Komme gerade von meiner ureigenen Bürgerpflicht, nämlich vom Wählen. Die Hasi hab ich mitgenommen, man kann mit der Schulung des Demokratieverständnisses nicht früh genug anfangen. Der Inscheniör ist zudem Wahlvorsteher unseres Stimmkreises. Seit früh um sieben ist er schon unterwegs um mit Argusaugen für eine ordentliche Durchführung der Stimmabgabe zu sorgen. Argh, was ist denn da los? Ich zerre an dem Bleistift in der Kabine. Hat der Inscheniör die Stifte mal wieder so kurz angebunden, dass ich mein Kreuzchen gar ned bei den Grünen machen kann?? Clara beobachtet aufmerksam mein Ringen mit dem Bleistift: Was für eine Stimme hast du jetzt angekreuzt? Die drei Damen an der Urne quittieren die Anmerkung mit Lachen und die Lehrerin erklärt eben mal die Wahlgrundsätze von geheim und frei uns so weiter. Wenn nur die Stifte nicht so kurz angebunden wären…überlege ich beim Hinausgehen.
Zuhause ruht sich der Inscheniör auf dem Sofa aus, bevor es um 18 Uhr mit der Auszählung weitergeht. Auf den Rücken liegend hat er sich die Decke bis zum Kinn gezogen, die Arme parallel zum Körper gebettet. Was los?, frage ich. Bist kurz vor der letzten Ölung? Der Hals kratzt wieder mehr, so ertönt es leidend unter der Wolldecke hervor. Wer feiern kann, der muss hinterher auch ned jammern, kommentiere ich unsensibel.
Freitag haben nämlich der Beichtkamerad und seine Frau eingeladen. Eigentlich wollte der Inscheniör nur ein- zwei Stündchen bleiben, deshalb darf die Hasi auch mit. Du kannst ja länger bleiben, bietet er mir unter Räuspern an. Na, dann! Auf der Feier treffen wir fast nur altbekannte Gesichter: die Jugendfreunde vom Inscheniör, nun auch schon reife Jungs um die 50. Letztes Jahr gab es einige runde Geburtstage. Und irgendwann war ich da fast ein bisschen müde von der x-ten Dalliklick Foto Vorstellung mit nackten Oberkörperbildern auf Mofa oder beim Saufgelage – alles im rotstichigen Kolorit der 80er.
Neben den altgedienten Freunden, sind noch zwei weitere Paare eingeladen, unter anderem eines aus Australien: Angie und Mick. Die sind richtige Feierbiester und Prosecco und Wein fließen in Strömen. Der Inscheniör mischt sich unter das englischsprechende Volk und redet munter drauf los. Er hat da wenig Hemmungen, to-do-Umschreibungen findet er beispielsweise überbewertet. Mich hat er diesbezüglich eh ausgeknockt, indem er sofort erzählt: Meine Frau ist übrigens Englischlehrerin! Ich habe lediglich einen zweiwöchigen Fortbildungskurs der oberfränkischen Bildungsoffensive in Bäd Alexandersbad mit Lore absolviert. Dorten habe ich mehr oder wenig gelernt wie man englische Freiarbeitsmaterialien aus Salzteig backen kann. Mit meinem Englisch ist es nicht so weit her, deshalb meide ich die australische Partyfraktion. Derweil gebe ich mich mit den anderen Frauen der Jugendfreunde dem Abendessen hin: köstliche Antipasta und der berühmte Eier-Auberginen-Auflauf des Beichtkamerads. Während ich das köstliche Souffle in mich hineinschaufle , werden Erinnerungen wach nach Italien- Toskana- Vada. Eines der Highlights war immer die Zubereitung von diesem Gericht, eine Zeremonie, bei der der Beichtkamerad im gutgeschnittenen Badehöschen den ganzen Tag die Auberginen in Olivenöl rausgebrutzelt hat.
Ach ja, Essen ist halt doch der Sex des Alters. Während ich mich mit meiner Tischnachbarin über das bayerische Schulsystem austausche, läuft die Party mit den anderen zwei Pärchen zu Höchstformen auf. Leider ist es inzwischen 23 Uhr und ich muss mit der Hasi mal langsam los. Dem Inscheniör ist scheinbar eine Spontanheilung widerfahren, deshalb muss ich meine Tochter ins Bett bringen.
Die Buschtrommeln erzählen mir am nächsten Tag, dass ich die entscheidende Szene des gestrigen Abends verpasst habe. Irgendwann zur fortgeschrittenen Stunde muss Angie aus Australia das zarte Oleanderbäumchen, welches der Beichtkamerad liebevoll von Vada 900 km über den Brenner ins Fränkische transportiert hat, sich zwischen die Schenkel geklemmt haben und damit wie Bibi Blocksberg auf ihrem Besen geritten sein. Warum erzählst Du mir das nicht?, frage ich vorhin leicht beleidigt den Inscheniör. Er rechtfertigt sich: Musst ich psychologisch betrachtet, verdrängen. Außerdem muss er jetzt wieder los. Es ist fast 18 Uhr. Der Countdown läuft. Ich lese ihm schnell diese noch nicht zu Ende gebrachte Geschichte meines Blogs vor, nicht dass der Inscheniör zu schlecht wegkommt. Was?, entrüstet er sich. Deine Stimme ist ungültig. Du darfst die Clara nicht mit in die Kabine nehmen, sie kann ja lesen. Das ist verboten. Da muss ich sofort den kompletten Stimmbezirk 10 zusammenstauchen! Clara hat vorhin übrigens gesagt, dass sie Grün wählt, erzählt mein Mann noch beim Hinausgehen. Da hab ich ihr aber gleich gesagt, dass die Grünen alle Drachen abschaffen würden, weil diese Feuer speien! Das ist ökologisch betrachtet eine Katastrophe. Clara liebt zur Zeit den Drachen „Ohnezahn“ aus dem Film „Drachenzähmen leicht gemacht“.
So und jetzt zum Schluss noch ein Blick auf die erste Hochrechnung: unsere Angie fliegt nicht mit dem Besen fort, weder nach Australien noch sonst wohin. Die Muddi bleibt uns in der vierten n Legislaturperiode erhalten. Die Grünen sind im Bundestag auch weiterhin dabei, obwohl die Stifte im manchen Wahlkreisen recht kurz angebunden waren. Und was Angie aus Australia und dem Oleanderbäumchen geworden sind, weiß ich gerade nicht. Aber irgendwie muss ich ja auch nicht alles wissen.