An Sybille Sturm kommt keiner vorbei

https://www.youtube.com/watch?v=8IeLFOtAVBk

Grad eben bin ich an ihr vorbeigefahren – eiskalt- am Zebrastreifen. Da stand sie im orangefarbenen Tarnanzug, die Kelle in der Hand haltend! Sie hat mich nicht beachtet, denn ich gehöre nicht in ihre Siedlung, ich bin nur zufällig an ihr vorbei gekommen. Das Terrain von Frau Sturm ist die Nutzholzsiedlung, ein kleines Wohngebiet, in dem vorzugsweise die gehobene Mittelschicht in schmucken Einfamilienhäusern wohnt mit Blumenrabatten und Trampolinen an Netz im Vorgarten. Und Sybille Sturm ist das Oberhaupt dieser Siedlung, deren Straßennamen nach verschiedenen Nutzhölzern benannt wurden. Sie hat wache Augen, denen nichts zu entgehen scheinen. Der Blick ist selbstzufrieden als hätte sie eben einen besonders großen Fisch verspeist und signalisiert: Schaut her! Meine zwei Kinder, mein Haus, mein Mann und meine Kreditkarten…

Das Leben in der Nutzholzsiedlung ist nicht immer leicht, denn es ist ein Kokon, in dem es ungeschriebene Gesetze gibt, was man tun darf oder nicht, was hot oder not ist. Da Frau Sturm jeden kennt und  über eine geschickte Fragestellung verfügt, kriegt sie immer raus, welche Paare sich gerade scheiden lassen oder wie der Leistungsstand der jeweiligen Kinder ist. So zieht diese Frau die unsichtbaren Fäden und definiert die Gruppenzugehörigkeit eines jeden Bewohners. Sie reserviert beispielsweise nur für ihre Freundinnen und deren Kinder aus der musikalischen Früherziehung Zirkuskarten, andere Kinder, die nicht diesen Kurs besucht haben, müssen draußen bleiben. Beim Papa-Kind-Glutenfrei-Kochkurs dürfen nur die Väter ran, deren Kind im gleichen Kindergarten wie die Sturms Kinder waren. Ausnahmen bedürfen einer Sondergenehmigung.

Selbstredend sind die Sturms Kinder hoch intelligent. Sie gewinnen jeden Vorlesewettbewerb und spielen neben Blockflöte und Geige noch vierhändig Klavier. Da die hießige Grundschule leider nicht über allzu viele zusätzliche AGs verfügt, wird einmal die Woche Englischunterricht nach Helen Doron gebucht. Ich kenn die zwar nicht, sie muss sich jedoch meines Erachtens eine goldene Nase verdient haben aufgrund der Angst besorgter Mittelschichtseltern, dass ihr Nachwuchs das Abitur nicht schaffen könnte. Wahrscheinlich sitzt sie irgendwo auf Goa, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und raucht genüsslich eine Shisha. In der Nutzholzsiedlung liegt die Übertrittsquote bei 85 % auf das Gymnasium, da muss man schon im Grundschulalter alle Ressourcen des Kindes ausschöpfen. So gehört natürlich neben Englisch- und Instrument lernen der geeignete Sport dazu: Ballett, Tennis, Reiten, Leichtathletik – Kinder als Multifunktionstalente in einem 40 Stunden Woche Modus!

Auch ich muss Claras Talente fördern. Deshalb nahm ich letzte Woche einen Termin zur Elternsprechstunde wahr. Die Lehrerin hat einen scharfen Blick für ihre Schüler, sie hat meine Tochter ziemlich schnell durchschaut. Die Hasi nimmt auch an dem Gespräch teil, etwas gelangweilt schaut sie aus dem geöffneten Fenster und lauscht dem Leben vor den Schulpforten bis die Lehrerin resolut dieses schließt. „Also“, so muss ich mir anhören, „Erst war es der Henry, dann der Mathis und dann ihre Allergie. Da hat sie nicht mehr viel Platz im Kopf für ihre schulischen Angelegenheiten. Das lebt sie dann aus…Ich erwidere hoffnungsvoll gestimmt, dass sie dann in der Pubertät pflegeleicht sein müsse, wenn sie schon jetzt alles durchmacht. Claras Klassenlehrerin lässt dies unkommentiert, wirft mir aber einen Blick zu, der mein Gesagtes auch ohne Worte Lügen strafen lässt. Nun gut, übermorgen hat ihr Schulchor Auftritt. Die Hasi hat eine hübsche Singstimme, auch wenn sie seit einem Vierteljahr das Nachtregal besingt. Klingt doch fast so ähnlich wie die Nachtigall, die chinesisch ist, wie das Musical eigentlich heißt. Man sollte sich nicht an Peanuts festhalten. Die Chorkinder müssen weiße Oberteile für ihren Auftritt anziehen. Ich versuche meiner Tochter das schmackhaft zu machen: Wie wäre es, wenn du dein weißes Blüschen vom Dirndl am Mittwoch anziehst? Kannste voll vergessen, so ihr Kommentar, derweil sie ihre neuen heruntergeladenen Lieder auf Spotify checkt. Naja, ein schnödes H & M Shirt im verwaschenen Weiß wird es wohl auch tun.

Clara geht seit drei Jahren ins Ballett, jede Woche ziehe ich sie an den Haaren dorthin. Die rosafarbenen Tutus sind inzwischen ausgemustert und schwarzen schlichten Outfits gewichen. Heute bei der abendlichen Katzenwäsche, als sie gerade ihre in alle Richtungen wachsenden zweiten Zähne bürstet, fragt sie: Wie lang muss ich denn noch Ballett machen? Ballett ist so höflich und die Jungs aus meiner Klasse lachen mich deshalb aus…Ok, die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihr mal eine Primaballerina wird oder sie zumindest bei Schulaufführungen tanzt, verschwinden gerade im Nirgendwo.

Was bleibt? Mama, was ist eigentlich Hexualität? Ich muss nicht lange überlegen, schließlich bin ich sprachgewandt und erfolgreiche Bloggerin. Das ist, wenn man vögelt, so antworte ich ihr. Was ist mit einem  Vogel?, fragt meine aufgeweckte Tochter nach. Nackt kuscheln bedeutet das, so entgegne ich ihr. Jetzt ist aber mal gut, jetzt wird 10 Minuten gelesen, sonst wird das nie was mit dem Vorlesewettbewerb. Im Bett beim gemeinsamen Kuscheln fragt sie mich: Mama, was heißt eigentlich Teenager? Ha, meine Hasi, der aufgehende Fremdsprachenkomet in spe?! Sie braucht keine Helen Doron, sie ist Naturtalent und Naturkind zugleich. Außerdem hat sie genug Äcker und Ländereien. Sie kann auf Goa oder irgendwo anders, irgendwann ein selbstbestimmtes Leben führen und mit langhaarigen Surferboys im indischen Ozean auf Hammerwellen reiten, meinethalben auch mit der Helen! Ganz ehrlich, da ist unsere Frau Sturm mit ihren Vorzeigekindern aus der Nutzholzsiedlung doch nur ein laues Lüftchen im Wasserglas!

Hinterlasse einen Kommentar