gefruchtet haben? Ernte ich die Früchte im Juli 2019? Bin ich etwa zu kurzsichtig mit meinen jetzigen Prognosen? Frau P., unterbricht eine Schülerin meine Gedankengänge, sie wissen mehr als meine eigene Mutter über mich! Oha, es scheinen also auch meine Ratgeber in Liebesdingen gefruchtet zu haben. Und mal ganz ehrlich, wer will schon angepasste Einser Streber vor sich sitzen haben. Das Leben schreibt doch seine eigenen besten Geschichten.

 

Raus aus dem Bushäuschen – Ruf dir ein Taxi!

Am meteorologischen Frühlingsanfang muss man sich unbedingt den Realitätscheck geben, so ist der Konsens von Lore und mir, als wir die letzten Minuten des Bachelors im whatsapp Talk parallel synchronisieren und analysieren. Wir sind uns schnell einig, dass er ein mittelmäßig aussehender geiler Bock ist (laut Focus waren am Drehset überall Kondome griffbereit gelegen), der sich gewaltig schämen sollte!! Also ehrlich!

Und sofort schweben zudem folgende Fragen im Raum: Wollen wir Frauen so einen? Und sind wir käuflich?

Die machen es für Geld und werden dann als Z- Promis durchs Dschungelcamp geschleift, so könnte eine Antwort lauten. Das ist doch inzwischen angiemäßig politisch voll korrekt. Die Asylis haben auch zwei und mehr Frauen, wäre eine andere Erklärung. Boah, wir wollen auch vier oder fünf Männer haben: einer der einkauft, einer der aufräumt, einer der das Geld zusammen hält …

Weit gefehlt, so müssen uns Lore und ich belehren lassen, es ist wohl doch alles Reality. Stern TV greift das Thema im Anschluss auf: Wie bewältigt man Zurückweisung in dieser Show? Eingeladen ist eine Bachelor Finalisten von 2016, die damals vom Bätsch in der letzten Runde sitzen gelassen worden war. Das war der, der so aussah wie der Esel aus den Shrek-Filmen, viel Zähne und sonst nix. Im Einspieler sieht man die Verschmähte mit weidwunden Rehaugen vor einer Kiste mit Erinnerungen schwelgen. Da ein flüchtig hingeschmierter Zettel von dem Shrekdarsteller, hier eine verwelkte Rose. Für mich ist das damals eine Welt zusammen gebrochen, als er mir sagte, er hätte sich nicht in mich verliebt. Ich konnte seine Worte in diesem Moment gar nicht begreifen, habe es nur an seinen Augen ablesen können. Ich weiß bis heute nicht wie ich damals mit dem Flieger nach Hause gekommen bin. Ich war tagelang wie weggetreten.

Der Fachmann, der zu dieser „Sitzenwerdengelassen“ Thematik eingeladen wurde, nickt zustimmend: Das ist ein Ereignis, ähnlich wie der Schmerz über den Tod eines Angehörigen, das hier verarbeitet werden muss. Dabei wirft der fleischig- haarig glatzköpfige Beziehungscoach der weidwunden Zurückgetriebenen einen begehrlichen Blick zu, bevor er fachmännisch weiter palavert: Man muss sich danach selbst in Stimmung bringen!

Na, diese Tipps hätten Lore und ich auch im Wachkoma nach einer einwöchigen Klassenfahrt aus dem Stegreif aufsagen können. Deshalb gibt es an dieser Stelle, die über Jahrzehnte hinweg gewonnen Coaching-Strategien, von Frau zu Frau:

  1. Entsorge die Erinnerungskiste: Wirf die den geschenkten Bücher und die Briefe in den Müll. Dann lösche alle Fotos und Filme auf deinem Handy. Verbiete dir selbst das Googeln seines Namens.
  2. Leg die rosarote Brille ab: Der Bollerkopf sieht nur mittelmäßig aus und schon während des Studiums haben alle hinter vorgehaltener Hand über seine Haare am Rücken und den Schmalz in den Ohren gelästert.
  3. Das Modell ist ein Opel, kein Ferrari: Das sieht zumindest der Durchschnitt deiner weiblichen Bekannten. Was für dich der scharfe Rettich ist, dreht bei den anderen  Frauen den Libidoregler auf null.
  4. Hör endlich auf dich unter Wert zu verkaufen: Lauwarmes Essen schmeckt auch nicht nach dem x-ten Aufwärmen. Das gleiche gilt auch für den Typen, der dir homöopathisch und situativ hin und wieder einen Brotkrumen zuwirft.

Deshalb warte nicht auf doofe Rosen von solchen Eseln in einem Bushäuschen: Ruf dir ein Taxi, selbstredend ein tolles Modell, bei dem alles noch gut in Schuss ist!!!

 

 

 

Der Tag der toten Eichhörnchen

Mama, so schreit meine Tochter heute morgen um 6.30 Uhr oben aus ihrem Zimmer, grad ist auf der Straße ein Eichhörnchen überfahren worden!! Ich könnte glatt ein paar Tränchen verdrücken als ich mir das Eichhörnchen vorstelle: klebend auf dem Asphalt der B 2 mit leeren Augen, blutend, nur der buschige Schwanz weht vom Fahrtwind der Autos. Und nicht genug der Dramatik: auf dem Weg zur Schule sehe ich den zweiten toten Nager mit leeren Augen, blutigem Schwanz …

Ich fahr nirgendwo mehr hin. Ich hab genug von der Welt gesehen, so legt meine Mutter ohne Vorwarnung los, bevor ich überhaupt hallo ins Telefon rufen und fragen kann, wie der Urlaub war. Was hast du denn schon groß von der Welt gesehen? frage ich verwundert. Australien, Irland und Kärnten!, so schnappt sie zurück, und zuhause ist es eh am Schönsten. Wenn man nirgendwo mehr hinfährt, kann man auch keine Eichhörnchen überfahren!

Hast du schon gehört?, der Laden, wo du das sauer verdiente Geld vom Inscheniör ausgibst, macht zu!, so tuschelt mir eine Freundin bei einer Laufeinheit zu. Ich bleibe wie angewurzelt stehen: was mach ich nur in Zukunft, wenn meine Seele wieder nach Selbstbestätigung schreit und ich diese nur durch Kleidung und Schuhe zum Schweigen bringe? Wenn man nie mehr vis- a-vis von Schuh- zum Klamottenladen quer über die Straße im Schweinsgalopp rennen kann, dann kann man auch nicht wie ein Eichhörnchen überfahren werden, blutend und mit leeren Augen auf dem Asphalt liegen!

Mama, so heult die Hasi hysterisch, die A. hat zu ihrem Geburtstag gaaanz viele Schleichpferde bekommen und ich nur drei!!! Als Beweisstück hält sie mir ihr Handy unter die Nase, auf dem ihre BFF in einem 5- minütigen Video ihre Geburtstagstrophäen in epischer Breite verfilmt hat. Das Drama ist perfekt und wird noch perfekter, als der Inscheniör ihr zu zischt: Du hast auch keine verdient, du bist in der Schule nicht fleißig! Mir eröffnet er zugleich eine neue pädagogische Taktik: Vielleicht sollten wir uns nur noch mit armen Leuten abgeben? Hätte man die Eichhörnchen vielleicht retten können, wenn man das Geld nicht in Plastikpferde, sondern in den aktiven Tierschutz gesteckt hätte, beispielsweise in einen extra angelegten Kleintierzebrastreifen?

Ich kann nachts nicht mehr schlafen, so weint sich meine Kollegin bei mir abends am Telefon aus, wenn ich an die Abschlussprüfungen denke. Die Kollegin holt ihre Schüler im Hier und Jetzt proportional zugeordnet ab: Wir bereiten uns täglich für zwei Stunden für die Prüfungen vor. Nach drei Tagen machen wir eine 11-tägige Pause, in der wir täglich bei Kerwa und Schwimmbad versumpfen, lustige Snapshot Stories posten und an der Konsole Wurzeln schlagen. Von den insgesamt 15 Schülern fällt noch eine aus, die während der Unterrichtszeit ihren Nachtschlaf nachholt. Wie viele Stunden braucht es noch, um den Lernstoff in das beratungsresistente Schülerhirn zu transferieren? Die Antwort liegt bei irgendwas von einer Stunde und 31 Minuten… fünf von den 15 Zöglingen kommen auf das richtige Ergebnis und das ist doch eine beachtliche Ausbeute und macht den Anblick der armen toten Nager vergessen!

Mit freundlichen Grüßen

Frau P., so flüstert mir die Bienenkönigin hinten links vertraulich ins Ohr, der Jimmy musste sie fei vier Stunden lang bearbeiten, dass des was Gescheites wird auf dem Klassenfoto!!! Ich schlucke tapfer und gebe mich extremst locker: Na, wenn das kein Vertrauensbeweis ist und von einer gelungenen Lehrer- Schülerbeziehung zeugt…In meinem Inneren bricht derweil Panik aus: Bin ich wohl schon voll die Gesichtsbratze, die man vier Stunden durch den Filter jagen muss, damit sich Jugendliche nicht mit mir auf einem Foto schämen müssen? Betont gleichgültig frage ich bei Jimmy nach. Puh, so antwortet er mir gelassen, es war ihr Leopardenkleid mit der Kette dazu. Das hat die Arbeit gemacht mit den ganzen Schattierungen. Ich seufze unhörbar auf und gebe mich zerknirscht: Das Kleid ist neu und ich hab es extra für das Klassenfoto angezogen und… und ich wollte halt schön aussehen. Jimmy winkt ab und schaut mich dabei milde an, als wenn er mit seinen 17 Jahren schon ziemlich genau wüsste, wie kompliziert Frauen sein können.

Ziemlich schwere Kost ist auch unsere Klassenlektüre „Der Vorleser“ um Hanna, die KZ Wärterin, die aus Scham, dass sie nicht lesen und schreiben kann, lieber lebenslänglich ins Gefängnis geht. Und Michael, der als junger Mann eine Affäre mit Hanna hatte, sie nie vergessen kann und diese maßgeblich seine weiteren Beziehungen in seinem Leben beeinflusst. Die Übereinssechzig gruselt es bereits bei dem eher harmlos beschriebenen Nacktkuscheln Szenario zwischen dem ungleichen Paar. Und im Film ist alles noch in Naturbehaarung zu sehen, unvorstellbar!! Und dann kommt noch Frau P., die ihnen einen inneren Monolog abverlangt, was Michael fühlt als Hanna ihn verlässt.

Beim Korrigieren mache ich mich auf das Schlimmste gefasst und bin baff erstaunt, welche romantische Seele sich in den Jungs befindet: …ich liebe sie, ich vermisse sie jetzt schon, ihr Lächeln, ihr Gesicht, wenn sie verärgert ist, wenn sie die Augen dabei angestrengt zukneift, aber im hintersten Mundwinkel dennoch ein kleines Lächeln trägt, wenn man ihr tief in die dunklen Augen schaut… was hat sie nur aus mir gemacht? Mein Gott, hier muss kein Mensch mehr ein Erdbeereis essen!

Ich liebe sie und sie mich doch auch? Oder etwa nicht? War ich für sie nur ein Spielzeug, dass sie einfach so wegwerfen kann? Ach, ich weiß es nicht und werde es wahrscheinlich nie erfahren. Nun sitze ich hier, alleine und traurig an meinem Lieblingsplatz. Zum Glück kennt diesen Platz niemand …Ich überlege an dieser Stelle meine Beziehungsratgeber der letzten 20 Jahre didaktisch aufzubereiten.

Selbst der sonst so stoische Dr. H.H. schreibt vom Schlag des Karmas und fühlt sich wie zerstreut. Tausend Gedanken und nicht einer ist klar. Das ist ganz großes Kino und tröstet mich etwas hinweg als ich heute wehrlos auf dem Rücken auf der Zahnarztpritsche liege. Dieser gibt sich nur bedingt optimistisch angesichts meines Kreuzbisses und dem daraus resultierenden zurückgehenden Zahnfleisch. Hier gibt es leider nix mit einer vierstündigen Bildbearbeitung zu optimieren. Ich muss zu Dr. Maul, einem Kieferorthopäden, der sich – nomen est omen – mal meinen Kreuzbiss anschauen soll. Ich sehe mich bereits mit meinen Schülern auf Augenhöhe mit dem BREXIT im Mund, so heißen doch die Dinger in der Zahnspange, wenn man Blondie aus der ersten Reihe Glauben schenken darf, oder?

Etwas ernüchtert trete ich den Heimweg an und mache mich an den zweiten Teil der Deutschprobe. Jetzt ist Hanna an der Reihe und schreibt Michael einen Brief, nachdem sie ihn verlassen hat. Und Gottseidank gibt es noch Putzi, der mir den Realitätscheck gibt:  aber jetzt ist es zu spät und ich kann nix mehr ändern. Danke für alles mein Jungchen.

Mit freundlichen Grüßen … so lautet seine abschließende Grußformel

Darf’s a bissle mehr Hirn sein?

Ich weiß, dass Lehrer ein Höllenjob ist und ich eine von den 30 % sein könnte, die ein generalisiertes Anpassungssyndrom kriegen könnte und demzufolge ein Burn-Out. Das gibt es aber als Krankheitsbild gar nicht, sondern nur als Zustandsbeschreibung. Zustände habe ich eigentlich schon jeden Tag als Mutter einer achtjährigen Tochter. Die beginnen morgens um sechs, bis die Hasi endlich nach Endlosdiskussionen im Bus sitzt und ich das Bad, welches aussieht wie nach einer Folge Germanys Top Modell, wo die Jungmodels Heidis Kleiderschrank plündern dürfen, wieder begehbar mache.  Nebenbei räume ich noch das Chaos vom Frühstück beiseite, versuche dem Kater beim Füttern nicht auf den Schwanz zu treten und die ersten Eltern- und Schülerbedürfnisse per whats app zu beruhigen, bevor ich zu meiner Arbeitsstelle hetze.

Deshalb bin ich heute am Lehrergesundheitstag, damit meine Zustände nur Zustände bleiben. Das ist schon viel wert. Es ist alles eine Sache des positiven Denkens: mit Hirn gegen den Stress. Die Moderatorin, die ein kariertes Kleid in der Optik und Qualität eines karierten Teppichs aus Schurwolle trägt, säuselt sich durch die Begrüßung und Lobhudeleien, bevor das eigentliche Programm beginnt. Ein Ehepaar, zwei Neurowissenschaftler, machen den Anfang, Typus vegan und glutenfrei. Die Frau hat eine bemerkenswerte Figur in ihrer knallengen Jeans, da müsste ich mir schon die Hüfte amputieren um in dieselbige zu passen. Aber sie und er sind frisch verliebt wie mir meine Nebenfrau steckt (und Mann hat dafür Frau und seine drei Kinder verlassen), da steckt man natürlich den Stress weg. Demzufolge schüttet die Nebennierenrinde auch kein Cortisol aus, was zu Fressanfällen führt. Sie nennt ihren Mann „Schatzi“ und vermutet wohl in diesem Stadium noch nicht, dass „Schatzi“ eine andere hat, weil er den Frühstückstisch nicht abgeräumt hat. Andererseits möchte ich „Schatzi“, der so spricht als würde er sich an einem Stück Käsekuchen verschlucken und am Wochenende in der fränkischen Schweiz im Rennradtrikot als Verkehrshindernis Autofahrer ärgert, nicht auf dem Silbertablett serviert bekommen.

So erfahre ich in dem kurzweiligen Vortrag: If the Brain is so simple that we could understand it, we would to be simple to understand“. Mit dieser Lebensweisheit und der Tatsache, dass meine neuronalen Netzwerke bis zu meinem letzten Atemzug wachsen können, mache ich mich auf dem Weg zur Mittagspause. Weil gesunde Ernährung neben Joggen und Kurkuma wichtig ist für die Stressreduktion, gibt es grünen Salat mit Essigdressing. Ein halbes Ei und zwei Streifen Käse auf dem Grünzeug schauen mich traurig an. Man sollte Frau Säusel im karierten Flokati und ihrer Dienststelle eine Abmahnung erteilen. Ich beneide alle Kollegen, die so weitsichtig waren und sich an der nächsten Dönerbude eindeckt haben.

Nach der Pause geht es mit den Workshops weiter. Wie kann ich einen kooperative Perspektive im Umgang mit schwierigen Schülern entwickeln? Gleichzeitig ploppt eine WhatsApp des Studenten auf, der mich heute vertritt. Von deinen Schülern, die nachsitzen müssen, bleibt nur Dr. H. (logo, ich pflege mit seiner Mutter eine intensive WhatsApp Beziehung, der konnte nicht aus). Die zwei Übereinssechzig und Blondie aus der ersten Reihe hatten plötzlich Zahnarzt Termine und dergleichen und haben sich aus dem Staub gemacht. So ist das! Da könnte ich jetzt stressbedingt und evolutionsgenetisch zum Säbelzahntiger werden. Gottseidank lerne ich gerade die Technik des Umdeutens: Ich muss eine verdammt gute Lehrerin sein, da meine Zöglinge sich nicht einfach aus dem Staub gemacht haben, sondern sich richtig gute Ausreden haben einfallen lassen.

Beschwingt gehe ich in den letzten Workshop zu Dr. A. Zu dem gehe ich deshalb, weil er gut aussieht, einen Doktortitel hat und zudem modische Stiefeletten in Slipperform trägt. Dort treffe ich eine alte Schulfreundin. Hallihallo, so begrüßt sie mich, gehst du auch zum 30jährigen Abitreffen? Nach einer herzlichen Umarmung muss ich das leider verneinen: Ich war beim 25jährigen, das muss für’s Leben reichen. Außerdem, wenn ich die ganzen alten Weiber um die 50 anschaue, muss ich nur denken: Seh ich genauso alt aus??

Danach ist die Veranstaltung-  Gott sei’s gedankt – aus. Schnell ergattern meine Schulkollegin und ich den Fortbildungsnachweis und schenken uns die Feedbackrunde. Nach soviel Hirn brauche ich unbedingt zwei Gläser Prosecco und danach kaufe ich mir ein ultraheißes Leopardenkleid im empirestyle. Dabei hab ich keinerlei schlechtes Gewissen. Mein Frontalhirnlappen, dorten wo meine Persönlichkeit sitzt, ist nämlich daran Schuld.

Love of my Life

Die Liebe meines Lebens heißt Costa, ist männlich, ca. acht bis neun Jahre alt, wiegt fünf Kilo und trägt ein grau getigertes Fell. Für mich könnte es deshalb auch Love him madly heißen.

Costa kam zu uns im Januar 2012 als ich die Hasi damals noch im Kinderwagen durch die Insektensiedlung schob.

Er schien frauchenlos zu sein und wir haben ihn mit nach Hause genommen. Ich dachte, Gott muss ihn mir geschickt haben. Glich er doch 1:1 dem letzten Kater namens Berti, dem die böse Bundesstraße den Garaus sechs Wochen zuvor gemacht hatte. Dieser war ein Streuner gewesen, der mir viel Nerven, unendlich schlaflose Nächte und einen Tierpsychologen gekostet hatte. Die vergangenen Wochen hatte ich in tiefer Trauer verbracht und dem Berti jeden Tag auf seinem Grab unter dem Fliederbusch eine Grabkerze aufgestellt.

Der Name des neuen Katers war schnell gefunden, nach dem B(erti)- Wurf kam der C- Wurf. Costa sollte er heißen, was perfekt auf unsere Katzendame Cindy passt. Da diese sehr pflegeleicht und spröde ist, halt ganz Frau, spielt sie in dieser Geschichte keine Rolle.

Der Findelkater verbrachte die erste Nacht in seinem neuen Heim in meinem Bett, welches er dankenswerter Weise gleich vollspeite. Egal, ein Blick aus seinen halbgeschlossenen Augen und ein zartes Miauen ließen mich zu einem willenlosen Geschöpf und ihn zu meinem ständigen Bettgefährten werden. Er hatte mich in seiner Hand oder besser gesagt: in seiner Pfote! Und bald die ganze Familie…

Damit Costa nicht ein weiteres Opfer der gefährlichen B 2 wird, die am Haus vorbeiführt, musste der Inscheniör für mehrere 100 Euros tagelang unser Grundstück verkabeln und elektronische Halsbänder aus dem fernen Amerika anschaffen. So konnte mein kleiner Schatz nicht mehr entkommen. Ausreiseversuche wurden umgehend mit einem Stromschlag a la 50 shades of grey bestraft.

Der Kater führt ein königliches Leben bei uns. Regelmäßige Streicheleinheiten…

und leckerem Futter inklusive, welches der Inscheniör teilweise auf seiner Grillstation zubereiten muss.

Wären da nicht nur unsere Urlaube, wo er sich sichtlich allein gelassen fühlt und den ganzen Tag jammert und miaut. Für Oma Luisegunde ist das die stressigste Zeit im Jahr, Costa so zu hegen und pflegen, dass kein psychischer Knacks zurückbleibt. Üblicherweise telefoniere ich jeden Tag mit ihm (Oma hält ihm den Hörer hin). Wie geht es denn meinem kleinen Costi, ist er denn schön brav und isst sein Schälchen immer leer?, so gurre ich im höchsten Sopran. Costa antwortet mir dann mit einem langezogenen anklagendem Miau! Bislang haben wir beide die räumliche Trennung auf Zeit gut hingekriegt und nur die Gewichtszunahme von einem Drittel seines Körpergewichtes ließen seine erlittenen seelischen Qualen erahnen.

Soweit so gut! Nach dem Bretagne Urlaub im August hat uns unser Sensibelchen förmlich was geschissen! Zehn Häufchen hat er gut verteilt ins Schlafzimmer, im Ankleidezimmer und im Flur dazwischen gesetzt. Welch große Sehnsucht muss mein kleiner sensibler Ashley wohl gehabt haben? Nachdem der stinkbeleidigte Kater jedoch in derselben Nacht um vier Uhr früh wieder einen Haufen hinters Ehebett setzt, wir wegen des Gestankes im Gästezimmer weiter nächtigen müssen und mir das neu gekaufte Pheromonspray für verhaltensauffällige Katzen über 50 Flocken kostet, bekommt meine Liebe zu ihm die ersten Risse.

Bin ich etwa zu vertrauensselig und blind gewesen?, frage ich mich letzten Samstag zwischen Mitternacht und ein Uhr nachts als der Inscheniör und ich den Ausreißer mit Taschenlampe und Fahrrad in der Insektensiedlung suchen. Der Inscheniör hatte das neue 50 shades of grey Halsband wohl etwas zu locker gestellt, was dem Kater gleich zum Stiften veranlasste. Nach einer Stunde geben wir auf und gehen ins Bett. Du Inscheniör, so flüstere ich ihm zu, ich mache mir solche Sorgen um Costa! Ich auch, so antwortet er mir mit erstickter Stimme. An Schlaf ist nicht zu denken. Inzwischen ist es 3.30 Uhr, es regnet und die Tropfen klopfen erbarmungslos an das Schlafzimmerfenster. Oh mein Gott, an welchem klammen und nassen Ort muss mein Kater wohl ausharren? Vielleicht braucht er Hilfe? Was bin ich nur für eine trainiert unsensible Katzenmama, die gemütlich im Bett liegt?

Ich schwinge meine Füße aus demselbigen, schlüpfe in meine Doris Day Puschen und ziehe über mein altes Lieblingsnachthemd mit der Aufschrift Naschen erlaubt! den neuen stylischen gelben Regenmantel im bretonischen Look. Mit Taschenlampe bewaffnet ziehe ich erneut meine Runden durch die Siedlung. Inzwischen ist meine Stimme heißer vom Costa! Costa! Rufen. Zwischen den Tränen und Regentropfen mischt sich inzwischen Wut über den Ausreißer. Einen letzten Versuch starte ich, indem ich die alte Spielburg von der Hasi hinaufklettere. Umsonst, auch da ist der Kater nicht. Ich gebe das Suchen auf und überlege, wie ich am sichersten wieder hinunterkomme. Ah, die Kinderrutsche! Die hat ja Kindermaße, da bremst mein kapitaler Hintern von selbst!, so überlege ich übernächtigt. Weit gefehlt! Die Rutsche ist nass, mein Körper nimmt volle Fahrt auf und ich lande abrupt im nassen Grass. Aua, das hat wehgetan! Ich habe mir den Bürzel geprellt und bin zudem nass bis auf die Unterhose. Unter Schmerzen quäle ich mich ins Bett. Ich kann kaum liegen, geschweige denn sitzen und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Es ist sechs Uhr morgens als ich Costa mit stolz erhobenem Schwanz und zufriedenem Gesichtsausdruck die Hofeinfahrt hineinstolzieren sehe. Sein Abenteuer scheint gewinnbringender als meines gewesen zu sein. Zufrieden rollt er sich in seinem Sessel ein und schläft. Na warte Bürschchen, so koche ich innerlich, die Thunfischsteaks sind erstmal gestrichen! Und wenn das nix nützt, bring ich dich eigenhändig zum Tauschparkplatz für ungezogene Katzen irgendwo bei Katzwang!! Oder ich mach mir aus dir gleich neue Hauspuschen aus Echtfell!!!

Wellenbetrieb

Nächster Wellenbetrieb um 13.15 Uhr!, so schnarrt die Stimme des Bademeisters blechern aus dem Lautsprecher. Seit ca. 20 Jahren bin ich mal wieder im Freibad meiner Heimatstadt. Ich richte meinen Liegestuhl gen Sonne aus und hänge meinen Gedanken nach. Es ist die gleiche Stimme, so scheint es mir, die den nächsten Wellenbetrieb ankündigt, als ich ein Mädchen in Hasis Alter war. Da gab es noch Badekappenpflicht und man wurde rigoros aus dem blechernen Lautsprecher darauf hingewiesen, wenn man diese aus geschäumten Gummi nicht trug. Ich rieche die Sonnencreme Delia, max. Lichtschutzfaktor 4 und die selbstgeschmierten zusammengeklappten Brote mit Salami. Auch sehe ich den Zahnabdruck meines angebissenen Brotes und die halbgeschmolzene Butter, die mit der Salami eine Einheit bildet, vor mir.

Schläfrig öffne ich die Augen und nehme aus dem Augenwinkel einen Mann wahr: blaß, kurzgeschorene Haare, kleiner Bauchansatz, der sich zielstrebig meiner Liege nähert. Erst als er direkt vor mir steht: BÄM! FLASHBACK! Ich schreie entsetzt: Ach du Scheiße, da geh ich nach 20 Jahren mal wieder ins Bad, weil ich denk, ich kenn keinen und dann treff ich DICH! So schlimm, fragt mein Gegenüber. Ich gehe nicht darauf ein, stattdessen bölke ich zur Hasi, die zehn Meter weiter auf einem Trampolin springt: Komm ma rüber, des is der Schnuffi! Bis meine Tochter bei mir ist, haben sich schon Schnuffis Frau plus die drei Kinder in Orgelpfeifengröße vor mir aufgebaut. Ich brauche all mein psychologisches know how um mich mit Leuten zu unterhalten, mit denen ich den letzten Jahren nur sporadisch bzw. noch nie gesprochen habe.

Die Hasi beobachtet die Szenerie argwöhnisch in gebührendem Abstand. Auf dem Weg ins Sprudelbild will sie wissen: Hast du DEN früher geküsst? Klar, er war doch mein Mann!, antworte ich ehrlich. Bilde ich es mir ein oder ist sie eifersüchtig? Im Sprudelbad sind wir zwei nicht lange unter uns. Auch der Ex mit Familie sitzt im sprudelnden Chlorwasser und wir üben uns im small talk: Also Hühner sind die besten Haustiere, so palavert er. Ich hab zwei Katzen! Was macht dein Hund?, frage ich nach. Plötzlich zieht Schnuffi seinen Mund in leichte Kräuselwellen, die Augen strahlen in einem wehmütigen Ausdruck als er mit etwas fiepender Stimme antwortet: Ich kann momentan nur wenig Gassi mit ihm gehen, ich hab den Meniskus gerissen und muss operiert werden!  BÄM! FLASHBACK! Ich tauche lachend unter und freue mich insgeheim, dass ich ihn damals vor 14 Jahren angebracht habe.

Zufrieden teilen die Hasi und ich uns Pommes auf unserer Decke. Wir müssen raus der Sonne, können wir uns zu euch legen? Bevor ich antworten kann, zieht die fünfköpfige Meute ihre Decke quer über den Rasen. Ich verbringe die nächste halbe Stunde mit Mau – Mau spielen mit mir völlig Fremden. Schnuffi hält derweil sein Schläfchen auf dem Schwimmflügel seines jüngsten Sprösslings. BÄM! FLASHBACK! 

Gottseidank ziehen bald dunkle Wolken auf und wir können nach Hause gehen. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, bekomme ich zum Abschied zu hören als er mich umarmt. Ja, nächstes Jahr im Schwimmbad, entgegne ich. Zuhause rufe ich umgehend den Inscheniör an: Rat mal, wen ich im Freibad getroffen habe?