Weißes Papier

Weißes Papier war 1993 das hoch gelobte Album von Element of Crime: Musik und Text im Einklang von Depression und Sarkasmus, und ist neben Delmenhorst das erfolgreichste.

Ich bin gerade dabei mir meinen Lippenstift aufzulegen und schaue kritisch mein Konterfei im Badspiegel an: „Heute erhört er mich und geht mit mir ein Erdbeereis essen!“ „Wer?, fragt der Inscheniör aus der Dusche heraus. „Na, Sven!“ „Hast du mit dem überhaupt schon mal geredet?“ „Natürlich: 1988, als ich ihn bekocht habe. Es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch!“, erwidere ich etwas spitzfindig.

Wir sind auf dem Weg nach Erlangen ins E-Werk. Dort war ich schon öfter auf Element of Crime Konzerten, ganz früher in den 90ern noch mit Schnuffi in der Besetzung. Das Publikum ist in meinem Alter, ab Mitte Vierzig aufwärts: altgewordene Grünwähler mit Brille und lichtem Haarkranz, ein paar Freaks und Frauen wie mich, gutsituiert mit Hüftgold, aber perfekt sitzender Frisur. Ich schaffe es mit meinen 1,58 cm mich in die zweite Reihe zu drängen, mehr geht nicht, leider. Sven und seine Band sind noch etwas älter als ich, Drummer und Bassist mit schlohweißem langen Spinnwebehaaren. Aber das ist mir egal, es kommt auf das gesungene Wort an und da packen sie mich seit über einem Vierteljahrhundert. Ich kann jeden Text auswendig – und singe mit geschlossenen Augen! Die Lieder der letzten Jahrzehnten kann ich mit meinen Gefühlen kanalisieren. Ich kann warten – meinethalben auf schwerer See , damals hinterm Mond oder in Delmenhorst. Manchmal war  eine dunkle Wolke über mir und ich hätte gerne, wenn ich mich getraut hätte, mir von der Seele geschrieen: Rette mich vor mir selber! Aber ich sitze ja gerne aus – niemals mehr so dumm sein wie weißes Papier!

Als Sven “ a Girl like you is hard to find“, eines der Frühwerke aus den 80ern, spielt, hebe ich schüchtern die Hand. Juhu, ich stehe hier in der zweiten Reihe! Magst du mit mir endlich ein Erdbeereis essen? Doch leider ist die Musik zu laut und ich zu klein. Mein Begehr verhallt ungehört. Nach drei Zugaben ist das Konzert irgendwann aus. Doch was sehe ich beim Hinausgehen? Sven liest im November in Nürnberg aus seinem Buch Wiener Straße und da bin ich ganz bei ihm, wenn es um die 80er Jahre in Berlin geht mit Hausbesetzern und Punk. Und ich schwöre, da stehe ich ganz vorne in der ersten Reihe bei der Buchsignierung und sage ganz forsch: “ Ey, ich bin Franka Kranz, gehst du mit mir ein Erdbeereis essen? Weil ich hab schon mal für dich gekocht! Erinnerst du dich? Es gab Fleisch mit Reis – Reisfleisch…“

Und bis dahin lass ich es mir gutgehen und weil es so schön melancholisch ist, gibt es noch zum Schluss Rette mich! Wohlgemerkt ist der Hafen von Hamburg keine Sackgasse, sondern man kann nach New York schippern, direkt zur Freiheitsstatue.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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