Frau Fischer, Sie sind ein hoffnungsloser Fall!

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Meine Mutter hat heute Geburtstag. Sie ist 75 geworden. Ich habe ihr zum Geburtstag Fahrstunden geschenkt in der Hoffnung, dass sie sich traut zu mir zu fahren. Ich wohne ca. 100 km von meiner Heimatstadt entfernt, aber für meine Mutter eine unüberbrückbare Hürde, da Start- und Zielort ein Zwischenstück von 50 km Autobahn beinhalten. Sie fährt nur ausgewählte Strecken wie zur Edeka oder Grüngut Annahme. Zweispurige Schnellstraßen meidet meine Mutter und nimmt stattdessen kilometerweite Umwege über verwinkelte Dorfstraßen. Da mein Vater kürzlich verstorben ist, entstand bei mir die Idee ihr einen Aufrischungskurs zu schenken. Ich rief bei einer Fahrschule in meiner Heimatstadt an. Die nette Dame am Telefon war freundlich: „Nein, das ist kein Problem. Für solche Fälle haben wir Sigi, einen pensionierten Bundesgrenzschützler, 63 Jahre alt. Der kriegt das hin. Wir machen erstmal eine Probefahrt um zu schauen, wie fit ihre Mutter ist!“ Klar ist meine Mutter fit und noch ziemlich attraktiv für ihr Alter. Ich erkundige mich weiter: „Meine Mutter fährt nur Automatik!“ „Kein Problem“, weiß mich die Dame am Telefon zu beruhigen, „wir haben da einen Jeep mit Automatik!“ Ok, ich sehe meine Mutter und Sigi, den 63jährigen Pensionär mit verspiegelter Sonnenbrille im Jeep, wie sie auf der Autobahn gen untergehende Sonne reiten … äh fahren.  Angemeldet hat sich meine Mutter noch nicht, aber dafür liegt sie jetzt jede Nacht wach und denkt: „Soll ich mir das antun?“ Tagsüber sieht die Welt schon anders aus, da will sie es machen. Ich bin sehr skeptisch, ich kenne meine Mutter schließlich mein Leben lang und ich weiß, dass sie Abmachungen gerne kurz vorher über den Haufen wirft.

Vorhin beim Abendessen wirft sie in die Runde als das Thema auf die Fahrstunden in spe kommen ein : “ Ich hoffe, dass der Fahrlehrer schon bei der ersten Probefahrt sagt: Frau Fischer, Sie sind ein hoffnungsloser Fall!“ Ich werde sie diese Woche trotzdem persönlich anmelden, egal was sie dazu sagt und nachts darüber denkt!!

 

Im Bett mit Bob

Ich habe bis letzten Sommer nie einen Zugang zu Bob gehabt. Seine Songs hatten für mich einen faden friedensbewegten Beigeschmack wie „Where have all the flowers gone“ in unserem Liederbuch in der Schule, welches einen grün- orangenen Einband hatte. Das war fast genauso schlimm wie das Liedgut während der Konfirmandenzeit als man zum Besuch der Kirche zwangsverpflichtet wurde.

Außerdem gibt es ganz viele fiese Coverversionen von Bob’s Liedern. Ich denke dabei an Münchener Freiheit, Typen mit fisseliger Dauerwelle, die im Discofox-Rhythmus quäkten: Vergiss nicht deine roten Schuh!  Was vorbei ist, ist vorbei Baby Blue. Ganz schlimm ist für mein Empfinden auch „Knockin‘ on heavens door“ intoniert von Axel Rose von Guns N‘ Roses. Dieser omnipotente Amerikaner im Bikerlook und rotkariertem Stirnband ist für mich das Sinnbild des schlechten Musikgeschmackes Ende der 80er Jahre.

Außerdem ist Bob ein alter verschrumpelter Gramel mit einer Stimme, der man den 60 Jahre langen Zigaretten und mehr Konsum anmerkt. Er nuschelt so in seinen ellenlangen Songtexten, dass man sich verhörhammermäßig seine eigene Wirklichkeit aussuchen kann. Bei „changing of the guards“ verstehe ich „the cold bloody  moon is sending his socks!“

Letzten Sommer sind wir nach Italien gefahren. Ich wollte mit leichtem Gepäck reisen. Zu meiner Bushäuschenfreundin sagte ich bekümmert : „Ich möchte meine Sorgen und alten Käse zu Hause lassen!“ Meine Bushäuschenfreundin ist psychologisch versiert und antwortete mir wie ein Orakel: „Am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.“ Und dann kam Bob, Gottseidank, das war gut!

Mein Mann, ein technisch und medienversierter Ingenieur, hat seit kurzem Spotify abonniert und sich abends durch ein Halbesjahrhundert Musikgeschichte gehört und hatte Bob dabei- rund vier Stunden von zuhause bis zum Brenner!

Irgendwann auf der Reise hauchte mir Bob sinnlich und lasziv ins Ohr: “ Lay lady lay, lay across my big brass bed.“ Vor meinem geistigen Auge taucht dieses Messingbett auf. Die Wände des Zimmers, in dem es steht,  sind kahl, weitere Einrichtungsgegenstände befinden sich nicht darin. Weiße Vorhänge lassen die Morgensonne auf dem Messingbett tanzen. Die Protagonisten sind ein bisschen rotstichig, wie man das auf den Fotos aus den 70ern kennt. Upps: „His clothes are dirty, but his hands are clean.“ Jawoll! Hände, die sowohl zupacken als auch Gitarre spielen können. Modischer Schnickschnack wird überbewertet, ehrlich. „And your the best thing that he’s ever seen!“ Da muss er nix mehr hinzufügen, alles ist gesagt ohne Schwulst. Außerdem scheißt Bob auf gesellschaftliche Konventionen!

Durch lay, Lady lay bin ich Bob nahe gekommen und auch durch die anderen vielen Lieder zwischen von Hause bis Brenner und den nächsten drei Wochen Italienurlaub.  Manche kannte ich schon durch diverse Coverversionen, viele waren neu. Nicht alles ist gut geworden in diesen Tagen, aber doch einiges.

Langnese am Strand

In Vada kommt jeden Tag am Strand der Eisverkäufer vorbei. Begleitet wird er von den neusten Italohits. Ich wache auf. Algida steht auf dem Eiswagen, in Deutschland ist es Langnese. Kindheitserinnerungen werden wach. Für manchen war es Nucki Nuss. Für meine Freundin Keki und mich war es Berry, Erdbeerwassereis für 25 Pfennig. Mit Berry wuchsen unsere Jungmädchenfantasien. Die Eistafeln sind mir immer noch präsent. Brauner Bär, Capri  und natürlich Nogger dir einen! Täglich!

75 Wörter

Bad Boy

Heute früh kam Clara mit folgendem Anliegen: „Mama, heute möchte ich nur graue Sachen anziehen!“ „Warum das?“, frage ich schlaftrunken. „Weil des Henrys Lieblingsfarbe ist“, antwortet meine Tochter in einem Tonfall, als ob ich etwas begriffsstutzig bin.

Who the fuck is Henry? Ich erkundige mich in unserem Monti Chauffeussen  Gruppenchat und bekomme umgehend Antwort: Das ist der, der erzählt hat, dass er bei seiner Oma die Hände im Klo gewaschen hat. Viel Spaß damit!

Na bravo! Ich sehe vor meinem geistigen Auge folgendes Szenario ca. zehn Jahre später ablaufen: Henry zieht in unserem Gewächshaus heimlich eine Cannabis Plantage heran und Clara verkauft im vergammelten grauen Schlabberlook das getrocknete Zeug auf dem Schulpausehof.   Ok, locker bleiben, sie wird in einer Woche erst sieben!

Als ich sie von der Schule abhole, frage ich unauffällig: „Und, was hat Henry zu deinen grauen Klamotten gesagt?““Nix! Henry redet nie viel.“, antwortet meine Tochter schon fast altersweise. Nach einer Minute fügt sie hinzu: „Ich glaube Henry ist f…“ f?“ „Ja, f…“ sagt Clara versonnen und malt das f auf ihren Handrücken. „F wie fies?“, rate ich ins Blaue hinein. „Fal…“, verrät sie mir weiter. „Falsch?“ „Mama!“, sie denkt ich wäre deppert, „faliebt!“ “ Weißt du, dass Henry seine Hände im Klo seiner Oma wäscht?“, versuche ich der jungen Romanze Einhalt zu gebieten. „Ja, ich weiß!“ antwortet meine Tochter mit einem verdächtigen Glitzern in den Augen. „Bist du auch in Henry verliebt?“ Wie selbstverständlich erwidert Clara: „Klar und auch in Matthis und in Noah, aber der (17)  ist eigentlich zu alt für mich!“

Puh! Gottseidank hat sie noch Plan B und C in Peto…

Make sale not war!

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Neulich als ich in meiner Heimatstadt auf dem Weg zu Zumba war, sprang mich dieser Aufsteller direkt an : Make sale not war! Vier kleine Worte, die ein Psychologiestudium überflüssig machen, denn mehr muss man nicht hinzufügen.

Letztens an einem Montag, ein trister grauer Januartag, als ich ausgenudelt abparke und meinen Job mal wieder verfluche, bin ich mental an diesem – einen Punkt erreicht…SHOPPEN!
Nur ein Kauf von Schühchen kann meine missmutige Laune verflüchtigen!

Schuhe zu kaufen ist eh das höchste, egal was man wiegt, die Schuhgröße bleibt gleich. Praktischerweise gibt es einen nicht ganz billigen Laden ca. 150 m Luftlinie von unserem Haus. Da ich täglich mindestens zweimal daran vorbeifahre, bin ich über die Schaufensterauslage bestens informiert. Obwohl diese an dem tristen Wochenanfangstag nur mit Wintersale Artikeln dekoriert sind, betrete ich den Laden. Da ich jeden Winkel wie meine Westentasche kenne und meine Spürnase geweckt ist, begebe ich mich zielsicher in das Lager und sehe SIE: feinste Sommerschühchen aus rotem Wildleder für schlappe 205 €, aber jeden einzelnen Cent wert.

Ich muss zuschlagen, schließlich gibt es das Paar nur einmal in 37. Meine Freundin A. hat die gleiche Größe und sie kauft vorzugsweise in dem gleichen Laden. Meine Laune steigt merklich an, als ich die Tüte mit Inhalt in meinen Händen halte. Aber jetzt schon nach Hause gehen? Mein Blick schweift unruhig umher. Ah- vis a vis-erspähe ich ein orangefarbenes frühlingshaftes Kleid in dem Bekleidungsladen, in dem ich auch gerne einkaufe. Schnell überquere ich die Straße. Dass zwei Autos eine Vollbremsung hinlegen müssen, bemerke ich nur am Rande.

Welch eine Wonne: das orangene Kleid ist wie für mich geschneidert und passt zudem noch in Größe 36. Meine Laune setzt zu einem Höhenflug an.  Schnell kaufe ich noch den passenden Schal dazu, einen blau-weiß gestreiften Pulli, bei diesem darf wiederum das passende Tuch in blau-getupft nicht fehlen. So, habe fertig und bin insgesamt 550 Euro los! Aber dafür bin ich rundum ausgeglichen: Einkaufen stimmt friedlich!

Als ich schwer bepackt unsere Hofeinfahrt erreiche, sehe ich zum Entsetzen, dass der weiße GLK meines Gatten gerade abparkt. Mist! Wie schaffe ich es jetzt meine Beute unbemerkt ins Haus zu tragen und sie erstmal an einem sicheren Ort zu verstecken? Zu spät! Mit Argusaugen steigt mein Mann aus dem Wagen. Sofort entdeckt er die zwei Tüten.“Wieviel?“ „Och, alles Schnäppchen! So ca. 250 €.““Also mindestens 500!“, antwortet er resigniert. Er kennt mich ziemlich gut und er kann auch gut und sehr schnell rechnen. Er schafft es binnen 30 sec auszurechnen, dass es im Jahr 1350 € kostet, wenn die Putzfee auch noch bügelt. Sein neuer Fernseher im Wohnzimmerkinoformat kostet nicht mehr als meine Schuhe, die ich mir binnen 1,5 Jahre anschaffe.

Die Stimmung ist etwas gereizt. Ich weiß genau, dass er Angst hat, dass ich Haus und Hof und den GLK für Schuhe versetzen würde. Ich bin ein Drauflegegeschäft. Von meiner friedlichen Stimmung ist nicht mehr viel übrig. Soviel zu: make sale not war

Jetzt heißt es erstmal ein bisschen Beziehungsarbeit zu machen. Vielleicht sollte ich mir in Zukunft für meine Beutezüge eine Garage in der Nähe anmieten?

Männer verstehen – wie sie denken und fühlen! Teil 1

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img_8443Wie ich schon geschrieben habe, ergoogle ich mir die Welt. Oft gebe ich einen Satz wie folgt ein: Was bedeutet, wenn jemand zu dir sagt Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen. Immer wenn ich das tue, treffe ich Christian Sander, ein Beziehungscoach, im worldwide web. Da kommen dann so Schlagworte wie:

Männer verstehen- wie sie denken und fühlen!

Letztes Wochenende war ich auf einer Frauenburzeltagsfeier von meiner Freundin B. Das ist eine ganz praktische Einrichtung, man lässt Mann einfach daheim. Mein Mann war bei Mann von meiner Freundin A. incl. unserer beiden Kinder. Unabhängig voneinander äußerten beide, ob zu der Burzeltagsfeier nicht ein Stripper käme, dem Frau Geldscheine in die Unterhose stecken könne. Falls nicht, so beide, würden sie auch für uns strippen. Freundin A. und ich lehnten dankend ab: strippen bei Überfünfzig bringt doch nur Rücken, Knie, Innenbandanriss und vieles mehr mit sich.

Als Freundin B. die zahlreichen Geschenke ihrer 13 anwesenden Freundinnen auspackte, war die Stimmung fast wie auf einem Kindergeburtstag! Staunend was sich da alles aufbot: ein transparentes Kurzkleidchen in schwarz,  weiße Laufhandschuhe mit eingebautem Sensor für die Handyfunktionen, Lederstiefelketten, mein Zaubertopf – Lieblingsrezepte für den Thermomix und vieles mehr. Kurzum: die 13 anwesenden Damen haben keine kreativen Mühen gescheut ihre Freundin B. zu beschenken.

Später am Abend nach einer gefühlten Flasche Chardonnay für jeden von uns, raunte mir Freundin A.zu: “ Rate mal, was mir mein Mann Originelles zum Geburtstag und zu Weihnachten geschenkt hat?“ Ich schaute sie fragend weinselig an. Sie seufzte schwer und hob  das Weinglas an ihre Lippen: “ Zum Geburtstag hat er mir eine Actionkamera geschenkt mit Helm!“ Vor meinem geistigen Auge formierte sich folgendes Bild: Freundin A. wie sie mit der Actionkamera und Helm ihren Thermomix bearbeitet. „Zu Weihnachten gab es ein blue ray DVD Gerät. War wahrscheinlich sau teuer, aber ich kann es gar nicht bedienen!“

Männer- wie sie denken und fühlen!

Freundin B. hat es da sehr exklusiv. Ihr Mann, der als Ingenieur Atomkraftwerke instand setzt, hat immer gleichzeitig mindestens drei Geschenke parallel laufen. Das hat was von Risiko minimieren, so dass es erst gar nicht zum Supergau kommt.

Freundin S. hat da eher einen Mann mit Sinn für ‚ s Praktische: Locher, Tacker oder gerne mal ein Buch, was er selber liest. Notfalls beauftragt er  die Schwägerin für die Geschenkbesorgung, wenn das nicht clever gedacht ist.

Freundin L. hat einen Fitnesstracker geschenkt bekommen. Ich hoffe, sie kann ihn bedienen und der Mann hat keine Hintergedanken, dass er Frau ein klitzekleines bisschen schlanker haben möchte.

Ich selber habe von meinem Mann zu Weihnachten ein Schreibwochenende geschenkt bekommen. Da konnte er sich nichts dabei denken, weil es meine Idee war.
Zumindest können wir Frauen davon ausgehen, dass Männer sich in Bezug auf Geschenke  sehr wohl Gedanken machen oder zumindest wissen, wie sie diesen Bereich outsourcen können.

Bleibt also dran meine Lieben, wenn es in Teil 2 heißt : Was Männer fühlen!

Geh ich Aldi, kauf ich Brot!

Meine Tochter Clara kam letzten Freitag nach Hause und erzählte mir mit erhobenem Zeigefinger, dass der Adam in ihrer Klasse schon ein Handy hätte. Deshalb möchte sie zu ihrem 7. Geburtstag, neben einem i pad und zwei Ponys, ein i phone haben. Das geht pädagogisch gesehen natürlich überhaupt nicht. Außerdem besucht Clara eine Montessori Schule und die ist echt mittelschichtslastig, geht also zweimal nicht! Dann überlegte ich weiter, was der Mitschüler namens Adam wohl für einer ist …

Und mir fiel einer meiner Schüler namens Adam ein, ein potenzieller Sargnagel, als ich noch in meiner Heimatstadt als Lehrerin tätig war! Adam war ungebremst, täglich voller Tatendrang und immer auf der Balz. Der Lernstoff fand damals nicht oft den Eingang in die Hirnwindungen. Sein Vater war immer sehr bemüht, den Sohnemann auf Spur zu bringen. Ich sehe noch seinen besorgten Blick vor mir, wenn er in unserem kleinen Lehrerzimmer in einem der Ikea Schwingsessel saß und fragte: „Was macht Adam so?“ „Ähm“, diplomatisch nach Worten suchend kamen mir verschiedene Situationen des schulischen Alltags mit Adam in den Sinn.

Adam knutschend und mehr im Relaxraum mit diversen Schulschönheiten und meiner Angst, dass eines Tages ein Schulbaby herauskam und ich wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht angezeigt werde.

Adam, der nachts im Schullandheim wegen Ruhestörung Gedichte abschreiben und lernen musste, aber das mit Leichtigkeit wegsteckte.Stattdessen war das Lehrpersonal nach fünf Tagen mürbe,  weil jener nach maximal vier Stunden Schlaf bereits früh um sechs wieder munter duschte und so die gesamte Belegschaft aufweckte.

An einem Vormittag wollte ich meiner Klasse und natürlich Adam eine Kurzgeschichte der deutschen Nachkriegszeit präsentieren: Das Brot von Wolfgang Borchert. Fächerübergreifend zu Geschichte versuchte ich didaktisch- methodisch alles um die Stimmung und die Gefühle des Ehepaares in der Küche zu vermitteln. Der Mann,  der Hunger hatte und sich heimlich eine Scheibe Brot abgeschnitten hatte. Die Frau, die die Lüge bemerkte und aus Liebe diese nicht aufdeckte…Ich bot das ganze Programm meines pädagogischen Könnens auf, wollte die Stundenerkenntnis aus meinen Schülern kitzeln. Da endlich eine Wortmeldung! „Adam!“ „Was wolln Sie Frau Mense? Geh ich Aldi, kauf ich Brot!“

Gut, aus Adam ist schlussendlich kein Weltpoet geworden. Er hat aber seinen Schulabschluss geschafft und auch seine Lehre. Inzwischen ist Adam ein sehr ansehnlicher Mann geworden. Letztes Jahr hat er mir nachts  im Suff per Whatsapp eine Sprachnachricht mit folgendem Inhalt geschickt: Ich wollte Ihnen nur noch sagen, dass sie die beste Lehrerin der Welt für mich warn. Hab Sie ganz doll lieb. H.d.g.d.d.l…..

Na, da haben sich meine Mühungen doch voll gelohnt!

Ist „wish you were here“ ein lovesong?

Wer kennt es nicht: „Wish you were here“ von Pink Floyd. Gerne gespielt auf einer Klampfe am Lagerfeuer oder auf WG- Feiern nachts um drei, wenn schon niemand mehr geradeaus schauen konnte. Ich verbinde den Song mit unerfüllter Liebe und Sehnsucht und dass die Zeit schön langsam verstreicht ohne das das Entscheidende passiert.  Auch fühlt es sich irgendwie so an, als säße man im Bushäuschen und wartet auf den Bus, der entweder a) gar nicht kommt, b) zwar kommt, aber nicht anhält, weil er schon voll ist, c) er anhält, aber du zu langsam bist einzusteigen oder d) du zwar einsteigst, der Bus jedoch nach fünf Minuten eine Panne hat und alle aussteigen müssen.

Wenn ich rückblickend an meine zahlreichen Freundinnen denke, mal ganz ehrlich, wer von ihnen, mich eingeschlossen, saß denn noch nicht im Bushäuschen?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die erste zwei Jahre verliebt war in einen Typen, weil er sie dreimal von oben bis unten gemustert hat. Gut, wir waren da noch sehr, sehr jung. Aber ich weiß bis heute, dass wir diese Szene unendlich nachgespielt haben. Sie stehend, ich auf dem Sessel ihres Mädchenzimmers lümmelnd, ein Bein über der Lehne hängend, und dann musste ich an ihr immer hoch und runter gucken… Es muss wohl verdammt oft gewesen sein, weil mir das nach diesen vielen Jahren noch sehr präsent ist.

Die zweite hatte mal vor Jahrzehnten auf einer wilden Feier an einem Baggerloch eine heiße Knutschnacht und mein lieber Herr Gesangsverein: sie sitzt da gedanklich immer noch zwischen den Fichten. Und dass, obwohl der Typ inzwischen kaum noch Haare am Kopf hat, hüftleidend ist und auch nicht geradeaus schauen kann. Sie ist an diesen Ort noch mal gewesen und hat ihr Liebesleid aufgeschrieben und in den See versenkt, aber selbst dieser wollte diesen ollen Ballast nicht so recht aufnehmen.

Die dritte war so  verliebt über Jahre, dass sie sich immer den Anrufbeantworter von ihm angehört hat (er ist eine Person des öffentlichen Lebens). An einem Abend als ich zu Besuch war, lauschten wir gemeinsam dieser Stimme. Nachdem diese geendet hatte, fragte ich ungläubig: „Und das hörst du dir jeden Abend an?“ Meine Freundin erwiderte: „Ich mag es total, wenn er das r so rollt“ und die Stimme des Anrufbeantworters erwiderte ebenso: „Vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir rufen Sie umgehend zurück!“

Die vierte hat auf einer kollegialen Weinfahrt nach drei Schoppen dem Klampfenspieler einen Tisch weiter  zu tief in die Augen geschaut. Da sie dachte, er hätte den Song eines leider schon verstorbenen Countrysängers nur für sie gesungen, hatten sich beide über Monate hinweg wie ein Dauerbrenner in ihrem Ohr und ihren Gehirnwindungen eingebrannt. Was denkt ihr, wie es ausgegangen ist? Er hat sie weder geküsst noch hat er auf sie gewartet. Er ist einfach alleine davon geflogen!

Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich für mein Leben gerne google. Bei Google kann man sich das Leben erklären! Und ich habe gerade nachgeschaut: “ Interpretation-wish you were here-lyrics“ und siehe da: Das ist überhaupt kein Lovesong. Der Text handelt von dem  früheren Bandmitglied „Syd Barrett“, der sich sein Hirn mit Drogen rausgeballert hat. Also das Leben eines armen verkannten genialen Würstchens, den die böse Maschinerie der Musikbranche aus der Bahn geworfen hat…Ja, sowas aber auch!

Ich vertiefe mich in die Lyrics. Zuerst finde ich es schade, dass mich Google um den Zauber der Liedzeile „How I wish, how I wish you were here.“ gebracht hat. Andererseits ist der nachfolgende Vers keine wirkliche Option für’s Leben „We’re just four lost souls swimming in a fish bowl, year after year…“.

Am besten ihr hört euch das Lied selbst an und entscheidet, ob es ein Lovesong oder ein Bushäuschenlied ist. Letztendlich ist es doch immer gut, wenn man eine Wahl hat.

 

 

Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen?o

Beinahe hätte ich dich kennengelernt. Zumindest durfte ich dich bekochen. Ich glaube, es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch. Ganz genau kann ich mich nicht erinnern, es ist schon fast 30 Jahre her. Mich getraut mit dir zu unterhalten, habe ich nicht. Das weiß ich noch sicher.

Ich bin 18 und habe gerade das Abitur gemacht. Ein langer Sommer liegt vor mir und ich habe keinen konkreten Plan von meiner Zukunft. Aber zumindest lässt es sich in der Gegenwart mit Musik und Livekonzerten grad gut leben. Deine Lieder füllen die Straßen meiner Stadt, die Kneipen, die Studenten WGs und mein Kassettendeck in meinem Auto wie in einer Endlosschleife aus: „All you need – is a long, long summer!“

Drei Jahre später, ich studiere brav und habe meine erste feste längere Beziehung, singst du plötzlich deutsch und deine Lieder treffen meinen Nerv zu 100 Prozent. Ich kann mich sowohl mit gefühlvollen Wortschöpfungen:  „Kauf dir ein Halsband aus Samt, leg es mir um und führ mich herum“ als auch mit der nüchternen Erkenntnis: „Mach das Licht aus, wenn du gehst und dreh dich nicht um“, identifizieren.

Meine Zeit im Studium ist unbekümmert und ich besuche möglichst viele Konzerte von dir. Ich kann deine Metaphern zu den Abgesängen des Lebens auswendig: „Die Hose, die du mir gehäkelt hast, werf ich in den Container der Heilsarmee rein“ oder „Ein Salat darf nie mit Nudeln sein, denn das rächt sich bitterlich.“

Selbst im fernen Australien, als ich in einer kleinen Jolle das Great Barrier Reef erkunden möchte und auf dem Weg dorthin vor Angst fast sterbe, dass mich die riesigen Wellen in die ewigen Fischgründe befördern, bist du bei mir: „Schwere See, schwere See, mein Herz!“

Nachdem meine Studienzeit vorüber ist und ich endlich eine Lehrerin geworden bin, muss ich meine Stadt  für meine erste richtige Stelle verlassen. In der Fremde spendest du mir Trost: „Wo ist der Gott, der uns liebt, ist der Mensch, der uns traut, wenn der Morgen graut?“

Auch als mich meine Stadt nach fünf Jahren wieder hat, verlässt du mich nicht. Zwar bin ich inzwischen verheiratet, aber leider anderweitig verliebt. In unserem neugebauten Haus mit riesigen Glasflächen fühle ich mich wie eine eingesperrte Prinzessin und hänge Träumen hinterher, die niemals wahr werden: „Es regnet, schon wieder eine Nacht am Fenster zugebracht und Träume durchgekaut. Und im Garten blüht die Illusion…“.

Meine Ehe ist ein Jahr später zu Ende und du flüsterst mir zu als ich das gemeinsame Haus für immer verlasse: „Jetzt musst du springen!“. Gottseidank hat das Leben noch einiges für mich parat. Beruflich läuft es gut, ich bin endlich zu einer gestandenen Lehrerin geworden. Ich bin baff als ich entdecke, dass du Einzug in ein Deutschlehrwerk gehalten hast: „Frisch geduschte Augen löffeln ohne Arg aus Satellitenschüsseln das Leben ihrer Wahl.“ Leider ist mir bewusst, dass ich eher einen Kreis quadrieren könnte, als diesen Text meinem Schülerklientel didaktisch-methodisch zu vermitteln.

Mit 40 verliere ich dich ein wenig aus den Augen. Ich verlasse meine Heimatstadt zum zweiten Mal, diesmal für immer. Nach fünfjähriger Wochenendbeziehung ziehe ich zu meinem neuen Partner. Ich bin schwanger, alles ist eine große Umstellung und manches rückt in den Hintergrund, da meine Tochter viel Raum und Zeit einnimmt: „Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter, damit die sieht wie hoch ihr Kind schaukeln kann.“

Langsam werde ich mittelalt, wie du auch. Die Gedanken werden komischer, der Körper beugt sich der Schwerkraft. Du kommst mir wieder näher, wenn ich an Vergangenes denke: „Der Lack ist bei uns beiden zwar schon ab, doch alten Resten eine Chance…“.Und plötzlich bringst du eine neue CD raus, die mich mal wieder bis ins Mark trifft. Ich erwache aus meinem Dornröschenschlaf und fühle mich ziemlich lebendig! Obwohl ich dich in den fast 30 Jahren niemals kennengelernt habe und manche Worte überflüssig sind, weiß ich, dass es so ist: „Über dir, über mir dieselben Sterne“.

 

 

Daheim

Daheim bin ich, wenn mich morgens um sechs das Kirchengeläut weckt.

Daheim bin ich, wenn der Kater hungrig und miauend um meine Beine schleicht.

Daheim bin ich, wenn mir die Hühner des Nachbarn im Garten ihre Geschichten erzählen.

Daheim war ich, wenn ich im Bett meiner Eltern die Füße nach links und rechts ausstreckte.

Daheim war ich, wenn ich die Veste fest im Blick hatte.

Daheim war ich, wenn ich am Schulfest die Bratwurstmarke, die der Rektor austeilte, in der Hand hielt.