Wenn einer sagt, dass morgens früh um 5.38 Uhr die Welt noch in Ordnung ist, der lügt. Höchstens er lebt als Eremit in einer abgelegenen Höhle oder hat seine ganze Bagage bereits auf die umliegenden Tauschparkplätze der Region verteilt. Mama! Ich befinde mich mit dem Kater Costa an meiner Seite im seligen Schlaf. Mama!! Die Tonlage wird schon etwas schärfer und ich stelle mich mausetot. Mama!!! Darf ich fernsehen? Der Ton scheint direkt über mein noch müdes Haupt zu schweben und trifft anschließend auf den Nerv meines Innenohrs. Dem Kater geht es genauso, er macht erst einen ordentlichen Katzenbuckel bevor er sich ausgiebig dehnt. Dabei streckt er mir genüsslich sein Hinterteil mit erhobenem Schwanz entgegen. Was für Aussichten morgens um 5.38 Uhr. Mama!!!! Darf ich Garfield gucken? Clara es ist früh um halbsechs, entgegne ich entrüstet. Mama, darf ich Handy? bohrt sie weiter. Nein!! Mama, mir ist aber langweilig. Was kann ich machen? , nölt sie weiter. Dann guck Löcher in die Luft oder träum vom Mathis, empfehle ich ihr schon etwas unwirsch. MAMA!!!!! Wenn du noch einmal Mama sagst, dann hast du heute Fernsehverbot!, entgegne ich gereizt. Kathrin, darf ich … ich gebe mich geschlagen und stehe mit meiner Tochter auf.
Beim Frühstück lasse ich den gestrigen Abend Revue passieren. Ich war auf der Entlassfeier an der Schule, in der ich zwei Jahre gearbeitet habe nach der Babypause. Es war meine erste 5. Klasse und jetzt haben sie ihre Abschlussprüfungen gemacht. Wie schnell doch die Zeit verflogen ist. Vor vier Jahren haben wir mal im kreativen Schreiben eigene Märchen geschrieben. Auch ich hatte dazu eines verfasst, nämlich die 18 tapferen Wackerele. Wenn man Kinder, die damals zwölf waren, nach drei Jahren wiedersieht, ist die Veränderung groß. Ich erkenne sie kaum wieder: das Wackerle Kev ist zu einem großen schicken Mann im Anzug herangereift. Das vorwitzige Wackerle hat sich zum einem Organisationstalent entwickelt und penibel den Hausaufgabenchat geführt. Das Schafott- Wackerle ist seinem Typ treu geblieben und trägt heute – voll coole Socke- Dreadlocks. Das Blumenwackerle hat den zweitbesten Abschluss gemacht und ich werde sie künftig bei meinem Zahnarzt treffen…Zu diesem Zeitpunkt ist mein Beruf der schönste der Welt: zu sehen, dass sie zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten herangereift sind. Auch ich werde in ihrer Abschlussrede erwähnt: Mit Frau P. in der 5. Klasse fing hier alles an. Für Sie auch, denn es war auch ihr erstes Jahr hier in New Church. Frau P. war eine lustige, flippige und moderne, aber auch strenge Lehrerin. Mit ihr fiel uns der Einstieg die ersten Jahre richtig leicht. Ich bin sowas von gerührt und muss mir ein paar Tränchen verkneifen, als ich auf der Bühne eine Sonnenblume im Topf überreicht bekomme.
Ich sinniere am Frühstückstisch über meinem Magerquark: STRENG! Das hat nun noch niemand über mich gesagt. Muss ich gleich bei der Clara ausprobieren. Ich hebe die Augenbrauen und setze zum Monolog an: Hasi, wenn du vor der Schule schon Fernsehen schaust, dann hast du schon so viele Inputs, dass du dich nicht mehr konzentrieren kannst!Die Hasi rollt entnervt die Augen und erwidert: Sagt wer?? Das sag ich dir als Schulpsychologin!! Welche saublöde belehrende pseudopädagogische Antwort habe ich da gerade meiner Tochter gegeben. Verschämt schiebe ich ihr den neuen Miniboden Katalog über den Tisch. Zufrieden schnappt sich die Hasi diesen und zieht ins Wohnzimmer auf die Couch ab, wo sie dreiviertel der abgebildeten Klamotten, Schuhe und Accessoires mit Filzstift umkreist.
Rückblickend war das gestern ein schöner Abend, mal wieder mit den ehemaligen Kollegen, Eltern und Schülern zu plaudern. Und welche nette Anerkennung ich doch erfahren habe, das muss für die nächsten Schuljahre reichen. Beim Hinausgehen bleibe ich bei einer Schülermama hängen. Ich lobe ihre Tochter, die doch die tolle Abschlussrede gehalten hat. Die Mutter winkt ab: Früh um 4.00 Uhr habe ICH die Rede geschrieben! Aha! Erst bin ich etwas konsterniert und dann dankbar, dass ich nicht wie der Klassenlehrer, der die Wackerle fast alle zu einem erfolgreichen Abschluss geführt hat, als ein alter zäher Hase in der Rede bezeichnet wurde.