
Wenn ich an die Wiener Straße denke, fällt mir zuallererst meine Jungmädchen Fantasie ein, nämlich in einer abgefahrenen Künstler WG in Kreuzberg zu wohnen und zu studieren. Fakt war, dass es in Wahrheit nur zu der Uni 50 km von meiner Heimatstadt gereicht hat. Wunsch und Realität waren zwei paar Schuhe, der zweite hat gepasst.
Wenn ich wiederum an die Berliner Straße denke, fällt mir meine Schulfreundin Eschi ein, eine Mitstreiterin aus meiner Anti AKW Zeit. Als ich sie mit Mitte Dreißig in Kreuzberg besuchte, lebte sie noch so, wie unsere Träume mit 18 waren: in einer WG mit einem Mitbewohner, der im 20. Semester Philosophie studierte und Berge von schmutzigem Geschirr, für das sich keiner zuständig fühlte.
Und letztendlich denke ich bei der Wiener Straße an Klassenfahrten, bei denen ich mit meinen mir anvertrauten Schützlingen in Kreuzberg take away Pizzen für Einsfuffzig aß und wir Bars besuchten, in denen es nicht nur nach frischem Zigarettenrausch stank.
Und heute Abend sitze ich mit dem Inscheniör bei einer Lesung von Svens neuem Buch „Wiener Straße“. Die Charaktäre bewegen sich selbstredend auch in den 80er Jahren. Der Erzählstil erfolgt im Dialog, so werden die Personen im Buch zum Leben erweckt: Karl Schmidt, H. R. , Chrissi, Herr Lehmann und noch ein paar andere.
Der Inscheniör gibt sich launig, weil die Location schwarzkittelig wie zu Bootszeiten anmutet und die meisten Besucher ebenso aussehen. Nach 90 Minuten ist Schluss mit der Lesung. Das geht in Ordnung. Freitag ist ein müder Tag.
Nach der Lesung darf man sich noch ein Buch signieren lassen. Wie blöd aber auch, hab das Buch nur auf Kindle und außerdem ist Freitag und das ist, wie schon erwähnt, ein müder Tag. Ach, Herr Inscheniör, lass uns nach Hause fahren. Als ich in meinem Sterntalerkleid gerade meine bling-bling Mütze aufsetzten will, läuft Sven an mir breitbeinig vorbei. Er ist von kleiner Statur, ein ältlicher Mann in einem langen Mantel. Irgendwie nehmen sich die Männer in diesem Alter nicht viel.
Und ich schaue erstaunt und verpasse den Moment, indem ich hätte sagen können: Du , Sven kennst du mich noch? Ich hab dich mal vor 30 Jahren bekocht. Es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch! Und so bleibt es bei dem Augenblick des Vorübergehens in meinem Sterntalerkleid und der Vorstellung, dass dieser Mensch meine Gedanken teilt seit 30 Jahren.