Die 18 tapferen Wackerle

Es waren einmal 18 Wackerle, die lebten lustig und vergnügt in einem dunklen Wald nahe New Church. Sie waren vollgefressen und äußerst vergnügt, da ihre Dompteurin sie regelmäßig mit leckeren süß-sauren Regenwürmern verwöhnte. Doch eines Tages war die Kuschelpädagogik vorbei, als ein besonders vorwitziges Wackerle seinen Kaugummi durch seine zwei gewaltigen Vorderzähne spotzte und dieser genau vor der Dompteurin landete. Da platzte ihr der Geduldsfaden und sie schrie so laut: „Jetzt reicht’s mir“, dass die zwei kleinsten Wackerle Jack and Kev verschreckt ihre selbstgebastelten Filzstiftjets aus der Hand fallen ließen. Sprach’s und verschwand durch die Wand!

Jetzt waren die 18 Wackerle plötzlich allein auf sich gestellt. Es war totenstill, selbst die zwei Hinterbänkler, die seit Beginn des Schuljahres eine intensive deutsch-polnische Freundschaft pflegten, stellten ihre störenden Klopfgeräusche ein. Ein besonders cleveres Wackerle – namens Schlaubi, sprang auf den Tisch und versuchte sich Gehör zu verschaffen: “Ich habe einen Plan, wie wir unsere Herrin wieder zurückgewinnen werden.“ Keiner hörte ihm zu. Eine besonders nett anzuschauende Wackerledame strich sich gelangweilt ihre lockige Mähne aus der Stirn, währenddessen ihre Nachbarin ihre frisch lackierten Fingernägel bewunderte. Schlaubi ließ nicht locker, er zog seine grün gewänderten Beinkleider aus und schwenkte diese wie eine Fahne durch die Luft. Das wirkte! „Also, wir müssen drei Wackerlehaare anzünden und den Ruß in den Wind streuen, dann kommt die Dompteurin zurück!“, so sprach er. Wackerle Fee, der meist mit den zwei Hinterbänklern eine bleibende Verbindung einging, meinte: „Ich weiß noch nen tollen Zauberspruch dazu: ritsche-ratsche- rutsch bring uns wieder die Alte mit der Warze –flutsch. Aber darf ich mal auf’s Töpfchen gehen?“

 Die Wackerle raunten beunruhigt. Wer sollte seine Haare opfern? Eine Wackerle Dame – so weiß wie Schnee mit ein paar Sommersprossen warf nervös ihr ebenholzfarbenes Haar zurück. Ihre Nachbarin kicherte findig: „Ich hab’ nen Hund, der ist nicht besonders schlau, den könnten wir rasieren.“ „Vielleicht können wir sieben Blumen pflanzen, ich hab da Beziehungen“, meinte das Wacker Riedle und beschmiss ihre Nachbarin mit Papierkügelchen, damit sie aufwachte. Verschreckt und mit großen Augen schüttelte sich diese sprachlos. „So ein Schwachsinn“, trumpfte ein besonders listiges Wackerle auf. „Was brauchen wir die Alte. Jetzt sind wir frei, müssen keine süß-sauren Regenwürmer mehr fressen, sondern können endlich unsere Frigo-Brause mit Röhrchen durch die Nase ziehen, wie die großen Rapper in den fernen Kontinenten!“ Dabei kratzte er sich selbstbewusst an seinem Iro. Das erweckte nun endlich die Aufmerksamkeit von Schaffott-Wacker! Gelangweilt schob er seine schwarze Kapuze nach hinten, zurrte seinen blonden Scheitel mit der Füllerkappe fester und sprach mit halbgeschlossenen Augen: „Mag schon sein, aber so kriegen wir unser Mahl umsonst, wir sollten die Alte zumindest noch ein Jahr zurückholen, dann sehen wir weiter!“  Die Wackerlegemeinschaft hoppelten inzwischen unruhig hin und her. Eine andere Wackerledame mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit und fernöstlichen Federzeichnungen flüsterte: „Wir sollten abstimmen!“  Gesagt-getan! Das Ergebnis wurde auf einer großen roten Tontafel verlesen. 17 zu 1 Stimmen wollten die Herrin zurückholen. Aber wie? Schlaubi ergriff wieder das Wort und ließ seine 48 Zähne aufblitzen: „Wir nehmen den Zauberspruch von Fee, drei Haare von dem vorwitzigen Wackerle und zünden dieses an!“ Von hinten kam der Meister der Fische mit seinem treu ergebenen Gesellen angehopst und meldete sich eifrig zu Wort: „Legen wir noch drei black Mollys obendrauf, dann raucht’ und stinkt es besonders!!!“ Sein Geselle nickte zustimmend.

Gesagt – getan! Der kleine Vorwitzige wurde enthaart, die Fische geopfert und der Zauberspruch aufgesagt.  Rabauz-rabumm eine riesige Kugel schwebte plötzlich im Raum. Darin saß die Dompteurin. Links hielt sie entspannt ein Cocktailglas in der Hand, zwei Erdmännchen fächerten ihr Luft zu. Sie nahm die Sonnenbrille ab und sprach: „Wenn ihr glaubt, dass ich in das öde New Church zurückkehre, dann habt ihr euch geirrt. Ich habe hier in der Wüste Namib eine neue Erdmännchenklasse übernommen, die sind für jeden Grashalm dankbar!“ Sprach’s und verschwand wieder durch die Wand!

So blieben die 18 kleinen Wackerle allein zurück, tapfer versuchten sie sich mit den Früchten des Waldes zu ernähren, gaben aber bald auf und krochen zur Untermiete bei einem bösen Zwerg unter, wo zwar die Verpflegung gut war, der ihnen aber von früh bis abends den Marsch bließ. Wenn man des Nächtens durch New Church geht, hört man die Wackerle leise fiepen und den guten alten Zeiten nachweinen! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fiepen sie noch heute.

 

Von Schnuffis und Dickbären

Gestern war ich mal wieder zu Besuch in meiner Heimatstadt. Der Papa meines Patenkindes hat Geburtstag gefeiert. Früher waren wir fast sowas wie eine Familie und lebten zusammen in einer WG  bis mein Patenkind auf die Welt kam. Das war 1996 und ist schon lange her. Wir, das waren mein Exmann, der Schnuffi und der Papa meines Patenkindes, der Dickbär. Ich weiß nicht mehr wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist, denn er ist niemals dick gewesen , sondern von sportlicher Volleyball Statur. Der Dickbär hat aber immer gerne für uns gekocht. Legendär waren seine Mitternachtssüppchen mit allerhand fleischigen Einlagen. Da habe ich meine Wespentaille verloren, stattdessen haben sich Magen und Tannenbaum breit gemacht. Summa summarum waren die WG Zeiten die unbeschwertesten Zeiten in meinem Leben: ein bisschen Studium, ordentliche Feiern bis früh und viel Gitarrenmusik im Wintergarten. Easy like sunday morning, wie der Dickbär gerne auf seiner Gitarre zum besten gab.

Wie der Schnuffi zu seinem Namen kam, weiß ich noch genau. Anfang der 90er hab ich ihn das erste Mal bei meiner Freundin Susi getroffen. Sie hat mit ihm studiert. Schnuffi kam aus dem Münsterland, wo man die Fenster los- statt aufmacht, es viele glückliche Schweine auf der Wiese an roten Backsteinhäusern gibt und die Verkehrsnachrichten auf WDR 2 länger als die normalen Nachrichten dauern. Er zog seinen Mund in leichte Kräuselwellen, als ich ihn fragte, wie zum Teufel er von so weit nach Coburg gekommen sei. Schnuffis Augen hinter der Nickelbrille strahlten einen wehmütigen Ausdruck aus als er mit etwas fiepender Stimme folgendes antwortete: Ich wusste erst gar nicht, wo Coburg liegt. Und als ich es wusste, ist mir erstmal schlecht geworden. So war sein Spitzname geboren und ward nie mehr abgelegt.

Wie das Leben so geht, war unsere WG Familie von endlicher Dauer und auch meine erste Ehe. Ich habe jahrelang die Begegnung mit ihm und seiner neuen Frau und seinen Kindern gescheut. Eigentlich war ich damals froh, als es nach dem langen Aussitzen meinerseits aus war und wie meine Freundin Lore damals treffend bemerkte: Sei froh, dass du ihn angebracht hast. Kannst eigentlich der Neuen jede Woche einen Blumenstrauß dafür schicken. Fakt war aber auch, dass ich ihm erst erst an Dickbärs 50. Geburtstag begegnen konnte, als ich mit Clara schwanger war. 

Gestern hat der Dickbär mal wieder zu seinem Geburtstag eingeladen. Wir sehen uns jetzt meist nur noch an diesen Festen. Das macht aber gar nichts, wenn man sich mal vertraut war, spielen zeitliche Abstände zwischen den Treffen nicht unbedingt eine Rolle. Bass erstaunt bin ich als ich zur Begrüßung der anwesenden Volleyballtruppe nacheinander die Hand schüttle. Fast brave Frührentner sind aus der einstigen feierwütigen Combo geworden. Bei einem muss ich die Frau zu meiner rechten fragen: Du diesen älteren Herrn da kenn ich aber ned… Erstaunt antwortet sie mir: Das ist doch der G.! Herrje, der G. Der hat immer gerne ein bisschen dick  aufgetragen und sich über mich mokiert, dass er das nicht haben könnte, wenn seine Schnecke ihn Schnuffi nennen würde…Puh, wie die Zeit vergeht von Marlon Brando in der Meuterei auf der Bounty hin zu Apokalypse now… Irgendwann wird auch der Schnuffi auf’s Tablett gebracht. Ha, Ha!, geht es in meine Richtung, wir haben den Schnuffi erst letztens bei der Edeka gesehen mit Frau, Hund, seinen drei Kindern und einem nostalgischen Wohnwagen in Eiform. Die kamen grad aus dem Urlaub. Camping hättest du nie mitgemacht. Pah, leicht beleidigt schaue ich in den blassen Mond, der über der Veste schwebt. Hab ich doch mit meinem Inscheniör in Afrika auch im Dachzelt gecampt neben brüllenden, hungrigen Löwen…früher wollte ich immer möglichst nah bei der Veste wohnen, selbstredend links von den Bahnschienen. Wie eine sichere Burg war sie für mich, mein Sinnbild für Heimat. Sie stand aber auch für mein Heimweh und die Freude, wenn sie bei der Ausfahrt der A 73 bei Untersiemau zu meiner Rechten auftauchte. An diesem Abend genieße ich ohne Wehmut die Veste und den Mond, der sie anstrahlt. Morgen fahre ich wieder nach Hause zu meinem Inscheniör, der gerade seinen berüchtigten Berndi Schupfen ausbrütet und meiner Clara, die sich gerade überlegt, doch keine Babys zu bekommen, denn die könne man sich ja auch in einem Pflegeheim oder so kaufen. Und irgendwie weiß ich, dass meine Heimat da ist, wo mein Herz ist.

Nenn mich nicht Süße!

…faucht die Clara und verteilt auf meinen dicken Popo Klapse, falls ich es doch tue. Das Schöne an Kindern ist, dass sie uns immer die Wahrheit sagen und ihre Empfindungen mitteilen. Sie fressen den Ärger nicht in sich hinein, bekommen kein Magengeschwür oder Rücken und brauchen auch keinen Psychotherapeuten. Noch nicht, denn leider verliert sich diese wunderbare Gabe mit zunehmendem Alter.

Deshalb gibt es seit neustem Radical Honesty Workshops, in denen man den anderen die Wahrheit sagt. Das lese ich heute morgen in der FAZ. Ist natürlich aus den USA zu uns herüber geschwappt. Da gibt es Wochenend- und 9 Tage Kurse. In letzterem müssen sich die Teilnehmer nackt ausziehen und darüber reden, wie ihnen ihr Körper gefällt. Bei dem Thema Körper bin ich schon über den Zenit, nachdem mir mein wahrheitsliebendes Kind neulich verkündet hat: Du Mama, deine Brüste sind voll alt, sterben die bald?

Bei den zweitägigen Seminaren muss man dann dem Gegenüber seine ehrlichen Gefühle für ihn mitteilen, dadurch entsteht Nähe. Oft tut man ja so, als ob man sich für den anderen interessiert. Dabei hat man innerlich schon abgeschaltet und checkt im Geiste seine Einkaufsliste durch. Geht mir oft so, gebe ich gerne an dieser Stelle zu. Auch geht es mir oft so, dass ich mich über etwas ärgere und ich mich nicht traue, es sofort zu sagen. Erst letztens über einen Nachobengedienten! Dem hätte ich am liebsten gesagt (als er seine Spaghetti bestellt hat und ich schon vorher wusste, dass er sie mit dem Messer schneidet und nicht mit der Gabel wickelt), was er für ein ängstlicher Mensch ist, der alles kontrollieren muss wie die Stasi in der ehemaligen DDR. Als Triebreduktion hab ich dann meinen Mini an den Pfosten im Parkhaus gesetzt. Hätte, hätte Fahrradkette, höre ich im Geiste meine Freundin Lore sagen.

Ist es nicht lächerlich, dass wir uns alle die ganze Zeit etwas vormachen? Wir machen uns deshalb was vor, weil wir unbewusst davor Angst haben zuviel von dem zu empfinden, was wir nicht empfinden wollen. Das sind Gefühls- und Vermeidungsstrategien, denen wir uns nicht stellen und deshalb versinken wir immer mehr in der Welt unserer Interpretationen. Die Wahrheit tut bekanntlich oft weh und so erscheint das bereits viel zitierte Bushäuschen als sicherer und geschützter Ort. Hier kann man jedes gesagte Wort, jedes Symbol interpretieren: das in den Schnee getrampelte Herz für die Liebe, die Schürze für versteckte Sexualität und und und… Schaut euch doch mal eben diesen herrlichen Frankfurter Kranz an, die  zeitlose Königin der Buttercremetorten! Kann man da nicht  ehrlich ganze Bücher darüber schreiben und über seine Symbolhaftigkeit philosophieren?

Letztendlich ist es doch besser etwas auszusprechen als darin zu verharren wie in dem Bushäuschen. Und man darf auch nicht zwischen den Zeilen schreiben, sondern es direkt und ungeschönt sagen wie in einem Rap. Moses Pelham war für mich beim diesjährigen Tauschkonzert „Sing meinen Song“ der Überraschungssänger. Eigentlich schon längst von der Bildfläche verschwunden und nun wieder zum Leben erweckt, sitzt er da, den  Hut und die navyfarbene Bomberjacke tief in das Gesicht gezogen und nuschelt im hessischen Dialekt seine Wahrheit heraus. Das ist zumindest besser als an den ganzen nichtgesagten Worten zu ersticken. Hört selber:

An Sybille Sturm kommt keiner vorbei

Grad eben bin ich an ihr vorbeigefahren – eiskalt- am Zebrastreifen. Da stand sie im orangefarbenen Tarnanzug, die Kelle in der Hand haltend! Sie hat mich nicht beachtet, denn ich gehöre nicht in ihre Siedlung, ich bin nur zufällig an ihr vorbei gekommen. Das Terrain von Frau Sturm ist die Nutzholzsiedlung, ein kleines Wohngebiet, in dem vorzugsweise die gehobene Mittelschicht in schmucken Einfamilienhäusern wohnt mit Blumenrabatten und Trampolinen an Netz im Vorgarten. Und Sybille Sturm ist das Oberhaupt dieser Siedlung, deren Straßennamen nach verschiedenen Nutzhölzern benannt wurden. Sie hat wache Augen, denen nichts zu entgehen scheinen. Der Blick ist selbstzufrieden als hätte sie eben einen besonders großen Fisch verspeist und signalisiert: Schaut her! Meine zwei Kinder, mein Haus, mein Mann und meine Kreditkarten…

Das Leben in der Nutzholzsiedlung ist nicht immer leicht, denn es ist ein Kokon, in dem es ungeschriebene Gesetze gibt, was man tun darf oder nicht, was hot oder not ist. Da Frau Sturm jeden kennt und  über eine geschickte Fragestellung verfügt, kriegt sie immer raus, welche Paare sich gerade scheiden lassen oder wie der Leistungsstand der jeweiligen Kinder ist. So zieht diese Frau die unsichtbaren Fäden und definiert die Gruppenzugehörigkeit eines jeden Bewohners. Sie reserviert beispielsweise nur für ihre Freundinnen und deren Kinder aus der musikalischen Früherziehung Zirkuskarten, andere Kinder, die nicht diesen Kurs besucht haben, müssen draußen bleiben. Beim Papa-Kind-Glutenfrei-Kochkurs dürfen nur die Väter ran, deren Kind im gleichen Kindergarten wie die Sturms Kinder waren. Ausnahmen bedürfen einer Sondergenehmigung.

Selbstredend sind die Sturms Kinder hoch intelligent. Sie gewinnen jeden Vorlesewettbewerb und spielen neben Blockflöte und Geige noch vierhändig Klavier. Da die hießige Grundschule leider nicht über allzu viele zusätzliche AGs verfügt, wird einmal die Woche Englischunterricht nach Helen Doron gebucht. Ich kenn die zwar nicht, sie muss sich jedoch meines Erachtens eine goldene Nase verdient haben aufgrund der Angst besorgter Mittelschichtseltern, dass ihr Nachwuchs das Abitur nicht schaffen könnte. Wahrscheinlich sitzt sie irgendwo auf Goa, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und raucht genüsslich eine Shisha. In der Nutzholzsiedlung liegt die Übertrittsquote bei 85 % auf das Gymnasium, da muss man schon im Grundschulalter alle Ressourcen des Kindes ausschöpfen. So gehört natürlich neben Englisch- und Instrument lernen der geeignete Sport dazu: Ballett, Tennis, Reiten, Leichtathletik – Kinder als Multifunktionstalente in einem 40 Stunden Woche Modus!

Auch ich muss Claras Talente fördern. Deshalb nahm ich letzte Woche einen Termin zur Elternsprechstunde wahr. Die Lehrerin hat einen scharfen Blick für ihre Schüler, sie hat meine Tochter ziemlich schnell durchschaut. Die Hasi nimmt auch an dem Gespräch teil, etwas gelangweilt schaut sie aus dem geöffneten Fenster und lauscht dem Leben vor den Schulpforten bis die Lehrerin resolut dieses schließt. „Also“, so muss ich mir anhören, „Erst war es der Henry, dann der Mathis und dann ihre Allergie. Da hat sie nicht mehr viel Platz im Kopf für ihre schulischen Angelegenheiten. Das lebt sie dann aus…Ich erwidere hoffnungsvoll gestimmt, dass sie dann in der Pubertät pflegeleicht sein müsse, wenn sie schon jetzt alles durchmacht. Claras Klassenlehrerin lässt dies unkommentiert, wirft mir aber einen Blick zu, der mein Gesagtes auch ohne Worte Lügen strafen lässt. Nun gut, übermorgen hat ihr Schulchor Auftritt. Die Hasi hat eine hübsche Singstimme, auch wenn sie seit einem Vierteljahr das Nachtregal besingt. Klingt doch fast so ähnlich wie die Nachtigall, die chinesisch ist, wie das Musical eigentlich heißt. Man sollte sich nicht an Peanuts festhalten. Die Chorkinder müssen weiße Oberteile für ihren Auftritt anziehen. Ich versuche meiner Tochter das schmackhaft zu machen: Wie wäre es, wenn du dein weißes Blüschen vom Dirndl am Mittwoch anziehst? Kannste voll vergessen, so ihr Kommentar, derweil sie ihre neuen heruntergeladenen Lieder auf Spotify checkt. Naja, ein schnödes H & M Shirt im verwaschenen Weiß wird es wohl auch tun.

Clara geht seit drei Jahren ins Ballett, jede Woche ziehe ich sie an den Haaren dorthin. Die rosafarbenen Tutus sind inzwischen ausgemustert und schwarzen schlichten Outfits gewichen. Heute bei der abendlichen Katzenwäsche, als sie gerade ihre in alle Richtungen wachsenden zweiten Zähne bürstet, fragt sie: Wie lang muss ich denn noch Ballett machen? Ballett ist so höflich und die Jungs aus meiner Klasse lachen mich deshalb aus…Ok, die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihr mal eine Primaballerina wird oder sie zumindest bei Schulaufführungen tanzt, verschwinden gerade im Nirgendwo.

Was bleibt? Mama, was ist eigentlich Hexualität? Ich muss nicht lange überlegen, schließlich bin ich sprachgewandt und erfolgreiche Bloggerin. Das ist, wenn man vögelt, so antworte ich ihr. Was ist mit einem  Vogel?, fragt meine aufgeweckte Tochter nach. Nackt kuscheln bedeutet das, so entgegne ich ihr. Jetzt ist aber mal gut, jetzt wird 10 Minuten gelesen, sonst wird das nie was mit dem Vorlesewettbewerb. Im Bett beim gemeinsamen Kuscheln fragt sie mich: Mama, was heißt eigentlich Teenager? Ha, meine Hasi, der aufgehende Fremdsprachenkomet in spe?! Sie braucht keine Helen Doron, sie ist Naturtalent und Naturkind zugleich. Außerdem hat sie genug Äcker und Ländereien. Sie kann auf Goa oder irgendwo anders, irgendwann ein selbstbestimmtes Leben führen und mit langhaarigen Surferboys im indischen Ozean auf Hammerwellen reiten, meinethalben auch mit der Helen! Ganz ehrlich, da ist unsere Frau Sturm mit ihren Vorzeigekindern aus der Nutzholzsiedlung doch nur ein laues Lüftchen im Wasserglas!

Pater Ralph de Bricassart war noch schlimmer

als Ashley. Das habe ich heute bei Herrn B. gelernt, so appe ich meiner Freundin Lore, die gerade ca. 800 km südlicher aber gefühlte Lichtjahre von mir weilt.  Das stimmt… und als er das kapiert, nippelt er ab im Rosengarten hihi, so schreibt sie mir Stunden später zurück. 

Ich muss kurz ausholen. Ich bin heute seit längerem mal wieder bei Herrn B. und lese ihm aus meinem Blog vor. Bei meinem Beitrag vom Ashley Syndrom bleiben wir hängen. Ich mag den geistigen Austausch mit ihm, er kann super Vergleiche aus der griechischen Mythologie, aus Wagner Opern und hin und wieder auch aus dem Tierreich zu aktuellen Lebensthemen ziehen. Heute liegt zumindest Eros nicht im Keller und es springt auch kein Bock die Treppe hoch. Also Scarlett, so schaut Herr B. hinter seiner Lesebrille hervor, war eine starke Persönlichkeit, lebenslustig und – praktisch. Sie war die Lilith- eine Amazone und gleichberechtigt. Melanie (die fade gutmütige Cousine, die Ashley heiratet) stellt Eva dar- unterwürfig! Eine Eva hat dem patriarchischen  Adam nicht gereicht, aber Lilith war ihm letztendlich zu selbstständig. Ich schaue Herr B. mit großen Augen an, es gab neben Eva eine Lilith? Allerdings nur im Talmud, in der Bibel wurde Lilith verschwiegen … angeblich wollte sie beim Sex immer oben liegen, das selbstbewusste Luder! Was schließen wir daraus: vereinige Hexe und Heilige in einer Person?!

Aber Scarlett war auch besitzorientiert, resümiert er weiter, das Land hieß Drogheda… Stopp Herr B.: hier sind wir an einer anderen Baustelle! Meine Zeitmaschine rattert 30 Jahre und mehr zurück und bleibt bei meiner ehemaligen Freundin S. hängen, die hysterisch ins Telefon schluchzt: Pateeer Raaalph de Bricassart issst tooot! Na, dämmert es? Dornenvögel! Hab ich erst in der Wiederholung gesehen, bei der Erstausstrahlung musste ich demonstrieren, da blieb kein Platz für Sentimentalitäten. Irgendwie kennt man aber die Story trotzdem: der Pater, der für seine Karriere in der Kirche über Leichen geht. Er möchte gerne Papst werden. Innerlich ist er zerrissen zwischen seiner Liebe zu Meggie und zu Gott. Er kann sich  nie  so recht entscheiden. Wie das Leben so geht , wird die Frau schwanger. Erst als der gemeinsame Sohn mit 27 Jahren stirbt, erfährt der Pater, inzwischen Kardinal, von der Vaterschaft. Er stirbt im Rosengarten von Drogheda als er kapiert : von allen meinen Fehlern, die ich begangen habe, war der größte, dass ich mich nicht entschieden habe für die Liebe…

Da kann man jetzt echt Regenfässer voll heulen, watt’ne arme Sau, ein Leben voll verpasster Chancen und und und. Nein! Ashley war nur ein Weichei, aber Pater Ralph de Bricassart war berechnend! Das ist der Unterschied, der schwerer wiegt. Er hat nur für einen kurzen Moment in seinem Leben das heilige Kreuz abgenommen. 

Ihr müsst jetzt nicht denken, dass ich immer nur über banale Filme mit Herrn B. rede … und ich bin eigentlich auch ganz normal und mache,laut Herrn B., ein gutes Bild… ein bisschen neurotisch darf man ja sein, das weiß man ja seitdem es Woody Allen gibt.
 

Opa goes online

 

Als ich vorgestern Mittag nach Hause komme, passen mich Opa Adolf und Oma Luisegunde schon an der Garage ab. Beide sind in Erzähllaune: „Der Satts Reinhard (in Mittelfranken werden die Nachnamen zuerst genannt) hat den Opa am Internet schon gefunden“, so empfängt mich die Oma aufgeregt,“ ein zweiseitiger Artikel mit Bild als der Bürgermeister an seinem 85. Geburtstag da war und sein ganzes Lebenswerk ist dorten zu lesen“. Opa schaut dabei sehr zufrieden drein: „Da waren verschiedene Informationen über mich zu finden im Internet – sogar international.“ Ich nehme stark an, dass sein Musikkollege Satt mit seinem Smartphone gegoogelt hat. Beim Mittagessen ist Adolf auf jeden Fall schwer in Gedanken, als er versonnen sagt: „International – dann geh ich nach Japan!“ Luisegunde spuckt fast ihr Bohnengemüse auf den Teller: „Du bleibst mir schön da!“ In Opas Kopf wächst eine Idee heran: „Ich brauche auch so ein Handy, wo ich das kann…“. Ich muss an dieser Stelle anfügen, dass die beiden ein uraltes Siemens Handy haben, Opa die wichtigsten Telefonnummern händisch auf einen Zettel geschrieben und diesen dann hinten auf das Gerät geklebt hat.

Aber nun gut! Ich frage nach: „Willst du mit dem Handy auch telefonieren?“ „Ach wo,“ so entgegnet es mir. „Einen Computer, wo du auch schreiben kannst?“, hake ich nach. „Brauch ich auch ned!“ Aha, also ein Tablet!  Ein wunderschönes i pad von Apple, interaktiv, großes Display und, und, und. Der Inscheniör muss es richten, vielleicht kann die Hasi Opa Adolf einweisen, sie gerät da nach ihrem Vater. Unverzüglich rufe ich meinen Mann auf der Arbeit an und unterrichte ihn von den Plänen seines Vaters. „Was will der mit‘ nem Tablet. Da soll der Günter (der, der Bruder vom Inscheniör und ebenfalls Inscheniör ist) aus seinen drei alten Computern einen für den Opa zusammenbasteln!“ Ich signalisiere, dass der Opa bereit ist, dafür keine geringe Summe auszugeben. Der Inscheniör gibt klein bei: Ich bin mir sicher, dass er das nach fünfmal weggelegt hat, weil er nix damit anfangen kann. Aber dann kann es ja die Clara nehmen!

Ich glaube, man sollte Oma und Opa nicht unterschätzen. Clara durfte sich den Handspinner von ihrem Taschengeld kaufen, nachdem ich sie eine Woche mit täglichem Vorlesen gequält habe. Oma hat das sofort drauf gehabt, das Teil zum Rotieren zu bringen, während es bei der Hasi eher noch unprofessionellen Charakter hatte. Ich muss jetzt nicht erwähnen, dass der Spinner schon wieder seinen Platz auf dem Friedhof der Kuscheltiere gefunden hat. Sein Leben währte gerade mal 48 Stunden, was zumindest doppelt so lange wie das einer Eintagsfliege ist.

Opa Adolf hat meinem Blog einen enormen traffic (so heißt das) gebracht. Auch auf YouTube sind schon 41 views zu finden. In Facebook reißen die Kommentare nicht ab. Frauen im besten Alter kommentieren: „Ich bin ein Schwarzwaldmädl und liebe Zithermusik“! Aber am besten promotet sich Opa selbst. Als er heute seine Enkelin beim vereinbarten Treffpunkt von der Schule abholt, drückt er den zwei Montechauffeussen Mamas sofort seine zuletzt aufgenommene CD in die Hand. Als ich von der Schule nach Hause komme, steckt mir das Oma Luisegunde natürlich. Sofort witzele ich in unserem Chauffeussen Chat: „Und soll ich euch Autogrammkarten von Opa Adolf besorgen?“ Postwendend erhalte ich Antwort von der einen: „Der ist ja Zucker!“ und von der anderen „Ohjaa, er ist toll !!! Voll charmant, hat uns auch zu seinen wöchentlichen Biergartenauftritten eingeladen (danach folgen unzählige Herzchen Smilies …)“.

Deshalb nun für alle Mädels und all meine Bushäuschen Freundinnen da draußen:

 

 

Begehrlichkeiten

 

 

Dieses Foto postete eine Kollegin letztens in unserem Lehrerchat, der sinnigerweise pädagogische Flachgespräche heißt. Ich konnte mich sofort mit dem Shirt und dessen Botschaft identifizieren, da meine verhaltenskreativen Fünftklässler mich jeden Tag aufs Neue pädagogisch inspirieren und herausfordern. Und sie quälen mich tagtäglich mit diesen abgebildeten handlungsorientierten Gegenständen. Wenn ich mich frohen Mutes in das Klassenzimmer wage, haben die Hälfte der Kinder diese Fidget Spinners in der Hand, auf der Nase oder sonst wo. Das allgemeine Tohuwabohu von herumspringenden Kinderbeinen und das der schnell kreisenden Rotationen der Spinner, versucht mein Auge und meine Psyche irgendwie zu fassen und unter Kontrolle zu bekommen, zumindest visuell. Ich habe aber nicht mit ein paar Jungs gerechnet, die sich an akrobatischen Übungen versuchen, nämlich einhändig die Getränkeflaschen vom Pausenverkauf einmal um 180 Grad zu werfen und diese natürlich wieder aufzufangen. Das muss man einige Male praktizieren, nämlich solange bis die Fruchtschorle zum Explodieren in der PET-Flasche aufgeschäumt ist. Dann kommt der nächste Akt. Man bohrt mit Schere oder Zirkel ein Loch in den Verschluss und lässt sich das geschäumte Geschmackserlebnis direkt in die Kehle laufen. Ich darf im Grunde dankbar sein, sie könnten auch erst ein Loch bohren und dann einhändig Flaschen fangen spielen…

Jetzt muss ich aber als krisengestählte Pädagogin die Meute auf mich fokussieren, um meinen didaktisch-methodisch kompetenzorientierten Unterricht starten zu können. Da habe ich  verschiedene Varianten in petto.

Variante 1: Abwarten und die Hand zum Gruße senkrecht in die Höhe strecken (selbstverständlich die Linke): da kann ich solange warten bis mir als Indianersquaw Zöpfe bis zum Boden wachsen.

Variante 2: Eins-zwei-drei schreien (unterstützt durch die gleiche Gestik) am besten mit Megaphon, sich dabei aufbauen und finster dreinblicken. Ist allerdings auch suboptimal, da ich weder ein Megaphon besitze und nur 1,58 m messe.

Variante 3: Man lässt sich vom Lärm nicht beirren und fängt an, die Tafel vollzuschreiben, mit den Arbeitsaufträgen, die in den nächsten Minuten erwünscht sind. Man sollte hierbei kurze klare Aufforderungssätze formulieren, wie Mund halten! Hinsetzen! Hände und Beine parallel zum Tisch! Heft und Buch herausnehmen! Funktioniert tadellos.

Die Dauer des Gelingens hängt allerdings extrem von situativen Außenreizen ab: eine Wespe fliegt plötzlich durchs Klassenzimmer, ein Sonnenstrahl findet den Weg in den hermetisch abgedunkelten Raum, der Beamer schaltet in den stand by Modus, ein Schüler macht ein Bäuerchen oder bläht schamlos, der nächste besinnt sich wieder seines Fidget Spinners oder seiner geschäumten Fruchtschorle, der übernächste muss auf Toilette und zieht mindestens fünf andere hinterher, der über-übernächste fällt vom Stuhl und und und. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, da gemäß des Zufallprinzips nicht zwangsläufig eines nach dem anderen erfolgt, sondern es täglich unzählige neue Variationen gibt.

Da ich ja schon seit zwei Jahrzehnten eine Lehrerin bin, bin ich einigen Trends begegnet. Am Anfang meiner Karriere waren die Tamagotchis sehr gefragt. Das waren kleine Computer, die man regelmäßig virtuell füttern musste, damit diese nicht verhungern. Da erinnere ich mich an manche Dramen, wenn der 45-Minuten Takt einer Unterrichtsstunde nicht kompatibel mit den Fütterungszeiten des Tamagotchis war. In der Schule in meiner Heimatstadt, war eine Zeitlang das Kräuter rauchen hipp. Meine damalige Klasse war aber Neuem nicht unbedingt aufgeschlossen. Der klassische Wodka zur Schülerdisco kombiniert mit gasen (Haarspray inhalieren) tat es auch. Gesundheitlich unbedenklich und gut für das Fingergeschick, war das Knüpfen von Scoubido. Das konnte man als Set kaufen und die schillerndsten Neonfarben zu Armbändchen verknüpfen.

Und nun seit ca. acht Wochen schwappt also die Fidget Spinner Epidemie über Europa hinweg. Gepriesen werden diese Fingerkreisel als Wundermittel für Alte gegen Gicht und für Junge als Konzentrationsförderung. Auch meine Clara ist seit einer Woche angefixt. Alle in meiner Klasse haben einen nur ich nicht. Ich möchte einen schwarzen, so wie P.,nöhlt sie rum. Ich schaue in ihre Augen und sehe das Verlangen, deshalb weiß ich, dass ich hier meine elterliche Macht ausspielen und sie zu manchen ungeliebten Übungen, z.B. lesen, zwingen kann. Ich setze bewusst einen undurchdringlichen Blick auf und entgegne mit meiner pädagogischen Supernanny Stimme: Also, du musst eine Woche lang jeden Tag 20 Minuten lesen. Besorge dir bitte einen neuen Lesepass von deiner Lehrerin, dann darfst du dir den Spinner von DEINEM Taschengeld kaufen. Die Hasi rollt daraufhin mit den Augen. Am nächsten Tag hat sie dummerweise vergessen, sich ihren neuen Lesepass zu besorgen. Ich schiebe den Kauf einen Tag mit folgenden Worten nach hinten: Ich diskutiere mit dir jetzt nicht mehr!  Meine Tochter spuckt Gift und Galle und stampft mit dem Fuß auf den Boden auf: Hör mir zu Mama! Wir fahren jetzt zur Tankstelle nach Igensdorf und schauen uns die wenigstens an. Betont ruhig und deeskalierend antworte ich: Die Abmachung war, dass du dir den Pass zum Lesen besorgst. Dann gehe ich nicht mehr darauf ein. Die Hasi schäumt regelrecht vor Wut: Mama, nur noch eins! Nein! Jetzt hör mir endlich zu Mama… Nach fünf Minuten Kampf gibt sie auf, ich gehe als Siegerin hervor. Ich habe die Macht, so stark ist ihr Begehr auf dieses dämliche Spielzeug. Das ganze Wochenende hält sie sich an die Lesevereinbarungen.

Was machen eigentlich diese Trends aus und dass man sich nicht widersetzen kann? Ist es das Rudelverhalten und die Angst nicht mehr anerkannt zu sein in seiner Peergroup? Ist es die Werbefalle, die einem suggeriert, dass man ohne dieses oder jenes ein armes existenzunwürdiges Leben führt? Gottseidank sind Trends schnelllebig. Die eine Monte Chauffeusen Mama sagte am Freitag treffend: … dann hab ich meiner Mutter geschrieben, dann schick doch bitte dieses Fidget Spinner aus Südfrankreich, bis du aus dem Urlaub zurück bist, sind die wohl möglich schon wieder out!

Tja, dann können wir ihnen einen Grabplatz im Friedhof der Glubschis zuweisen!

 

 

 

Bigroom Blitz

Das Thermometer zeigt 32 Grad als ich in Forchheim auf die A73 fahre. Ich bin unterwegs in meine Heimatstadt, wie so oft Dienstag Nachmittag. Natürlich möchte ich in erster Linie meine Mama besuchen, aber ich fahre auch deshalb, weil ich dort noch ins Fitnessstudio gehe. Mein Fitnessguru hat für mich den Stellenwert wie für die breite Masse Detlef D! Soost hat. Was er sagt, ist Gesetz! Ich schwänze nie mein Training, da bin ich zwanghaft. Wenn ich etwas tue, dann zu 100 % und ohne Rücksicht auf Temperaturen, selbst wenn diese über 30 Grad liegen.

Pünktlich um zehn vor sechs parke ich vorm Fitnessstudio ab. Gähnende Leere auf dem Parkplatz! Was für Weicheier! Andrea hinter den Tresen begrüßt mich freudig: du bist die Dritte beim Jumping! Ah, so denke ich, da findet der Kurs ja statt! Beschwingt betrete ich den Kursraum mit folgenden Worten: Ich bin die Dritte! Die zwei Jungs antworten mir desillusioniert: erst ab vier Teilnehmern… So leicht gebe ich nicht auf und wenn ich auf der Trainingsfläche, die Leute an den Haaren in den Kursraum zerren muss. Wir haben Glück, wie aus dem Nichts taucht eine Frau auf, die ich vorher noch nie hier gesehen habe. Dann kann es also losgehen?

Wo bleibt bloß der Fitnessguru? Kurz vor sechs betritt er in Schläppchen den Raum und ist bass erstaunt, dass er dort Freiwillige vorfindet. Ganz um uns besorgt mahnt er: Also bei 34 Grad ist eine high impact Stunde nicht gut für das Herz- Kreislauf-System. Was? Welche Worte entfleuchen da seinem Mund? Ist das der selbe Typ, der mir als Personaltrainer solche workouts zusammenstellt, die einem  Boot Camp gleichen. Seine Programme sind Muskelkater technisch gesehen so ausgefeilt, dass nur noch die Einheit „durch den Schlamm robben“ fehlt. Ich bin ja Lehrerin, habe folglich immer Recht und weiß alles besser: Temperaturen über 30 Grad sind super für Muskeln und Sehnen, da sind die richtig schön weich und dehnfähig, so belehre ich ihn. Die zwei Jungs nicken zustimmend. Nur bei einem Krafttraining, kontert der Fitnessguru, aber ihr habt es ja nicht anders gewollt! und macht die Musik an.

Zuerst schont er uns, doch nach vier Liedern ist er wieder ganz der Alte, hat die Temperaturen vergessen und fährt Scooter auf. Dieser auf jung getrimmte Typ mit den gelb gefärbten Haaren und Truthahnhals wäre wohl, wenn es DSDS nicht gäbe,  vollends in der Versenkung verschwunden. Seine schnellen beats eignen sich aber exzellent zum Hüpfen: twist – two on two – kick- side to side, round, jumping jack und so weiter. Der Puls steigt kontinuierlich an und die Farbe meine Birne. Ich spüre jeden Muskel in meinem Körper – vor allem in den Beinen- und die Temperaturen. Der Fitnessguru treibt jeden einzeln von uns vier persönlich an. Fehlt nur nur noch, dass er sich unter die Trampoline zwängt, um die maximale Kraftanstrengung aus der Maulwurfperspektive herauszukitzeln.  Aber wir haben es ja nicht anders gewollt. Bis kurz vor sieben heizt uns der Trainer ein. Als cool down legt er gemäß der Jahreszeit: es war Sommer auf. Ist das hier der Rausschmeißer oder was? So schnell bringst du mich nicht los. Schließlich sind meine Beine inzwischen Wackelpudding , Bindegewebe und diverse Fettpölsterchen jedoch optimal durchblutet. Gute Voraussetzungen in der nachfolgenden Zumba Stunde lasziv meinen kapitalen Hintern zu Salsa- und Merengeklängen zu wiegen. Das tue ich auch und verlasse um 20 Uhr glücklich und ausgepowert das Studio. Und ja es ist Sommer und ich fühle mich wie 16 oder zumindest wie 31.

 

Das Ashley-Syndrom

Wusstest du eigentlich, dass dein Opa Linhardt auch Zither gespielt hat und Mandoline? Er hatte einige Zeit zwei Zithern, so schrieb mir mein Patenonkel aus dem fernen Australien. Das ist der, der ebenfalls Fischers Füße hat und der ältere Bruder meines Vaters ist. Aber, so fuhr er fort, das hat ihn seine dominante Frieda, wie so vieles anderes vermiest. Frieda, war meine Oma väterlicherseits, die älteste von sechs Geschwistern. Sie hatte zwei Weltkriege erlebt, die Verteibung aus dem Sudetenland und den Neuanfang in der jungen Bundesrepublik. Du hast sie ja auch gekannt, dass sie dauernd herumgenörgelt hat: „Gey hear aaf mid den Geklimper“, zitiert mein Onkel meine Oma. Aber so war sie halt. Ja, mein Vater war auch sehr musikalisch und hatte eine gute Singstimme, aber der Gesangsverein wurde ihm abgewöhnt. Opa Linhardt hat sich halt immer geduckt. Manchmal habe ich ihn ein wenig aufgehetzt, dass er sich nicht alles gefallen lassen soll. Daraufhin hat er hin und wieder aufgemuckt. Hat aber alles nix geholfen! Da hat ihn die Frieda wieder so zusammengestaucht, dass er mit mir sauer war, weil ich ihn dazu gebracht habe.

Natürlich sind mir diese alten Geschichten nicht unbekannt und kommen mir unverzüglich wieder ins Gedächtnis, wenn mein Patenonkel mir dieses mailt. Oma Frieda, mit starken Fesseln und Wadeln, mitten im Leben stehend, ihr „Tascherl“ resolut in der rechten Hand haltend … und Opa Linhard, das eine Bein etwas verkürzt und nachziehend (durch eine Mittelohrentzündung und anschließender Blutvergiftung in jungen Jahren). Sein Lieblingsspruch war: Was wisst denn ihrs? Er war intelligent, hatte einen ausgleichenden Charakter und ordnete sich seiner Frieda bedingungslos unter. Als meine Großeltern aus ihrer Wohnung zu meinen Eltern zogen, da die Oma ein „böses“ Knie hatte, haben wir im Keller vier Brotschneidemaschinen originalverpackt gefunden. Opa Linhardt war zu derzeit schon ein bisschen vergesslich und hat sich wohl nicht so recht getraut, diese Käufe seiner Frau zu beichten. Da hat er wohl die Brotschneidemaschinen lieber im Keller versteckt, weil da seine Frieda nicht mehr runter kam.

Ich habe Opa Linhardt mal gefragt, wie er die Oma kennen und lieben gelernt hat. Schmunzelnd erzählte er mir: Deine Oma hat Theater gespielt und da hat sie immer mit dem Fuß aufgestampft, das hat mir gefallen. Der Rest ist Geschichte. Mein Patenonkel ist übrigens ein Sechsmonatskind, denn so Opa Linhardt: Ich wollte doch nicht die Katze im Sack kaufen…In Liebesangelegenheiten hat er sich scheinbar nicht unbedingt untergeordnet. Vier Jahre später danach kam mein Vater zur Welt. Überliefert und teilweise selbst analysierend kam der Onkel nach meiner Oma und mein Vater nach dem Opa. Der erste ließ es in seiner Jugend gerne krachen, war aufbrausend und ging bald seine eigenen Wege. Der zweite war eher ruhig, angepasst und meine Oma hat ihn mehr oder weniger verheiratet mit meiner Mutter (natürlich nicht ohne vorher zu überprüfen, ob es eine geeignete Verbindung war), als er 27 Jahre alt war und immer noch zu Hause wohnte.

Ist Onkel Heinz eine Art Rhett Butler und mein Vater, der Werni, ein Ashley Wilkes? Und war Opa Linhardt dann auch ein Ashley?

Die Story vom Winde verweht ist psychologisch schnell erzählt: Die verwöhnte, egoistische und äußerst hübsche Scarlett verdreht allen Männern den Kopf. Doch seit ihrer Jugend liebt sie das sensible Weichei Ashley. Doch dieser heiratet seine Cousine Melanie. Er sagt Scarlett jedoch nie, dass er sie nicht liebt, sondern lässt ihr immer noch Hoffnung.
Scarlett trifft auf den Lebemann Rhett, den sie aus einer Laune heraus später heiratet. Schlussendlich erkennt sie erst dann, dass sie ihn liebt, als es zu spät ist und er sie verlässt.
Ok, ich will jetzt nicht die Ehe meiner Großeltern mit dem Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ vergleichen, Oma Frieda war keine Scarlett! Mir geht es hier vielmehr um das Ashley Syndrom. Das beschreibt Männer, die konfliktscheu sind und sich komplett, der vermeintlich dominanten Frau, unterordnen. Das Resultat ist, dass Frau immer nörgelnder wird, der Mann, der nie Widerpart gibt oder Stellung bezieht, kann es ihr ja eh nicht recht machen. Letztendlich sind dann die Rollen in der Beziehung so verschoben, dass die Ehefrau Mutter und der Gatte das Kind ist.

Deshalb möchte ich meine schon längst verstorbenen Oma Frieda nicht als dominante Spaßbremse dastehen lassen. Sie hat wohl zwangsläufig die dominante Rolle übernehmen müssen, da der Opa oft nicht „seinen Mann gestanden“ hat. Frieda hatte auch eine sensible Seite, sie war ja ein Wunderlichs Mäudel, die nah am Wasser gebaut hatten. Als Ihr Ältester nach Australien auswanderte, hat sie Panikattacken gehabt. Da hat sie der Linhardt nachts durch den Hofgarten führen müssen. Vielleicht war er damals ein bisschen Rhett. Als Außenstehender kann man schlecht sagen, welche Gesetzmäßigkeiten Paare zusammenhält – ein bisschen Yin und ein bisschen Yang.

Mein Inscheniör ist eindeutig Rhett, wenn es um das große Ganze geht. Er hat mich sicher durch die Wüsten Afrikas gelotst und steht immer für mich und seine Clara ein, auch wenn ich nicht das Licht ausmache und ein bisschen zu viel Geld für Schuhe etc. ausgebe. Manchmal ist er aber auch ein bisschen Ashley, wenn er seinen berühmt-berüchtigten „Berndi-Schnupfen“ hat und das Fieberthermometer über 37 Grad zeigt. Letztendlich kommt es wohl auf die Mischung an!

 

 

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Ein Leben mit Musik

Immer dienstags dringen Zither- und Gitarrenklänge an mein Ohr, denn da musiziert mein Schwiegervater, besser bekannt unter Opa Adolf,  mit einem Freund. Erst fängt es moderat an bis schlussendlich das ganze Hause von den volkstümlich schmissigen Melodien ausgefüllt wird. Opa Adolf spielt Zither seitdem er sieben Jahre alt ist und das tut er leidendschaftlich. Wenn ich nicht mehr Zither spielen könnte, so vertraute er mir einmal an, dann könnten sie mich gleich in den Sarg legen. In seiner Heimat, irgendwo in der tiefsten Oberpfalz, war er der älteste von drei Geschwistern. Sein Vater, Bauer und geschäftstüchtiger Gastwirt hatte schnell raus, dass zu einer zünftigen Livemusik, die Gaststube ordentlich gefüllt ist und das Bier fließt. Der Vater heizte mit der Quetschn ein und der Sohn unterstützte ihn mit der Zither. Auch wenn das Üben und der Weg nach Schnaittenbach zum Zitherlehrer manchmal lästig war, so war diese Alternative immer noch  besser als die anstrengende Feldarbeit.

Nachdem Opa Adolf auf der Landwirtschaftsschule in München Stadtluft geschnuppert hatte, wollte er nicht mehr zurück in die oberpfälzische Provinz. Zu eng schienen ihm die Zukunftspläne, die sein Vater für ihn gedacht hatte, nämlich den Hof und die Wirtschaft zu erben und im Landwirtschaftsblattla eine heiratswillige Bäuerin zu finden. Nur mit einer Persilschachtel machte sich Adolf auf nach Mannheim, um eine Schlosserlehre bei Lanz anzufangen. Traktoren waren ihm schließlich vertraut. Auch zu dieser Zeit kam ihm die Musik zugute, so verdiente er sich mit Zitherspielen und als Rausschmeißer, Kost und Logie in einer zwielichtigen Kneipe. Er ist aber bald sesshaft geworden, als er beim Ausschank auf der Eschenauer Kerwa im Gasthaus seiner Verwandtschaft,  einem sauberen Madla begegnete. Dieses war Oma Luisegunde. 

Ehrgeiz und Musik sind Opa Adolfs Motor im Leben. Für die Familie blieb wohl nicht viel Zeit. Bis zum Betriebswirt bei Philipps hat er es geschafft, als Gemeinderat war er tätig und Musik hat ihn immer begleitet: in verschiedenen Bands, im Männergesangsverein, bei Festen und in gehobeneneren Restaurants. Manchmal ist er mit seiner Stubnmusi in Bayern 1 zu hören. Da dreht Oma Luisegunde gerne lauter und ruft: Adolf, komm a mal her! 

Opas 85. Geburtstag haben wir groß gefeiert beim Krämer, wo er damals bei Kerwa ausgeholfen und Luisegunde kennen gelernt hat. Als highlight hat dann der Eschenauer Männergesangsverein ein besonders Ständchen vorgetragen, nämlich das Eckentallied. Das hat Adolf in den 70ern selbst getextet und komponiert. Als dieses zusätzlich untermalt mit Quetschn den Saal mit seiner Melodie ausfüllt, sehe ich wie Opa Adolfs Augen vor Rührung schwitzen. Wie kleine Rinnsale läuft es seine Backen herunter. Und auch meine Augen beginnen ein bisschen zu schwitzen, weil ich denke wie schön muss es doch sein, wenn in einem eine Leidenschaft bis ins hohe Alter brennt.