Digga, wir wecken jetzt die Mädchen auf …

… es ist genau 5 Uhr! Dann folgen „gegen die Tür Schlag Geräusche“ musikalisch untermalt von einer Tröte, billig erstanden in den Vororten Neapels.

Wo ich gelandet bin? Auf Abschlussfahrt in Italien, genauer gesagt in Sorrent. Und ich bin mega geflasht, dass ich als Begleitperson gebucht worden bin von 🐻, einem Klassenlehrer aus der Milleniumgeneration. Den realistischen Blick habe ich diesbezüglich nicht verloren. In unserer Zwergenlandschule ist das Angebot überschaubar wie zu den Planwirtschaftszeiten in der DDR.

Mit an Board an sind außer 21 Schüler, Bärchen (sein heimliche Spitzname) und mir, zwei Busfahrer. Davon raucht einer Zigarillos im Sekundentakt non stop, sobald wir eine Buspause einlegen. 18 Stunden wird es dauern bis wir am Ziel unserer Reise sind. Deshalb haben wir vorgesorgt mit zwei Flaschen Wein, die der Kollege und ich bereits auf der Autobahnauffahrt der A3 in unsere Kehlen kippen. Das Bärchen gibt sich gleich einfühlsam: “ Glaub ja nicht, dass ich mich mit dir 16 Stunden auf der Busfahrt unterhalte!“ Das ist natürlich kein Problem. Ich bin nicht verwöhnt, reichen mir doch die Gangsta- Rap- Hurensohn- Klänge aus den JBL- Superboxen von hinten des Buses gemischt mit Andrea Berg von vorne. Zwischendrin noch die stakkatoartigen asthmatischen Hustenanfälle des Busfahrers, die lungentechnisch leider nix Gutes verheißen. Irgendwann dussele ich trotzdem ein.

Punktgenau zur Mittagszeit des nächsten Tages sind wir am Ziel. Im Bus riecht es inzwischen wie in einem Raubtiergehege, aber der Kollege hat auch dafür eine Lösung: „Ich hab so eine Deo- Creme aus Zink und Aluminium, sau teuer, aber einzigartig! Wir schmieren die denen einfach unter die Achseln.“

Die Unterkunft, ist zweckmäßig italienisch. Ich teile einen Doppelbungalow mit dem dauerhustenden Busfahrer. 🐻 ist mitten im Epizentrum des Geschehens umringt von dem eigenen, bundesweiten und dem EU- Klientel. Schlaf wird sich nur mit Genuss diversen Alkoholika einstellen.

Am nächsten Tag steht der erste Höhepunkt an: Pompeji! Es wissen zumindest drei von 21 Schülern, das es keine Stadt ist, wo man shoppen kann. In zwei Stunden sind wir durch. Dabei mussten wir zwei Leerkörper aus dem eigentlich überschaubaren Areal und trotz teilen des Live- Standortes fast einen Helikopter rufen. Hat sich doch glatt die Klassenschönheit mit ihren Lakeien 250 m von uns fort gewagt und war sowas von lost. Nach gefühlten 100 WhatsApp Nachrichten tauchen sie wie eine Fata Morgana auf und fallen ihrem Papa 🐻 um den Hals.

Ich beneide das Bärchen, denn er ist nicht bedürftig. Ihm ist vieles, aber nicht alles, scheißegal und es schert ihn einen Dreck, was andere von ihm denken. Diese Aura umgibt ihn wie ein moderner Guru. Die Schüler lieben ihn, auch wenn er sie gerne mal ihr 🐒🐒🐒 nennt.

Inzwischen stellt sich eine gewisse Lässigkeit ein. Schlaf und gesundes Leben werden überbewertet und so genießen wir die Tage mit Pizza, Wein und Salzzigaretten nach einem Bad im Mittelmeer.

Und im Morgengrauen, wenn endlich alle schlafen, lausche ich dem Schnarchen und Husten des Busfahrers und ich stimme ihm zu 100 % zu, wenn er bellt: „Leckt mich doch die Welt am Arsch!!“

Um ein Land in seiner ganzen Komplexität zu entdecken, sollte man sich immer die nächst größere Stadt anschauen. In unserem Fall ist das Neapel. 🐻 plant drei Stunden dafür ein, schließlich wollen wir ja nach dem Baden ein paar Salzzigaretten durchziehen. Und es ist ja auch irgendwie scheißegal, dass die Fahrt dorthin fast genauso lange dauert. Schön ist, dass man eine Stadt am besten durch ihre Vorstädte erlebt. Allein der Verkehr und die lebensmüden Vespafahrer, sind ein Highlight. Ich stelle mich im Verkehrsgetümmel mutig auf den Zebrastreifen, um unsere Zöglinge sicher auf die andere Straßenseite zu bringen und fühle mich fast wie Jesus, der das Rote Meer teilt. Und unsere Schüler sind sehr happy, dass es auch hier einen Megges so wie zu Hause gibt.

Und so lange wir auf die Abschlussfahrt gefiebert haben, so schnell ist sie vorbei. Donnerstag Abend steigen wir wieder in den Bus und es geht zurück in das Zwergenland. Bis um 22 Uhr geben unsere Schüler alles, um danach in einem komatösen Schlaf zu fallen, der bis zur Ankunft anhält. Und dann ist alles vorbei. Der Inscheniör lädt mein Gepäck in die Roverne und ich fühle fast mit den Schülern: Digga, find‘ s voll komisch grad zu Hause zu sein!

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