Clara und Luisegunde

Clara und Luisegunde

Clara ist meine Tochter. Sie ist sechs Jahre alt. Luisegunde ist meine Schwiegermutter. Sie ist 80 Jahre alt und die Oma von Clara. Beide wohnen gemeinsam in einem Haus. Es ist Luisegundes Elternhaus und beide leben seit ihrer Geburt darin.

Oma ist sehr gläubig und hat gleichzeitig die größte Angst vorm Sterben. Clara hat von ihr drei Gebete gelernt. Eins lautet: Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Die sagt sie jeden Abend auf. Dazu gesellen sich die Segenswünsche für die verstorbenen Katzen und die Lieder, die sie aus dem Schulchor kennt.

Oma backt die leckersten Kuchen und Plätzchen und die Enkeltochter isst sie am liebsten schon im rohen Zustand. Die eine pflanzt die Blumen, die andere gießt sie.

Clara und Luisegunde gehören zur Aufhebetruppe. Das heißt, dass nichts weggeworfen wird. Da Oma schon seit 80 Jahren in dem Haus lebt, ist dieses gefüllt mit Trödel und alten Erinnerungen. Neben der noch originalverpackten Angoraunterwäsche finden sich Zeugnisse von vier Generationen und die Briefe von Luisegundes Vater, der in russischer Kriegsgefangenschaft verhungerte. Die Enkelin lebt zwar nicht ansatzsweise so lange in diesem Haus, aber sie möchte auch nichts wegwerfen. In ihrem Zimmer stapeln sich Kartons, Holzstecken, leere Dosen und Selbstgebasteltes aus Kindergartenzeiten, wo man schon lange nicht mehr weiß, was da es darstellen sollte.

Enkelin und Oma sind zwar altersmäßig 74 Jahre auseinander, aber doch ein eingeschworenes Team. Clara übernachtet gerne dort. Dann liegen beide im Bett, Luisegunde mit ihrem „Meichala“ auf dem Kopf und Clara mit ihrem Lieblingsstofftier „dem Schaf“. Jetzt wird gebetet, erzählt und schlussendlich so lange Händchen gehalten bis das Enkelkind einschläft und die Oma mit.

Nee, eigentlich ned!

Nee, eigentlich ned!

Ich bin elf, habe etwas zu kurze Beine, aber dafür einen kapitalen Hintern. Ein bisschen Busen ist mir gewachsen. Dadurch fühle ich mich schon etwas erwachsen, obwohl mir meine Mutter noch immer meine Haare über die Rundbürste fönt.

Ich bin das erste Mal verliebt. Das Verliebtsein ist wie ein Schnupfen angeflogen und ich bin verwirrt, was es mit mir macht. Ich habe Schmetterlinge im Bauch und mir klopft das Herz, wenn ich an ihn denke.

IHN, ER … heißt Sven. Er wohnt im gleichen Ortsteil wie ich und wir sind in der Grundschule in die gleiche Klasse gegangen. Mir gefallen sein braunes Haar, seine grünen Augen und die Art sich zu kleiden. Es erinnert mich an die coolen Jungs in der Fotolovestory der Jugendzeitschrift BRAVO.

Wie kann ich Sven erobern? Gottseidank wohnt meine beste Freundin Martina neben ihm. Da ist es ein Leichtes für mich, dass ich mich nachmittags nach der Schule ständig bei ihr aufhalte. Besonders gerne nehmen wir unsere Späherposition auf dem Balkon ein und ich hoffe, dass er vorbeiläuft. Aber das ist auf Dauer sehr unergiebig, das Schicksal will Sven einfach nicht am Balkon vorbeiführen. Wir zwei Freundinnen widmen uns dem Thema „Liebe“, indem wir im Rollenspiel Situationen des Ernstfalles trainieren. Um uns einzustimmen hören wir gerne „Santa Maria… Insel, die aus Träumen geboren, ich hab meine Sinne verloren, in dem Fieber, das wie Feuer brennt“ von Roland Kaiser.

Eines Tages habe ich Glück und Sven läuft tatsächlich an unserem Spähausguck vorbei. Martina will Nägel  mit Köpfen machen. Sie stürmt auf den Balkon und schreit zu Sven herab: „Bist du in die Kathrin verliebt?“ Etwas verdutzt antwortet dieser: „Nee, eigentlich ned!“ OK, das ist vielleicht nicht die Antwort, die ich mir erträumt hatte. Aber das Wörtchen „eigentlich“ birgt doch etwas Hoffnung. So geht mein Verliebtsein weiter ohne wirklichen Erfolg, obwohl meine Eltern immer noch für 50 Pfennig an Svens Haus vorbei fahren müssen.

Dabei werde ich älter und der gefönte Rundhaarschnitt weicht einer punkigen Kurzhaarfrisur. Ich trage große neonfarbene Ohrringe aus Plastik. Auch stehe ich zu meinem dicken Hintern. Ich schreibe mir auf die Hinteransicht meiner Lieblingsjeans „Extrabreit“. Damit habe ich im Voraus jeglichen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen. Gleichzeitig ist Extrabreit eine angesagte Band der Neuen Deutschen Welle – kein Schlagerschmalz mehr, sondern ein knallhartes Statement: Die kleinen Mädchen aus der Vorstadt tragen heute Nasenringe aus Phosphor!

Es sind Sommerferien. Ich bin 13. Draußen ist es lang hell und wir Jugendliche aus dem Ort treffen uns am Spielplatz. Und endlich- nach zwei Jahren fragt mich Sven: „Gehst du mit mir auf’s Schützenfest?“ „Aha“, denke ich, „also eigentlich doch“, und bringe nur ein stummes Nicken zustande.

Mit dem Fahrrad fahren wir drei Kilometer zu der Kirmes. Ganz romantisch schießt mir Sven drei Rosen: zwei goldene und eine silberne. Wir halten Händchen. Auf dem Nachhauseweg küsst er mich fünfmal. Es ist anders als ich mir das vorgestellt habe, ziemlich nass bis zu den Backen und mit viel Zunge im Mundraum. Und irgendwie ist mit diesem Erlebnis die Luft raus. Im Gespräch haben wir uns nicht viel zu sagen und als ich seine Rosen in der Hand halte, denke ich: „Nee, eigentlich ned!“, und entsorge diese später im Mülleimer.