Mikroskopisch klein

Soll ich vorlesen oder willst du selber lesen?, sagt die Kollegin zu mir, als sie aus meiner Klasse kommend, sich zu mir ins Lehrerzimmer hockt. Sie hält mir auffordernd ein Handyfoto unter die Nase. Puh, mach du, seufze ich. Ich bin gerade von einem bösen Männerhusten genesen und leider noch etwas stimmlos. Darfst gleich mal raten, wer es fabriziert hat und fängt das Lesen an: Ich ging zu meiner taubstummen Freundin. Außerdem ist sie klein und gläubig. Ihre Augen sind leuchtend blau. In ihrem schwül warmen Zimmer wuchs mein mikroskopisch kleiner  * piep * rasend schnell. An dem Tag war sie wahnsinnig gut gelaunt. Ihre dicht behaarte * piep * … Es ist still im Lehrerzimmer geworden als die Kollegin endet. Was hast du denen im Wochenplan aufgegeben?! …, so insistiert sie. Westermann, Sprachbuch, S. 93: Getrennt und Zusammenschreibung von Adjektiven. Aber voll die sprachgewaltigen Bilder oder?  Typisch, da ist man mal zwei Tage weg und schon läuft der Laden nicht rund. Was hast du dir nur dabei gedacht, so pflaume ich den Verfasser an. Gestern noch mit Stofftieren gekuschelt und heute rasend schnell pubertär??? Dieser pflaumt zurück: Bei der Aufgabenstellung hat sich weiß Gott nix anderes angeboten!!!

Ja, da hab ich wohl mal wieder einen unverzeihlich dummen Fehler gemacht – zusammen oder getrennt – * piep * egal! Es ist bald Weihnachten und da ist man ja bekanntlich milde gestimmt, vergibt oder es wird einem vergeben. Und die letzten Tage vor der Ferien sitze ich doch auf einer * piep * Backe ab. Ich mache mal YouTube an, das geht immer und erzähle ihnen was von Queen, da gehe ich nämlich heute ins Kino. Kennt jemand Queen?, frage ich in mein Publikum. Merkliches Desinteresse macht sich breit. Argh! Also mein Freund war in Bohemian Rhapsody. Er hat sogar geweint!, so kommt es rechts vom Fensterplatz. Na, dann auf zu Freddie ohne Brexit am Flügel im weißem Satinanzug: Is this the real life, is this just fantasy…Das frage ich mich auch jeden Tag.

Abends im Kino  nimmt uns Bohemian Rhapsody von der ersten Minute an gefangen. Opulente Bilder, grandioser Rock und ich kann fast jedes Lied mitsingen. Ich bin mit Freddie und Queen aufgewachsen. Liebes Tagebuch! Ich komme gerade von der Lukasdisco. Es war voll geil. Zum Schluss haben sie Queen gespielt. Bei We will rock you haben wir uns hingekniet und mit den Händen auf den Boden geschlagen …

Under pressure im Duett mit David Bowie ließen mich als rasend schnell Pubertierende den Konflikt mit meinen spießigen Eltern erträglich machen. David Bowie unterstützte mich dabei androgyn mit Hut als Poster im Badezimmer. I want to break free … Wie im Rausch verlassen wir das Kino, hüftschwingend und singend. Der Inscheniör lässt seine spotify playlist starten: Don’t stop me now!!! 

Und heute als der Rausch verklungen ist,  muss ich mich zwingen, meine Rechtschreibprobe zu korrigieren. Plötzlich sticht mir ein gemaltes Blümchen auf einem Probenblatt ins Auge. Unter dem Arbeitsauftrag „Formuliere drei Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung“ steht neben der Blume: Keine Ahnung, aber vielleicht geben sie mir auf diese wunderschöne Blume ’nen halben Punkt 🙂 

Und da muss ich wieder an Freddie denken, der schon seit über einem Vierteljahrhundert als Sternschnuppe wie ein Tiger durch den Himmel springt und  singt: So don’t stop me now, don’t stop me …‚Cause I’m having a good time, having a good time. Und dass wunderschöne Blumen bis in den Himmel wachsen und tröge Arbeitsaufträge in Sprachbüchern gerne wahnsinnig gut neu interpretiert werden dürfen. Und es ist meine Aufgabe als Lehrerin ist, meine Schüler in ihrer Einzigkeit zu fördern. Mikroskopisch kleine Korinthenkacker gibt es in diesem Universum zuhauf. Ich denke, Freddie hätte mich verstanden.

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