Schenk mir bitte keine Blumen…

Ich bin ein Teil meiner Klasse, wir halten zusammen, wir streiten, wir lassen Papierflieger fliegen und wir diskutieren gerne. Und weil ich Psychologin bin, kriege ich alles aus meinen Schülern raus, was ich wissen will. Ich bin von Berufswegen neugierig und fast 50. Da passiert nimmer viel. Deshalb nehme ich gerne Anteil an dem Leben der anderen.

„Jimmy“, ich setze mich direkt vor seine Nase, so dass er nicht aus kann, „wie war denn die Party: Hauptschüler meets Gymnasiasten?“ Ich brauche nicht lange um die nötigen Infos aus seiner Nase zu kitzeln. Jimmy ist äußerst kommunikativ, schade dass er seinen Hals nicht um 360 Grad rotieren lassen kann. Wir hätten jeden Tag von 8 bis 15.15 Uhr Dolby Surround.

Die Zusammenfassung lautet wie folgt: Jimmy lag auf Mareike, weil es einen Dominoeffekt gab und alle umgeplumpst sind; Freddy (ist neu in der Klasse und echt korrekt) steht auf Nadine, die saukorrekt ist und gut putzen kann; die drei Literflasche „Ficken“ war schon nach einer halben Stunde leer, Putzi bechert zwar gewöhnlich viel, aber „Ficken“ pur ging ned, nur mit Limo, ach und das Geburtstagskind ist dem Pizzaboten um den Hals gefallen und hat sich dafür dann den ganzen Abend geschämt… Ich hänge an Jimmys Lippen und bin kurzzeitig unaufmerksam, so dass ich nicht mitbekomme, dass der Lange und sein Banknachbar sich gegenseitig mit ihren Bücherständern vermöbeln. Jetzt muss ich aber mal wieder einen auf streng machen: “ Tu die Ständer weg!! Es geht weiter!!!“

Wir haben schließlich die Woche viel vor. Immer am Puls der Zeit ist unsere Schülerfirma. Und die Woche ist Valentinstag. Für mich alte Kuh ist das natürlich ein Teufelswerk des imperialistischen Spätkapitalismus, aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Zwei meiner braunäugigen Bambijungen tragen Engelsflügelchen und verticken die Rosen im Vorfeld.

Am Valentinstag beobachte ich mit Argusaugen meine Kollegen wie sie beschwingt zur Pause mit einer Rose in der Hand das Lehrerzimmer betreten. Nur meine Hände sind noch leer. Sollte ich keine bekommen? Bin ich inzwischen unsichtbar? Jetzt bloß keine Sinnkrise schieben, da steh ich doch darüber. Ich schleiche mich langsam im mein Klassenzimmer. Die Tür steht offen, die roten Vorhänge sind zugezogen und flattern eifrig im Luftzug. Was sehen meine Augen: sieben zusammengebundene Rosen stehen auf meinem Pult: „Frau P. … für die beste Lehrerin…“ steht da auf dem Schildchen geschrieben, was an die Rosen gebunden ist. Ich bin zu Tränen gerührt! Eine Sternstunde in meinem Lehrerdasein! Der Moment, von dem ich zehren darf, bis ich in Rente gehe!

Welch schöner Brauch ist Valentinstag doch! Aber Gottseidank ist das Lehrerdasein wie das Gesetz der Schwerkraft. Es holt einen schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Während ich am nächsten Tag die Zeugnisse mit jedem einzelnen bespreche , werden Flieger gebaut, der Lange verkloppt den Banknachbarn mit seinem Ständer und Blondie bölkt mir entgegen: „Kennen Sie das auch? Wenn man sich rasiert, dass es dann brennt, wenn man Deo draufsprüht?“

Aber Gottseidank ist Freitag, das Wochenende naht, die Sonne scheint und der Frühling klopft an die Tür. Was will man mehr, wenn man 49 und einhalb ist?

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