
…ich freu mich auf euch, so schleime ich bereits vor zehn Tagen im Klassenchat und bekomme verdienter Weise nur eisiges Schweigen zurück. Egal! Voll motiviert starte ich in das neue Schuljahr. Meine Schultasche ist prall gefüllt mit neuen Ideen und pädagogischem Schnickschnack und mein Hirn angefüllt mit der Gutgläubigkeit, dass ich noch etwas ausrichten könne. Zumindest empfängt mich kein Pfeifkonzert als ich mein Klassenzimmer betrete und stolz das Schild 10 M Frau P. betrachte.
Meine Schüler chillen am Ecksofa, winken mir – nicht unfreundlich – kurz zu, bevor sie sich wieder ins Gespräch vertiefen. Ich möchte nicht gleich am ersten Tag zickig wirken und warte bis sie sich allmählich auf ihre neuen Plätze begeben. Ich packe meine pädagogisch-psychologische Zauberkiste aus und lasse sie Ziele formulieren, verpackt in poppige Roy Lichtenstein Comics. Diese habe ich noch mal verkleinert ausgedruckt und sollen laminiert auf den jeweiligen Platz geklebt werden. Man kann von den Kollegen aus der Grundschule richtig viel lernen und es kann nix mehr schief gehen mit dem Abschluss im nächsten Schuljahr. Meine Lieben sind eher unbeeindruckt und arbeiten lieber verbal sechs Wochen Sommerferien untereinander auf.
Frau P.! An der Abschlussfahrt, kann man sich da auch Mopeds ausleihen und die Küstenstraße rauf und runter heizen? Na, hat ja nicht mal eine geschlagene Schulstunde gedauert bis die wirklich wichtigen Themen auf den Tisch kommen. Boah, so geht bei Blondie ein Strahlen über das perfekt geschminkte Gesicht, ich leih mir nen Roller aus. Hab zwar keinen Führerschein, aber egal. Ich fange bereits jetzt innerlich das Schwitzen an und lenke das Thema auf die Introduction unseres altgedienten Englischlehrwerks.
Frau P., so unterbricht mich die nächste Schülerin, was halten Sie von der Idee, dass wir auf unseren Abschlusspullis das Logo draufmachen, was der M. letztes Jahr gezeichnet hat. Ich stehe gerade auf dem Schlauch, war ich doch noch damit beschäftigt zu gucken, wo überall Englisch als official language gesprochen wird. Na, sie wissen schon, wo er gemalt hat, was wir alle für Hobbys haben. Bei Ihnen war es eine Weinflasche, so hilft sie mir auf die Sprünge. Ich gebe mich geschlagen und wir verbringen gechillt den restlichen Vormittag, um sinnfreie Motive mit Bierflaschen und Sprüchen a „nix gerafft und doch geschafft“, ausklingen zu lassen.
Am Abend beschwere ich mich bereits bei meiner Kollegin, dass wir sofort die Sitzordnung ändern müssen, sonst würde das schwer werden mit dem Abschluss. Die Kollegin ist flexibel und wir tüfteln bei einem einstündigen WhatsApp Videocall und Legekärtchen bis ins Detail.
Meine Lieben sind nicht sehr amüsiert über die Sitzordnung, fügen sich aber. Dr. Hermann H., so versuche ich einen meiner Deutschtalente einen Unterrichtsbeitrag zu entlocken, Wo sind wir denn gestern stehen geblieben? Ich setze dabei einen glaubwürdig gespannten Gesichtsausdruck auf. Woher soll ich das noch wissen?, antwortet er mir mit stoischer Miene, die nur durch das gleichmäßige Kauen seines Kaugummis gestört wird. Gottseidank gibt es noch die inzwischen auf fast einsfünfundsechzig gewachsenen, die mit ihren gleichen Brillen glatt wie Zwillinge durchgehen und mir die passende Antwort sofort unisono entgegenbölken. Seit zwei Tagen präsentieren sie sich mir als Musterschüler. Ihr seid mir unheimlich!, so tue ich meine Verwunderung kund. Seid ihr krank, nehmt ihr was ein??? Sie beachten mich nicht weiter und schreiben still ohne Zuckungen den Hefteintrag ab.
Sollte doch irgendetwas im vergangenen Schuljahr gefruchtet haben? Ernte ich die Früchte im Juli 2019? Bin ich etwa zu kurzsichtig mit meinen jetzigen Prognosen? Frau P., unterbricht eine Schülerin meine Gedankengänge, sie wissen mehr als meine eigene Mutter über mich! Oha, es scheinen also auch meine Ratgeber in Liebesdingen gefruchtet zu haben. Und mal ganz ehrlich, wer will schon angepasste Einser Streber vor sich sitzen haben. Das Leben schreibt doch seine eigenen besten Geschichten.