Pausengeflüster

Ich beneide den Kollegen, der heute zum letzten Mal in unserer Zwergenland Schule sitzt und seinen verdienten Abschied bei Schnitzel mit Kartoffelsalat feiert. Bevor wir endlich essen dürfen, müssen wir dem frischgebackenen Pensionär was trällern. Das machen wir immer, im Frühtau zu Berge, das ist Usus, natürlich individuell zugeschnitten.

„Ins Herrmann Göring Haus wir ziehen, falara…“. „Ist das DER Hermann Göring?“, fragt mich die junge Kollegin zu meiner Linken? „Ja“, quetsche ich zwischen zwei Oktaven hervor, „aber denk dir jetzt mal nix dabei. Die, die das umgedichtet hat, wählt zu 100 % grün!“ Weiter füge ich hinzu: „Es sind Stationen aus 40 Jahren gemeinsamen Schullandheimfahrten.“ Der scheidende Kollege ist von der angenehmen Sorte. Seine Witze über Frauen, Sex und das Leben haben uns vor Unterrichtsbeginn gerne ein Lachen auf unsere noch müden Gesichter gezaubert.

Seitdem ich 50 bin, versuche ich vermehrt auf meinen Humor zu setzen. Freundinnen und Kolleginnen, die diese magische Zahl noch vor sich haben, sind leider noch nicht zu dieser weisen Einsicht gelangt und probieren weiterhin mit aller Gewalt dem Verfallsdatum Einhalt zu gebieten. Da wird gelasert, gecremt, gezupft, was das Zeug hält. Ab 50 kannst du tiefenentspannt sein und lässt der Natur freien Lauf, denn du bist froh, wenn die Haare an den anderen Stellen deines Körpers noch nicht so grau meliert sind, wie die auf deinem Kopf.

Ich habe mir inzwischen einen alltagstauglichen Bürstenschnitt zugelegt, Shopping Attacken habe ich nur noch selten. Ich bin sparsam geworden und drehe jeden Cent dreimal rum. Der Inscheniör ist zufrieden mit mir. Unsere Gesprächsthemen drehen sich abends um die finanziellen Vorteile einer Hackschnitzelheizung. Ich bin schnell im Rechnen, bei einem staatlichen Zuschuss von 45 %, 8000 € gespart.

Ganz entspannt esse ich mein Schnitzel. „Kein Mensch hat das Anrecht auf NUR gute Düfte“, raunt mir Herr W. zwei Tische weiter zu. Hm, ein Schnitzel ist schweinsig, ganz klar. Aber viel schweinsiger ist manch kerniger Kollege, der sich gerne im WhatsApp Status auf seinem tiefergelegten Auto lümmelt. Hab ich mit 50 auch nicht mehr nötig. Die Zeiten, wo ich mit hochgeschnallten Möpsen und tiefem Dekolleté posiert habe oder sportiv in einer Kletterwand gehängt habe, sind vorbei. Kater Costa ziert inzwischen meinen Status. Wir sind wahrscheinlich gleich alt in Katzenjahren umgerechnet und haben beide Probleme mit dem drohenden Verlust unserer Zähne. In ein paar Jahren werden wir wohl auch gleich aussehen, so wie ein Dackel und sein Herrchen.

Nach dem Verzehr des Schnitzels halte ich noch ein kleines Pläuschchen mit der Kollegin aus der Nachbarschule. „ Na, was macht der Polizist mit dem strammen Popöchen“, frage ich sie aus. Gelangweilt wirft die Kollegin ihre frisch blondierten langen Haare nach hinten. „Hör mir auf! Unter der Woche schickt er mir tagsüber versaute zweideutige Bilder. Feierabend und am Wochenende hab ich Ruhe. Montag morgen ist er dann wieder am Start.“ „Schick ihm halt mal was Ähnliches am Wochenende, wenn er mit seiner Frau am Frühstückstisch sitzt. Wirst sehen, husch, hast ihn von der Backe!“, gebe ich ihr den Rat. „Ich kann gerne mal den Inscheniör anhauen. In seinem Stammtisch WhatsApp Chat, kursieren ähnliche Bilder.

„Du Inscheniör, ich brauch ein bissi dirty Foto aus deinem Stammtisch Chat“, so haue ich ihn einen Tag später an, als wir mit H. am frühen Abend einen 20jährigen handimportierten südafrikanischen Rotwein zwitschern. H. ist der Mann von meiner Freundin A., die zu einem Shoppingmarathon aufgebrochen ist. Davon kommt sie nicht so schnell wieder, denn sie ist noch unter 50. Ihr Mann hat deshalb bei uns Zuflucht gesucht. H. ist sofort angefixt. „Ein bisschen Verbalerotik schadet nie!“, so blinzelt er mir mit einem fast verwegenem Doppelzwinker zu. Der Inscheniör wird sofort fündig und leitet mir einschlägiges Material weiter. Das sonntägliche Frühstück kann kommen. H. muss jetzt auch heim, Frau und Sushi warten inzwischen. Weinselig erhebt er sich und raunt mir in mein Ohr: „Verbalerotik kannst du auch ganz gut.“ Na, was will man denn mehr mit 50! Humor und Verbalerotik gehen immer.

Ein Gedanke zu “Pausengeflüster

  1. Avatar von Daggi M. Daggi M.

    Cool- hast nun lange “ pausiert“…
    Glaube, ich kenne den Kollegen… Wenn der Vorname mit “ W“ beginnt, kenne ich diesen definitiv…
    LG
    Daggi M.

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