Nächster Wellenbetrieb um 13.15 Uhr!, so schnarrt die Stimme des Bademeisters blechern aus dem Lautsprecher. Seit ca. 20 Jahren bin ich mal wieder im Freibad meiner Heimatstadt. Ich richte meinen Liegestuhl gen Sonne aus und hänge meinen Gedanken nach. Es ist die gleiche Stimme, so scheint es mir, die den nächsten Wellenbetrieb ankündigt, als ich ein Mädchen in Hasis Alter war. Da gab es noch Badekappenpflicht und man wurde rigoros aus dem blechernen Lautsprecher darauf hingewiesen, wenn man diese aus geschäumten Gummi nicht trug. Ich rieche die Sonnencreme Delia, max. Lichtschutzfaktor 4 und die selbstgeschmierten zusammengeklappten Brote mit Salami. Auch sehe ich den Zahnabdruck meines angebissenen Brotes und die halbgeschmolzene Butter, die mit der Salami eine Einheit bildet, vor mir.
Schläfrig öffne ich die Augen und nehme aus dem Augenwinkel einen Mann wahr: blaß, kurzgeschorene Haare, kleiner Bauchansatz, der sich zielstrebig meiner Liege nähert. Erst als er direkt vor mir steht: BÄM! FLASHBACK! Ich schreie entsetzt: Ach du Scheiße, da geh ich nach 20 Jahren mal wieder ins Bad, weil ich denk, ich kenn keinen und dann treff ich DICH! So schlimm, fragt mein Gegenüber. Ich gehe nicht darauf ein, stattdessen bölke ich zur Hasi, die zehn Meter weiter auf einem Trampolin springt: Komm ma rüber, des is der Schnuffi! Bis meine Tochter bei mir ist, haben sich schon Schnuffis Frau plus die drei Kinder in Orgelpfeifengröße vor mir aufgebaut. Ich brauche all mein psychologisches know how um mich mit Leuten zu unterhalten, mit denen ich den letzten Jahren nur sporadisch bzw. noch nie gesprochen habe.
Die Hasi beobachtet die Szenerie argwöhnisch in gebührendem Abstand. Auf dem Weg ins Sprudelbild will sie wissen: Hast du DEN früher geküsst? Klar, er war doch mein Mann!, antworte ich ehrlich. Bilde ich es mir ein oder ist sie eifersüchtig? Im Sprudelbad sind wir zwei nicht lange unter uns. Auch der Ex mit Familie sitzt im sprudelnden Chlorwasser und wir üben uns im small talk: Also Hühner sind die besten Haustiere, so palavert er. Ich hab zwei Katzen! Was macht dein Hund?, frage ich nach. Plötzlich zieht Schnuffi seinen Mund in leichte Kräuselwellen, die Augen strahlen in einem wehmütigen Ausdruck als er mit etwas fiepender Stimme antwortet: Ich kann momentan nur wenig Gassi mit ihm gehen, ich hab den Meniskus gerissen und muss operiert werden! BÄM! FLASHBACK! Ich tauche lachend unter und freue mich insgeheim, dass ich ihn damals vor 14 Jahren angebracht habe.
Zufrieden teilen die Hasi und ich uns Pommes auf unserer Decke. Wir müssen raus der Sonne, können wir uns zu euch legen? Bevor ich antworten kann, zieht die fünfköpfige Meute ihre Decke quer über den Rasen. Ich verbringe die nächste halbe Stunde mit Mau – Mau spielen mit mir völlig Fremden. Schnuffi hält derweil sein Schläfchen auf dem Schwimmflügel seines jüngsten Sprösslings. BÄM! FLASHBACK!
Gottseidank ziehen bald dunkle Wolken auf und wir können nach Hause gehen. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, bekomme ich zum Abschied zu hören als er mich umarmt. Ja, nächstes Jahr im Schwimmbad, entgegne ich. Zuhause rufe ich umgehend den Inscheniör an: Rat mal, wen ich im Freibad getroffen habe?