Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt…

…heißt der neue Roman von Mhairi Mc Farlane. Als leichte Ferienlektüre gekauft, musste ich schon nach 50 Seiten feststellen, dass es eine typische Bushäuschen Story ist. Die Protagonistin Edie ist in ihren Arbeitskollegen Jack verliebt, der selbstredend ein emotionaler Flachwichser ist. Im Büro haben sie heiße Flirts, er bekennt sich aber nicht zu ihr, sondern heiratet eine andere Kollegin. Es ist nur eine emotionale Affaire oder wie meine Freundin P., die die Dinge gerne treffend auf den Punkt bringt, sagt : halt Hirnficken!  Sowas mutet wie eine Art gedankliche Schizophrenie an und hat was von dem Superpositionsprinzip der Quantenphysik: etwas existiert und existiert gleichzeitig nicht. Die Geschichte nimmt dann Fahrt auf als Jack an seiner eigenen Hochzeit Edie küsst und seine frischgebackene Frau ihn dabei erwischt. Dadurch bricht nicht etwa über den reumütigen Ehemann ein Shitstorm hinein, sondern über die Hauptperson des Buches.

Und jetzt kann man diese Story für alle Bushäuschen Freundinnen psychologisch betrachten. Jack ist ein Mann, der mit Edie spielt und es ihn wenig schert, wie es um ihre Gefühle steht. Und Edie lässt es geschehen, weil sie gelernt hat, dass man nur dann geliebt wird, wenn man den anderen alles recht macht, man lieb und zuvorkommend ist. Jack nutzt das aus, weil sie bedürftig ist. Edie sucht sich immer Männer aus, die sie genauso behandeln, wie sie es selbst tut: nämlich schlecht.

Wir suchen immer die Zähne, die unseren Wunden entsprechen. (Kenneth Tynan)

Liebe Bushäuschen Freundinnen, Gottseidank endet dieser Roman irgendwie anders, als ich ihn hier vorgestellt habe.

Wer mehr auf zwangsneurotische Flachwichser steht, ist mit dem Thriller The Girl before, von JP Delaney, gut bedient. In einem minimalistischen mit allerhand technischen Schnickschnack ausgestatteten Architektenhaus in London  ziehen in einem Abstand von ein paar Jahren zwei junge Frauen ein: Emma und Jane. Die Geschichte der beiden Protagonistinnen wird kapitelweise parallel erzählt. Emma stirbt in diesem Haus und Jane ist in großer Gefahr. Bezeichnenderweise haben beide eine Affaire mit dem Architekten des Hauses namens Edward Monk. Dieser ist ein absoluter Kontrollfreak, ein gnadenloser Egoist und steht ein bisschen auf fifty shades (Emma und Jane müssen beispielsweise beim Sex enge Perlenketten um den Hals tragen…). Obwohl die Geschichte etwas vorhersehbar ist, habe ich den Thriller in einem Tag durchgelesen.

Leider sind die Ferien nun bald vorbei und der vielversprechende Titel meines dritten Romans, den ich gerade angefangen zu lesen habe, lautet: Into the Water – Traue keinem. Auch nicht dir selbst. Geschrieben hat in Paula Hawkins für alle unbequemen Frauen. Und das sind wir Bushäuschen Freundinnen inzwischen!

Und sonst? Clara hat sich erstaunlich schnell erholt. Das Fieber war am nächsten Tag auch ohne Medikamente weg. Sie hatte einen Infekt der Nasennebenhöhlen – psychologisch betrachtet : halt die Nase voll!!! Das letzte Stück Frankfurter Kranz hab ich doch selber gegessen (aber verpetzt mich nicht beim Inscheniör). Mit Lust und Wonne habe ich mir jedes Mandelblättchen einverleibt. Hinterher musste ich mir noch einen Grappa zur Verdauung gönnen. So eine Buttercremetorte ist schließlich ziemlich üppig.

 

Hoches Fieber

Die Koffer für die Heimatstadt sind gepackt. Der frischgebackene Streuselkuchen breitet schon seinen Duft in meinem Mini aus. Das letztes Stück eines Frankfurter Kranzes beginnt durch die sommerlichen Temperaturen im Innenraum unaufhaltsam aufzutauen… Jetzt muss ich nur noch meine Clara einladen, die mit ihrer Freundin E. den Klopapierblättern mit Filzstiften den letzten Batikschliff gibt. Die Hasi wirkt ein bissi schlappi und klagt über Kopfweh. Ich schiebe es auf das Papa-Tochter Zelten in den vergangenen Tagen. Vorsorglich schiebe ich dennoch das Thermometer unter ihre Achsel. 37,5 Grad – also zumindest erhöhte Temperatur. Was tun? Oma Karin urlaubt mit meinen Schwiegereltern auf einer Busfahrt im Österreichischen. Denen geht es dorten gut, da gibt es bereits Mondscheinwanderungen um 19 Uhr mit anschließender Schnapsverkostung. Der Inscheniör befindet sich auf Geschäftsreise hinter den feindlichen Linien – nördlich des Weißwurstäquators, irgendwo in NRW. Ich bin ganz allein mit den zwei Katzen und den Erdbeer- und Tomatenbeeten.

Eigentlich wollte ich für eine Übernachtung nach Coburg fahren, weil das Patenkind meiner Mama ihren 40. Geburtstag am Georgenberg im ehemaligen Zonenrandgebiet feiert. Hab alles schön geplant, doch Clara geht es von Minute zu Minute schlechter. Wo kommt das plötzlich her? Vormittag waren wir noch einkaufen. Meine Tochter schleppte mal wieder ein Spielzeug an: einen quietsch-orangen wuscheligen Plastikhüpfball. Was muss ich tun, fragt sie mich mit ihren großen braunen Augen, die kein Wässerchen trüben können, um den Ball zu bekommen? Etwas unwirsch entgegne ich: Du kriegst jetzt erstmal gar nix. Ihre ehemals heißbegehrten Glubschis könnten inzwischen in Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere mitspielen, so werden sie mit Nichtbeachtung gestraft.

Ich wäge ab, fahren oder nicht fahren? Ich entscheide mich für zweites und sage telefonisch alle Termine ab. Das zweite Fiebermessen sagt 38,2 Grad, also doch was Ernsteres. Ich packe die Sachen wieder aus. Den Streuselkuchen friere ich ein. Doch was mach ich mit dem letzten Stück Frankfurter Kranz, der noch von Opa Adolfs 85. Geburtstag übriggeblieben ist? Nochmals einfrieren geht schlecht oder sich schnell mal gefühlte 800 kcal einverleiben oder als dritte Möglichkeit es einfach am Küchentisch seinem Schicksal überlassen? Einfach warten bis die Buttercreme ranzig wird, in sich zusammensinkt und die gerösteten Mandelblättchen wie ungeweinte Tränen abfallen? Keine schlechte Idee, hat was von einer Beuyschen Fettecke.

Ich messe das dritte Mal Fieber: 39,2 Grad unter der Achsel. Ich verfalle in Panik. Sehe mich bereits in der Notaufnahme des Krankenhauses: die Hasi in meinen Armen haltend, leblos im langen Nachthemd mit den Törtchen drauf … als ich ihr 5 mg des Ibuprofensaftes (Erdbeergeschmack) verabreiche und sechs Kügelchen Belladonna hinterherschiebe. Matt raunt sie mir zu: Du Mama, jetzt wo ich krank bin, darf ich da den orangenen Hüpfball haben? Natürlich! Sofort eile ich in den 200 m entfernten Einkaufsladen, um mein Kind glücklich zu machen. Auch Clara ist zufrieden, als sie den Wuschel in ihren Händen hält. Das Thermometer zeigt 38,1 Grad und ich bin ebenfalls etwas erleichtert. Clara schaut sich durch das Fernsehprogramm der diversen Kindersender, verlangt schließlich nach einer Nutella-Brezn und fängt an, ihren Hüpfball gegen die Decke des Wohnzimmers zu schleudern. Das Thermometer zeigt nur noch 36,7 Grad!

Bass erstaunt überlege ich, ob ich hier gerade die „wundersame Heilung“ erleben darf? Macht das der Fiebersaft oder die Freude über den kleinen Hüpfball? Kennt das nicht ein jeder von uns, dass wir vor Dingen, die uns Freude machen entgegenfiebern und umgekehrt, vor denen, die uns belasten auch fiebern oder andere Beschwerden entwickeln? Ich glaube, mir fällt jetzt zu dieser Stunde nichts mehr ein über fieber-psychologische Abhandlungen. Ich sag jetzt einfach mal: Verschieben wir es auf morgen!

Also meine Lieben, schaut mal wieder bei mir vorbei, wie das so wird mit dem Fieber und natürlich auch mit dem letzten Stück Frankfurter Kranz!

Save the queen

Ferien sind schön. Man macht endlich Sachen, wo man sonst nie dazu kommt, relaxt, plant mit der Familie und und und … Weit gefehlt, irgendwie sind die Tage schon wieder ausgebucht. Der Inscheniör meint zurecht, dass wenigstens ein Familienausflug gemacht werden sollte. Ich stimme ihm zu und schlage das Altmühltal vor: Natur pur und sonst nix. Er hingegen zieht das 50 km entfernte Bamberg vor. Ich lasse mich sofort überstimmen. Ich habe in dieser Stadt studiert und beginne sofort im Kopf  die geografische Lage meiner Lieblingsläden zu orten. Nichts wie los, husch-wusch, abparken im Schützenhaus und schnell durch die Lange Straße richtig Fußgängerzone und Altes Rathaus und und und. Halt! Nach nur 50 m Fußmarsch vom Parkhaus erweckt ein Laden meine Aufmerksamkeit. Ich bremse abrupt, als ich in der Auslage all das sehe, wo ich vor ca. 14 Jahren vor Leidenschaft gestorben wäre: Schmuck von Konplott, Kleider und Oberteile von Save the Queen, bunt und floral, und und und fehlt nur noch Custo Barcelona mit seinen bunten Prints und ausgefallenen Motiven. Ich kann nicht anders. Wie von einem Sog werde ich durch die Eingangstür getrieben, alle Schalthebel sind auf Kaufen eingestellt. Ich könnte den Laden, der bezeichnenderweise noch Schickeria heißt, leer räumen, liebevoll über diese tollen Stoffe streicheln, mich damit umweben und alle mit nach Hause nehmen, damit sie für immer mein sind!

Nur der Inscheniör stört in meinem Bild und lässt meine pure Freude jäh mit folgenden Worten enden: Du bist kaufsüchtig und krank! Watt’ne Spaßbremse! Was soll man in Bamberg denn sonst machen? Etwa den Dom besichtigen? Mir meinen Hintern im Schlenkerla platt sitzen? Eines von den wunderschönen Kleidern von Save the Queen muss ich haben. Schließlich hat Opa Adolf übermorgen Geburtstag und zu den roten Schühchen passt es perfekt. Kann ich dann wieder Selfies über WhatsApp versenden! Der Kollege vom Förderschulzentrum hat mir mein Versehen nicht krumm genommen,  Gibt Schlimmeres, so war sein Kommentar als ich mich für meinen Fauxpas entschuldigte. Für meinen Inscheniör gibt es grad nichts Schlimmeres. Du hast vor ein paar Jahren deine ganzen Kleider von Save the Queen bei eBay verkauft, so kommentiert er meinen Neukauf humorlos.

Meine Gedanken schweifen zu meiner Custo Barcelona- Save the Queen- Konplott – Camper Schühchen Zeit ins Jahr 2003 zurück. Hat da meine Kaufsucht schon angefangen? Als Belohnungssystem, wenn ich unglücklich war? Eine Ersatzbefriedigung? Leide ich an einer heimlichen Zwangsstörung oder bin ich etwa eine Borderline Persönlichkeit? Ok, ich bin etwas ängstlich vor neuen Sachen (ich würde heute noch nicht schwimmen können, wenn mich nicht der Schwimmlehrer ins Wasser geworfen hätte). Ich bin etwas egoistisch (da Einzelkind). Ich neige dazu unbequeme Dinge auszusitzen (wie meine erste Ehe). Ich träume gerne vor mich hin (aber wenn man sich nicht manchmal das Leben schön träumen kann, was bleibt da noch?) Und ich bin ein Wunderlichs Mäudel. Letztere Bezeichnung geht auf meine Oma und ihre zwei Schwestern zurück, die nahe am Wasser gebaut haben. Aber bin ich wirklich krankhaft kaufsüchtig?

Ich drehe die Zeitmaschine gedanklich ins Jahr 2003 zurück. Ich war nach fünf Jahren Lehrerinnen Dasein, endlich wieder in meiner Heimatstadt zurück, war verheiratet, saß in einem Neubau mit vielem Glas und arbeitete an der einen Schule, wo es immer die Bratwurstmarken zum Schulfest gibt. Ja, und ich war unglücklich in meiner Ehe und ja, ich habe da ordentlich geshoppt. Meine Leidenschaft war zu dieser Zeit eBay. Unter Buppi34 ersteigerte und verkaufte ich alles, was nicht niet- und nagelfest war. Drei- zwei- eins- meins, so lautete das Motto damals. Besonders scharf war ich, wie schon erwähnt, auf diese Custo Barcelona Oberteile, Camper Schuhe, Save the Queen Kleider und und und… um zu gefallen und aufzufallen an meiner neuen Arbeitsstätte. Ich war modisch up to date in den schillerndsten Farben und zog Stiefelchen mit bestickten Blümchen an. Selbstredend trug ich nie ein Teil zweimal hintereinander. Ob es was genützt hat? Rückblickend ist das schwer zu sagen. Ich war eher wohl die Kollegin mit den bunten Klamotten – nicht mehr und nicht weniger. Aber Spaß hat es mir gemacht, meine eBay Auktionen zu tätigen. Freunde mussten mitbieten, um meinen Verkaufsgewinn zu steigern. Beste Freundinnen standen Gewehr bei Fuß, wenn ich einmal persönlich verhindert war, um einen Kauf abzuschließen. Ich freute mich über jede positive Bewertung von Buppi34. Einmal wurde ich sogar auf das Zollamt zitiert. Ich hatte Custo Barcelona Shirts ersteigert. Diese kamen als fake direkt aus China und ich musste noch 30 % Steuern dafür berappen. Danach war ich vorsichtiger mit meinen Einkäufen.

Ebay hat sich verflüchtigt wie meine erste Ehe auch. Ich bin nicht kaufsüchtiger als 80 % aller Frauen. Ich liebe einfach schöne Dinge. Das liegt an meinem Sternzeichen, ich bin eine Löwin. Und es liegt in den Genen. Meine Mutter hat früher auch schon mein Sparbuch geplündert, wenn sie für ihren BayWa Betriebsausflug eine neue Klamotte gebraucht hat. Ich möchte einfach wie eine Rose sein, die man bedichtet, bewundert, hegt und pflegt: die Königin unter den Blumen, kein bescheidenes Veilchen, keine traurige Nelke! Und viele Rosensorten haben Namen von Königinnen und da reihe ich mich doch nahtlos ein.

 

 

Hasta la Vista Che

Gerade bin ich beim Frühstücken über einen online Artikel der Zeit über die 68er Bewegung gestoßen. Und zwar ging es da um Che Guevara. Ich muss schmunzeln als ich folgendes lese: „Er kämpfte mit der Waffe für die Weltrevolution und endete auf Gisele Bündchens Bikini.“ 1968 war ich noch nicht geboren, aber Mitte der 80er zu den friedensbewegten und „Atomkraft- Nein Danke!“ Zeiten war ich ein ziemlich pubertierender Teenager.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich damals in die vermeintlich „linke Szene“ gerutscht bin. Ein Grund dafür lag sicherlich darin, dass ich ein gut behütetes Einzelkind war und ich mich von meinen Eltern, insbesondere von meiner Mutter, frei schwimmen wollte. Schien sie mir doch damals wie der letzte Spießer, deren Leben sich um Haus, BayWa Job und Brigitte Diät drehte. Es hat lange gedauert bis meine Mama mir meine pubertierenden Auswüchse verziehen hat. Ich höre heute noch ihre Stimme im Ohr: Ich wünsch dir nix Schlimmes in deinem Leben, nur eine Tochter, die genauso ist wie du! Der zweite Grund war wohl dem damaligen „Männerbild“ von meinen Freundinnen und mir geschuldet. Und die sollten halblange Haare (so wie Henry heute) und enge Streifenhosen tragen, sich in den zwei Szenenkneipen meiner Heimatstadt bewegen und richtige Joints drehen können. Und sie mussten, das war Usus, den Wehrdienst verweigern.

So landete ich irgendwann in der Mohrenstraße 3. Das war in den 80ern, ein aus einer Bürgerinitiative entstandenes Haus, in dem verschiedene alternative Vereine ansässig waren, unter anderem die Beratungsstelle für Zivildienstleistende. Damals wurde einem noch die Gewissensfrage gestellt, wenn man nicht zum Bund wollte. Der Leiter dieser Stelle war natürlich gleichzeitig ein friedensbewegter Grüner, selbstredend mit halblangen Jahren. Mit ihm gründeten einige Leute (ich eingeschlossen) eine Art Anti AKW und Kulturgruppe. Unser Engagement war vielfältig, es waren die Jahre von Tschernobyl, Helmut Kohl, der geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und der Mahnwache des Coburger Convents, alles natürlich unterlegt von cooler, psychodelischer Independent Musik.

Weil heute Pfingstdienstag ist, möchte ich kurz auf den Coburger Convent (CC) eingehen. Das sind zum Teil schlagende Studentenverbindungen, die sich jährlich zu einem Pfingstkongress in Coburg treffen. Damals waren sie für uns das Feindbild schlechthin: elitäre Säcke, die sich vier Tage den Suff hingaben (nur Kiffen war schließlich cool) und bei der Fackelstunde, Pfingstmontag Abend, ihr reaktionäres Liedgut sangen. Das war die 3. Strophe der Nationalhymne „Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt“ – Deutschland in den Grenzen vor dem 2. Weltkrieg!!! Das musste mit einer Gegendemonstration aller linken Gruppen von der Antifa bis hin zu den Jusos beantwortet werden. Ich bin bis heute noch textsicher bei der Internationalen und kann einige Schmähsprüche gegen die Studenten skandieren: Lieber ein Geschwür am After als ein deutscher Landsmannschafter. Einmal hat unsere Kulturgruppe eine Gegenveranstaltung für das Marktfest, was am Pfingstdienstag stattfindet, aufgezogen. Da spielte Guru Guru, eine deutsche Krautrockband, die sich Ende der 60er Jahre gegründet haben, auf einem Acker irgendwo bei Meeder. Es war wie Woodstock, denn es regnete in Strömen und wir waren alle schlammverschmiert, ein wirklich cooles Event.

Ein weiteres Thema war damals Wackersdorf und die geplante Wiederaufbereitungsanlage für die Kernstäbe. Meine Gruppe und ich haben damals in einer kleinen Actionszene in der Coburger Spit die Situation am Bauzaun in Wackersdorf nachgestellt: die einen spielten die Demonstranten, die anderen die Polizisten. Zur Unterscheidung trugen letztere Motorradhelme. Dann gingen wir aufeinander los. Es gab tumultartige Szenen in der Coburger Fußgängerzone. Ich kann bis dato schwer sagen, ob unser Publikum schon reif für uns gewesen ist. Bei den die realen Demonstrationen am Bauzaun habe ich aber gekniffen, das gebe ich nach 30 Jahren gerne zu.  Wir hatten jedoch nicht nur Spontiaktionen, auch der geistige Überbau stand wöchentlich auf dem Plan. Wir lasen und diskutierten das Kapital von Karl Marx. Selbstredend konnte ich mit meinem Wissen im Sozialkunde Leistungskurs brillieren.

Mit ein paar Freundinnen aus dem Gymnasium gründete ich ein Jahr später eine Theatergruppe. Wir führten nur ein einziges Stück auf, nämlich den Suppenkasper. Wir parodierten ihn, indem wir ihn mit verschiedenen Rollen besetzten: der Politkasper, der Spießerkasper, der Neandertalerkasper. Ich musste letzteren spielen mit gefärbten blauen Haaren und selbst genähten Husarenhosen (den sogenannten Furzfängerhosen) tappte ich grunzend mit finsterem Blick auf der Bühne herum. Ich muss wohl nicht schlecht gewesen sein, denn einige zuschauende Kinder brachte ich zum Heulen. Damals entstand wahrscheinlich der Wunsch, einmal Lehrerin werden zu wollen. Zum Abschluss unseres grandiosen Auftritts sangen wir passend zum Thema das Solidaritätslied von Brecht und Eisler: Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hungern und beim Essen …

Vorwärts ist mein Leben gegangen, natürlich – nie stille steht die Zeit, aber vieles hab ich vergessen! Dass mit dem „Linkssein“ hat sich irgendwie bei mir mit der Wende 1989 verflüchtigt. Es waren andere Sachen wie Studium, Partnerschaft usw. wichtig. Ich bin zwar nicht als Konterfei auf einem Bikini gelandet, aber bei meinem Inscheniör. Und der hat damals gedient und stand am Bauzaun in Wackersdorf auf der anderen Seite. Und er zieht mich heute immer noch mit folgenden Worten auf, wenn ich mal wieder vergesse, das Licht auszuschalten: Gegen Atomkraftwerke demonstrieren, aber ned des Licht ausschalten können!!!

 

 

Whatsapp Kommunikation


Der Inscheniör, die Hasi und ich sind bei Oma Karin zu Besuch. Ein ausgiebiges Regengebiet zieht über Oberfranken hinweg, nach wetteronline muss ich noch bis 11 Uhr abwarten, um ein bisschen laufen zu gehen. Gelangweilt gehe ich meine whatsapp Nachrichten durch. Argh! Was entdecke ich da? Hab ich doch dem einen Kollegen vom Förderschulzentrum, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe und unser Austausch sich ausschließlich auf Berufliches bezieht, aus Versehen ein Selfie geschickt. Natürlich auch noch das vorm Spiegel mit den roten Schühchen und Kleidchen!!! Ist mir das peinlich, der denkt sicher: Was will diese zurückgetriebene Endvierzigerin? Im besten Fall hält er mich für ein bisschen narzisstisch, im schlimmsten für … 

Das mit whatsapp ist neben der Kalorie eh die zweitschlimmste Geißel der Menschheit. Es hat Suchtpotential. Sofort nach dem Aufstehen, wenn die Augen noch zu kleinen Schlitzen verengt sind, schau ich auf mein Handy. Hab ich während der sieben Stunden Schlaf etwas verpasst? Oft liege ich nachts wach, vornehmlich während der Wolfsstunde um 3.00 Uhr. Da sind die Gedanken düster und grau. Wenn ich zu dieser Zeit mein whatsapp Geschriebenes durchlesen würde, dann sehen meine Kontakte: zuletzt online um 3.15 Uhr… und denken: um diese Uhrzeit online, echt zurückgetrieben! Man kann natürlich auch die  Einstellung so ändern, dass man nicht mehr sieht, wann ich zuletzt online war. Blöderweise gilt das dann auch andersherum!

Insgesamt, das muss ich an dieser Stelle feststellen, hat whatsapp auch eine Bushäuschen Mentalität! Folgende Beispiele, die das Leben schreiben könnte, fallen mir dazu ein:

Ich hab ihm vor etlichen Stunden voll das lustige Video geschickt! Er hält es nicht mal für nötig, es sich anzuschauen! (Anmerkung:  nur zwei graue, aber keine blauen Häkchen)

Frau Dr. P. rät: Machen sie sich nicht zu viel Sorgen. Aufgrund seiner beruflichen Stellung hat er die Lesebestätigung ändern müssen. Er hat Ihr Filmchen schon angesehen, sicher! Und er fand es so dolle, dass er es an alle seine Kontakte weiterverschickt hat. Schauen Sie doch gerade mal rein in Ihr whatsapp und Ihre ungelesene Nachricht! 

Ich war schon wieder so schwach und hab ihm geschrieben, zwar nur sachlich neutral, aber trotzdem. Er hat sein Handy aber nicht an oder hat keinen Internetempfang! Kann ich die Nachricht wieder zurückholen? (Anmerkung: ein graues Häkchen)

Frau Dr. P. rät: Es bestünde nur die Möglichkeit eine whatsapp Nachricht zurückzuholen, wenn Sie selbst einen schlechten Internetempfang haben und neben Ihrer Nachricht eine Uhr statt einem Häkchen sehen. Dann können Sie das Gesendete unwiderruflich für den Empfänger löschen. Das Betriebssystem von iOS ist gerade in der Planungsphase für eine Revoke Funktion, wo sich bereits Gesendetes nachträglich löschen lässt. Bewerben Sie sich doch bei Apple, entwickeln Sie diese bahnbrechende Löschfunktion mit und lassen Sie sie patentieren. Dadurch werden Sie reich und berühmt, alle Männer liegen Ihnen zu Füßen und schicken sie Ihren Langweiler  Ashley dann endlich in die Wüste (selbstverständlich ohne Empfang).

Wir haben die ganze Zeit hin- und hergeappt.  Ich habe mein bestes gegeben. Ich schrieb Lustiges, Nachdenkliches, Schlagfertiges. Ich hab jedes noch so sinnfreie Foto von ihm liebevoll kommentiert und jetzt antwortet er nicht mehr, obwohl er meine letzte Nachricht gelesen hat. (Anmerkung: zwei blaue Häkchen)

Frau Dr. P. (inzwischen etwas ungeduldig) rät: Herrgott, was machen Sie für Anfängerfehler! Haben Sie Ihre Beziehungsratgeber etwa nicht richtig gelesen? Bleiben Sie bei sich und denken Sie an das emotionale Gummiband. In Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus steht im Kapitel 2077 kurz und klar: Frauen lieben immer, Männer haben zwischendrin zu tun! Schicken Sie ihn jetzt gedanklich mal auf den Mond oder wenn Sie ihn nie mehr zurück haben wollen auf den Merkur.

Tja, so könnten Ratgeberportale in unseren digitalisierten Zeit wohl aussehen. Als ich selbst eine Jugendliche war, war die Welt noch überschaubarer. Meine Freundinnen und ich trafen uns oft nachmittags in der Heimatstadt. Unser Radius belief sich (im wahrsten Sinne des Wortes) zwischen Marktplatz und Kaufhof. Auf diesem  überschaubaren Weg trafen wir in der Regel unseren gerade aktuellen Schwarm. Da konnte man noch vis-a-vis an seinem Gesicht und Reaktionen ablesen, wie es um unsere Gunst stand. 

Besonders einfach hätte man es wahrscheinlich als Hund. Einfach mal kurz an einer Laterne, einem Baum oder an anderen Örtchen schnüffeln und sofort wüsste man instinktiv, wie man Botschaften zu werten hat!

Vergänglichkeit

 

Letzter Schultag vor den Pfingstferien, schon früh um 6.15 Uhr, als ich bereits emsig Wäsche im Garten aufhänge,  zeigt unsere voll elektronisierte outdoor Wetterstation angenehme 18 Grad. Hm, letzter Schultag kombiniert mit lauen frühsommerlichen Temperaturen, schreit doch förmlich nach Kleidchen und offenen Schühchen. Außerdem muss ich heute noch ein Beratungsgespräch in der einer Grundschule führen, wo die Damen immer besonders schick sind. Da will ich dagegen nicht anstinken.

Beim Frühstück überprüfe ich nochmal bei wetteronline, ob die Vorhersage stimmt. Die Waage des Inscheniörs, die fast alles kann, hat nämlich für nachmittags schon Regen vorhergesagt. Vielleicht hat sie auch deshalb ein bisschen geweint, da der Ingenieur nie die 60 kg Marke knackt. Wetteronline, meine Bibel in Temperatur und Kleidungsfragen, gibt grünes Licht. Vor meinem geistigen Auge zieht mein gut sortierter Kleider- und Schuhschrank vorbei und bleiben an den roten Schuhen hängen. Dazu passt perfekt das rote Kleid mit weißen Kreisen ohne Arm im Fifty Style aus Berlin – betont Brust und Taille. Drunter muss ich ein bisschen schummeln, Gottseidank gibt es Underwonder und ähnliches. Als ich meinen guten formsicheren BH von Triumph überstreife, fällt mir sofort meine Mutter ein und ihre etwas zynischen Worte: Na, bist du inzwischen auch bei Triumph gelandet…Schade, dass ich nicht in den Fifties gelebt habe. Ein Freund aus Jugendtagen postet auf Facebook regelmäßig die Celluloid Heroes. Da waren die Frauen wirklich schön kurvig und keine dürren Gespensterheuschrecken. Gestern hat er zu Marilyn Monroes Geburtstag I wanna be loved by you íns Netz gestellt. Dagegen fühle ich mich schon fast flachbrüstig, obzwar die weißen Kreise auf meinem roten Kleid an dieser Stelle etwas wie konzentrische Kreise anmuten.

Mein Anblick gefällt mir insgesamt recht gut, vom regelmäßigen Joggen bin ich schon etwas gebräunt, hab ich nicht was von einem leckeren Krustenbraten? Ich  lege noch einen roten Lippenstift, passend zu den Schühchen, auf. Fertig! Ich schieße wie ein Teenager Selfies vor dem Spiegel. Anschließend zwinge ich  Oma Luisegunde mein i Phone in die Hand für ein paar Schnappschüsse, bevor ich zu meinem Beratungstermin eile. Ach, ich könnte mein Profilfoto auf WhatsApp eben noch ändern. Lieber doch nicht, nachdem mich ein Rektor schon darauf angesprochen hat, dass ich schön weiter Profilbilder für WhatsApp sammeln soll. Hab schließlich einen Ruf als erstklassige Schulpsychologin zu verlieren.

Schnell mache ich mich auf den Weg. In meinem Beratungsgespräch geht es um Erziehungsschwierigkeiten. Die Schülerin macht ihre Hausaufgaben nach dem Lustprinzip, verweigert etc. Gerne stellt sie sich mit Hand in die Hüften vor ihre Mutter und kreischt im trotzigen Ton: Ich hab keinen Bock. Du hast mir gar nix zu sagen. Hm, ich bin am Überlegen, ob ich mit meiner Hasi nicht auch mal einen erstklassigen Psychologen aufsuchen soll. Hier tun sich gewisse Parallelen auf. Ach, notfalls tut es der Tauschparkplatz! Es liegt fast alles an den Genen, Erziehung wird überbewertet. Sie hat eindeutig die Anlagen des Inscheniörs, ich wasche meine Hände in Unschuld.

Mich bringt eher die eigene Vergänglichkeit ins Grübeln. Ich gehe schwer auf die Fifties zu. Wenn ich männlich wäre, würde ich jetzt noch einen Marathon laufen, eine Rockband gründen und mein Leid einem geduldigen Publikum entgegengrölen, den Motorradführerschein machen, mir eine 25 Jahre jüngere Freundin anlachen oder, oder, oder.

Bin aber leider weiblich und beäuge mit Argusaugen den täglichen Verfall. Mein Umfeld ist hier gnadenlos. Beim nächsten Mal spritzen wir in deine Mundwinkel ein bisschen Botox, sonst siehst du bald aus wie Angela Merkel, so kommentierte meine Kosmetikerin beim letzten Besuch humorlos. Was tun? Einmal habe ich einen 10 km Silvesterlauf absolviert. Hab ihn direkt vor der Kehrmaschine beendet, völlig erschöpft und dehydriert. Mit Singen hab ich es nicht so, meinen Blog muss nur Her B. sich anhören (er wird dafür bezahlt). Ich kriege schon Beklemmungen, wenn ich eine Haushaltsleiter drei Stufen erklimmen muss, da mag ich erst gar nicht an ein zugiges Zweirad denken, das schneller als 30 km/h fährt. Und mit einem toyboy wäre ich auch hoffnungslos überfordert. Neulich, was heißt neulich, ist auch schon wieder im letzten Jahr gewesen, hab ich doch direkt mal einen attraktiven weitaus jüngeren Mann, in dem Einkaufsladen 200 m von meiner Haustüre entfernt, ausgemacht. Und tatsächlich – an der Kasse nahm er mir doch meinen Einkaufskorb mit folgenden Worten aus der Hand: Madame, darf ich Ihnen behilflich sein? Und ich hörte mich mit der Stimme meiner Mutter antworten: Danke, junger Mann! Was soll’s? Der Inhalt meines Korbes hätte mich eh verraten: Lachsfischstäbchen von Iglu, eingeschweißte Gelbwurst und Brezn ohne Salz!

Irgendwann werden die Gewässer wohl wieder ruhiger werden. Youtube spielt nach I wanna be loved by you automatisch Diamonds are a girls best friend. Wäre doch durchaus eine Option oder?

 

Fischers Füße

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Ich habe Fischers Füße. Die kommen ursprünglich aus dem Sudetenland, der heutigen Tschechoslowakei. Sie konnten dort nicht bleiben und mussten auf Wanderschaft nach Coburg gehen. Die Füße meines Vaters sind dort geblieben und haben meine Füße entstehen lassen. Die anderen Fischers Füße meines Onkels hat es mit Frau und Sohn in das ferne Australien gezogen.

Aufgrund dieser Entfernung können sich mein Cousin und ich nicht oft sehen. Wir sind uns aber dennoch vertraut. Ein Grund dafür sind unsere Füße: die Fischers Füße. Sie sind von recht kleiner Größe, zeugen aber mit ihren kompakten Wadeln und den breiten Fesseln von Standfestigkeit. Der große Zeh ist dick mit einem breitflächigen Zehennagel. Die Größe des Nagels nimmt bei den weiteren Zehen proportional ab. Für den kleinen Zeh bleibt nicht mehr viel Nagel übrig.

Wenn mein Cousin und ich uns alle zwei Jahre sehen, bin ich überrascht, dass unsere Füße trotz des Älterwerdens noch ähnlich ausschauen. Seine Füße gehen 14000 km südlich ihren Weg und meine in den nördlichen Breitengraden. Auch wenn es die Füße meines Vaters in der irdischen Form nicht mehr gibt, stecken seine Wurzeln in meinen Füßen, die meines Cousins in denen seines Papas. Als Clara auf die Welt kam, habe ich auch zuerst auf ihre Füße geschaut, ob sie zu mir gehört. Und das tat sie, sie hat nämlich auch Fischers Füße. Die Füße meines fast 86 Jahre alten Onkels fliegen dieses Jahr noch einmal die 14000 km nach Deutschland, um seine verwandten Füße zu besuchen. Ich habe mir eine besondere Überraschung für alle Füße ausgedacht. Gemeinsam wollen wir eine Woche im Sommer nach Südtirol wandern gehen, denn das können Füße schließlich am besten.

Meine Tochter

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Sie hat mir gezeigt, wie man aus Klopapier und Filzstiften herrliche Batikmuster malen kann.

Sie hat mich ausprobieren lassen, das selbstgemachtes Waldmeistergelee zum Muttertag nicht so schlecht schmeckt wie es farblich ausschaut.

Sie lässt meine Augen feucht werden, wenn sie mir kleine bunte Sträußchen aus Löwenzahn, Butter- und Gänseblümchen pflückt und diese in Trinkbecher stellt.

Sie bringt mich zur Weißglut, wenn sie so lange auf mich einschwatzt bis ich nachgebe und ihr den 20. Glubschi für ihren Streichelzoo kaufe.

Sie lässt mich geduldig werden, wenn sie mir ihre ersten Geschichten vorliest, langsam, stockend und holprig.

Sie tröstet mich, wenn sie mir erzählt, dass wir den Opa Werni zwar nicht mehr sehen können, er aber trotzdem immer bei uns ist.

Sie lässt mich dankbar sein, weil sie mich noch zu einer Mama gemacht hat mit 40.

Sie macht mich glücklich, wenn beim Einschlafen ihre Hand in meiner liegt und ich unser abendliches Ritual beginne:

Ich hab dich über alles lieb!

Und sie, meine Tochter, antwortet:

Ich hab dich noch mehr als lieb. Man kann es einfach nicht sagen!

Leidenschaften

Pokal 3

2006: das Sommermärchen! Und ich bin mittendrin. Für Fußball interessiere ich mich nicht die Bohne, aber ich sauge die Stimmung mit allen Sinnen auf. Viele Nationalitäten sind am Nürnberger Stadion und in den Biergärten vereint. Es umarmen sich iranische Fußballfans mit schwedischen. Barbusige Engländerinnen, die ihre Nationalflagge auf ihre Brüste gemalt haben feiern „im Gärtle“ ausgelassen auf den Bierbänken. Ein zahnloser Engländer mit einem unverständlichen Dialekt prostet mir zu. Auch wenn Deutschland kein Weltmeister in diesem Sommer geworden ist, so ist doch für viele Menschen ein neuer Nationalstolz gewachsen und für mich eine neue Leidenschaft. Ich muss unbedingt mal zu einem Fußballspiel gehen.

Noch bin ich ahnungslos, dass der Club ein Depp ist. Er spielt in der Saison 2006/07 erstklassig. Im Oktober ist es soweit – mein erstes Fußballspiel live im Stadion. An den Gegner kann ich mich nicht erinnern. Aber schon der Weg dahin bringt mich zum Staunen. Der Leierkastenmann am Wegesrand spielt die Clubhymne „die Legende lebt“. Ich beäuge fassungslos die Ultras aus der Nordkurve behängt mit Schals. Sie tragen zudem aufgenähte Stickers auf ihren Jeanswesten, die sie über ihren dunkelroten FCN Trikots tragen. Im Stadion bewundere ich die Choreos und den Einheizer Basti aus Block 9 – selbst im Oktober noch oben ohne! Und natürlich fesseln mich die Lieder, allen voran „die Legende lebt“. Man steht dabei und streckt seinen Fanschal mit beiden Händen in den Himmel. Selbstverständlich muss ich auch einen Schal haben – natürlich rosa – bin ja weiblich.

Und wenn ich etwas tue, dann zu 100%. Ich lese den Kicker zweimal wöchentlich. Ich bin über den Marktwert jedes Clubspielers informiert, ich leide mit Mintals Verletzungsproblemen, ich studiere Hans Meyers Spieltaktik. Meine Begeisterung für den Club gebe ich an meine Schüler weiter. In regelmäßigen Abständen fahre ich mit drei Jungs von Coburg zu einem Spiel nach Nürnberg. Ob ich das rechtlich darf? Interessiert mich nicht die Bohne.

Und dann wird im Mai 2007 das Wunder war. Der Club, der doch immer ein Depp war, wird Pokalsieger. Ganz Nürnberg wird in ein rot-schwarzes Fahnenmeer getaucht. Die Pokalhelden lassen sich gehörig feiern. Und ich bin wieder mittendrin als sich der Autokorso Richtung Hauptmarkt schiebt. Ich schüttele Hans Meyer und Pinola die Hand. In diesem Moment komme ich mir wie die Zahnspangenfraktion auf einem Justin Bieber Konzert vor und überlege, ob ich die rechte Hand nie mehr wasche.

Die nächste Bundesligasaison 2007/08 beginnt schleppend, aber ich bin optimistisch. Mein schönstes Geschenk, dass mir mein Mann jemals zu Weihnachten bereitet hat, ist eine Rückrundendauerkarte auf der Gegengerade. Inzwischen bin ich text- und schimpfwortsicher geworden. Ich weiß blind, wann man aufstehen muss um die Mannschaft mit Klatschen anzufeuern, wie eine Welle geht und das lang gezogene Nürnberg 1: Gegener 0 – Wir sind der Club! Das letzte Spiel der Saison naht, ausgerechnet gegen Schalke, mit dem der FCN eine Fanfreundschaft verbindet. Der Club muss gewinnen, was er aber nicht tut. Mit 0:3 gehen wir unter. Abstieg! Die Schalker Fans singen „You’ll never walk alone“. Die Nürnberger Spieler sitzen bedröppelt am Spielfeld. Pinola, mein Lieblingsspieler weint, ich auch- herzzereißend!

Da ich, ja wie schon gesagt, ein optimistischer Mensch bin, behalte ich zwar nicht meine Dauerkarte, bin aber trotzdem oft bei Spielen. Die Saison 2008/09 beginnt wieder holprig um sich dann zu einem furiosen Finale zu steigern: 3. Platz am Ende des 34. Spieltages in der 2. Liga. Das heißt Relegation gegen Cottbus der 16. in der 1. Liga. In eBay ersteigere ich überteuerte Karten. Der Preis interessiert mich nicht die Bohne, Hauptsache dabei sein in dem rot-schwarzen Meer der Fahnen: erst die Legende von dem Leierkastenmann hören, dann selbst mit den anderen 40000 Fans singen, meinen rosa Schal in den Himmel recken und und und…

Wir gewinnen, Cottbus wird praktisch an die Wand gespielt. Clubfans liegen sich in den Armen. Wir skandieren Nie mehr 2. Liga – nie mehr! Die Legende lebt läuft in der Dauerschleife während Spieler und Trainer Bierduschen verteilen. Und wir Fans wollen noch mehr. Wir stürmen das Spielfeld und reißen Stücke des gepflegten Rasens aus dem Boden. Auch ich halte ein Stück Grün mit Wurzel und Erde wie eine Trophäe in der Hand, schaue in den wolkenlosen Himmel und möchte diesen Moment für immer festhalten.

Meine Leidenschaft für Fußball war nur von temporärer Dauer, denn was weitaus wichtigeres ist in diesem Mai 2009 entstanden: meine Tochter! Das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Mit meiner neuen Aufgabe als Mutter rückte der Club in den Hintergrund. Es fehlte mir die Zeit und meine Leidensfähigkeit mit ihm hatte irgendwann ein Ende. Der Leierkastenmann ist inzwischen verstorben. Der Club dümpelt am 34. Spieltag in der 2. Liga irgendwo im Mittelfeld. Es interessiert mich nicht  die Bohne auf welchem Platz genau.

Neulich hat jemand in Facebook ein Bild gepostet: die Pokalhelden 2007 und heute. Ich schaute mir das Foto an. Wer waren diese alten Männer? Ich erkannte zwei, drei Gesichter und allzu viele Namen wollten mir auch nicht mehr zu den Gesichtern einfallen.

 

 

Calzone und Canzone

Heute, Dienstag, 16.5.2017, 13.56 Uhr, leichte Brise aus süd-südöstlicher Richtung, endlich Sonnenschein, angenehme 23 Grad, an meinen Füßen die roten Schühchen, die seit ihrem Kauf im Januar, ein trostloses, da ungetragenes Leben, in ihrem Schuhkarton frönten. Dazu umspielt meinen Körper ein weißes Blüschen mit floralen Applikationen. Ich verrate es gleich an dieser Stelle meinem Ingenieur: Sie ist neu!!! So flaniere ich zu dem nahegelegenen Einkaufsmarkt, um die täglichen Besorgungen zu erledigen. Beschwingt lasse ich den Korb an meiner linken Hand im Gleichklang meines Schrittes schaukeln. Zwar fühlen sich die roten Schuhe wie zwei Holzklötze unter meinen Füßen an, aber allein die Optik ist es wert. Welche Frau will schon in Schuhen laufen können? Kein Mensch beachtet mich während des Einkaufes, keiner schaut auf meine Schuhe! Ich überlege, ob ich mich lasziv auf der Wurst- und Fleischtheke fläzen soll. Verwerfe aber diese Idee sofort, gibt bloß Rücken oder Schlimmeres. Alles Landeier hier oder die falsche Einkaufszeit? Etwas ernüchtert und hölzern trete ich den Heimweg an.

Morgens ging es mir auch nicht so prickelnd, blöde alte Überschrift. Ich verdrücke ein paar Tränchen. Ach, das Wetter ist doch viel zu schön um traurig zu sein. Außerdem verspricht der Tag nicht nervenaufreibend zu werden. Ich habe meinen Beratungstag und die kleinen Sargnägel aus der 5. darf ich erst wieder am Donnerstag bespaßen. Nach der Ankunft lege ich als erstes meine Unterlagen zurecht- huch, was purzelt denn aus dem Schuleignungstest heraus? Zwei Kassenbelege von den zwei Läden nur 150 m von unserem Haus entfernt. Kann mich gar nicht mehr so recht erinnern, was ich da gekauft habe. Die Bons mussten wahrscheinlich ziemlich schnell vor neugierigen Ingenieursblicken verschwinden…Ich entsorge sie unauffällig. In der Pause ratsche ich ein bisschen. Eine Kollegin trägt eine wunderschöne Bluse- gelb, etwas transparent mit floralen Stickereien. Ich nehme umgehend die Fährte auf. Bereitwillig gibt sie mir detailliert Auskunft. Was? Ich fahre seit drei Jahren fast täglich an diesem Geschäft vorbei und habe noch nie angehalten!!  Das ist ja grob fahrlässig und muss sofort geändert werden.

Geraume Zeit später betrete ich dieses. 80 Prozent der Ware habe ich binnen einer Minute gescannt und aussortiert – made in Italy style- gibt es seit ein paar Jahren auch auf den Märkten am Gardasee, so bling-bling mit Pailletten und Motiven.  Aber die florale Bluse ist noch in weiß im Grundton zu erwerben. Blitzschnell verziehe ich mich in die Umkleidekabine und werfe sie mir über. Passt perfekt zu meinem Hautton, bloß meine Hose sieht doof dazu aus. Die Verkäuferin  reicht mir eine neue erdbeerfarbene, passend zu der Blumenbluse, in Größe M. Ich winke ab. Ich kenne die italienischen Größen, da muss man sich als deutsche Durchschnittsfrau die Hüftknochen amputieren. Erst drei Nummern größer, sehen meine Beine nicht mehr darin aus wie eine Calzone und die Farbe ist ganz pfiffig. Ich ziehe meine EC Karte durch das Gerät. Gar nicht sehr teuer! Und diesen Monat habe ich fast noch nix ausgegeben. Hm, fast nix: ein bissi bei Miniboden und Schuhe für die Hasi. Ich rechne nach und komme auf mehr als grob geschätzt.

Muss mir doch eine neue Einnahmequelle einfallen lassen… vielleicht werde ich ja eine berühmte Bloggerin. Das ist doch in der heutigen Zeit nicht mehr unrealistisch. Meine 5. Klässler wollen schließlich auch erfolgreiche Youtuber werden! Franka Kranz – Alles was das Leben hergibt oder hergegeben hat – Ich sehe mich bereits wie ich Lesungen in meiner Heimatstadt halte und mein neues Buch handsigniere. Wird schon werden, erst letzten Samstag hatte ich eine Anfrage von Stubsi Z., was er tun müsse, um in meinem Blog zu erscheinen.

Jetzt werde ich erstmal eine Runde Joggen gehen zu Canzone und gegen die Calzone!