
„Begegnungen können vielseitig sein,“ so überlege ich, als ich in der Notaufnahme mit meiner Hasi sitze. Diese heult gefühlt seit 24 Stunde durchgängig, seitdem beim Schulsport ihr Näschen keine erfreuliche Begegnung mit der Stirn einer Mitschülerin hatte. Seit geschlagenen drei Stunden hocken wir im fahlen Neonlicht zwischen Scheintoten, Alkis und Drogis!
„Weißt du“, so fängt meine Tochter zwischen zwei Schnäuzern an zu reden, „ich hatte immer voll Angst bei dem Lied: wer jetzt nicht schläft, ist tot! Bei Oma Karin saß ich auf der Couch und dachte, was passiert bloß, wenn ich nicht einschlafe!“
In meinem Gesicht tun sich Fragezeichen auf.
„Immer wenn wir nach Coburg gefahren sind, die Musik, die du in Dauerschleife gehört hast, deine Lieblingsband.“
Bei mir dämmert es: Element of Crime und Sven
Die Hasi wird nachdenklich: „Ich kann mich noch an viele Textstellen erinnern: im Garten, wo es blüht…“ Ich ergänze: „die Illusion!“ Sie fährt fort: „und im Himmel war auch kein Platz mehr für uns zwei!“
Oh, mein Gott! Sitzt meine Hasi etwa deshalb so bedröppelt in der Notaufnahme, weil sie die Deprimusik ihrer Mutter mit der Muttermilch aufsaugen musste?
Ich versuche meiner Tochter zu erklären: „Weißt du, Sven war für mich ein Seelenverwandter, in meinem Heimweh, meinen Gefühlen und den nicht gelebten Mädchenträumen. Auch wenn die Begegnung oder Beziehung nicht real war, intensiv war sie dennoch!“
Bevor die Hasi antworten kann, wird ihr Name aufgerufen! Wir schieben uns in das Unfallzimmer 2. Dort wird sie gründlich untersucht und die Nase geröntgt. Der Arzt will ihr ein zweiwöchiges Sportverbot geben und das, wo es doch diese Nacht ins Trainingslager geht! Nach Rimini! Die Augen meiner Tochter setzen zu Sturzbächen an. Was es genau ausgemacht hat, dass der Arzt letztendlich grünes Licht gegeben hat , kann ich im Nachhinein nicht sagen:
- dass man einem 15 jährigen weinendem Mädchen nichts abschlagen kann?
- dass der Arzt selbst Italiener ist (Nähe Verona)?
- oder dass die Mutti dem italienischen Arzt aus dem Unfallzimmer 2, sämtliche Fotos aus den letzten Gardasee Urlauben zeigen wollte?
Der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten als wir die Notaufnahme endlich verlassen können. Kaum zuhause angekommen trudelt schon eine reale Begegnung ein: Moritz! Hasis Laune steigt um 100% und die angebrochene Nase ist vergessen.
Auch beim Inscheniör ist die Laune gut, weil es Wochenende ist und er seine Kindergartengruppe zum „Stadtwurst- Tasting“ geladen hat. Die Stimmung ist bombig als ich im Garten einen Besuch abstatte. 1000 Jahre sitzen um den Gartentisch, in der Mitte ein Berg von schweinischen Gelüsten, der die Cholesterinwerte in schwindelerregende Höhe treibt.
Mir wird es warm ums Herz als ich die Stimmung einsauge: Auch wenn der Pelz schon abgenutzt ist oder gänzlich fehlt und die Funktionsjacken sich um die Bäuche spannen, das Miteinander der Männer könnte nicht vertrauter sein. Das sind Begegnungen, die dauern über ein halbes Jahrhundert an.
Und so ist das wohl, wenn man mit jemanden einmal vertraut war, dann kennt man sich ein Leben lang.
so isses…. einmal vertraut, immer vertraut…
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