Wir müssen draußen bleiben

Das „wir bleiben zuhause“ erinnert mich an „wir müssen draußen bleiben“, plakatiert für Hunde vor dem Eingang einer Metzgerei. Das kommt ziemlich hin. Mein Highlight des Tages ist der Abruf von worldometers.info, der mir in Sekundentakt die neuesten infizierten Fälle in der ganzen Welt auswirft. Das mache ich ca. 100 mal am Tag, nebenher ploppen die news Ticker von Bild, n-tv, Focus, Spiegel usw auf und lassen jeden Tag meiner Isolation wie ein Horrorszenario wirken.

Besonders toll ist auch, dass das „social bashing“ unter uns Deutschen ordentlich ausgeprägt ist. Will heißen, man guckt genau, was der Nachbar so treibt und ob er die Ausgangssperre, das „social distance“, die Einschränkung von Kontakten, genau nimmt. Da wird geschaut, ob man auf seinem Status nicht zu nah an einem Familienmitglied steht oder akribisch gezählt, wieviele Kontakte das Kind zu seinen Spielkameraden gehabt hat. Erich lässt grüßen! Besonders liebe ich auch die links blinken und rechts abbiegen Kandidaten. Das sind die, die pro Forma alle Regeln einhalten und dir ein schlechtes Gewissen einreden. „Nee, mein Kind spielt mit NIEMANDEM mehr!“ Und dann guckst du zufällig aus dem Fenster und siehst just diese Mama aus der Nutzholzsiedlung, wie diese tiefgeduckt kurz vorm Shutdown beim Friseur visavis eincheckt. Und du selbst sitzt da mit grauem Filz am Kopf.

Ich will nicht jammern! Meine Haut erholt sich gut ohne Kosmetika, die bequeme Pupshose kann man fünf Tage lang auftragen. Außerdem kann ich meine Talente als Lehrerin endlich an der eigenen Tochter ausprobieren. Nach einem langem Telefonat mit Frau Rehbein, ihrer Lehrerin, müssen wir da eh mal andere Geschütze auffahren. Da nützt es nix, dass die Hasi „ein Persönchen ist, mit starkem Willen und selbstbestimmt ihre Anliegen managt“. Ich fertige vorsorglich Schilder an, die das Arbeitsvermeidungs Vokabular meiner Tochter exakt festhalten und befestige diese gut sichtbar an die Tür:

Der Protest ist sogleich groß und den Tag zum Lernen kann man abhaken. Am nächsten Tag nehme ich die Schilder ab und nötige meine Tochter unter Androhung von Handyentzug auf Lebenszeit eine Lerneinheit von einer Stunde ab. Am übernächsten Tag schreie ich mein Kind schon an, bevor es überhaupt das Heft aufgeschlagen hat. Der Inscheniör im Homeoffice, welches im Gästezimmer nebenan untergebracht ist, hört mein Schreien und stimmt in dieses ein. Ans Lernen ist an diesem Tag nicht zu denken, denn das Kind vergießt bitterliche Tränen und kann sich unmöglich noch auf den Stoff konzentrieren. Am heutigen Tag lasse ich die Hasi ausschlafen um jegliche Konfrontation zu vermeiden. Nach dem Aufwachen ist es später Vormittag und sie darf erstmal ausgiebig Fernsehen schauen und Schleich spielen. Anschließend checken wir zwei online die neusten Modetrends und kaufen ordentlich ein. Für heute ist es zu spät um noch zu lernen und letztendlich passt doch ihr Gesamtpaket von Personality und Attitude.

Horrorszenario hin oder her! Es ist ruhig um uns geworden. Kein Autolärm, kein Geschrei vom Kinderspielplatz, keine Beschallung vom Hochzeitsstadel nebenan… die Vögel zwitschern, die Natur erholt sich, keine Kondensstreifen sind am Himmel zu sehen, Delfine tummeln sich im Hafen von Triest, das Wasser in der Lagune von Venedig ist wieder glasklar. Zeit, dass wir mal nicht von uns ablenkt sind. Zeit, dass wir genau schauen, wer und was uns gut tut. Und Zeit zu haben, am Abend in unserem alten Gewächshaus die Wärme und die letzten Frühlingsstrahlen zu genießen bei einem Bier! Prost!

Ein Gedanke zu “Wir müssen draußen bleiben

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous

    Coole Story – genauso isses momentan.
    Ich habe gar keinen Nerv mehr, Nachrichten zu lesen, zu hören oder zu sehen. Das Gespräch mit meiner gechillten Nachbarin Jutta, aus 20 m Entfernung – es glich eher einem Gebrüll – machte mich wieder etwas ruhiger. Sie hat mehrere Risikofaktoren, ist aber total positiv gestimmt und das gab mir Mut und Hoffnung. Hatte sie doch Ende der 80er Jahre schon Aids-Medikamente in ihrem Labor, in dem sie arbeitete, in der Hand, als noch gar niemand an Medikamente dachte…! Ich hoffe, dass auch irgendwann auf dieser Welt bald jemand ein Medikament in der Hand hält, das dann von allen Menschen auf dieser malträtierten Erdkugel gefeiert wird! Und hoffentlich sind die Leute dann dankbar und glücklich und vergessen, an Kriege und Atomwaffenbau zu denken.

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