Eine Rose hat auch Dornen

oder vielmehr Stacheln. Das habe ich zumindest mal in Biologie gelernt. Der Unterschied? Dornen wachsen am Spross und Stacheln von innen aus dem Spross. Aber heute ist der erste Ferientag und die Hasi und ich sind zu Oma Karin gefahren. Von Schule wollen wir beide die nächsten sechs Wochen nix wissen. Oma Karin hat ihr neues Auto bekommen, einen kleinen blauen Flitzer. Das Grüngut passt auch in den Kofferraum, sozusagen alles im grünen Bereich! Jetzt muss nur noch der nette, nicht unvermögende, handwerklich geschickte Witwer mit noch vollem Haupthaar auf dem Rasenmäher angefahren kommen …

Den Inscheniör haben wir zu Hause gelassen. Der muss noch vier Tage Zoomania über sich ergehen lassen, bevor es in den Urlaub zum Erbfeind in die Bretagne geht. Heute ist er beim Orthopäden: Rücken halt! Ich bin besorgt, der Inscheniör gibt sich kämpferisch: Dann haben Sie mich ins MRT gefahren, um einen Bandscheibenvorfall auszuschließen … ich sehe mich bereits mit Notfallköfferchen, bestehend aus gut temperierten südafrikanischen Weinen und einen 50 € Grappa, zu Besuch in eine Rehaklinik in das Grenzland fahren. Leidend wird er wie alle Genesenden an Krücken sein Hab und Gut in einer Stofftragetasche um den Hals tragen 😱 …und der Orthopäde war anschließend so begeistert von meiner Bandscheibe, so ne schöne hätte er noch nie gesehen in meinem Alter… Ich schnaufe erleichtert auf! Der Inscheniör schnurrt am Telefon wie ein Kätzchen als er fortfährt: … Meine Muskeln sind daran Schuld, dass mir die Wirbel rausrutschen. Ich habe so eine kräftige Rückenmuskulatur, dass sie bei Anstrengung den Wirbel rausdrücken. Oha, wo habe ich die ganze Zeit meine Augen gehabt? Ich habe Herkules geheiratet!

Jetzt muss ich aber erst mal zu Herrn B., meine Neuröschen loswerden. Ich habe ihm auch was mitgebracht: eine CD von Opa Adolf und ein ausgedrucktes Exemplar meines  Blogs  von den Dornenvögeln. Ich lese ihm Pater Ralf de Briccasart war schlimmer vor und Herr B. springt gleich darauf ein: Und da liegen Maggie und der Pater zusammen im Bett und er sagt zu ihr, dass sie seine Rose sei. Maggie erwidert darauf, dass eine Rose auch Dornen hätte. Also Herr B. muss die Dornenvögel neben den zahlreichen Fernsehwiederholungen wohl auch in seinem DVD Regal als Goldedition haben. Der kann es ja auswendig zitieren. Psychologisch betrachtet ist Herr B. kein uninteressanter Fall, so überlege ich im Geheimen. Aber mit den Dornen hat er absolut recht: weg mit den Neu-Röschen hin zu der Rose mit Dornen oder biologisch korrekt mit Stacheln.

Der Weg zu meiner inneren Rose führt bei mir gerne über den äußeren Anschein. Ich parke an alter Wirkungsstätte ab. In der Ferienzeit ist die Schranke offen. Ich schlendere über den Hof.

Wenn man Neuröschen hat, interpretiert man vieles falsch. Das ist symptomatisch dafür. Für was steht wohl der Apfel? Rot und prall wie bei Schneewittchen symbolisiert er Lebenslust und Begierde?


Oder angeknabbert? Zehrt der Zahn der Zeit an ihm? Die Zähne, die immer zu unseren Wunden passen?


Letztendlich platt gemacht? Ach, was denke ich. Schüler haben sich einen Spaß gemacht und sich gegenseitig mit Äpfeln abgeschossen. Die Schneebälle waren aus und Chips munden allemal besser als gesunde Äpfel.

Zu meiner Rechten steht das alte rote Steingemäuer. Die Tür steht offen. Auch wenn ich da jetzt nicht hineingehe, rieche ich seinen Geruch von Linoleum, vergessenen Jacken und Turnbeuteln und alten Steintreppen. Im Keller wird gewerkelt, im Erdgeschoss gekocht, im ersten Stock im PCB Raum hängen alte Socken zum Lüften und im zweiten warten kleine Stecknadeln im Handarbeitsraum auf ihren Auftritt. Und auf dem Dachboden hocken wahrscheinlich  böse alte Gespenster. Da hätte der gute Freud eine harte Nuss zu knacken. Schnell weg hier, bevor sie mich noch verfolgen.

Ich bin ja eh nur auf dem Weg meine äußere Rose zu verschönern und die Stadt ruft mit Sommer Sale Artikeln in Form von allerlei Geschmeide. Wer noch nicht genug vom Interpretieren hat, der kann sich gerne das preisgekrönte Video von REM reinziehen. Da tropft die Symbolik aus jeder Szene. Aber bitte nicht dabei aus der Haut fahren, was losing my Religion eigentlich übersetzt heißt. Ich bleibe zumindest ganz bei mir und denke an den letzten Satz von Herrn B. nach: Maggie war durch ihre Liebe viel näher bei Gott als es der Pater je gewesen ist. Und nicht zu vergessen: Sie war eine Rose mit Dornen.

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