…faucht die Clara und verteilt auf meinen dicken Popo Klapse, falls ich es doch tue. Das Schöne an Kindern ist, dass sie uns immer die Wahrheit sagen und ihre Empfindungen mitteilen. Sie fressen den Ärger nicht in sich hinein, bekommen kein Magengeschwür oder Rücken und brauchen auch keinen Psychotherapeuten. Noch nicht, denn leider verliert sich diese wunderbare Gabe mit zunehmendem Alter.
Deshalb gibt es seit neustem Radical Honesty Workshops, in denen man den anderen die Wahrheit sagt. Das lese ich heute morgen in der FAZ. Ist natürlich aus den USA zu uns herüber geschwappt. Da gibt es Wochenend- und 9 Tage Kurse. In letzterem müssen sich die Teilnehmer nackt ausziehen und darüber reden, wie ihnen ihr Körper gefällt. Bei dem Thema Körper bin ich schon über den Zenit, nachdem mir mein wahrheitsliebendes Kind neulich verkündet hat: Du Mama, deine Brüste sind voll alt, sterben die bald?
Bei den zweitägigen Seminaren muss man dann dem Gegenüber seine ehrlichen Gefühle für ihn mitteilen, dadurch entsteht Nähe. Oft tut man ja so, als ob man sich für den anderen interessiert. Dabei hat man innerlich schon abgeschaltet und checkt im Geiste seine Einkaufsliste durch. Geht mir oft so, gebe ich gerne an dieser Stelle zu. Auch geht es mir oft so, dass ich mich über etwas ärgere und ich mich nicht traue, es sofort zu sagen. Erst letztens über einen Nachobengedienten! Dem hätte ich am liebsten gesagt (als er seine Spaghetti bestellt hat und ich schon vorher wusste, dass er sie mit dem Messer schneidet und nicht mit der Gabel wickelt), was er für ein ängstlicher Mensch ist, der alles kontrollieren muss wie die Stasi in der ehemaligen DDR. Als Triebreduktion hab ich dann meinen Mini an den Pfosten im Parkhaus gesetzt. Hätte, hätte Fahrradkette, höre ich im Geiste meine Freundin Lore sagen.
Ist es nicht lächerlich, dass wir uns alle die ganze Zeit etwas vormachen? Wir machen uns deshalb was vor, weil wir unbewusst davor Angst haben zuviel von dem zu empfinden, was wir nicht empfinden wollen. Das sind Gefühls- und Vermeidungsstrategien, denen wir uns nicht stellen und deshalb versinken wir immer mehr in der Welt unserer Interpretationen. Die Wahrheit tut bekanntlich oft weh und so erscheint das bereits viel zitierte Bushäuschen als sicherer und geschützter Ort. Hier kann man jedes gesagte Wort, jedes Symbol interpretieren: das in den Schnee getrampelte Herz für die Liebe, die Schürze für versteckte Sexualität und und und… Schaut euch doch mal eben diesen herrlichen Frankfurter Kranz an, die zeitlose Königin der Buttercremetorten! Kann man da nicht ehrlich ganze Bücher darüber schreiben und über seine Symbolhaftigkeit philosophieren?
Letztendlich ist es doch besser etwas auszusprechen als darin zu verharren wie in dem Bushäuschen. Und man darf auch nicht zwischen den Zeilen schreiben, sondern es direkt und ungeschönt sagen wie in einem Rap. Moses Pelham war für mich beim diesjährigen Tauschkonzert „Sing meinen Song“ der Überraschungssänger. Eigentlich schon längst von der Bildfläche verschwunden und nun wieder zum Leben erweckt, sitzt er da, den Hut und die navyfarbene Bomberjacke tief in das Gesicht gezogen und nuschelt im hessischen Dialekt seine Wahrheit heraus. Das ist zumindest besser als an den ganzen nichtgesagten Worten zu ersticken. Hört selber:
