
Ich bin 50, meine Tochter ist 10. Sie ist zu einem supercoolen Mädchen herangereift. Ich bin inzwischen wahlweise voll peinlich, total nervig oder einfach eklig. Momentan sind Ferien, Corona weit weg und die Hasi (diesen Kosenamen darf ich nicht mal mehr in den heimischen vier Wänden laut sagen) darf die auch genießen. Sie hat den Probeunterricht für die Realschule geschafft, sehr souverän. Mir hat die ganze Lernerei mit der eigenen Tochter, ein nicht mehr ganz so stabiles Nervenkostüm beschert. Schließlich so ihr O-Ton: bestimmt sie selbst, wann was zu lernen ist bzw. es ist ja sowieso ihr Leben! Aber das Chi-Chi der Montessoripädagogik, dass irgendwann die Fensterchen des kindlichen Hirns von alleine aufgehen, wenn überhaupt, hat jetzt ein Ende. Der Inscheniör will kein weiteres Jahr sein sauer verdientes Geld für diese lebensfremden Ökos hinblättern!
Die Hasi ist seit der Eintrittskarte in die raue Leistungsgesellschaft im Chillmodus. Deshalb gibt es heute eine Party im kleinen erlaubten Kreis mit verschiedenen Challenges und einer Übernachtung in unserer Topmodellvilla (sprich: der liebevollen renovierten Hütte „Modell Oberpfalz“, das Corona Projekt vom Inscheniör). Da ich von Berufswegen up to date sein muss, gehört der regelmäßige Fernsehgenuss von GNTM dazu. Ich liebe es seit jeher mit meinen Schülern darüber zu lästern, wer fake ist, die größte Bitch etc. In Corona Zeiten durften meine Tochter und ihre Freundinnen auch an dem Genuss teilhaben, inclusive der Väter. Fast wie in den 80er Jahren als die ganze Familie bei „Wetten, dass“ am Samstag Abend vorm Fernseher versammelt war. Der Inscheniör, immer schnell mit seinen Entschlüssen, urteilt ad hoc, wer ein „Batzen“ ist oder wer auf den Schönheitsolymp steigt und damit einen Modellknebelvertrag bei Günter Klum kriegt. Der Psychotherapeut hingegen wägt die innerpsychischen Prozesse jedes einzelnen Määdchens ab. Diese werden dann mit den Prozessen der Außenwelt verwoben. Schlussendlich führt er verschiedene Verschwörungstheorien an, welche Models weiterkommen oder eben nicht.
Unsere Määdchen sind deshalb maximal angefixt bei der ersten Challenge, der Umziehprobe: Wer schafft es, sich möglichst oft in verdammt kurzer Zeit umzuziehen und die meisten Kleidungsstücke kleingetreten und auf links gezogen auf dem Fußboden zu verteilen. Wen wundert es: Sie können es alle gleich gut.
In der zweiten Challenge geht es flugs zum Bikiniwalk. Ganz die gestrenge Modellmama treibe ich meine Määdchen stundenlang durch den Rasensprenger. Ich gebe mich kritisch, nachdem ich gefühlte 100 Fotos geschossen habe: „Euer Gesichtsausdruck ist zu wenig präsent auf den Fotos!“ So habe ich die Legitimation sie weiter durch den Sprenger zu jagen, schließlich sollen die Määdels nachts gut schlafen.
Das nächste große Event ist der Einzug in die Modellvilla, wie schon erwähnt, Typ Oberpfalz. Der Inscheniör und ich sind seit jeher für unsere Authentizität bekannt. Zuvor müssen die Määdchen noch eine kleine Challenge meistern: Wer schafft es am schnellsten seinen großen Rollkoffer – gepackt für eine Übernachtung- durch den Rasen zu ziehen. Ich begleite den Einzug mit meiner Live-Cam. Neben coolem Deutsch-Rap in „ichhabemeinhandyaufvollelautstärke“ dürfen auch ausgewählte Kuscheltiere in die Hütte einziehen. Um möglichst real rüberzukommen besetze ich auch die Nebenrollen der Castingshow prätentiös. Costa spielt den Thomas Hayo, den ewigen Junggesellen mit schütterndem Haar. Der Inscheniör mimt den geldgeilen Vater von Heidi. Es läuft perfekt! Zum Abendessen gibt es Burger, selbstredend ohne Brötchen. Dafür dürfen sich die Määdchen als Beilage ein Salatblättchen aus Oma Luisegundes Gemüsebeet zupfen. Alles bio!
Nachdem mit der letzten Challenge: „Trampolinhüpfen in Schlafsäcken“ die nötige Bettschwere erreicht wurde, verabschieden wir uns aus der Modellvilla. Da ich aber etwas skeptisch bin, ob das so schnell klappt mit dem Einschlafen (25 Jahre Schullandheim und Absschlussfahrten hinterließen Spuren in meinem Gedächtnis), schicke ich den Inscheniör nochmals raus zu den Määdchen. Er soll eine Gruselgeschichte erzählen.
Die Nacht bleibt ruhig. Ausgeschlafen sitzen der Inscheniör und ich beim Frühstück. „Rat mal, was ich heute Nacht geträumt habe?“, so fragt er mich. Ich will es wissen. „Ich habe beim männlichen next Topmodell mitgemacht.“ Der Inscheniör legt eine kunstvolle Pause ein. „Und soll ich dir was sagen? Ich bin richtig weit gekommen.“










