Analoge Vögel

Du kannscht mir überall was mache, nur nit im Gesicht, so flüstert mir das leutselige ältere Schwäble zu meiner Rechten ins Ohr und rückt auf Tuchfühlung. Der Spruch isch in meiner Heimat gansch bekannt. Es ist Samstag Abend und ich sitze bei bestem Wetter mit meinen Chauffeussen im JUZ. Das hat heute 40jährigen Geburtstag und dementsprechend alt ist auch das Klientel: Männer mit magerem Zopf und Bauchansatz, an den Füßen sitzen bevorzugt Gesundheitsschuhe mit praktischen Klettverschlüssen. Na bravo! Da kommt Stimmung auf!

Ich geb es jetzt offen und ehrlich zu, ich habe meinen Zumba Auftritt abgesagt. Natürlich schweren Herzens! Gerne hätte ich in erster Reihe mich zu den heißen Sambarhythmen bewegt neben den Let’s dance Profis in Superman Shirts. Aber leider hat sich meine pflichtbewusste Beamtenseele für das Schreiben der Jahreszeugnisse entschieden. Und wie mein Inscheniör so gerne sagt: Das ist doch‘ ne Mainstream Veranstaltung von Selbsthilfegruppen, die überwiegend aus therapiebedürftigen Frauen bestehen!

Deshalb sitze ich am Biertisch bei der 40 Jahre Feier. Der Inscheniör hat sich sofort vom Acker gemacht und quatscht mit den ehemals langhaarigen Giftlern. Am liebsten möchte ich ihm zurufen: Wenn du noch länger mit denen plauderst, färbt das Grün auf dich ab und verwandelt dich in Jürgen Trittin! Aber schon ist er wieder in der Menge verschwunden und erlebt hautnah die Auferstehung der 80er Jahre, analog und doch in Farbe! Verrucht war es früher das Eckentaler JUZ, lieber nach Nürnberg hat man seine Kinder gehen lassen … Also genau das richtige für den Inscheniör und seine Sandkastenfreunde, mit damals wehendem Haar und abgespreizten Armen auf ihren Mofas, diesen Ort aufzusuchen. Noch heute hat Oma Luisegunde Angst, wenn sie an frühers denkt als ihr Bua dorten verkehrte.

Mir ist dieses Ambiente ebenso vertraut aus meiner Jugend mit JUZ und Selbstgedrehten in meiner Heimatstadt. Und die auftretenden Bands heute Abend, wie beispielsweise die Shiny Gnomes, hab ich selbstredend damals persönlich gekannt und bekocht. Kann mich nur nicht mehr erinnern, was es zu essen gab? War es auch Fleisch mit Reis oder Reisfleisch? Wahrscheinlich haben zuviel Selbstgedrehte die Sicht vernebelt! Auf jeden Fall ist es ein gelungener Abend mit Wein, guten Gesprächen und Tanzeinlagen jenseits des Mainstreams und einer Hommage an frühers als die Welt noch analog war.

Und jetzt am Sonntag sitze ich brav über meinen Zeugnissen und grüble, wie man das, was man nicht ungeschönt sagen darf, und doch liebend gerne täte:

… den versäumten Schlaf holte sie gerne vormittags im Unterricht nach.

er bevorzugte den Lernort „Toilette“ regelmäßig über Stunden.

… mit Geschick und Raffinesse schraubte er die Patronen aus dem Füller seines Mitschülers.

… er verstand es lautgetreu die Geräusche von Tieren nachzuahmen.

… wie man isst, so arbeitet man, lautete seine Devise.

gerne erfreute sie durch Tanzeinlagen im regulären Deutschunterricht.

Die analogue Birds erfreuten gestern zur späteren Stunde das Publikum jenseits der 40 und lullten dieses mit nimmer enden wollenden sphärischen Klängen ein. Eine wogende Masse aus Köpfen (mit oder ohne oder wenig Mähne) ließen den Abend zu einer großartigen Veranstaltung werden und der Inscheniör jammert heute nur ein klitzekleines bisschen über Muskelkater wegen der gestrigen Tanzeinlagen. Da ist er aber jetzt selbst Schuld, weil er nicht seine Gesundheitsschuhe getragen hat.

Hinterlasse einen Kommentar