
Mama, so schreit meine Tochter heute morgen um 6.30 Uhr oben aus ihrem Zimmer, grad ist auf der Straße ein Eichhörnchen überfahren worden!! Ich könnte glatt ein paar Tränchen verdrücken als ich mir das Eichhörnchen vorstelle: klebend auf dem Asphalt der B 2 mit leeren Augen, blutend, nur der buschige Schwanz weht vom Fahrtwind der Autos. Und nicht genug der Dramatik: auf dem Weg zur Schule sehe ich den zweiten toten Nager mit leeren Augen, blutigem Schwanz …
Ich fahr nirgendwo mehr hin. Ich hab genug von der Welt gesehen, so legt meine Mutter ohne Vorwarnung los, bevor ich überhaupt hallo ins Telefon rufen und fragen kann, wie der Urlaub war. Was hast du denn schon groß von der Welt gesehen? frage ich verwundert. Australien, Irland und Kärnten!, so schnappt sie zurück, und zuhause ist es eh am Schönsten. Wenn man nirgendwo mehr hinfährt, kann man auch keine Eichhörnchen überfahren!
Hast du schon gehört?, der Laden, wo du das sauer verdiente Geld vom Inscheniör ausgibst, macht zu!, so tuschelt mir eine Freundin bei einer Laufeinheit zu. Ich bleibe wie angewurzelt stehen: was mach ich nur in Zukunft, wenn meine Seele wieder nach Selbstbestätigung schreit und ich diese nur durch Kleidung und Schuhe zum Schweigen bringe? Wenn man nie mehr vis- a-vis von Schuh- zum Klamottenladen quer über die Straße im Schweinsgalopp rennen kann, dann kann man auch nicht wie ein Eichhörnchen überfahren werden, blutend und mit leeren Augen auf dem Asphalt liegen!
Mama, so heult die Hasi hysterisch, die A. hat zu ihrem Geburtstag gaaanz viele Schleichpferde bekommen und ich nur drei!!! Als Beweisstück hält sie mir ihr Handy unter die Nase, auf dem ihre BFF in einem 5- minütigen Video ihre Geburtstagstrophäen in epischer Breite verfilmt hat. Das Drama ist perfekt und wird noch perfekter, als der Inscheniör ihr zu zischt: Du hast auch keine verdient, du bist in der Schule nicht fleißig! Mir eröffnet er zugleich eine neue pädagogische Taktik: Vielleicht sollten wir uns nur noch mit armen Leuten abgeben? Hätte man die Eichhörnchen vielleicht retten können, wenn man das Geld nicht in Plastikpferde, sondern in den aktiven Tierschutz gesteckt hätte, beispielsweise in einen extra angelegten Kleintierzebrastreifen?
Ich kann nachts nicht mehr schlafen, so weint sich meine Kollegin bei mir abends am Telefon aus, wenn ich an die Abschlussprüfungen denke. Die Kollegin holt ihre Schüler im Hier und Jetzt proportional zugeordnet ab: Wir bereiten uns täglich für zwei Stunden für die Prüfungen vor. Nach drei Tagen machen wir eine 11-tägige Pause, in der wir täglich bei Kerwa und Schwimmbad versumpfen, lustige Snapshot Stories posten und an der Konsole Wurzeln schlagen. Von den insgesamt 15 Schülern fällt noch eine aus, die während der Unterrichtszeit ihren Nachtschlaf nachholt. Wie viele Stunden braucht es noch, um den Lernstoff in das beratungsresistente Schülerhirn zu transferieren? Die Antwort liegt bei irgendwas von einer Stunde und 31 Minuten… fünf von den 15 Zöglingen kommen auf das richtige Ergebnis und das ist doch eine beachtliche Ausbeute und macht den Anblick der armen toten Nager vergessen!