Was fällt euch zu Herbst ein? Heißer Herbst oder Altweibersommer? Ich gebe dieser Geschichte den neutralen Namen „Herbstzeitlose“. Assoziiere ich doch damit die kommenden Jahre diesseits der Lebensmitte, in der man ganz bei sich sein selbstbestimmtes Leben meistert.
Letztes Aufbäumen, unkontrollierbare Gefühlsausbrüche und unvernünftige Gedankengänge gehören der Vergangenheit an, nun richte ich meinen Fokus auf mich. Da ein gesunder Geist nur in einem gesunden Körper wohnen kann, muss dieser in Form gebracht werden. Ich gebe mich hier ganz in die Hände des Inscheniörs, indem ich mich nach dem Sommerurlaub mit geschlossenen Augen auf die Waage begebe. Das ist mehr als ein Seelenstriptease, da ich vier Jahre dieser konsequent aus dem Weg gegangen bin. Der Inscheniör schnurrt wie ein Kätzchen als er meine Daten von Größe, Gewicht, Körperfett, Herzfrequenz und Knochenmasse in seine App einpflegt. So liebevoll habe ich ihn seit der Geburt von der Hasi nicht erlebt. Vielleicht könnte man „Wiegen mit geschlossenen Augen“ in einen Eheratgeber aufnehmen. Jetzt aber schnell runter. Devot blicke ich in die Augen meines Gatten und hauche: „Du darfst mich jetzt immer wiegen. Wenn die 6 am Display erscheint, dann darfst du mir mein Gewicht verraten.“ „Du musst dich jeden Tag wiegen, so kann man einen Mittelwert und eine Verlaufskurve bilden“, so antwortet er mit lüsterner Stimme.
Sirtfooddiät heißt das Zauberwort, mit dem Adele 45 kg abgenommen hat. Ich überschlage grob: 100 g pro Tag weniger und ich bin nach einem Jahr 30 kg leichter. Ich sehe mich schon in naher Zukunft am Strand räkeln mit „Thigh Gap“ und „Bikini Bridge“, fernab von meinem gutsitzenden Charm Elegance Maxi Bikini der Marke Triumph.
Die Lebensmittel der neuen Promi-Super-Diät beziehe ich nicht in unserem 0815 EDEKA Markt, nein, mein Weg führt mich in den „wirsindbunt“ Bioladen. Dort kämpfe ich mich mit dumpfen Kopf, der gerade unter einem bösen Zuckerentzug leidet, durch die Verkaufsregale. Die Gewürze, die auf meiner Einkaufsliste stehen, klingen von ihrer Aussprache her wie eine islamistische Terrorzelle. Das Gemüse, vornehmlich Kohl in den unterschiedlichen Farben, lassen mir den Appetit vergehen. Darin liegt also das Geheimnis von Sirtfood…
So vergehen die Wochen, wo ich mich durch Smoothies trinke, die aussehen wie ein veralgter Gartenteich. Ich darf Rosettenzauber erleben, ausgelöst durch rote Chilischoten. Der Grünkohl lässt mich durch die Küche wabern. Ich halte mich tapfer. Der Inscheniör verfolgt akribisch meinen Gewichtsverlust. Momentan ist die Laune gut, zudem hat er das letzte deluxe e Bike im Internet ergattert. „Wieviel hat es gekostet?“, frage ich neugierig. „So viel wie du in den letzten halben Jahr an Schuhen ausgegeben hast!“, kontert er. Das ist das Blöde, dass er seit Corona im Homeoffice sitzt. Meine ungestörten Shopping Erlebnisse 200 Meter Luftlinie werden dadurch gnadenlos gestört. Das Gute ist: Wir haben ganz viel Strom gespart, denn der Inscheniör kann jetzt immer sofort das Licht hinter mir ausmachen. Und dann kann er mich im Dunkeln wiegen!