Arschengelchen

Ozan muss das Kapitel Liebesbriefe neu definieren, so flüstert die 5. Klasskollegin mir zu, seine Liebste hat mit ihm Schluss gemacht! Oh, sind mal wieder Arschengel unterwegs?Arschengel sind Menschen, die negative Gefühle in uns auslösen, indem sie etwas tun oder sagen, was uns verletzt. Auf der eine Seite beurteilt unser Verstand diesen Mensch als Arsch. Auf der anderen Seite ist dieser aber auch ein Engel, weil wir so nicht gelebte Gefühle ausleben können. Der Arschengel aktiviert den Kämpfer in uns, weil er uns zwingt sich mit den Dingen zu beschäftigen, die wir lieber ignorieren würden.

Den kleinen Arschengel hat mir eine Kollegin geschenkt. Ein wunderbares Geschenk wie ich finde. Ozan hat sicher noch nie etwas davon gehört, er passt sich aber prima den neuen Gegebenheiten an:

Nach den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft sind bei Ozan jetzt Trennungsbriefe zu erwerben. Angebot und Nachfrage bestimmen das Sortiment. Weil der Mensch per se gerade vor Weihnachten an das Gute im Menschen glaubt, kann man den Trennungs- auch wieder in den Liebesbrief umtauschen. Ganz so gutgläubig scheint Ozon nicht zu sein. Er weiß, dass Partnerschaften nicht auf Dauer in glutvollen Liebesbezeugungen gründen, sondern am Miteinanderwachsen. Deshalb verkauft er die Zusammenseinbriefe für 30 Cent das Stück.

Daran muss ich denken, als mein liebster Inscheniör gut abgefüllt mit Whiskey und Haggis (das ist ein gefüllter Schweinemagen) nachts um zwei neben mir ins Bett plumpst. Er war auf einem Männergeburtstag gewesen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man miteinander konkurrieren muss, wer schneller und mehr trinken kann. Der Inscheniör quält sich am nächsten Morgen aus dem Bett. Die rotgeränderten Augen schließen darauf, dass er gestern ganz gut abgeschnitten hat.

Wie war es den gestern?, frage ich mitfühlend. Jeder hat zwei Flaschen Whiskey dabei gehabt, so lässt er mich wissen, meine zwei haben gut im Test abgeschnitten. Testergebnisse sind dem Inscheniör wichtig. Der H. hat nur eine dabei gehabt, einen Johnny Walker, hat seine Frau für irrsinnige Summen einmal am Flughafen gekauft. Dafür hat er zwei Whiskey Bücher dabei gehabt, aus denen er rezitiert hat. Das Besäufnis scheint nebenher einen intellektuellen Anstrich gehabt zu haben. Da mich die Neugierde umtreibt, rufe ich bei Hs. Frau an.

Halli-hallo!, begrüßt sie mich gleich! Ist der Inscheniör schon wach? H. liegt noch im Bett. Ich schaue auf die Uhr, es ist bereits 11 Uhr. Schon lange, gebe ich an, er hat sogar schon den Christbaum aufgestellt. Anschließend gebe ich ihr einen kurzen Abriss der gestrigen Feier. So, so, kommentiert sie, dann kann der Inscheniör den lieben H. ja mal wecken! Gute Idee, finden wir und in uns wächst ein klitzekleiner Arschengel. Ich starte auf meiner Spotify Playlist den Song „Johnny Walker“, Hs. Ehefrau hält ihrem schlafenden Gatten den Hörer hin, der Inscheniör singt mit Westernhagen im Duett:

H. ist inzwischen wach. Auch wenn seine Gefühle jetzt negativ sein mögen, kann er daran wachsen. Schließlich hat er heute noch einige Aufgaben zu erledigen, wie z.B. den Christbaum aufstellen.

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