Von Schnuffis und Dickbären

Gestern war ich mal wieder zu Besuch in meiner Heimatstadt. Der Papa meines Patenkindes hat Geburtstag gefeiert. Früher waren wir fast sowas wie eine Familie und lebten zusammen in einer WG  bis mein Patenkind auf die Welt kam. Das war 1996 und ist schon lange her. Wir, das waren mein Exmann, der Schnuffi und der Papa meines Patenkindes, der Dickbär. Ich weiß nicht mehr wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist, denn er ist niemals dick gewesen , sondern von sportlicher Volleyball Statur. Der Dickbär hat aber immer gerne für uns gekocht. Legendär waren seine Mitternachtssüppchen mit allerhand fleischigen Einlagen. Da habe ich meine Wespentaille verloren, stattdessen haben sich Magen und Tannenbaum breit gemacht. Summa summarum waren die WG Zeiten die unbeschwertesten Zeiten in meinem Leben: ein bisschen Studium, ordentliche Feiern bis früh und viel Gitarrenmusik im Wintergarten. Easy like sunday morning, wie der Dickbär gerne auf seiner Gitarre zum besten gab.

Wie der Schnuffi zu seinem Namen kam, weiß ich noch genau. Anfang der 90er hab ich ihn das erste Mal bei meiner Freundin Susi getroffen. Sie hat mit ihm studiert. Schnuffi kam aus dem Münsterland, wo man die Fenster los- statt aufmacht, es viele glückliche Schweine auf der Wiese an roten Backsteinhäusern gibt und die Verkehrsnachrichten auf WDR 2 länger als die normalen Nachrichten dauern. Er zog seinen Mund in leichte Kräuselwellen, als ich ihn fragte, wie zum Teufel er von so weit nach Coburg gekommen sei. Schnuffis Augen hinter der Nickelbrille strahlten einen wehmütigen Ausdruck aus als er mit etwas fiepender Stimme folgendes antwortete: Ich wusste erst gar nicht, wo Coburg liegt. Und als ich es wusste, ist mir erstmal schlecht geworden. So war sein Spitzname geboren und ward nie mehr abgelegt.

Wie das Leben so geht, war unsere WG Familie von endlicher Dauer und auch meine erste Ehe. Ich habe jahrelang die Begegnung mit ihm und seiner neuen Frau und seinen Kindern gescheut. Eigentlich war ich damals froh, als es nach dem langen Aussitzen meinerseits aus war und wie meine Freundin Lore damals treffend bemerkte: Sei froh, dass du ihn angebracht hast. Kannst eigentlich der Neuen jede Woche einen Blumenstrauß dafür schicken. Fakt war aber auch, dass ich ihm erst erst an Dickbärs 50. Geburtstag begegnen konnte, als ich mit Clara schwanger war. 

Gestern hat der Dickbär mal wieder zu seinem Geburtstag eingeladen. Wir sehen uns jetzt meist nur noch an diesen Festen. Das macht aber gar nichts, wenn man sich mal vertraut war, spielen zeitliche Abstände zwischen den Treffen nicht unbedingt eine Rolle. Bass erstaunt bin ich als ich zur Begrüßung der anwesenden Volleyballtruppe nacheinander die Hand schüttle. Fast brave Frührentner sind aus der einstigen feierwütigen Combo geworden. Bei einem muss ich die Frau zu meiner rechten fragen: Du diesen älteren Herrn da kenn ich aber ned… Erstaunt antwortet sie mir: Das ist doch der G.! Herrje, der G. Der hat immer gerne ein bisschen dick  aufgetragen und sich über mich mokiert, dass er das nicht haben könnte, wenn seine Schnecke ihn Schnuffi nennen würde…Puh, wie die Zeit vergeht von Marlon Brando in der Meuterei auf der Bounty hin zu Apokalypse now… Irgendwann wird auch der Schnuffi auf’s Tablett gebracht. Ha, Ha!, geht es in meine Richtung, wir haben den Schnuffi erst letztens bei der Edeka gesehen mit Frau, Hund, seinen drei Kindern und einem nostalgischen Wohnwagen in Eiform. Die kamen grad aus dem Urlaub. Camping hättest du nie mitgemacht. Pah, leicht beleidigt schaue ich in den blassen Mond, der über der Veste schwebt. Hab ich doch mit meinem Inscheniör in Afrika auch im Dachzelt gecampt neben brüllenden, hungrigen Löwen…früher wollte ich immer möglichst nah bei der Veste wohnen, selbstredend links von den Bahnschienen. Wie eine sichere Burg war sie für mich, mein Sinnbild für Heimat. Sie stand aber auch für mein Heimweh und die Freude, wenn sie bei der Ausfahrt der A 73 bei Untersiemau zu meiner Rechten auftauchte. An diesem Abend genieße ich ohne Wehmut die Veste und den Mond, der sie anstrahlt. Morgen fahre ich wieder nach Hause zu meinem Inscheniör, der gerade seinen berüchtigten Berndi Schupfen ausbrütet und meiner Clara, die sich gerade überlegt, doch keine Babys zu bekommen, denn die könne man sich ja auch in einem Pflegeheim oder so kaufen. Und irgendwie weiß ich, dass meine Heimat da ist, wo mein Herz ist.
https://www.youtube.com/watch?v=4zslicRJCA0

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