
Da ich noch Quarantäne frei mit dem Auto unterwegs sein darf, schnarrt mir eine wichtigtuerische Ratgeberstimme aus dem Radio entgegen: „Der Vorsitzende der psychotherapeutischen Vereinigung in Deutschland empfiehlt in Bezug der Corona Pandemie folgendes psychologisches Vorgehen …“ Gottseidank habe ich in diesen Krisenzeiten neben dem Inscheniör und dem Apotheker, einen Psychotherapeuten im Freundeskreis. Verschiedene Mythen ranken sich um dessen bewegtes Leben. Allein die väterliche Biografie lässt vermuten, dass es in der Landeshauptstadt in den 50er Jahren Verhältnisse wie im wilden Westen zur Zeiten des Goldrausches gegeben haben muss. Billy the Kid oder Buffalo Bill waren zahnlose Tiger, wenn man dem Heldenepos des Psychotherapeuten Glauben schenken mag. Gebannt hänge ich an seinen Lippen, da selbst psychologisch bewandert, ich seinen tiefenpsychologischen Analysen von Regression und Übertragung lauschen darf.
Der Inscheniör und der Psychotherapeut verstehen sich trotz des unterschiedlichen Genres gut, vielleicht liegt es an der ähnlichen Frisur. Letzten Herbst ist es gewesen, dass der Psychotherapeut beim gemeinsamen Spaziergang in der fränkischen Natur ein fast nicht zu verarbeitendes Traumata erfahren hat. Hat ihm nicht die gemeine Hirschlausfliege – eine ungemein angriffslustige fliegende Zecke – in den Nacken gebissen. Eine umgehende Medikation mit Grippostad brachte nicht die gewünschte Besserung. Erst die Vergabe eines Antibiotikums und ein Pflaster auf dem gebissenen Nacken schafften Linderung. Die Gattin des Psychotherapeuten ließ mich per WhatsApp wissen: “ Er war so stolz mit seinem großen Pflaster.“

Im Kampf gegen das Corona Virus bedarf es starker Männer. Bewundernd hänge ich an Markus Söders Lippen, als er auf der Pressekonferenz klare Worte findet. In diesen Zeiten brauchen wir weder eine verschnupfte Angelika Merkel noch einen tippy-tappy Piazolo, der auschaut wie ein Grundschullehrer, der zu wenig Gemüselasagne zum Mittagessen abgekriegt hat. Allein das Sträuben von Söders dicken Augenbrauen und das dunkle Timbre seines „Allmächd“ Dialekts lassen mich glauben, dass die Welt – Bayern und Mittelfranken noch nicht verloren sind.
Auch könnte ich mich in die beschützende Arme des Inscheniörs fallen lassen. „Leider verfüge ich über keine zwei Meter lange Arme“, so lässt er mich wissen. Liebe in den Zeiten von Corona, beschränkt sich wohl auf meinen Kater Costa. Obwohl? Der Virus wurde in einem Ohr eines Chihuahuas nachgewiesen. Zumindest hat der Inscheniör genug Klopapier zur Seite geschafft. Das muss als Zuneigungbeweis für die nächsten fünf Wochen reichen. Außerdem ist er auf allen medialen Kanälen rundinformiert. Mit seinem Wissen beeindruckt er den Psychotherapeuten nachhaltig am Telefon: „Im worst case benötigen wir Atemschutzmasken und haben ABC Alarm. Alle vier Stunden eine neue Maske!“ Im WhatsApp Liveticker gebe ich das seiner Gattin 1:1 weiter. Ihr Mann wird zusehends leiser am Telefon. „Ja, ich habe genügend Klopapiervorräte … ja auch Nudeln und natürlich Konserven“, antwortet er mit dünnem Stimmchen. Willkommen im Wilden Westen des 21. Jahrhunderts. Leider kann sie dem Psychotherapeuten nicht helfen, falls er psychosomatische Hustenanfälle bekommen sollte. Schließlich hat die Gattin keinen zwei Meter langen Elefantenrüssel, mit dem sie bei einer Ohnmacht ihn mit ausreichender Sauerstoffzufuhr unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes versorgen könnte.
Hinter vorgehaltener Hand erfahre ich, dass der Psychotherapeut eine Wagenladung Einweghandtücher für seine Praxis geordert hat. Diese Berge an lebenswichtigem Material konnten sie nur unter Aufbäumen der gemeinsamen Kräfte an den richtigen Ort befördern. Gottseidank ist der Psychotherapeut ein starker Mann.