Zwischen Zoomania und Dschungelbuch

Heute ist nix mit Gemütlichkeit, denn heute ist bei Siemens Familientag angesagt. Das sind die Momente, in denen ich meinen Inscheniör endlich zu verstehen gelernt habe. Wo verdammt noch mal sind denn bloß meine schwarzen Café Noir Sandalen mit den Straßsteinen? Hektisch suche ich das ganze Haus ab, bis ich sie in der hintersten Ecke des Arbeitszimmers finde. Von unten höre ich den Inscheniör fluchen: Eine einzige Katastrophe… Meint der etwa mich damit? Zügig schließe ich die Riemen meiner Sandaletten, werfe einen letzten Blick in den Spiegel, ob alles sitzt und eile die Treppen hinunter. Der Inscheniör lässt das Gaspedal aufheulen und die Hasi sitzt schon brav in ihrer Sitzerhöhung. Ist ja gut, bin ja da!! Sekunden später sieht die heimische Hofausfahrt nur noch die Rücklichter des Benz. 

16 Minuten später stehen wir vor der Abbiegung an der Ampel, wo es zu den Siemens Parkhäusern geht. Und ich schwöre bei Gott, dass in diesen letzten 16 Minuten jedem Golffahrer zwischen Eckental und Erlangen das Fürchten gelehrt wurde. Zufrieden schaut der Inscheniör auf seine Uhr: 16 Minuten, 14 Minuten ist mein Rekord! Das Südgelände ist eine eigene Stadt in der Stadt. Pappeln und Föhren säumen die preußisch angelegten Wege, an den vierstöckigen quadratisch praktisch guten Bürogebäuden, fehlt nur noch die Platte vor den Fassaden. Und damit der gemeine Siemensianer alles richtig macht, gibt es Vorschriften und Regeln, die erste bereits an der Parkhausauffahrt: Parken Sie nicht mit dem Heck an der Mauer, die zweite beim Klogang: Zu ihrer eigenen Sicherheit benutzen Sie den Handlauf bei der Treppe. 

Wir stürzen uns in das bunte Siemensianer Treiben. Sofort kann man die verschiedenen Siemens- Indianer ausfindig machen: den Leittechnik- Inscheniör mit Nickelbrille, fernem Blick, kurzen Hosen an haarigen Waden und Wandersandalen aus Jesus Zeiten; die ökologisch angehauchten Frauen aus Erlangen Mitte, die gerne mit Fahrrad und Fahrradanhänger die Straßen blockieren und natürlich die wirklich hippen Inscheniöre wie mein Inscheniör und sein ebenso hipper Kollege und Freund A. An A. und B. kommt keiner vorbei,  denn während sie lässig ihren Cappuccino im Adlerhorst schlürfen beobachten sie mit geschärften Blick das Siemens Imperium. Kollege A. im lockeren Hemd und launigem Ton hat ebenfalls seine Familie mitgebracht. Na, so begrüßt er mich, du bekommst einen neuen BMW? Ich dachte wirkliche Siemens Inscheniöre tun täglich die Welt retten und 148 Mails checken? Ich werde gerade eines Besseren belehrt: ein bisschen an Arbeitszeit wird für das Googeln von Trends draufgehen… beide Jungs tragen gerne die identischen Chino- Höschen und Poloshirts… 

Am Familientag ist alles umsonst. Wie ein Strom ziehen die Massen in die Kantine zu Currywurscht, Kaiserschmarren, Pommes und Pizza. Auch wir sind dabei und eine Arbeitskollegin vom Inscheniör, die gleichzeitig meine Weggefährtin seit fast acht Jahren ist, seitdem wir beim Geburtsvorbereitungskurs unserer beiden Kindern den Sitz- und Liegeplatz nebeneinander hatten. Wie in Zoomania wimmeln die verschiedenen Typianer durcheinander, Geschirrgeklapper mischt sich unter das allgemeine Geplapper, Hinweisschilder der jeweiligen Speisen koordinieren die Massen und schlussendlich werden die Essenreste auf den Tabletts auf Förderbändern entsorgt. Unsere Kinder verlieren sich in diesem Gewimmel und ich bin fast froh, dass ich mich im Alltag nur mit den kleinen Sargnägeln aus der 5. rumschlagen muss.

Schnell raus hier! Im Bau 82 befindet sich das Büro vom Inscheniör – ein Großraumbüro- unterteilt in einzelne Parzellen. Namensschilder, Strichlisten für Kaffee und Exceltabellen zieren den Raum. Dazwischen darf der Inscheniör täglich die Welt retten, indem er sämtliche Gaskraftwerke zwischen Aserbaidschan und Zypern am Laufen hält. Ich werde künftig etwas mehr Demut walten lassen, immer das Licht ausmachen und meinen Schukauf auf die Jahreszeiten Sommer und Winter beschränken und die zwischensaisonale Ware links liegen lassen!!

Bei Bier, Eis, Kuchen und launiger Musik lassen wir den Familientag ausklingen. Unsere Kinder haben sich den Siemensvorschriften entzogen. Sie haben ein Wasserbecken auf dem Gelände ausfindig gemacht und plantschen munter darin rum. Kurze Zeit später sind sie alle durchnässt und wir müssen schnell nach Hause gehen. Die Band spielt den alten Gassenhauer Probier’s mal mit Gemütlichkeit, während wir gemeinsam Zoomania verlassen. 


 

Hinterlasse einen Kommentar