Frau P., so flüstert mir die Bienenkönigin hinten links vertraulich ins Ohr, der Jimmy musste sie fei vier Stunden lang bearbeiten, dass des was Gescheites wird auf dem Klassenfoto!!! Ich schlucke tapfer und gebe mich extremst locker: Na, wenn das kein Vertrauensbeweis ist und von einer gelungenen Lehrer- Schülerbeziehung zeugt…In meinem Inneren bricht derweil Panik aus: Bin ich wohl schon voll die Gesichtsbratze, die man vier Stunden durch den Filter jagen muss, damit sich Jugendliche nicht mit mir auf einem Foto schämen müssen? Betont gleichgültig frage ich bei Jimmy nach. Puh, so antwortet er mir gelassen, es war ihr Leopardenkleid mit der Kette dazu. Das hat die Arbeit gemacht mit den ganzen Schattierungen. Ich seufze unhörbar auf und gebe mich zerknirscht: Das Kleid ist neu und ich hab es extra für das Klassenfoto angezogen und… und ich wollte halt schön aussehen. Jimmy winkt ab und schaut mich dabei milde an, als wenn er mit seinen 17 Jahren schon ziemlich genau wüsste, wie kompliziert Frauen sein können.
Ziemlich schwere Kost ist auch unsere Klassenlektüre „Der Vorleser“ um Hanna, die KZ Wärterin, die aus Scham, dass sie nicht lesen und schreiben kann, lieber lebenslänglich ins Gefängnis geht. Und Michael, der als junger Mann eine Affäre mit Hanna hatte, sie nie vergessen kann und diese maßgeblich seine weiteren Beziehungen in seinem Leben beeinflusst. Die Übereinssechzig gruselt es bereits bei dem eher harmlos beschriebenen Nacktkuscheln Szenario zwischen dem ungleichen Paar. Und im Film ist alles noch in Naturbehaarung zu sehen, unvorstellbar!! Und dann kommt noch Frau P., die ihnen einen inneren Monolog abverlangt, was Michael fühlt als Hanna ihn verlässt.
Beim Korrigieren mache ich mich auf das Schlimmste gefasst und bin baff erstaunt, welche romantische Seele sich in den Jungs befindet: …ich liebe sie, ich vermisse sie jetzt schon, ihr Lächeln, ihr Gesicht, wenn sie verärgert ist, wenn sie die Augen dabei angestrengt zukneift, aber im hintersten Mundwinkel dennoch ein kleines Lächeln trägt, wenn man ihr tief in die dunklen Augen schaut… was hat sie nur aus mir gemacht? Mein Gott, hier muss kein Mensch mehr ein Erdbeereis essen!
Ich liebe sie und sie mich doch auch? Oder etwa nicht? War ich für sie nur ein Spielzeug, dass sie einfach so wegwerfen kann? Ach, ich weiß es nicht und werde es wahrscheinlich nie erfahren. Nun sitze ich hier, alleine und traurig an meinem Lieblingsplatz. Zum Glück kennt diesen Platz niemand …Ich überlege an dieser Stelle meine Beziehungsratgeber der letzten 20 Jahre didaktisch aufzubereiten.
Selbst der sonst so stoische Dr. H.H. schreibt vom Schlag des Karmas und fühlt sich wie zerstreut. Tausend Gedanken und nicht einer ist klar. Das ist ganz großes Kino und tröstet mich etwas hinweg als ich heute wehrlos auf dem Rücken auf der Zahnarztpritsche liege. Dieser gibt sich nur bedingt optimistisch angesichts meines Kreuzbisses und dem daraus resultierenden zurückgehenden Zahnfleisch. Hier gibt es leider nix mit einer vierstündigen Bildbearbeitung zu optimieren. Ich muss zu Dr. Maul, einem Kieferorthopäden, der sich – nomen est omen – mal meinen Kreuzbiss anschauen soll. Ich sehe mich bereits mit meinen Schülern auf Augenhöhe mit dem BREXIT im Mund, so heißen doch die Dinger in der Zahnspange, wenn man Blondie aus der ersten Reihe Glauben schenken darf, oder?
Etwas ernüchtert trete ich den Heimweg an und mache mich an den zweiten Teil der Deutschprobe. Jetzt ist Hanna an der Reihe und schreibt Michael einen Brief, nachdem sie ihn verlassen hat. Und Gottseidank gibt es noch Putzi, der mir den Realitätscheck gibt: aber jetzt ist es zu spät und ich kann nix mehr ändern. Danke für alles mein Jungchen.
Mit freundlichen Grüßen … so lautet seine abschließende Grußformel