Ich habe mich für ein paar Tage während der Faschingsferien mit der Hasi und Dr. Riedl bei Oma Karin einquartiert. Alles wunderbar bei Vollpension, ausgiebigem Sportprogramm, reichlich Schlaf und einem spannenden Krimi. Da nehm ich gerne in Kauf, mir abends unzählige Dias anschauen zu müssen, wo ich selbst in Hasis Alter war mit Rundschnitt (made by Mutti), dürren Knien und einem rot-karierten Kleid. Ich war meist nah bei meiner Mutter auf den Bildern, ihre Hand haltend. Mein Vater hat fotografiert, er hat unser Leben gerne in Bildern festgehalten und so sehen wir uns schöne Erinnerungen an, die mich traurig stimmen.
Meine Mutter kommt gut klar als Witwe. Ein Mann komme ihr nicht mehr ins Haus, denn man wisse ja nie, ob man den pflegen müsse. Nein, Werni ist konkurrenzlos, auch nach seinem Tod. Das Haus hat sie stellenweise neu renoviert, Bilder von meinem Vater sind aufgehängt. Er schaut mich aus seinen braunen Augen an, wissend, er war ein stiller Beobachter mit feinsinnigem Humor. Das Auge war die Kamera. Oma Karin träumt regelmäßig, dass Opa Werni sie fragt, wo seine Kameras hingekommen seien. Da kriegt sie ein ziemlich schlechtes Gewissen, hat sie doch alle seine Habseligkeiten zügig verhökert.
Ich bin inzwischen fast zehn Jahre aus meiner Heimatstadt weg. Von diesen zehn Jahren hat es acht gedauert bis ich kein Heimweh mehr hatte. Ich bin bis auf meine Mutter und zwei alten Freundinnen niemandem mehr verbunden. Halt! Ich habe meinen Fitnessguru vergessen und seine unvergleichlichen Zumba Stunden. Deshalb stehe ich heute brav am Aschermittwoch auf der Matte um meine ziemliche deutsche Hüfte zu Salsaklängen zu bewegen. Doch, halt was ist das? Das kenn ich doch sofort!
Rock’n’Roll! Ich bin sofort wieder neun, wie auf den Dias von gestern mit Rundschnitt. Ich sitze mit meinem grauen Philipps Kasettenrekorder vor der einen Box der Stereoanlage meiner Eltern. Aus der dudelt Schlager der Woche, das Highlight am Freitag zwischen 18 und 19 Uhr und ich versuche die Hits aufzunehmen, selbstredend in Mono, und einem Mitschnitt mit der Stimme meiner Mutter, die ruft: Das Abendbrot ist fertig! You’re the one that I want aus Grease mit John Travolta ist mit meine erste Erinnerung an einen selbstbestimmten Musikgeschmack. Englisch konnte ich damals noch nicht. Also sang ich dieses Lied gemäß: yourthewoollowollo und dudelte es so lange auf den Kassenrekorder ab, bis sich das Band ins Laufwerk drehte. Um den Bandsalat wieder heile zu machen, genügte in der Regel ein gutsitzender Bleistift, den man in den einen Kasettenlauf steckte und das braune Band wieder aufleierte. John Travolta bringt mich heute Morgen auf Hochtouren, ich rocke die Stunde hüftschwingend und mit guter Laune. Ferien ohne Verpflichtungen sind einfach prima.
Die Zeit bis zu den Faschingsferien zog sich ins Unermessliche. Meine Schüler und ich, wir brauchten einfach Abstand voreinander. Ins Hirn ging auch nicht mehr viel. Die Mathekollegin vergoss bittere quadratische Tränen angesichts der Matheprobe. Ein Erklärvideo macht eben noch lange keinen Sommer. Da muss man eben mal aus seiner Komfortzone kommen und etwas tun! Nach den Ferien wird alles anders. Immerhin hat Jimmy schon nach den Lösungen des Mathearbeitsblattes gefragt und das in den Ferien!
Morgen geht es wieder nach Hause. Oma Karin freut sich schon, wenn sie wieder ihre Ordnung hat und will die nächsten drei Tage erstmal nix mehr kochen.