Neulich in der Topmodellvilla

Ich bin 50, meine Tochter ist 10. Sie ist zu einem supercoolen Mädchen herangereift. Ich bin inzwischen wahlweise voll peinlich, total nervig oder einfach eklig. Momentan sind Ferien, Corona weit weg und die Hasi (diesen Kosenamen darf ich nicht mal mehr in den heimischen vier Wänden laut sagen) darf die auch genießen. Sie hat den Probeunterricht für die Realschule geschafft, sehr souverän. Mir hat die ganze Lernerei mit der eigenen Tochter, ein nicht mehr ganz so stabiles Nervenkostüm beschert. Schließlich so ihr O-Ton: bestimmt sie selbst, wann was zu lernen ist bzw. es ist ja sowieso ihr Leben! Aber das Chi-Chi der Montessoripädagogik, dass irgendwann die Fensterchen des kindlichen Hirns von alleine aufgehen, wenn überhaupt, hat jetzt ein Ende. Der Inscheniör will kein weiteres Jahr sein sauer verdientes Geld für diese lebensfremden Ökos hinblättern!

Die Hasi ist seit der Eintrittskarte in die raue Leistungsgesellschaft im Chillmodus. Deshalb gibt es heute eine Party im kleinen erlaubten Kreis mit verschiedenen Challenges und einer Übernachtung in unserer Topmodellvilla (sprich: der liebevollen renovierten Hütte „Modell Oberpfalz“, das Corona Projekt vom Inscheniör). Da ich von Berufswegen up to date sein muss, gehört der regelmäßige Fernsehgenuss von GNTM dazu. Ich liebe es seit jeher mit meinen Schülern darüber zu lästern, wer fake ist, die größte Bitch etc. In Corona Zeiten durften meine Tochter und ihre Freundinnen auch an dem Genuss teilhaben, inclusive der Väter. Fast wie in den 80er Jahren als die ganze Familie bei „Wetten, dass“ am Samstag Abend vorm Fernseher versammelt war. Der Inscheniör, immer schnell mit seinen Entschlüssen, urteilt ad hoc, wer ein „Batzen“ ist oder wer auf den Schönheitsolymp steigt und damit einen Modellknebelvertrag bei Günter Klum kriegt. Der Psychotherapeut hingegen wägt die innerpsychischen Prozesse jedes einzelnen Määdchens ab. Diese werden dann mit den Prozessen der Außenwelt verwoben. Schlussendlich führt er verschiedene Verschwörungstheorien an, welche Models weiterkommen oder eben nicht.

Unsere Määdchen sind deshalb maximal angefixt bei der ersten Challenge, der Umziehprobe: Wer schafft es, sich möglichst oft in verdammt kurzer Zeit umzuziehen und die meisten Kleidungsstücke kleingetreten und auf links gezogen auf dem Fußboden zu verteilen. Wen wundert es: Sie können es alle gleich gut.

In der zweiten Challenge geht es flugs zum Bikiniwalk. Ganz die gestrenge Modellmama treibe ich meine Määdchen stundenlang durch den Rasensprenger. Ich gebe mich kritisch, nachdem ich gefühlte 100 Fotos geschossen habe: „Euer Gesichtsausdruck ist zu wenig präsent auf den Fotos!“ So habe ich die Legitimation sie weiter durch den Sprenger zu jagen, schließlich sollen die Määdels nachts gut schlafen.

Das nächste große Event ist der Einzug in die Modellvilla, wie schon erwähnt, Typ Oberpfalz. Der Inscheniör und ich sind seit jeher für unsere Authentizität bekannt. Zuvor müssen die Määdchen noch eine kleine Challenge meistern: Wer schafft es am schnellsten seinen großen Rollkoffer – gepackt für eine Übernachtung- durch den Rasen zu ziehen. Ich begleite den Einzug mit meiner Live-Cam. Neben coolem Deutsch-Rap in „ichhabemeinhandyaufvollelautstärke“ dürfen auch ausgewählte Kuscheltiere in die Hütte einziehen. Um möglichst real rüberzukommen besetze ich auch die Nebenrollen der Castingshow prätentiös. Costa spielt den Thomas Hayo, den ewigen Junggesellen mit schütterndem Haar. Der Inscheniör mimt den geldgeilen Vater von Heidi. Es läuft perfekt! Zum Abendessen gibt es Burger, selbstredend ohne Brötchen. Dafür dürfen sich die Määdchen als Beilage ein Salatblättchen aus Oma Luisegundes Gemüsebeet zupfen. Alles bio!

Nachdem mit der letzten Challenge: „Trampolinhüpfen in Schlafsäcken“ die nötige Bettschwere erreicht wurde, verabschieden wir uns aus der Modellvilla. Da ich aber etwas skeptisch bin, ob das so schnell klappt mit dem Einschlafen (25 Jahre Schullandheim und Absschlussfahrten hinterließen Spuren in meinem Gedächtnis), schicke ich den Inscheniör nochmals raus zu den Määdchen. Er soll eine Gruselgeschichte erzählen.

Die Nacht bleibt ruhig. Ausgeschlafen sitzen der Inscheniör und ich beim Frühstück. „Rat mal, was ich heute Nacht geträumt habe?“, so fragt er mich. Ich will es wissen. „Ich habe beim männlichen next Topmodell mitgemacht.“ Der Inscheniör legt eine kunstvolle Pause ein. „Und soll ich dir was sagen? Ich bin richtig weit gekommen.“

#völliglosgelöst

„Wenn du müsstest:“ so schreibe ich Herrn W. abends auf meiner Couch liegend, „Lothar Wieler oder Jens Spahn?“ „Ich muss gar nix!“, gibt sich Herr W. bedeckt. „Hopp!“, dränge ich auf eine Antwort. Die kommt: „Wieler, was analysierst du daraus?“ „Wieler ist Pathologe, da erübrigt sich jede Analyse! Ich glaub, ich würde auch Wieler nehmen. Der kann sicher ein bisschen streng sein.“, gebe ich Herrn W. mein psychologisches Fachwissen weiter. „Ich denk, der ist Veterinär?“ Jetzt wird es krass. Wir sind uns indessen einig, dass Spahn ein Volltrottel und eine Null ist und Zaunlatten im Mund hat.

Herr W. lobt mich für meine Ideen und ist dankbar, dass Söder nicht zu Wahl stand! Söder, der Mann der Stunde, der Mann dem sich die Augenbrauen sträuben! Söder for President! Wir im Land der Bayern folgen ihm brav wie die Lämmer aus der Krise… Moment! Lämmer ist gleich Osterlämmer ist gleich Schlachtbank.

Mal ganz ehrlich, gerade sind Virologen die Männer der Stunde. Sie stehen auf jeder Pressekonferenz neben den Staatsoberhäuptern, füllen die Headlines der Nachrichtenmagazine und geben in einem eigenen täglichen Podcast, ihr Wissen an uns Laien weiter. Wissen und Macht macht bekanntlich sexy und so darf Frau insgeheim von ihrem Virologen der Wahl träumen. Die Freundin aus meiner Heimatstadt bekommt Herzchenaugen bei Christian Drosten. Das ist der Ashly-Typ, der Frau mit seinen braunen Augen und den lockigen dunklen Haaren sofort in die Knie zwingt. Leise mahnend hat er der Welt schon im Januar das Horrorsezenario an die Wand gemalt.

Oder wie wäre es mit Virologen Hendrick Streeck? Der saß wie ein glattgebügelter BWLer mit manikürten Fingernägeln wochenlang bei Stern TV rum und hat das deutsche Fernsehvolk mit seinem Fachwissen berieselt. Aber dann gewann er die Gunst der Zuschauer, als er in einem nordrhein-westfälischen Hotspot eine Feldstudie angeführt hat und 3000 kontaminierten Bewohnern Wattestäbchen in Nase und Rachen gesteckt hat. Streeck als strategischer Feldherr wie einst Julius Cäsar, der seine römischen Legionäre selbst ins Feld geführt hat? Vor 2000 Jahren noch mit Schwerter und Schilder, heute mit Wattestäbchen und Mundschutz!

Oder würdet ihr den amerikanischen Virologen Anthony Fauci präferieren? Mit stoischem Gesichtsausdruck, heruntergezogenen Mundwinkeln und verschränkten Armen steht er zwar für’s Foto neben der amerikanischen Flagge. In Wahrheit knallt er aber dem narzisstischen Donald Trump unverblümt die Wahrheit um die Ohren, wie dieser anfänglich in der Corona Krise versagt hat. Das bringt Fauci, diesen unbeugsamen alten Mann Morddrohungen ein und er avanciert insgeheim zum Revoluzzer. Revolutionäre müssen, wie wir alle wissen, nicht schön und jung sein. Immerhin ziert Che Guevara noch gute 50 Jahre nach seinem Tod Bikinis und T-Shirts.

Weil ich grad nix zu tun habe und völlig losgelöst bin, frage ich mal bei Lore nach, wie sie das mit den Virologen sieht: „Welches ist dein Topvirologe, bei dem du schwach würdest?“ Ich bekomme neben drei Heulemojis: „Da gibt es echt gar keinen,“ als Antwort und dass sie jetzt aufräumen täte. Lore hat sich seit Corona durch drei Staffeln Bergdoktor durchgeschaut, da haben Virologen keinen Platz.

Und wie sieht es bei mir aus? Ich habe mich in der Quarantäne häuslich eingerichtet und hoffe, dass mich Söder nicht so schnell wieder rauslässt. Von Schule und meinem Alltag bin ich völlig losgelöst. Gerade habe ich eine Windbeutel Challenge am Laufen mit Löckchen, das ist die Mutter von Hasis Schulfreund E. Vier Tage hintereinander habe ich Brandteig durch die Spritztüte gequält bis ich schlussendlich fluffige, sich majestätisch aufbäumende Beutelchen fabriziert habe. Im Alter von 50 habe ich mich selbst zur Windbeutelkönigin erkoren. Wie die Schönwetterwölkchen reihten sie sich nahtlos in den blauen Himmel am Osterwochenende ein. Und während ich meine Quarantäne genieße und mein Magen satt von den unzähligen Windbeuteln ist, fange ich das Überlegen an, für welchen Virologen ich meine gemütliche Quarantäne verlassen würde.

Wir müssen draußen bleiben

Das „wir bleiben zuhause“ erinnert mich an „wir müssen draußen bleiben“, plakatiert für Hunde vor dem Eingang einer Metzgerei. Das kommt ziemlich hin. Mein Highlight des Tages ist der Abruf von worldometers.info, der mir in Sekundentakt die neuesten infizierten Fälle in der ganzen Welt auswirft. Das mache ich ca. 100 mal am Tag, nebenher ploppen die news Ticker von Bild, n-tv, Focus, Spiegel usw auf und lassen jeden Tag meiner Isolation wie ein Horrorszenario wirken.

Besonders toll ist auch, dass das „social bashing“ unter uns Deutschen ordentlich ausgeprägt ist. Will heißen, man guckt genau, was der Nachbar so treibt und ob er die Ausgangssperre, das „social distance“, die Einschränkung von Kontakten, genau nimmt. Da wird geschaut, ob man auf seinem Status nicht zu nah an einem Familienmitglied steht oder akribisch gezählt, wieviele Kontakte das Kind zu seinen Spielkameraden gehabt hat. Erich lässt grüßen! Besonders liebe ich auch die links blinken und rechts abbiegen Kandidaten. Das sind die, die pro Forma alle Regeln einhalten und dir ein schlechtes Gewissen einreden. „Nee, mein Kind spielt mit NIEMANDEM mehr!“ Und dann guckst du zufällig aus dem Fenster und siehst just diese Mama aus der Nutzholzsiedlung, wie diese tiefgeduckt kurz vorm Shutdown beim Friseur visavis eincheckt. Und du selbst sitzt da mit grauem Filz am Kopf.

Ich will nicht jammern! Meine Haut erholt sich gut ohne Kosmetika, die bequeme Pupshose kann man fünf Tage lang auftragen. Außerdem kann ich meine Talente als Lehrerin endlich an der eigenen Tochter ausprobieren. Nach einem langem Telefonat mit Frau Rehbein, ihrer Lehrerin, müssen wir da eh mal andere Geschütze auffahren. Da nützt es nix, dass die Hasi „ein Persönchen ist, mit starkem Willen und selbstbestimmt ihre Anliegen managt“. Ich fertige vorsorglich Schilder an, die das Arbeitsvermeidungs Vokabular meiner Tochter exakt festhalten und befestige diese gut sichtbar an die Tür:

Der Protest ist sogleich groß und den Tag zum Lernen kann man abhaken. Am nächsten Tag nehme ich die Schilder ab und nötige meine Tochter unter Androhung von Handyentzug auf Lebenszeit eine Lerneinheit von einer Stunde ab. Am übernächsten Tag schreie ich mein Kind schon an, bevor es überhaupt das Heft aufgeschlagen hat. Der Inscheniör im Homeoffice, welches im Gästezimmer nebenan untergebracht ist, hört mein Schreien und stimmt in dieses ein. Ans Lernen ist an diesem Tag nicht zu denken, denn das Kind vergießt bitterliche Tränen und kann sich unmöglich noch auf den Stoff konzentrieren. Am heutigen Tag lasse ich die Hasi ausschlafen um jegliche Konfrontation zu vermeiden. Nach dem Aufwachen ist es später Vormittag und sie darf erstmal ausgiebig Fernsehen schauen und Schleich spielen. Anschließend checken wir zwei online die neusten Modetrends und kaufen ordentlich ein. Für heute ist es zu spät um noch zu lernen und letztendlich passt doch ihr Gesamtpaket von Personality und Attitude.

Horrorszenario hin oder her! Es ist ruhig um uns geworden. Kein Autolärm, kein Geschrei vom Kinderspielplatz, keine Beschallung vom Hochzeitsstadel nebenan… die Vögel zwitschern, die Natur erholt sich, keine Kondensstreifen sind am Himmel zu sehen, Delfine tummeln sich im Hafen von Triest, das Wasser in der Lagune von Venedig ist wieder glasklar. Zeit, dass wir mal nicht von uns ablenkt sind. Zeit, dass wir genau schauen, wer und was uns gut tut. Und Zeit zu haben, am Abend in unserem alten Gewächshaus die Wärme und die letzten Frühlingsstrahlen zu genießen bei einem Bier! Prost!

Bleiben Sie gesund!

Mit einer zweiseitigen Liste schicke ich den Inscheniör in die Todeszone Edeka. Endlich lohnt sich der Mundschutz aus Hightech Membran, den wir seit Januar für alle Familienmitglieder vorrätig haben. Der Inscheniör liebt den Nervenkitzel in der Todeszone. Gleichzeitig screent er, welche Lebensmittel noch zu haben sind und welche Regal leergefegt sind. “ Ich hab‘ die letzten drei Gurkengläser ergattert“, freut er sich gestern, die Gläser auf einer Hand balancierend. „Aber wir essen nie Gewürzgurken“, wende ich ein. „Das ist doch egal, Hauptsache sie halten sich lang!“, argumentiert er.

Auf jeden Fall gab es kein Klopapier heute morgen um 8.30 Uhr in der Edeka. In Zeiten von Corona muss man seine Einkäufe terminieren. Wenn man zu früh loszieht, sind die Regale noch nicht aufgefüllt, wenn man zu spät ist, sind sie schon wieder leer. Außerdem schaffen es die hauseigenen LKWs nicht mehr die Edeka Regale zu befüllen, denn die Leute kaufen dreifach ein. Diese Nachricht brachte der Inscheniör mit nach Hause. Draußen hinten im Schlag, wo es nach Beerbach geht, haben vier seiner Sandkastenkumpels eine kleine private Corona Grillparty veranstaltet. In der Mitte stand ein Kasten Bier. Die vier Jungs saßen im zwei Meter Abstand im Kreis voneinander weg. Vier ausgeklappte Zollstöcke halfen dabei, dass alles seine Richtigkeit hatte. Einer von den Jungs war der Held der Runde, denn er arbeitet in einem systemrelevanten Beruf. Er beliefert jede Nacht ab 3 Uhr mit seinem Kleinlaster Edeka mit Waren.

Deshalb kommt der Inscheniör auch mit zwei vollbeladenen Kisten nach Hause. Fast alles auf meiner zweiseitigen Einkaufsliste konnte er abarbeiten. „Klopapier habe ich bei Rossmann geholt“, so frohlockt er. „Aber wir haben bereits einen Jahresvorrat davon, selbst wenn wir die ganze Zeit Dünnschiss hätten“, merke ich an. So schnell gibt sich der Inscheniör nicht geschlagen. Er verlässt die Sicherheitszone von zwei Metern Abstand und säuselt mir ins Ohr: „Hase! Wir haben heute Jahrestag und ich hab dir Klopapier und Mehl mitgebracht!!

An dieser Stelle: Was ist der Unterschied zwischen einem Deutschen und einem Franzosen? Der Deutsche hamstert Mehl und Klopapier, der Franzose Rotwein und Kondome.

Ich bin trotzdem sehr stolz auf meinen Mann. Er hat seit der Corona Krise alles richtig gemacht – mein Markus Söder in den heimischen vier Wänden! Das home office steht auch, seine to do Liste ist drei Seiten lang. Ihm wird nicht langweilig werden in den nächsten Wochen. Mit AIDS-Handschuhen und Desinfektionsspray in der Hand hat er als Wahlleiter am Sonntag noch dafür gesorgt, dass bei der Kommunalwahl alles seine Ordnung hatte. Nur einen kleinen Wehrmutstropfen gab es. Man durfte seinen eigenen Kugelschreiber mitbringen. Deshalb hat es nix genützt, dass der Inscheniör die gemeindeeigenen Kugelschreiber so kurz angebunden hatte, dass der Wähler nicht Grün wählen konnte. Unvorhersehbar und exponentiell wie das Virus vermehrte sich Grün deshalb in unserer Gemeinde. Aber man weiß ja nicht wie es ausgeht. Gerade läuft über meinen „Corona- Liveticker“, dass sich Cem Özdemir auch das Virus eingefangen hat. Ich falte eben meine Hände zur Merkelraute und schreibe mit leicht verkniffenem Mund: Bleiben Sie gesund! Ach und bleiben sie dran, wenn es morgen heißt: die Lehrerin im Zeitalter von Corona!

Ein Psychotherapeut in den Zeiten von Corona

Da ich noch Quarantäne frei mit dem Auto unterwegs sein darf, schnarrt mir eine wichtigtuerische Ratgeberstimme aus dem Radio entgegen: „Der Vorsitzende der psychotherapeutischen Vereinigung in Deutschland empfiehlt in Bezug der Corona Pandemie folgendes psychologisches Vorgehen …“ Gottseidank habe ich in diesen Krisenzeiten neben dem Inscheniör und dem Apotheker, einen Psychotherapeuten im Freundeskreis. Verschiedene Mythen ranken sich um dessen bewegtes Leben. Allein die väterliche Biografie lässt vermuten, dass es in der Landeshauptstadt in den 50er Jahren Verhältnisse wie im wilden Westen zur Zeiten des Goldrausches gegeben haben muss. Billy the Kid oder Buffalo Bill waren zahnlose Tiger, wenn man dem Heldenepos des Psychotherapeuten Glauben schenken mag. Gebannt hänge ich an seinen Lippen, da selbst psychologisch bewandert, ich seinen tiefenpsychologischen Analysen von Regression und Übertragung lauschen darf.

Der Inscheniör und der Psychotherapeut verstehen sich trotz des unterschiedlichen Genres gut, vielleicht liegt es an der ähnlichen Frisur. Letzten Herbst ist es gewesen, dass der Psychotherapeut beim gemeinsamen Spaziergang in der fränkischen Natur ein fast nicht zu verarbeitendes Traumata erfahren hat. Hat ihm nicht die gemeine Hirschlausfliege – eine ungemein angriffslustige fliegende Zecke – in den Nacken gebissen. Eine umgehende Medikation mit Grippostad brachte nicht die gewünschte Besserung. Erst die Vergabe eines Antibiotikums und ein Pflaster auf dem gebissenen Nacken schafften Linderung. Die Gattin des Psychotherapeuten ließ mich per WhatsApp wissen: “ Er war so stolz mit seinem großen Pflaster.“

Im Kampf gegen das Corona Virus bedarf es starker Männer. Bewundernd hänge ich an Markus Söders Lippen, als er auf der Pressekonferenz klare Worte findet. In diesen Zeiten brauchen wir weder eine verschnupfte Angelika Merkel noch einen tippy-tappy Piazolo, der auschaut wie ein Grundschullehrer, der zu wenig Gemüselasagne zum Mittagessen abgekriegt hat. Allein das Sträuben von Söders dicken Augenbrauen und das dunkle Timbre seines „Allmächd“ Dialekts lassen mich glauben, dass die Welt – Bayern und Mittelfranken noch nicht verloren sind.

Auch könnte ich mich in die beschützende Arme des Inscheniörs fallen lassen. „Leider verfüge ich über keine zwei Meter lange Arme“, so lässt er mich wissen. Liebe in den Zeiten von Corona, beschränkt sich wohl auf meinen Kater Costa. Obwohl? Der Virus wurde in einem Ohr eines Chihuahuas nachgewiesen. Zumindest hat der Inscheniör genug Klopapier zur Seite geschafft. Das muss als Zuneigungbeweis für die nächsten fünf Wochen reichen. Außerdem ist er auf allen medialen Kanälen rundinformiert. Mit seinem Wissen beeindruckt er den Psychotherapeuten nachhaltig am Telefon: „Im worst case benötigen wir Atemschutzmasken und haben ABC Alarm. Alle vier Stunden eine neue Maske!“ Im WhatsApp Liveticker gebe ich das seiner Gattin 1:1 weiter. Ihr Mann wird zusehends leiser am Telefon. „Ja, ich habe genügend Klopapiervorräte … ja auch Nudeln und natürlich Konserven“, antwortet er mit dünnem Stimmchen. Willkommen im Wilden Westen des 21. Jahrhunderts. Leider kann sie dem Psychotherapeuten nicht helfen, falls er psychosomatische Hustenanfälle bekommen sollte. Schließlich hat die Gattin keinen zwei Meter langen Elefantenrüssel, mit dem sie bei einer Ohnmacht ihn mit ausreichender Sauerstoffzufuhr unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes versorgen könnte.

Hinter vorgehaltener Hand erfahre ich, dass der Psychotherapeut eine Wagenladung Einweghandtücher für seine Praxis geordert hat. Diese Berge an lebenswichtigem Material konnten sie nur unter Aufbäumen der gemeinsamen Kräfte an den richtigen Ort befördern. Gottseidank ist der Psychotherapeut ein starker Mann.

#staystrongtogether

Eine Freundin von Herrn W. hat es bereits geträumt. Es rollen unheilvolle Wochen auf uns zu. Und alles Schlimme, was die träumt, geht in Erfüllung. Gott sei Dank kenne ich die Frau nicht und sie kann nicht von mir träumen. Und jetzt ist es soweit: Das Corona Virus hat Deutschland, Bayern und auch Mittelfranken erreicht. Erlangen ist nicht weit weg. „Wollen wir heute wirklich zu IKEA?“, fragt der Inscheniör beim Frühstück ohne die Augen vom Live Ticker zu wenden. Er verfolgt die neuen Krankheitsherde auf einer virtuellen Karte. „Besser nicht“, pflichte ich ihm bei. „Ich kann aber nochmal den Apotheker zu Rate ziehen“. Dieser ist ein alter Freund aus meiner Heimatstadt und mein Guru, insbesondere was seine umfassenden pharmazeutischen Kenntnisse rund um den Magen-Darmtrakt anbelangen.

Nachdem mich der Inscheniör erinnert, dass der Apotheker bereits letzte Woche auf der gemeinsamen Bierwanderung ein Fässchen Desinfektionsmittel verbraucht hat, legen wir den IKEA Besuch ad Acta. Trotzdem muss ich den Inscheniör zum Einkaufen schicken. Ich habe für Samstag zum Straußengulasch eingeladen und Strauß ist in den heimischen Läden nicht mehr zu haben. Im Zeitalter der Vogelgrippe ist das eigentlich fast eine Schierlingsbecher Mahlzeit. „Du schickst mich raus zum Sterben“, jammert er, als er sich auf in die Metro macht.

Nicht mehr jammernd, nein im Gegenteil, mit stolz geschwellter Brust, kehrt er aus dem kontaminierten Großhandelseinkaufsparadies zurück. Neben dem 5 kg Straußenfilet, welches er in zähen Verhandlungen für die Hälfte des Preises erstanden hat, hat er diverse Fischbüchsen ergattert. Er freut sich: „Da können wir zehn Tage daran essen!“ Ich rümpfe innerlich die Nase. Mal ehrlich, so‘ ne Konserve riecht doch beim Öffnen immer so als hätte man sich unten rum nicht ordentlich gewaschen.

Ich sag jetzt besser nix! Der Inscheniör hatte wie immer recht: Desinfektionsgel und Atemschutzmasken sind ausverkauft. Nicht bei uns, seit einigen Wochen haben wir fünf high Membran Masken vorrätig, Sauerstoffzufuhr regulierend. Corona kann kommen! Und Siemens hat inzwischen einen Corona Verdachtsfall Leitfaden entwickelt. Das Organigramm lässt keine Sicherheitslücken offen. Auf Siemens ist Verlass. „Sobald einer hustet, wird das Gelände dicht gemacht“, orakelt der Inscheniör, „wir müssen auf Opa aufpassen! Die Alten sterben bei dem Virus weg wie die Fliegen!“ Opa Adolf ist blühende 87 Jahre alt, sein Herzschrittmacher und die Liebe zur Volksmusik halten ihn lebendig. Auch wenn Oma gerade wegen eines neuen Knies auf Reha weilt, wird er im Schoße seiner Familie gepäppelt und mit Argusaugen verwöhnt. Ich gebe mein Bestes!

#chinesischeHähnchenpfanne

„Ich liebe Gemüse“, sagt der Opa.

#Salbeizucchininudeln

„Zucchini sind meine heimliche Leidenschaft“, sagt der Opa.

#nocheinwinzigesSchlückchen

„Ich hör mich nicht nein sagen“, sagt der Opa!

#scharfeGarnelenpfanne

„Ich liebe es scharf“, sagt der Opa!

#Gemüselasagne

„Wie und wo Gemüselasagne?“, insistiere ich bei hochgezogener Augenbraue. „Morgen Mittag bei der anderen Schwägerin“, antwortet mir der Opa fröhlich. „Schaffst du dann morgen Abend noch mein namibisches Straußengulasch mit Serviettenkloß?“ „Aber sicher,“ gibt er sich überzeugend. „Du mästest den Opa!“, mäkelt der Inscheniör. „Ach woher“, gurre ich, „ im Zeitalter von Corona muss man jeden Tag genießen, als wäre er der letzte.“ Zähneknirschend stimmt er mir zu. Immerhin muss der Opa die Hälfte der geplanten Hackschnitzelheizung berappen und Deutschland hat sich bei den Coronainfizierten auf Platz 9 vorgearbeitet. Es ist keine Zeit zu verlieren.

„Du Opa“, so tue ich geheimnisvoll, „ich habe für morgen Abend neben dem Gulasch noch eine Überraschung für dich?“ Er blinzelt mir freundlich zu. „Du hast ja neulich gesagt, keine über Vierzig!“,auch ich blinzele mit einem verschmitzten Doppelzwinker zurück. „Ich hab für morgen eine Bourlesquetänzerin engagiert, Fräulein Fancy, um die 30! Die gibt es zu dem Gulasch.“ „Wenn ich das überlebe“, antwortet der Opa.

Pausengeflüster

Ich beneide den Kollegen, der heute zum letzten Mal in unserer Zwergenland Schule sitzt und seinen verdienten Abschied bei Schnitzel mit Kartoffelsalat feiert. Bevor wir endlich essen dürfen, müssen wir dem frischgebackenen Pensionär was trällern. Das machen wir immer, im Frühtau zu Berge, das ist Usus, natürlich individuell zugeschnitten.

„Ins Herrmann Göring Haus wir ziehen, falara…“. „Ist das DER Hermann Göring?“, fragt mich die junge Kollegin zu meiner Linken? „Ja“, quetsche ich zwischen zwei Oktaven hervor, „aber denk dir jetzt mal nix dabei. Die, die das umgedichtet hat, wählt zu 100 % grün!“ Weiter füge ich hinzu: „Es sind Stationen aus 40 Jahren gemeinsamen Schullandheimfahrten.“ Der scheidende Kollege ist von der angenehmen Sorte. Seine Witze über Frauen, Sex und das Leben haben uns vor Unterrichtsbeginn gerne ein Lachen auf unsere noch müden Gesichter gezaubert.

Seitdem ich 50 bin, versuche ich vermehrt auf meinen Humor zu setzen. Freundinnen und Kolleginnen, die diese magische Zahl noch vor sich haben, sind leider noch nicht zu dieser weisen Einsicht gelangt und probieren weiterhin mit aller Gewalt dem Verfallsdatum Einhalt zu gebieten. Da wird gelasert, gecremt, gezupft, was das Zeug hält. Ab 50 kannst du tiefenentspannt sein und lässt der Natur freien Lauf, denn du bist froh, wenn die Haare an den anderen Stellen deines Körpers noch nicht so grau meliert sind, wie die auf deinem Kopf.

Ich habe mir inzwischen einen alltagstauglichen Bürstenschnitt zugelegt, Shopping Attacken habe ich nur noch selten. Ich bin sparsam geworden und drehe jeden Cent dreimal rum. Der Inscheniör ist zufrieden mit mir. Unsere Gesprächsthemen drehen sich abends um die finanziellen Vorteile einer Hackschnitzelheizung. Ich bin schnell im Rechnen, bei einem staatlichen Zuschuss von 45 %, 8000 € gespart.

Ganz entspannt esse ich mein Schnitzel. „Kein Mensch hat das Anrecht auf NUR gute Düfte“, raunt mir Herr W. zwei Tische weiter zu. Hm, ein Schnitzel ist schweinsig, ganz klar. Aber viel schweinsiger ist manch kerniger Kollege, der sich gerne im WhatsApp Status auf seinem tiefergelegten Auto lümmelt. Hab ich mit 50 auch nicht mehr nötig. Die Zeiten, wo ich mit hochgeschnallten Möpsen und tiefem Dekolleté posiert habe oder sportiv in einer Kletterwand gehängt habe, sind vorbei. Kater Costa ziert inzwischen meinen Status. Wir sind wahrscheinlich gleich alt in Katzenjahren umgerechnet und haben beide Probleme mit dem drohenden Verlust unserer Zähne. In ein paar Jahren werden wir wohl auch gleich aussehen, so wie ein Dackel und sein Herrchen.

Nach dem Verzehr des Schnitzels halte ich noch ein kleines Pläuschchen mit der Kollegin aus der Nachbarschule. „ Na, was macht der Polizist mit dem strammen Popöchen“, frage ich sie aus. Gelangweilt wirft die Kollegin ihre frisch blondierten langen Haare nach hinten. „Hör mir auf! Unter der Woche schickt er mir tagsüber versaute zweideutige Bilder. Feierabend und am Wochenende hab ich Ruhe. Montag morgen ist er dann wieder am Start.“ „Schick ihm halt mal was Ähnliches am Wochenende, wenn er mit seiner Frau am Frühstückstisch sitzt. Wirst sehen, husch, hast ihn von der Backe!“, gebe ich ihr den Rat. „Ich kann gerne mal den Inscheniör anhauen. In seinem Stammtisch WhatsApp Chat, kursieren ähnliche Bilder.

„Du Inscheniör, ich brauch ein bissi dirty Foto aus deinem Stammtisch Chat“, so haue ich ihn einen Tag später an, als wir mit H. am frühen Abend einen 20jährigen handimportierten südafrikanischen Rotwein zwitschern. H. ist der Mann von meiner Freundin A., die zu einem Shoppingmarathon aufgebrochen ist. Davon kommt sie nicht so schnell wieder, denn sie ist noch unter 50. Ihr Mann hat deshalb bei uns Zuflucht gesucht. H. ist sofort angefixt. „Ein bisschen Verbalerotik schadet nie!“, so blinzelt er mir mit einem fast verwegenem Doppelzwinker zu. Der Inscheniör wird sofort fündig und leitet mir einschlägiges Material weiter. Das sonntägliche Frühstück kann kommen. H. muss jetzt auch heim, Frau und Sushi warten inzwischen. Weinselig erhebt er sich und raunt mir in mein Ohr: „Verbalerotik kannst du auch ganz gut.“ Na, was will man denn mehr mit 50! Humor und Verbalerotik gehen immer.

Arschengelchen

Ozan muss das Kapitel Liebesbriefe neu definieren, so flüstert die 5. Klasskollegin mir zu, seine Liebste hat mit ihm Schluss gemacht! Oh, sind mal wieder Arschengel unterwegs?Arschengel sind Menschen, die negative Gefühle in uns auslösen, indem sie etwas tun oder sagen, was uns verletzt. Auf der eine Seite beurteilt unser Verstand diesen Mensch als Arsch. Auf der anderen Seite ist dieser aber auch ein Engel, weil wir so nicht gelebte Gefühle ausleben können. Der Arschengel aktiviert den Kämpfer in uns, weil er uns zwingt sich mit den Dingen zu beschäftigen, die wir lieber ignorieren würden.

Den kleinen Arschengel hat mir eine Kollegin geschenkt. Ein wunderbares Geschenk wie ich finde. Ozan hat sicher noch nie etwas davon gehört, er passt sich aber prima den neuen Gegebenheiten an:

Nach den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft sind bei Ozan jetzt Trennungsbriefe zu erwerben. Angebot und Nachfrage bestimmen das Sortiment. Weil der Mensch per se gerade vor Weihnachten an das Gute im Menschen glaubt, kann man den Trennungs- auch wieder in den Liebesbrief umtauschen. Ganz so gutgläubig scheint Ozon nicht zu sein. Er weiß, dass Partnerschaften nicht auf Dauer in glutvollen Liebesbezeugungen gründen, sondern am Miteinanderwachsen. Deshalb verkauft er die Zusammenseinbriefe für 30 Cent das Stück.

Daran muss ich denken, als mein liebster Inscheniör gut abgefüllt mit Whiskey und Haggis (das ist ein gefüllter Schweinemagen) nachts um zwei neben mir ins Bett plumpst. Er war auf einem Männergeburtstag gewesen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man miteinander konkurrieren muss, wer schneller und mehr trinken kann. Der Inscheniör quält sich am nächsten Morgen aus dem Bett. Die rotgeränderten Augen schließen darauf, dass er gestern ganz gut abgeschnitten hat.

Wie war es den gestern?, frage ich mitfühlend. Jeder hat zwei Flaschen Whiskey dabei gehabt, so lässt er mich wissen, meine zwei haben gut im Test abgeschnitten. Testergebnisse sind dem Inscheniör wichtig. Der H. hat nur eine dabei gehabt, einen Johnny Walker, hat seine Frau für irrsinnige Summen einmal am Flughafen gekauft. Dafür hat er zwei Whiskey Bücher dabei gehabt, aus denen er rezitiert hat. Das Besäufnis scheint nebenher einen intellektuellen Anstrich gehabt zu haben. Da mich die Neugierde umtreibt, rufe ich bei Hs. Frau an.

Halli-hallo!, begrüßt sie mich gleich! Ist der Inscheniör schon wach? H. liegt noch im Bett. Ich schaue auf die Uhr, es ist bereits 11 Uhr. Schon lange, gebe ich an, er hat sogar schon den Christbaum aufgestellt. Anschließend gebe ich ihr einen kurzen Abriss der gestrigen Feier. So, so, kommentiert sie, dann kann der Inscheniör den lieben H. ja mal wecken! Gute Idee, finden wir und in uns wächst ein klitzekleiner Arschengel. Ich starte auf meiner Spotify Playlist den Song „Johnny Walker“, Hs. Ehefrau hält ihrem schlafenden Gatten den Hörer hin, der Inscheniör singt mit Westernhagen im Duett:

H. ist inzwischen wach. Auch wenn seine Gefühle jetzt negativ sein mögen, kann er daran wachsen. Schließlich hat er heute noch einige Aufgaben zu erledigen, wie z.B. den Christbaum aufstellen.

Gastanken

Gastanken ist die verschärfte Form von Liebesbriefen – nämlich die WhatsApp Dirty – Flirt- Line! Unterlegt mit symbolträchtigen Emojis 🍑🌽🍑🌽.

Ich hänge mit einer Kollegin aus der Nachbarschule ab. Und die hat einen Polizisten mit strammen Popöchen am Start. Männer in Uniform wecken Begehrlichkeiten. Ich kann das nur unterstreichen. Was wäre bloß aus meiner Liason mit dem Inscheniör geworden damals, wenn ich nicht live dabei gewesen wäre, wie er in seiner Feuerwehruniform die Tante Anna vom Krämer nebenan eingesargt hätte?

Aber das ist etwas her, deshalb verfolge ich den Dirty Talk der Kollegin mit Interesse… Plötzlich runzelt diese die Stirn und hält mir das i phone unter die Nase: GASTANKEN steht da nach diversen Obst und Gemöse Emojis geschrieben. Mit großen Augen starren wir das Wort an!

Boah, hört sich voll pervers an! Sprich das mal langsam aus GAAS TAANKEN!! Wer weiß, was der mit dir anstellen will? Schick ihm mal ein paar 👅👅👅, so argwöhne ich und fange das Googeln an: Gastanken + Sex .Googel bringt mir die Tankstellen der Umgebung mit Flüssiggas! Die Kollegin runzelt inzwischen die Stirn, sollte ihr mit den Jahren der Instinkt der Straße abhanden gekommen sein. Ich kann mal eben die 10. Klässler fragen, schlage ich vor. Verwerfe den Gedanken aber sofort. Die Truppe, die ich dieses Jahr bespaßen darf, kennen sich maximal mit verschiedenen Nutzhölzern aus.

Plopp! Die nächste Nachricht bringt Licht in das Dunkle: GASTANKEN: alles was du gern hast! Blöde Worterkennungsfunktion…

Ich gehe besser nach Hause und korrigiere Englisch, backe Plätzchen oder denke an das Freegun Equipment meines Mannes. Kaum daheim angekommen schnurrt unser vollelektronisches Türschließsystem. Der Inscheniör tritt ein und begrüßt mich mit folgenden Worten: Was meinst du? Wollen wir uns nicht in Ebermannstadt im Friedwald einkaufen? Man hat viel Platz zwischen den einzelnen Gräbern und kein Nachbar geht einem auf den Wecker.

Ich wollte eigentlich in meiner Heimatstadt begraben werden, versuche ich einzuwenden. So schnell gibt sich der Inscheniör nicht geschlagen: Denk doch mal daran, in der Fränkischen Schweiz sind viele Wanderer unterwegs! Da kriegst du sicherlich ab und an ein Bier über deine Ruhestätte gekippt! Kollege A. hat sich bereits ein Angebot schicken lassen.

Das Angebot klingt durchaus verlockend und bis dahin kann man sich die Zeit noch ein bisschen mit Gastanken vertreiben.

Ein Liebesbrief von Ozan

Gottseidank bin ich nicht zur MissPlus50 Germany gekürt worden. Sonst wäre ich inzwischen gefeuert, gemobbt, gekränkt, von einer falschen Liebe enttäuscht und schlussendlich in einer Psychoklinik gelandet. Das weiß zumindest die BILD Zeitung zu berichten. Und ich freue mich insgeheim, dass ab einem gewissen Alter die innere Schönheit zum Tragen kommt.

Außerdem gibt es an unserer Zwergenland Schule Ozan, der alle Lehrerinnenherzen zum Höherschlagen bringt. Ozan ist zwar erst 10 Jahre alt, aber er schreibt Liebesbriefe! Und alle Lehrerinnen, die in der 5. Klasse unterrichten, tragen inzwischen ein beseeltes Lächeln in ihrem Gesicht dank Ozan!

Hallo, du Liebe meines Lebens! , so beginnt der Brief an seine Klassenlehrerin. Ich habe dir geschrieben, weil du etwas besonderes bist. Du hast mich immer rumkommandiert, das war gemein und danach war ich richtig allein. Respekt an die Adressatin, alles richtig gemacht. Sie hat ihren Laden im Griff. Dann bist du zu mir gekommen und hast mich in den Arm genommen! Jawoll, Zuckerbrot und Peitsche, funktioniert immer!

Der Ethiklehrerin wollte Ozan schon immer mal sagen, dass sein Leben ohne sie keinen Sinn macht. Ohne dich ist alles dunkel, mit dir ist alles bunt! Alles klar, als Ethiklehrerin hat man ja auch einen humanitären Auftrag! Deswegen sage ich, ich liebe dich, lass die anderen was anderes sagen… Ja, ich hab es schon verstanden: wir sind alle bunt! Betrunken und ehrlich – bunt und gefährlich – lass uns einfach leben – unsterblich! Helene Fischer lässt grüßen.

Ich bin inzwischen angefixt und mache mich auf in die 5. Klassezu Ozan! Lässig lümmelt sich dieser auf seinem Stuhl und beseitigt die Spuren seiner literarischen Ergüsse an der Hand mit dem Tintenkiller. Ozan?, meine Stimme hat einen flehentlichen Klang, ich möchte auch einen Liebesbrief haben! Macht 10 Cent, so erwidert er mir in einem geschäftsmäßigen Ton und zieht einen Brief aus seiner linken Hosentasche. Ich möchte keinen standardisierten, maule ich, ich möchte einen persönlichen! Das macht dann einen Euro, erwidert Ozan und killert weiter ohne seinen Blick zu erheben.

Wäre das nicht toll, nochmal einen Liebesbrief zu bekommen mit 50Plus. Zu Weihnachten? Nichts Materielles und Vergängliches, etwas was für die Ewigkeit im Herzen bleibt, für die innere Schönheit. Zu schreiben, ich hab dich gerne und ich bin für dich da, selbst wenn der Himmel einstürzt!