
Es ist immer dasselbe in der Adventszeit. Jedes Jahr nehme ich mir vor langsamer zu machen, mich nicht stressen zu lassen von den pubertierenden Frechfratzen, Terminen, Korrekturarbeiten, blöden Gedanken und Adventsfeiern. Irgendwie gelingt es mir nie und kurz vorm Christkind lass ich die Flügel hängen: Erkältung, der Inscheniör leidet gleich solidarisch mit und die Hasi erfreut uns mit Magen-Darm – alle Stecker gezogen!
Deshalb liegen wir am dritten Advent wie die toten Fliegen am Sofa. Die Hasi rechts, ich links, der Inscheniör trohnt in der Mitte. Der Ofen bullert, der Kater träumt leise schnurrend von dicken Mäusen und auf dem TV läuft Ostwind 3.
Die Story ist schnell erzählt: kapriziöser Hengst namens Ostwind sehnt sich nach seinen Wurzeln. Die liegen im spanischen Andalusien an einem sagenumwobenem mystischen Ort. Die Besitzerin, eine spirituelle Pferdeflüsterin, erkennt die Bedürfnisse ihres Gauls und macht sich auf die Suche nach seiner Heimat. Selbstredend rettet das Mädchen noch die Farm, das Land und die ganzen Wildpferde darauf. Alles Verwandtschaft von Ostwind. Dieser gewinnt dann noch frei und ungezähmt ein traditionelles Pferderennen. Ein Stoff aus dem Mädchenträume sind.
Dementsprechend sitzt die Hasi wie ein hypnotisiertes Karnickel auf dem Sofa. Kein Blitzeinschlag könnte ihren Blick vom Bildschirm abwenden. Auch ich liebe Pferdegeschichten. Bin ja ein Mädchen und mit Black Beauty und Bille und Zottel groß geworden. Deshalb schaue ich ebenso gebannt… und es wäre keine ergreifende Geschichte, wenn Ostwind nicht plötzlich bei seiner Wildpferdverwandtschaft im fernen Spanien bleiben wollte…
Meine Augen fangen das Schwitzen an. Eine Welle der Erinnerung schwappt in mir hoch: Bambi, Lassie … Ich suche Frauensolidarität bei meiner Tochter. Hasi, das ist doch voll traurig, dass Ostwind dableiben will. Clara zuckt teilnahmslos mit den Schultern, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, bevor sie mir abgeklärt antwortet: Der wird gerade ausgewildert!
So bleibe ich mit meinem Ostwindkummer allein. Als ich vorhin bei Pilates in der herabhängenden Hund- Stellung meine Glieder dehne und recke, fällt mir das Schlagwort wieder ein: Ausgewildert! Jawoll, das ist es. Ich möchte gerne auch ausgewildert sein, frei und ungezähmt! Zumindest von Zeit zu Zeit! Kein Butterbreznschmierer, kein Klassentagebuchausfüller und kein Gedankenkreisler.
Da kann ich durchaus von Ostwind lernen. Aber wie das Leben so geht, erzählt mir die Hasi vorm Zubettgehen: Du Mama, in Teil 4 kommt Ostwind fei wieder zurück! Soviel zum Auswildern…