
Das Highlight jedes Lehrers ist der alljährliche Wandertag. Da kann man sich nicht drücken, denn er ist vom Kultusministerium vorgeschrieben. In meiner 20 Jährigen Wandertagkarriere habe ich einiges erlebt:
– russische Mädchen, die in Stöckelschuhen einen Trimm-dich-Pfad zum Erlebnisparcour gemacht haben.
– Schülergruppen, die sich nach einem gesunden Fußmarsch plötzlich auf die Hälfte dezimiert haben, obwohl man als Lehrkörper vorher ordentlich auf Vollständigkeit durchgezählt hatte.
– Wanderungen, wo man sich als weibliche Begleitperson blindlings auf den männlichen Kollegen verlässt und diese sich in den Sackgassen der Vorstädte verlaufen und die Aussicht auf Schuhgeschäfte und weiteren Shoppinghöhepunkten somit gen Null tendiert
Aber heute, so dachte ich, habe ich alle möglichen Restrisiken dezimiert. Mein Parallelkollege, schnittig, dynamisch und fast 20 Jahre jünger als ich, ergänzt sich gut mit mir. Er sucht die Route aus – ich hab die Pizzabestellung unter meiner Fittiche. Als ich früh das Lehrerzimmer betrete, hat mir dieser die Route ausgedruckt, in Form von drei Blättern, jeweils mit eingezeichneter Route und Kilometerangaben. Ich überfliege diese und komme grob geschätzt auf 10 km, ein Kinderspiel für meinen trainierten Körper in den besten Jahren.
Im Regen wird gleich zackig marschiert, ich bin schon nach 100 Meter außer Atem. Zwei Jungs aus der Parallelklasse machen das Tempo. Meine Güte, hatten die kenianische Langstreckenläufer unter ihren Vorfahren? Der Blick in die idyllische fränkische Landschaft sowie der nette Plausch mit Schülern bleibt mir untersagt, ich muss schauen, dass ich nicht den Anschluss verliere. Ich beiße die Zähne zusammen. Selbst, wenn ich jetzt gerne Wutwandern wollte, die äußeren Umstände hätten mich eines Besseren belehrt. Die Schüler marschieren ohne zu murren, lassen sich ohne Widerrede im Gänsemarsch einordnen, sie machen das Prozedere jedes Jahr mit, seit der 7. Klasse. Nach sechs km strammen Fußmarsches ohne jegliche Pause, gebe ich dem Kollegen per Handzeichen zu verstehen, dass ich mal einen Busch aufsuchen muss. Natürlich diskret, muss ja kein Schüler wissen. Kaum aus dem Unterholz gekrochen, warten einige Schüler in nächster Nähe und rudern wild mit den Armen: Frau P! Jetzt aber schnell, sonst verlieren Sie den Anschluss!!!
Was soll ich sagen, es gibt eine fünf Minuten Pause, reicht um sich schnell den Schweiß abzuwischen und sich eine Banane einzuverleiben, die Lebensversicherung gegen die völlige Unterzuckerung. Wir brechen jegliche Rekorde, nach drei Stunden und 14 Kilometern, erreichen wir die Pizzeria. 20 Minuten reichen, um sich mit den ungesunden Kalorien zu stärken und immer noch in der Energiebilanz im Minus zu sein, dann gilt es noch die letzte Hürde zu überwinden: den Berg zur Schule.
Jetzt brauch ich erstmal eine Pause. Ich suche Trost bei Frau Jagehfei. Die gibt sich jovial: Ich war schon fast neidisch auf dein Natur-Tag-Erlebnis. Fehlen nur noch die verschmitzten Doppelzwinker-Smileys hinter dieser Aussage. Jetzt muss ich aber wieder weitermachen mit Unterrichten bzw. mit Film schauen, schließlich muss man sich den Nachmittagsunterricht nach einem Gewaltmarsch nicht noch schwieriger gestalten . Als ich die Zimmertüre zu meinem Klassenzimmer aufschließe, wabbert mir ein olfaktorisches Tschernobyl entgegen: die komplette Klasse hat sich brav ihres Schuhwerks entledigt und chillt brav auf dem Ecksofa einem sinnentleerten Film. Ok, Luft anhalten und die nächsten eineinhalb Stunden durch den Mund atmen. Hauptsache sie sind friedlich und ich kann mich von der Strapatze erholen. Und beim nächsten Wandertag, da sch… ich auf‘ s Kultusminesterium und ich geh mit der Frau Jagehfei in eine coole Vernissage mit anschließenden Shoppingmöglichkeiten. Ich schwör!!