Katz und Kuh

Herrje, die kälteste Nacht des Jahres steht bevor. Hoch Hartmut hat seinen Laden im Griff: beißende Kälte, eisiger Wind und Extremtemperaturen. Da müssen meine neuen weißen Café Noir Turnschühchen mit den riesigen weißen Schleifen noch ein bisschen warten. Ich kann sie höchstens mit ins Bett nehmen und vorwärmen. Dorten ist für diese Woche etwas mehr Platz, denn die Hasi ist ins Schullandheim gefahren. Ganz tapfer war sie bis zuletzt, dann sind doch die Tränen geflossen als sie mit ihrem großen Stoffhund zwischen der Henry Mama und der Lehrerin auf den Bus gewartet hat. Scheinbar ist sie doch in den Bus gestiegen und hat ihre einsamen Eltern zurückgelassen.

Die müssen jetzt schauen wie sie die Lücke füllen. Im Vorfeld gebe ich mich cool 😎, als Clara fragt: Freust du dich, wenn ich weg bin? Klar!, ich pinkle Eiswürfel als ich antworte, dann kann ich jeden Abend mit dem Inscheniör nackt kuscheln! Boah, tu das nicht, belehrt mich meine Tochter sogleich, da kriegst du sonst fünf Kinder!!! Na, so ein wenig Einsamkeit schadet wohl doch nicht.

Und jetzt ist die Hasi bereits die zweite Nacht weg, wo es doch so eisekalt ist und ich nicht weiß, ob sie ihre Fettcreme täglich aufträgt, ihre Ortomol Vitamine, die Schüsslersalze und Halslutschpastillen regelmäßig nimmt und ihre Skihose und die Thermounterwäsche anzieht… und überhaupt fließt durch diese fremde Ortschaft ein Bächlein und ich RABENMUTTER hab vergessen, die Rettungsweste einzupacken.

Gottseidank gibt es noch meine Klasse, die mein Leben nicht langweilig werden lässt und meine mütterliche Sehnsucht in den Hintergrund drängt. Ich hab sie alle von Herzen gern und bin fast ein wenig traurig, wenn ich meinen Kollegen, die gerne ein Gespräch mit folgenden Worten beginnen: Du, deine haben heute wieder…, leider zur Antwort geben muss: Geboren habe ich sie nicht! Und sie sind in der vollen Pubertierblüte, da ist man immun gegen Lehrer, die nur das Beste wollen und den Lernstoff, der als unnützes Wissen sofort aus dem Puberhirn outgesourcst wird.

Heute wieder auf ein Neues: Ich möchte die Unterscheidung von simple past und present perfect aus ihnen herauskitzeln, Stoff der 6. Jahrgangsstufe. Eine Schülerin sitzt bereits an der Dokumentenkamera und darf die Signalwörter des Textes farbig markieren, die ich dann nochmals an der Tafel verewigliche. Blondie aus der ersten Reihe ist mit Eifer dabei: is coming! Ich rolle mit den Augen. Does coming? Ich stampfe mit dem Fuß auf. Don’t come! Ich kapituliere. Und Jimmy aus der letzten Reihe, der buchstäblich alles überblickt, merkt kritisch an: Also, du scheinst ja den Stoff aus der 5., 6. und 7. Klasse komplett übersprungen zu haben! Da ist Blondie schon mal kurz sauer, aber Gottseidank ist ja gleich Pause, wo die wirklich wichtigen Infos ausgetauscht werden.

Die Pausenklingel kommt pünktlich. Ich packe meine Sachen zusammen und atme tief durch als ich denke: Ich habe sie nicht geboren. Ich muss ihnen keine Rettungswesten anlegen. Sie müssen selber schwimmen lernen. < em>Und jetzt du olle Helicoptermuddi, jetzt mach dir mal ein paar gute Gedanken, insistiere ich bei Pilates zwischen der Katz- und Kuhübung, Hartmut hat seinen Laden bis Freitag voll im Griff, da sind Rettungswesten voll überflüssig!

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