Wutwandern

Mit meinem niegelnagel neuen 1er BMW gleite ich die A 73 in Richtung Heimat und höre Bayern 1. Ich würde ja gerne was anderes hören als die ollen Kamellen wie eternal flame, seasons in the sun und wo sich die Fußnägel bis zu den Fingerknöcheln hochrollen: tausendmal berührt… und es hat Zoom gemacht. Bin aber leider zu blöd, die Elektronik meines neureichen Schlittens zu bedienen, deshalb dudeln die besten Hits aus den 80ern. Zwischendrin wird gerade eine Frau aus Niederbayern interviewt. Sie hat eine Marktlücke entdeckt. Leute fahren meilenweit zu ihr um „Wut zu wandern“. Man läuft, so schnarrt eine Stimme mit fiesem bayerischen Dialekt aus dem Radio, 20 Minuten in den Wald, zerdeppert ein paar Ziegel und schwupps ist man auf dem Weg zur selbstbestimmten Frau. Denn, so gurrt die wohl frischgebackene niederbayerische Millionärin weiter, gerade Mädchen unterdrücken ihre Wut, sind oftmals sehr angepasst und wollen gefallen. Ist mir schon irgendwie klar: Nett, ist die kleine Schwester von Scheiße. Ich bin baff! Jahrelang gehen meine Bushäuschenfreundinnen und ich in Therapie, damit wir nicht an all den ungesagten Worten ersticken, wir uns wieder selber lieben lernen, nicht mehr bedürftig sind, unseren Mütter endlich verzeihen können, weil sie nicht stets einen liebevollen Blick in unseren Kinderwagen geworfen haben und und und.
Und jetzt erfahre ich, dass ein paar zerdepperte Ziegel zum selbstbestimmten Leben führen. Die Hasi hat auch schon voll die „zerdepperte Ziegel“ Art drauf. Erst letzte Woche kam ihr Busenfreund Beppi heulend beim gemeinsamen Spielen ins Wohnzimmer zu uns Erwachsenen gelaufen. Beide kennen sich schon seit der pränatalen Phase, da seine Mutter und ich im Geburtsvorbereitungskurs nebeneinander hechelten. Die Clara hat mich die ganze Zeit damit gehauen und hält das Beweisstück, eine Reitgerte, in der Hand. Diese seufzt müde: Tu den Schürhaken weg! Die Hasi hüpft fröhlich dem Beppi hinterher und korrigiert: Es heißt nicht gehauen, es heißt gepeitscht! Eine noch müdere Stimme entgegenet: Dann müsst ihr halt ein safe Wort ausmachen…

Meine Mutter beherrscht das Zerdeppern der Ziegel auch aus dem FF. Sie kann das Leben annehmen wie es ist, meist ohne Sentimentalitäten. Beim gemeinsamen Mittagessen heute, selbstverständlich ein weight watcher Gericht, verzieht sie keine Miene als sie eine Spaghetti in ihren Mund verschwinden lässt: Morgen, geh ich mal wieder zu den weight watchers um meine Goldmitgliedschaft verlängern zu lassen und um mir die Dicken dort anzuschauen. Aber vorher muss sie noch Rasen mähen, unliebsame Topfpflanzen zurechtstutzen und räumen. Räumen räumt sie wohl innerlich auf, auch eine Art Ziegel zu zerdeppern!

Und ich? Ich wiege gerade mehr als meine Mutter und quäle mich bei meinem Fitnessguru bei einem neuen Trainingsprogramm. Er fragt nach meinem Essverhalten. Heute früh einen Quark mit einer Banane, mittags Vollkornspaghetti mit Lachs und Spinat und abends Salat mit Birne und Ziegenkäse, so rattere ich brav hinunter. Die Birne lässte weg, erhöht nur deinen Insulinspiegel. Was? Ich vergesse fast das Schnaufen als ich auf dem Rücken das Klappmesser ausbalanciere und meinen Bauch dabei einziehe. Dachte, ich hab hier den optimalen Ernährungsplan runtergelogen und nun ist auch noch die Birne schlecht. Die Pizza mit allem drauf, wie beispielsweise fettige Salami, die es morgen nach dem Wandertag gibt, verschweige ich wohlweislich. Abends sinniere ich mit Freundin Lore beim zweiten insulinfreundlichem Glas Frankenwein: Es ist Herbst, da sollst du loslassen, was du nicht haben willst und ernten, was du willst!


Welch weise Schlussworte, die geb ich gleich mal meinem Inscheniör weiter. Der hat nämlich gerade schreckliche Alpträume, dass ihm sein GLK gestohlen wurde und er Geld für zwei Autos berappen muss…

 

Ein Gedanke zu “Wutwandern

  1. Avatar von Heinz Fischer Heinz Fischer

    da soll er halt Voll Kasko versichern dann zahlt die Versicherung sollte sein Benz gestohlen warden.Dann kann er wieder ruhig neben dir schnarchen.

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